Klima

21,3 Grad in den Alpen

Von Christian Schwägerl

Laß die Sonne rein! Der Herbst treibt Stilblüten

Laß die Sonne rein! Der Herbst treibt Stilblüten

01. Dezember 2006 Seriöse Klimaforscher gaben sich bisher sehr schnell zugeknöpft, wenn man sie nach dem Wetter fragte. Nicht, weil das Wetter das unhöflichste aller Small-talk-Themen ist, sondern weil Klima und Wetter zwei verschiedene Sachen sind. Deswegen zuckten wiederum die Gurus der Wettervorhersage zusammen, wenn sie etwas zum Klima sagen sollen. So wie ein Rekordwinter keine neue Eiszeit ankündigt, steht auch ein Rekordherbst nicht automatisch für den unausweichlichen Weg ins Treibhaus Erde. Aus einem Schnappschuß kann man keinen Spielfilm machen: Klima ist gemitteltes Wetter, das Durchschnittswetter über sehr lange Zeiträume.

Und doch treten in diesem heißen Herbst tradierte akademische Empfindlichkeiten zurück hinter dem Schaudern beim Anblick blühender Kirschbäume Ende November und den Radfahrern in T-Shirts, die wie Sendboten aus futuristischen Klimathrillern auftauchen. Es ist der wärmste Herbst seit Beginn flächendeckender Wetteraufzeichnungen. Der treue Deutsche Wetterdienst (DWD), der seine Fühler an zweitausendsechshundert Orten ausstreckt, der für uns Befindlichkeitswerte in unendlicher Folge aneinanderreiht und daraus physikalische Milieubilder schafft, spricht von „neuen Maßstäben“.

Wüstenbildung in Europa wird ein echtes Thema

Unter diesen Maßstäben hat der Forschungsvorstand des DWD, Gerhard Adrian, mit Genuß das eine oder andere Straßencafé in Offenbach frequentiert - und dabei zugleich ein mulmiges Gefühl nicht verdrängen können. „Was bei uns zusammenläuft, bestätigt eben die Projektionen aus der Klimaforschung“, sagt Adrian. Daß der Klimawandel für Deutschland zunächst einmal sehr angenehme Seiten habe, dürfe den Blick nicht verschwimmen lassen: „Es gibt Regionen, wo die Auswirkungen dramatisch sind, die Wüstenbildung in Europa wird ein echtes Thema.“

Ähnlich offenherzig äußerte sich am Donnerstag nachmittag das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), das bisher das Biotop der Wetterfrösche gemieden und sich auf Langfristiges konzentriert hat, zur aktuellen Wetterlage, referierte zu den Süd- und Südwestwetterlagen, die Warmluft aus dem Mittelmeerraum nach Deutschland transportieren und durch Föhn verstärkt werden: „In Oberstdorf wurden am 25. November 21.3°C gemessen. Selbst im Norden Deutschlands betrugen die Temperaturen milde 12°C bis 14°C.“ Am PIK wirkt Hans Schellnhuber, den Bundeskanzlerin Merkel gerade zu ihrem Chefberater in Klimafragen für die deutsche Präsidentschaft des EU-Rats und der G-8 gemacht hat. „Dieser Herbst lieferte einen weiteren Mosaikstein für das sich immer deutlicher abzeichnende Bild des Klimawandels“, erklärt das PIK.

Prinzip der Wahrscheinlichkeit

Wer so weit geht, setzt sich leicht dem Vorwurf aus, Ängste zu schüren. Just von einem der wenigen Orte weltweit, wo genug Kompetenz und Gerät versammelt sind, um eine methodische Brücke zu schlagen zwischen dem Kurzfristflackern des Wetters und den tiefgehenden Langzeittrends des Klimas, dem Max-Planck-Institut für Metereologie in Hamburg, kommen mahnende Worte. Der Direktor am Institut, Martin Claussen, beharrt darauf, daß „Klima als Statistik des Wetters“ keine Aussagen über Einzelereignisse machen kann. Die Frage, ob die Wärme dieses Herbstes 2006 menschgemacht und somit ein Vorbote des Klimawandels sei, lasse sich prinzipiell nicht beantworten. „Wir können lediglich im Prinzip die Wahrscheinlichkeit abschätzen, mit der die anthropogene Treibhausgasemission zum Auftreten eines überdurchschnittlich warmen Herbstes führt“, sagt Claussen.

