Hurrikan „Katrina“

Die vorhergesagte Katastrophe

Von Horst Rademacher, San Francisco

01. September 2005 Es gibt wohl kaum eine Naturkatastrophe, die derart genau in allen Details vorhergesagt wurde, wie die gegenwärtige Überflutung von New Orleans. In mehreren Untersuchungen und zahllosen Computermodellen haben Bauingenieure, Hydrologen, Katastrophenschützer und Forscher an Universitäten schon seit Jahren vor der Gefahr gewarnt, die wie ein Damoklesschwert über der lebensfrohen Großstadt an der Mündung des Mississippi schwebt: Nach einem schweren Hurrikan kann New Orleans wochen- oder monatelang in einer verschmutzten Flut versunken bleiben.

Ähnlich wie Venedig liegt New Orleans im Delta eines großen Flusses. Während die norditalienische Lagunenstadt auf den vom Po in die Adria verfrachteten „Schlamm der Alpen“ gebaut ist, liegt New Orleans auf den Sedimenten des amerikanischen Kernlandes, also auf Schlick und Schlamm aus nahezu allen nordamerikanischen Gebirgen. Mehr als 10.000 Jahre brauchte der Mississippi seit der letzten Eiszeit, um die in den nördlichen Teilen des Kontinents erodierten Berge in ein weit in den Golf von Mexiko hineinreichendes Flußdelta zu verwandeln.

Ein wassergetränktes Torfmoor

Als französische Siedler sich im Jahre 1710 in diesem Gebiet niederlassen wollten, fanden sie in einem nur wenige Kilometer breiten Streifen zwischen dem längsten Fluß Nordamerikas im Süden und dem Lake Pontchartrain im Norden ein kleines Stück höher gelegenes Land. Hier legten sie den Grundstein für das „neue Orleans“. Noch heute ist ebenjene Anhöhe als „French Quarter“ das Herz des Vergnügungsviertels in der Stadt. Allerdings ist das Wort Anhöhe arg übertrieben: Das Mississippi-Delta - und damit auch New Orleans - ist im geologischen Sinne ein wassergetränktes Torfmoor. Überwiegend sind die Torfschichten mehr als 300 Meter dick, ragen aber nur an wenigen Stellen ein paar Meter über den Meeresspiegel hinaus.

Im Laufe der Zeit beginnt sich der Torf unter seinem eigenen Gewicht zu verdichten. Das wiederum führt zu einer allmählichen Senkung des Gebietes. Dem wiederum wirkt der Mississippi entgegen, in dem er Schlamm und Schlick aus seinem Oberlauf im Delta ablagert. Dabei stellt sich langsam ein Gleichgewicht zwischen Absenkung und Erosion durch das Meer auf der einen Seite und Zufuhr neuer Sedimente durch den Fluß auf der anderen Seite ein. Das Delta bleibt im wesentlichen stabil und kann sogar langsam wachsen.

Damm von der Pioniereinheit

Mit der Besiedlung wurde dieses natürliche Gleichgewicht unterbrochen. Weil jeweils im Frühjahr nach der Schneeschmelze, nach großen Regenfällen oder bei Sturmfluten der Mississippi gelegentlich über die Ufer trat, begannen die Franzosen die Siedlung mit Deichen zu schützen. Im Jahre 1879 übernahm das „US Army Corps of Engineers“ - eine mit zivilen Wasserbauprojekten beauftragte Pioniereinheit der Streitkräfte - den Deichbau im Süden Louisianas. Der Hochwasserschutz und die gleichzeitige Verbesserung der Schiffbarkeit des „Old Man River“ sind auch heute noch die Ziele dieser Einrichtung.

Im Jahre 1910 legten die Pioniere die Grundlage für die Trockenlegung von New Orleans. Das gesamte Stadtgebiet wurde mit einem System von Deichen umgeben. Gegenüber dem Fluß im Süden sind die Deiche inzwischen neun Meter hoch. Zum Lake Pontchartrain im Norden hin wird die Stadt von Deichen geschützt, die nominell knapp sechs Meter hoch sein sollen. Auf Grund der Bodensenkung liegen ihre Kronen an vielen Stellen aber nur noch fünf Meter über dem Wasserstand des „Lake“. Im strengen Sinne ist er überhaupt kein See, sondern eine sehr flache Bucht des Golfs von Mexiko, mit dem er östlich der Stadt durch eine Meerenge verbunden ist.

