29. Mai 2006 Die große Konstante in der Klimaforschung ist unbestritten der Wandel. Damit sind keineswegs nur die Klimaveränderungen gemeint, die zu beobachten, zu rekonstruieren oder zu prognostizieren die Forschung als ihre Aufgabe ansieht. Der Wandel betrifft auch die Labilität der eigenen Wahrheiten, wie zwei Beispiele aus jüngster Zeit verdeutlichen. Das eine lieferten Hurrikanforscher in der amerikanischen Fachzeitschrift Geophysical Research Letters, die plötzlich das angesichts der Katrina-Katastrophe von New Orleans beinahe schon unumstößliche Naturgesetz der zunehmenden Wirbelsturmgefahr durch wärmer werdende Ozeane in Frage stellten. Das zweite Beispiel betrifft die Klimaprognose selbst.
Den neuesten publizierten Vorhersagen zufolge dürfte sich nämlich die globale Erwärmung nicht mehr in den Möglichkeitsspannen - 1,4 bis 5,8 Grad bis zum Jahr 2100 - bewegen, wie sie vor einigen Jahren vom Wissenschaftsorgan der Vereinten Nationen, dem Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), skizziert worden waren. Nein, die Aufheizung des Planeten soll sich nun deutlich beschleunigen. Das IPCC selbst hat, wie sich schon vor Monaten abzeichnete (siehe: Klimaforscher zweifeln nicht mehr an Erderwärmung), Ergebnisse aus Modellrechnungen gesammelt, die auf eine stärkere Erwärmung hindeuten. Und in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Geophysical Research Letters wurden zwei Studien veröffentlicht, die ebenfalls eine beschleunigte Erwärmung favorisieren.
Pendel in Richtung Eskalation
Das alles las sich in der Zeitschrift Science (Bd.307, S. 1766 u. 1769) vor etwa einem Jahr noch ganz anders. Damals postulierten zwei der profiliertesten amerikanischen Klimaforscher, Thomas Wigley und Gerald Meehl, realistische Prognosen mit einer - tendenziell moderateren - Klimaerwärmung zwischen 1,9 und 3,5 Grad. Jetzt schwingt das Pendel wieder in Richtung Eskalation. Schub bekommt es von Victor Brovkin vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Er hat gemeinsam mit einem holländischen und einem britischen Umweltforscher den Zusammenhang zwischen Temperaturabfall und Kohlendioxydabnahme während der Kleinen Eiszeit zwischen 1550 und 1850 aus Eiskerndaten und anderen geologischen Archiven rekonstruiert. Sein Fazit: Die Temperaturen korrelieren nicht nur mit den Treibhausgasmengen in der Luft, sie forcieren auch stärker als erwartet Rückkoppelungsprozesse, so daß etwa die veranschlagte Lufterwärmung die zusätzliche Freisetzung von Kohlendioxyd, Lachgas und Methan aus dem Boden bewirkt. Die globale Erwärmung könne sich langfristig um 15 bis 78 Prozent beschleunigen. Zwei kalifornische Wissenschaftler, die im gleichen Heft ihre Analysen des Vostok-Eiskerns präsentieren, rechnen wegen solcher bisher unberücksichtigter positiver Rückkoppelungsprozesse mit einer Erwärmung von bis zu sechs Grad bis zum Ende des Jahrhunderts.
Daß diese Ergebnisse auch wieder mit einfachen Klimamodellen und zugegebenermaßen eher grobschlächtigen Verfahren, wie Brovkin und seine Kollegen schreiben, erzielt wurden, ist in den nach bewährtem Eskalationsmuster abgefaßten Pressetexten nicht mehr zu lesen. Auch daß viele biochemische und physikalische Prozesse, die den Kohlenstoffhaushalt entscheidend beeinflussen, nach wie vor unberücksichtigt und unbezifferbar bleiben müssen und daß die Übertragung auf heutige wie künftige Verhältnisse mit beträchtlichen Unsicherheiten behaftet ist, beeinträchtigt die Interpretationsfreudigkeit kaum. Die Botschaft ist erst einmal in der Welt, brüchig zwar, aber immerhin plausibel - bis auf weiteres.
Text: F.A.Z., 29.05.2006, Nr. 123 / Seite 38
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