Englische Kollegen vermuteten, daß der Mensch das Risiko eines sehr warmen Sommers, wie 2003 in Europa erlebt, verdoppelt habe. Statt Warnungen fallen Claussen nur Fragen ein: Um wieviel Grad war der Herbst wärmer als das klimatologische Mittel? Welche anderen meteorologischen Größen außer der Temperatur zeigen Extrema? Welche räumliche Struktur der Temperaturanomalien hat dieser Herbst gezeigt?

Das hat es seit hundert Jahren nicht gegeben

Der DWD hat sich schon an einer Antwort versucht, und sie fällt wiederum deutlich aus: Um 3,2 Grad ist die Mitteltemperatur dieses Herbstes höher als das Mittel der Jahre 1961 bis 1990. Forschungsvorstand Gerhard Adrian hat seine Mitarbeiter beobachtet, wie sie sich auf die eintreffenden Daten gestürzt haben, mit stetig wachsender Neugierde und der Erkenntnis: „Das hat es seit hundert Jahren nicht gegeben.“ Besonders auffällig findet Adrian das Tempo der Temperatursteigerung: „So eine Veränderungsgeschwindigkeit hatten wir noch nie.“

Doch was sind hundert Jahre im gigantischen Klimasystem Erde, das über Jahrmillionen die unglaublichsten Schwankungen zwischen jurawarm und eiszeitkalt aufgewiesen hat, in einem komplexen Wirkungsnetz von Ozeanen, Wolken, Sonnenneinstrahlung, Landmassen, Pflanzenbewuchs, Weltraumstrahlung? Nichts, wären es nicht hundert Jahre Industriegeschichte, die Freisetzung pflanzlich gespeicherter Sonnenenergie, die sich über geologische Zeiträume im Boden angesammelt hat, mit dem Verbrennungsprodukt Kohlendioxyd.

„Zum Mittelwert gehören Abweichungen“

Das treibt auch Ulrich Cubasch vom Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin um, der sich mit Wechselwirkungen im Klimasystem der Erde befaßt und an jenen geopolitisch wichtigen Konsensberichten der Wissenschaft beteiligt war, die das „Intergovernmental Panel on Climate Change“, kurz IPCC, den Weltpolitikern vorgelegt hat. Cubasch ruft im heißen Herbst zu kühler Nüchternheit auf, erinnert an den langen, kalten Winter und daran, daß es in diesem Jahr mitnichten einen Hurrican nach dem Vorbild von „Kathrina“ gegeben habe, wie es Klimapropheten vorhergesagt hätten, oder in jedem Jahr ein Elbehochwasser.

„Zu einem Mittelwert gehören Abweichungen nach oben und unten“, sagt Cubasch. Gerade die Klima-Ausreißer, die für Aufmerksamkeit sorgten, seien am schlechtesten dazu geeignet, einen Trend zu belegen. Dennoch sagt auch er: „Es sieht einfach so aus, als ob dieser Herbst im Trend läge.“ Klimaschutz müsse man einfach als Versicherungsprämie begreifen, auf Gewißheiten zu warten sei riskant.

Die Klimapolitik ist in einem Dilemma gefangen: Übersetzt sie, wie Tony Blair, die Warnungen der Forscher in politische Sprache, kommt prompt der Vorwurf des britischen Klimaforschers Mike Hulme vom Tyndall-Center zurück, die „Sprache des Katastrophismus“ sei „nicht die Sprache der Wissenschaft“. Freuen sich Politiker hingegen über den heißen Herbst, weil die lockere Stimmung auch gut für das Konsumklima ist, riskieren sie, von den grundlegenden Umwälzungen, die aus dem Zeitlupentempo heraus Fahrt aufnehmen, überrollt zu werden.

Text: F.A.Z., 01.12.2006, Nr. 280 / Seite 37
Bildmaterial: AP, ddp, DIETER RÜCHEL, dpa, F.A.Z., ZB

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