Gletscherschmelze

Die Flucht der Eispanzer: Eine Rekordbilanz

Von Joachim Müller-Jung

19. März 2008 Das Abschmelzen der Gebirgsgletscher hat sich noch einmal beschleunigt. Den neuesten Daten des „World Glacier Monitoring Service“ in Genf zufolge war 2006 das Jahr mit den bei weitem größten Eismassenverlusten seit Beginn der Aufzeichnungen vor beinahe dreißig Jahren.

Um im Mittel anderthalb Meter sei die Mächtigkeit der Gletscher allein in diesem Jahr geschrumpft. Im Schnitt der vergangenen Jahre verlieren die Eispanzer nun etwa einen halben Meter pro Jahr. Damit summieren sich die Einbußen in der Eisdicke seit 1980 auf mehr als elfeinhalb Meter. Den Erhebungen liegen jährliche Messungen an dreißig großen und siebzig kleineren Gletschern in neun alpinen Weltregionen zugrunde.

Schnellere Schmelze als im Jahrhundertsommer

Für das Jahr 2006 liegen bisher Daten von 27 der großen Gletscher vor. Selbst im Jahr 2004, nach dem „Jahrhundertsommer“, war nur etwa halb so viel Gletschereis in den alpinen Regionen abgeschmolzen wie in dem neuen Rekordjahr 2006. Besonders dramatisch sei die Entwicklung in Europa, so der Direktor des Gletscherdienstes, Wilfried Haeberli: „Die jüngsten Daten zeigen einen Beschleunigungstrend ohne ein absehbares Ende.“

Norwegens Breidalblikkbrea und der Aalfotbreen sind 2006 auf einen Schlag mehr als drei Meter dünner geworden, der Hintereisferner in Österreich hat mehr als anderthalb Meter Eisdicke, Jamtalferner und Großer Goldbergkees mehr als einen Meter verloren. Bosodino und Gries in der Schweiz büßten mehr als zweieinhalb Meter ein, Silvretta fast einen Meter. Von sämtlichen Gletschern auf den Kontinenten hat 2006 lediglich der Anden-Gletscher Echaurren Norte in Chile nachweislich zugelegt - um etwas mehr als einen halben Meter.



Text: F.A.Z., 18.03.2008, Nr. 66 / Seite 38
Bildmaterial: AFP, REUTERS

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