23. April 2005 Zur Amtseinführung von Papst Benedikt XVI. reist am Wochenende eine große Delegation aus Deutschland mit Bundespräsident Horst Köhler an der Spitze nach Rom.
Neben dem Bundespräsidenten und seiner Gattin werden auch Bundestagsvizepräsident Norbert Lammert (CDU), Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) mit Frau Doris, Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) und die CDU-Vorsitzende Angela Merkel bereits am Samstag in einer Maschine nach Rom fliegen. Die Rückkehr ist für Sonntag abend geplant. Außenminister Fischer (Grüne), der am Montag im Visa-Untersuchungsausschuß des Bundestags aussagen soll, nimmt nicht an der Zeremonie am Sonntag in Rom teil.
Stoiber kommt mit großer bayerischer Delegation
Der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber reist wegen der Herkunft des Papstes aus Oberbayern mit einer mehr als 120 Köpfe zählenden bayerischen Delegation gesondert an. Für Heimatgefühle beim Papst könnten Trachtler und Gebirgsschützen sorgen, die in ihren farbenfrohen Uniformen mit der bayerischen Gruppe mitfliegen. Der neue Pontifex war noch in seiner Zeit als Kardinal Ratzinger zum Ehrenmitglied bei den Tegernseer Gebirgsschützen ernannt worden.
Ebenfalls im Bayern-Troß dabei sind Vertreter all jener Kommunen, zu denen Ratzinger während seiner Zeit im Freistaat besondere Beziehungen hatte. Dies sind neben seinem Geburtsort Marktl noch Regensburg und Pentling sowie München und Freising, dessen Erzbischof der neue Papst von 1977 bis 1982 war.
Auch Bendiktinermönche dabei
Die Delegation wird vervollständigt durch Ordensschwestern und Mönche der Benediktiner, nach deren Gründer sich Papst Benedikt XVI. benannt hat. Für die aus Bayern kommende Gruppe sei ein besonderer Platz in der Nähe des Papstaltares vorgesehen, teilte die Staatskanzlei weiter mit.
Es werden Staatsgäste aus aller Welt im Vatikan und rund eine halbe Million Pilger in Rom erwartet. Die Vereinigten Staaten werden unter anderen durch Vizepräsident Richard Cheney vertreten sein werden.
Benedikt XVI. bestätigt die neue Vatikan-Regierung
Am Donnerstag hatte Papst Benedikt XVI. die bisherigen Kurienchefs in ihren Ämtern bestätigt. Wie der Vatikan am Donnerstag mitteilte, wird Angelo Sodano bis auf weiteres wieder Kardinalstaatssekretär.
Außerdem bestätigte Benedikt XVI. Erzbischof Giovanni Lajolo als Außenminister und Erzbischof Leonardo Sandri als Innenminister des Vatikans. Auch die Leiter der anderen Vatikanbehörden, die mit dem Tod Johannes Paul II. automatisch ihre Ämter verloren hatten, wurden wieder eingesetzt. Die Präfekten der Kongregationen und die Präsidenten der Päpstlichen Räte, darunter der deutsche Kardinal Walter Kasper, sollen bis zum Ende ihrer fünfjährigen Amtszeit weiterwirken. Unbesetzt bleibt zunächst das Amt des Präfekten der Glaubenskongregation, das bisher der zum Papst gewählte Joseph Kardinal Ratzinger innehatte.
Lehmann verteidigt Ratzinger
Unterdessen ebbt die Kritik am neuen Papst nicht ab. In Deutschland hat der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, vor verfrühten Urteilen über Papst Benedikt XVI. gewarnt. Es sei nicht gerechtfertigt, Ratzinger eine nur konservative Haltung zu unterstellen, die Weiterentwicklungen der katholischen Kirche ablehne. Lehmann sagte, er kämpfe schon lange gegen ein verzerrtes Bild von Kardinal Joseph Ratzinger.
