23. Januar 2007 Als die Gebrüder Wright im Dezember 1903 mit ihrem legendären Motorflugzeug den ersten kontrollierten Hüpfer in der Luft machten, markierten sie damit eine neue Ära. Beim Entwerfen ihres Fluggerätes hatten sie sich für einen Doppeldecker entschieden. Sie konnten dabei nicht wissen, dass dieses Prinzip schon rund 125 Millionen Jahre zuvor in der belebten Natur genutzt wurde, und zwar von Dinosauriern. Anfang 2003 berichteten chinesische Wissenschaftler um X. Xu über fossile Überreste eines kleinen gefiederten Dinosauriers, der alle vier Gliedmaßen zum Fliegen genutzt haben dürfte.
Neuesten Untersuchungen zufolge glitten die Tiere der Art Microraptor gui nach dem Doppeldecker-Prinzip durch die Lüfte. Diese Überzeugung vertreten jedenfalls Sankar Chatterjee und Jack Templin vom Museum der Texas Tech University in Lubbock (Texas) in der aktuellen Online-Ausgabe der Proceedings der amerikanischen Akademie der Wissenschaften (doi: 10.1073/pnas.0609975104).
Bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gab es auf die Frage, was als unverwechselbares Merkmal der Vögel gelten könne, eine einfache Antwort: Federn. Irgendwann, so die Meinung, seien aus - stets federlosen - Reptilien die ersten Vögel hervorgegangen. Man kannte entsprechende fossile Zeugnisse aus dem Erdmittelalter, und der berühmte Archaeopteryx galt unangefochten als der Urtyp eines Vogels. Dann aber haben Funde in China das Weltbild der Paläontologen erschüttert. Man stieß auf Fossilien von Dinosauriern, die unzweifelhaft Reste von Federn erkennen ließen.
Kleine gefiederte Dinosaurier
Die Ahnen der Vögel dürften kleine gefiederte Dinosaurier gewesen sein, die sich viel auf Bäumen aufhielten und von dort zum Gleitflug ansetzten. Zu ihnen gehört Microraptor gui. Anhand der fossilen Überreste errechneten die Forscher ein Gewicht von rund einem Kilogramm und eine Länge von insgesamt 77 Zentimetern. An den vorderen und hinteren Gliedmaßen befanden sich bis zu 19 Zentimeter lange asymmetrische Federn, die das Tier zum Gleitflug befähigt haben dürften.
Zunächst nahmen die Forscher an, beim Fliegen seien außer den Vorderextremitäten auch die Hinterbeine seitlich abgespreizt worden, so dass eine Art Tandem entstanden sei, vergleichbar der Flügelanordnung bei Libellen. Nach Einschätzung von Chatterjee und Templin lässt sich das aber schwer mit den anatomischen Gegebenheiten in Einklang bringen. Man müsse vielmehr annehmen, dass sich die Hinterbeine im Flug angewinkelt und etwas versetzt unter den vorderen Gliedmaßen befanden. Dabei hätten sich die Federn horizontal ausgerichtet. Der gefiederte Schwanz habe stabilisierend gewirkt und für zusätzlichen Auftrieb gesorgt, wie eine Computersimulation belege.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: PNAS