Von Reihard Wandtner

Miniaturoase in ausgetrockneter Landschaft: ein blühender Wüstenrhabarber, Rheum plaestinum, im Negev.
26. Februar 2009 Mitten im Negev, wo das extrem trockene Wüstenklima nur eine höchst kümmerliche Vegetation zulässt, finden sich vereinzelt überaus merkwürdige Gewächse. Sie bilden bis zu vier große Blätter, die sich dem Boden anschmiegen und zusammen die Fläche von einem Quadratmeter einnehmen können. Bei diesen mehrjährigen Pflanzen der Art Rheum palaestinum, die mit dem Rhabarber verwandt sind, haben Forscher der Universität Haifa (Israel) eine faszinierende Anpassung an die lebensfeindliche Umgebung entdeckt.
Die stark gefurchten Blätter, die einem Miniatur-Gebirge mit Höhenzügen und tiefen Tälern ähneln, leiten das wenige aus Niederschlägen stammende Wasser gezielt zur Wurzel. Dort wird der Boden tief durchfeuchtet. Jede Pflanze verfügt demnach über ein effektives Bewässerungssystem. Sie bildet dadurch eine eigene Oase, wie Simcha Lev-Yadun zusammen mit Gadi Katzir und Gidi Ne'eman in der Online-Ausgabe der Zeitschrift "Naturwissenschaften" (doi: 10.1007/s 00114-008-0472-y) ausführt.
Für Pflanzen in Wüstengebieten ist nichts kostbarer als Wasser. Das hat zu den verschiedensten Anpassungen geführt, die es ermöglichen, mit dem Mangel zu leben. Diese zielen darauf, die Aufnahme, Speicherung und Verwertung des Wassers zu verbessern sowie die Verluste zu minimieren. Häufig finden sich kleine, feste Blätter, die das Verdunsten minimieren, und ein mächtiges Wurzelsystem, das sich sowohl in die Breite als auch in die Tiefe erstreckt.
Umso auffälliger ist das Erscheinungsbild des Wüstenrhabarbers. Zu der großflächigen Blattrosette, die während der winterlichen Vegetationsperiode angelegt wird, kommt eine Wurzel, die nur vertikal verläuft. Wie tief sie reicht, konnten die Forscher nicht ermitteln. Dazu hätten sie eines der unter Naturschutz stehenden Gewächse verbotenerweise ausgraben müssen.
Bei ihren eleganten ökologischen Untersuchungen im zentralen Negev Israels hat die Gruppe um Lev-Yadun insgesamt 40 der seltenen Pflanzen unter die Lupe genommen. Das Gebiet liegt rund 900 Meter über dem Meeresspiegel und ist extrem trocken. Im Mittel fallen dort lediglich 75 Millimeter Niederschläge jährlich. Wachsen können die Pflanzen nur während der winterlichen "Regenzeit". Dabei kommt es für sie darauf an, auch winzige Wassermengen zu verwerten, denn an manchem "Regentag" gibt es nur ein bis zwei Millimeter Niederschlag.
Sogar in diesem Fall stellt das pflanzliche Selbstbewässerungssystem schon seine Leistungsfähigkeit unter Beweis. Die Wachsschicht der Blätter lässt die einzelnen Regentropfen abperlen, wobei offenbar auch ein sogenannter Lotos-Effekt auftritt. Die Tropfen rollen dann in den versenkten Blattadern wie in einem Gebirgsbach in Richtung Stengel und Wurzel.
Wie die Forscher aus Haifa herausgefunden haben, führt die winzige Niederschlagsmenge dazu, dass der Boden um die Wurzel herum mehr als zehn Zentimeter tief durchtränkt wird. An unbewachsenen Stellen sickert das Wasser dagegen nur einen Zentimeter in den Wüstenboden ein und verdunstet rasch wieder. Den meisten Pflanzen des Untersuchungsgebietes steht im Wurzelbereich daher nur ein Bruchteil der ohnehin höchst dürftigen jährlichen Niederschlagsmenge zur Verfügung, nämlich etwa ein Drittel. Der Wüstenrhabarber indessen kann geradezu in Wasser schwelgen.
Eine durchschnittlich große Pflanze der Art Rheum palaestinum mit einer Blattfläche von knapp 1500 Quadratzentimetern wird so bewässert, als ob sie in einem Gebiet mit 426 Millimeter Jahresniederschlag wüchse. Sie versorgt sich mit mehr als vier Liter Wasser im Jahr. Die größte Pflanze, die sich im Untersuchungsgebiet fand, verfügte über einen vollen Quadratmeter Blattfläche. Sie könnte nach den Berechnungen der Forscher im Jahr 43 Liter Wasser sammeln - wahrlich eine blühende Oase in der staubtrockenen Wüste.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Foto Gidi Ne'eman