Wir müssen da gerade auch in Deutschland etwas Kurskorrektur durchführen", sagte Lehmann mit Blick auf Stimmen, die wegen der konservativen Ausrichtung des neuen Papstes die Chancen auf Reformen in der Kirche schwinden sehen. In Deutschland habe man sich nicht richtig mit den Schriften Ratzingers beschäftigt, der ein genialer Theologe und Garant für die Fortsetzung des Zweiten vatikanischen Konzils sei. Das Konzil bemühte sich in den Jahren 1962 bis 1965 um eine Erneuerung der katholischen Kirche.
Kamphaus: Wir haben uns nichts erspart
Er hat mir nichts erspart, und ich habe ihm auch nichts erspart. Wir sind fair miteinander umgegangen, aber unterschiedlicher Meinung geblieben, sagte der Limburger Bischof Franz Kamphaus über seine Auseinandersetzung in Sachen Schwangerenkonfliktberatung mit dem bisherigen Präfekten der römischen Glaubenskongregation war.
Der suspendierte Saarbrücker Priester und emeritierte Hochschulprofessor Gotthold Hasenhüttl rechnet durch den neuen Papst mit einer noch stärkeren Maßregelung der deutschen Theologie. Ich sehe Kardinal Ratzingers Wahl als Rückschritt, der Reformstau wird noch größer werden, sagte Hasenhüttl der Zeitung Thüringer Allgemeine. Er rechne eher mit einer Verschärfung des Kurses gegen die moderne katholische Theologie.
Kein Signal für eine offenere Kirche
Es sei eine Katastrophe, daß es kein Signal für eine offenere Kirche gegeben habe, sagte Hasenhüttl. Gleichwohl warnte er vor einer schnellen Vorverurteilung des neuen Papstes; es wäre ja möglich, daß Joseph Ratzinger als Papst eine Wandlung vollzieht.
Als längst überfälligen Schritt für den ökumenischen Dialog mit den Protestanten nannte Hasenhüttl die Aufhebung der Exkommunikation Luthers. Hasenhüttl war von seinem Priesteramt suspendiert worden, weil er 2003 am Rande des Ökumenischen Kirchentags in Berlin ein gemeinsames Abendmahl mit Protestanten gefeiert hatte.
Kein engstirniger, verschlossener Mensch
Der Präsident des Päpstlichen Einheitsrats, Kardinal Walter Kasper, begrüßte das Bekenntnis Benedikts XVI. zur Ökumene. Die Tatsache, daß Joseph Ratzinger sich in seiner ersten Predigt als Kirchenoberhaupt zum Dialog mit anderen Konfessionen verpflichtet habe, zeige, daß er kein engstirniger, verschlossener Mensch sei, sagte Kasper in Radio Vatikan.
Aus einer starken Position heraus habe Ratzinger immer wieder theologische Kontroversen geführt, das werde er als Papst nicht mehr in der gleichen Weise tun können. Der Limburger Bischof Franz Kamphaus erhofft sich vom neuen Papst eine Stärkung der katholischen Bischöfe. Ratzinger sei als Theologe dafür eingetreten, das Gewicht der Kirchen vor Ort zu stärken, sagte Kamphaus der Frankfurter Rundschau. Ich erinnere mich noch gut an die entsprechenden Vorlesungen. Es wäre gut, wenn das jetzt umgesetzt würde.
Huber hofft auf Fortschritte in der Ökumene
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, äußerte abermals seine Hoffnung auf Fortschritte in der Ökumene. Evangelische und katholische Christen seien in ihren Wurzeln aufs Engste miteinander verbunden, so der Berliner Bischof in einem Brief an den Papst.
Viele Christen sehnten sich nach einer vertieften Gemeinschaft der Kirchen. Besonders Menschen in evangelisch-katholisch gemischten Familien wünschten sich, gemeinsam Eucharistie oder Abendmahl miteinander feiern zu können.