Der Lake Pontchartrain ist 1600 Quadratkilometer groß und maximal nur acht Meter tief. Die Deiche verhinderten zwar ein Überlaufen des Mississippi und des Lake Pontchartrain. Sie verwandelten die Stadt aber auch in eine flache Schüssel. Weder Grund- noch Regenwasser konnten auf natürlichen Wegen ablaufen. Also ließen die Pioniere in der Stadt Drainagekanäle graben, die mittlerweile eine Gesamtlänge von nahezu 300Kilometern erreicht haben. Sie münden in insgesamt 22 Pumpstationen, deren Pumpen das in den Kanälen gesammelte Wasser über die Deiche in den Lake Pontchartrain heben. Die Pumpen gehören zu den leistungsstärksten der Welt. Sie halten die Stadt selbst bei Regenfällen von fast drei Zentimetern pro Stunde trocken.

Die Stadt sinkt

Allerdings führte das dauernde Abpumpen von Grundwasser zu einer zusätzlichen Verdichtung der Torfschicht unter der Stadt. Das wiederum ließ die Stadt immer weiter unter den Meeresspiegel sinken. Im Durchschnitt sinkt New Orleans heute um etwa acht Millimeter pro Jahr, und das Stadtgebiet liegt inzwischen im Mittel zwei Meter unter dem Meeresspiegel. Während die Pumpen selbst bei stärkeren Niederschlägen die Stadt weitgehend trockenhalten, sind sie mit Hurrikanen überfordert. Das zeigte sich spätestens im Jahre 1965, als der Hurrikan „Betsy“, ein Wirbelsturm der Kategorie drei, über die Stadt hinwegzog. Aufgrund der Wasserwand, die „Betsy“ wie jeder Hurrikan vor sich hertrieb, lief Lake Pontchartrain über, und Millionen Kubikmeter Wasser ergossen sich in die flache Schüssel New Orleans. Innerhalb weniger Stunden stand die Stadt bis zu zwei Meter tief unter Wasser. Mehr als 81 Menschen kamen bei dem Hurrikan und in den darauf folgenden Fluten ums Leben.

Nach „Betsy“ begannen Hydrologen und Bauingenieure, die Gefährdung der Stadt durch stärkere Hurrikane zu untersuchen und später mit Computermodellen zu simulieren. Dabei zeigte sich, so schreibt Joseph Suhayda von der Louisiana State University, daß das System der Deiche und Kanäle höchstens Hurrikanen der Katagorien eins und zwei widerstehen kann. Würde die Stadt von stärkeren Stürmen heimgesucht, sei mit großen Überflutungen zu rechnen. Das gelte vor allem für Hurrikane, die östlich an New Orleans vorbeizögen. Die sich gegen den Uhrzeigersinn drehenden Wirbelwinde würden dann das Wasser aus dem Golf von Mexiko in den Lake Pontchartrain treiben und über dessen Deiche peitschen. Einige der Deiche seien außerdem derart marode, daß mit Deichbrüchen und dem Versinken der gesamten Stadt zu rechnen sei, schrieb Suhayda im Jahre 2001.

Erst nach den intensiven Warnungen der Fachleute taten sich im gleichen Jahr Repräsentanten von mehr als 20verschiedenen Behörden zusammen und entwarfen einen Plan, wie New Orleans vor diesen tödlichen Fluten geschützt werden könnte. Zu den Kernstücken dieses Plans gehörten die Verstärkung der Deiche sowie die Restaurierung der im Laufe der vergangenen 100Jahre durch die Begradigung und Eindeichung des Mississippi südlich der Stadt verlorengegangenen Marschen des Flußdeltas. Außerdem sollte Lake Pontchartrain - ähnlich wie die Scheldemündung in den Niederlanden - durch bewegliche Tore bei einem herannahenden Sturm vom Meer getrennt werden können. Der Plan wurde dem amerikanischen Kongreß in Washington unter dem Namen „Coast 2050“ vorgelegt, doch das Geld zur Umsetzung des Plans in die Tat floß bislang nur spärlich.

Hurrikan „Katrina“ war nun genau jener meteorologische GAU, den Forscher vorhergesagt hatten. Zwei der Deiche zum Lake Pontchartrain brachen, mehr als drei Viertel von New Orleans stehen bis zu sieben Meter tief unter Wasser. Wie viele Menschen in diesen Fluten ums Leben kamen, kann noch niemand sagen. Eindeutig ist aber, daß die Kosten für die Reparatur der Deiche, das Abpumpen des Wassers und den Wiederaufbau der Stadt mehrere Milliarden Dollar betragen werden. Verglichen damit, hätten die Projekte im Plan „Coast 2050“ nur „Peanuts“ gekostet.



Text: F.A.Z., 02.09.2005, Nr. 204 / Seite 10
Bildmaterial: AP

 
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