Sperrung des Luftraums erwartet
Unterdessen haben in Rom die Vorbereitungen auf den erwarteten Pilgeransturm begonnen. Nachdem im Umfeld der Beisetzung von Johannes Paul II. mehr als zwei Millionen Menschen nach Rom gekommen waren, rechnet der Leiter des italienischen Zivilschutzamtes, Guido Bertolaso, diesmal mit einem deutlich geringeren Andrang.
Mehrere Hundertschaften von Polizei und Zivilschutz waren auch während des Konklaves in Rom geblieben, um bei der Wahl und Amtseinführung des neuen Papstes die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten. Wie schon nach dem Tod von Johannes Paul II. werden eine Sperrung des Luftraums, der Einsatz von Sonderbussen und Sonderzügen sowie weiträumige Verkehrsumleitungen erwartet. Für die Übertragung der Zeremonie vom Petersplatz wurden erneut auf mehreren Plätzen Großbildschirme aufgestellt.
Am Freitag wird der deutsche Papst alle in Rom anwesenden Kardinäle treffen, wie Vatikansprecher Joaquín Navarro-Valls mitteilte. Am Samstag wird der frühere Kardinal Joseph Ratzinger dann mit den beim Heiligen Stuhl akkreditierten Journalisten zusammenkommen. Zu der Messe am Sonntag um 10 Uhr werden bis zu eine halbe Million Gläubige erwartet. Die offiziellen Delegationen, die zu der Zeremonie anreisen, will der Papst am Montag empfangen.
China verlangt Abbruch der Beziehungen zu Taiwan
Zugleich beginnt das diplomatische Geschäft Benedikts XVI.: So hat Chinas deutlich gemacht, daß es den Wechsel im Vatikan zur Verbesserung seiner außenpolitischen Situation nutzen will. Regierungschef Wen Jiabao stellte sogleich Bedingungen an den Vatikan: Den Abbruch der Beziehungen des Vatikans zu Taiwan und die Nichteinmischung Roms in die staatlich kontrollierte patriotische Kirche Chinas, die dazu dient, romtreue Katholiken in den Untergrund zu zwingen.
Jiabao forderte beim Besuch von Frankreichs Ministerpräsident Jean-Pierre Raffarin in Peking, der Vatikan müsse die kommunistische Führung in Peking als alleinige Regierung Chinas anerkennen und dürfe sich nicht in innere Angelegenheiten Chinas einmischen. Der Vatikan erkennt als einziger europäischer Staat Taiwan diplomatisch an, so daß Peking einen Abbruch der Beziehungen zu der als abtrünnige Provinz betrachteten Insel verlangt.
Da die Katholiken in China nur in der staatlichen patriotischen Kirche ihren Glauben ausüben dürfen, die den Papst nicht als Oberhaupt anerkennt, lehnt Peking ferner den Einfluß des Papstes auf Kirchenstrukturen in China etwa über die Ernennung von Bischöfen ab. Der Vatikan ist wiederum besorgt über die Verfolgung von chinesischen Katholiken, die loyal zum Papst stehen und im Untergrund ihrem Glauben nachgehen.
Erste Auslandsreise Benedikts XVI. nach Polen
Die erste Auslandsreise von Papst Benedikt XVI. soll nach Angaben des Münchner Kardinals Friedrich Wetter nach Polen gehen. Dies sei eine schöne Reverenz an seinen Vorgänger, sagte Wetter. Es wird auch sicher nicht zu lange dauern, bis er seiner Heimat einen Besuch abstattet, fügte der Kardinal hinzu.
In München wird damit gerechnet, daß der Papst anläßlich des Weltjugendtags im August in Köln auch einen Abstecher nach Bayern macht. Zu Spekulationen, ob Benedikt XVI. abermals einen Deutschen als seinen Nachfolger an der Spitze der Glaubenskongregation berufen könnte, sagte Wetter: Das glaube ich eher nicht.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, Reuters
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