Naturkatastrophen

Was der Mensch in den Weg stellt

Von Horst Rademacher, San Francisco

01. September 2005 Unter Einsatz ihres Lebens waren Katastrophenhelfer in den Großstädten entlang der Mississippi-Mündung noch damit beschäftigt, Hunderte Opfer des Hurrikans „Katrina“ zu retten, da wußte Bundesumweltminister Trittin auch schon, wer die Schuld an dieser schwersten Naturkatastrophe in den amerikanischen Südstaaten seit Menschengedenken trage.

Der amerikanische Präsident, so schrieb Trittin am Dienstag, verschließe die Augen vor den wirtschaftlichen und menschlichen Schäden, die seinem Land und der Weltwirtschaft durch Naturkatastrophen wie „Katrina“, also durch unterlassenen Klimaschutz, zugefügt würden. Es gebe nur eine Konsequenz daraus: Treibhausgase müßten radikal reduziert werden, und zwar weltweit.

Tatsächlicher Zusammenhang?

Wollte sich Trittin lediglich im Wahlkampf profilieren, indem er jene Verwüstungen, die der Hurrikan in den Bundesstaaten Louisiana, Mississippi und Alabama angerichtet hatte, zum Anlaß nahm, gegen Bush zu wettern? Oder gibt es tatsächlich den von Trittin behaupteten Zusammenhang zwischen dem Auftreten tropischer Wirbelstürme und einem von Menschen verursachten Klimawandel?

Auf den ersten Blick scheint die Statistik dem Umweltminister recht zu geben. Noch nie seit Beginn meteorologischer Aufzeichnungen kam es nämlich im Atlantik und in der Karibik so früh in der Hurrikansaison zu derart vielen Wirbelstürmen wie in diesem Jahr. „Katrina“ war schon der elfte Hurrikan in diesem Sommer. Im vergangenen Jahr wurde allein der Bundesstaat Florida innerhalb von nur fünf Wochen von vier Wirbelstürmen heimgesucht. Und schließlich gab es nach einer Untersuchung der amerikanischen Ozean- und Wetterbehörde Noaa in den vergangenen zehn Jahren in Nordamerika und in der Karibik im Durchschnitt jeweils 13,6 mit Namen belegte Wirbelstürme pro Jahr. Dieser Wert liegt um mehr als Dreiviertel über dem langjährigen Durchschnitt. Da sich im gleichen Zeitraum aber auch die globale Erwärmung mit immer neuen Hitzerekorden zeigte, liegt der von Trittin beschriebene Zusammenhang nahe.

Schwankungen der Wassertemperatur

Betrachtet man aber die Verteilung der Hurrikan-Häufigkeit im Atlantik über 80 bis 100 Jahre, dann ist das vergangene Jahrzehnt nicht ungewöhnlich. Die Zahl der Hurrikane unterliegt nämlich regelmäßigen Schwankungen mit Perioden von 30 bis 40 Jahren. So galten die vier Jahrzehnte zwischen 1926 und 1965 als sehr hurrikanträchtig. Es folgte bis zum Jahre 1995 eine Zeit relativer Ruhe. Zwischen 1965 und 1995 gab es nach der Noaa-Statistik lediglich 8,6 Wirbelstürme pro Jahr - ein Wert, der um 70 Prozent unter dem Mittel liegt. Seit 1995 nimmt die Zahl schwerer Wirbelstürme aber wieder zu.

Als Ursache für diese Veränderungen haben Klimaforscher langperiodische Schwankungen der Wassertemperatur des tropischen Nordatlantiks ausgemacht. Ist das Wasser dort wärmer, wie in den Jahren 1925 bis 1965, dann gibt es auch mehr Hurrikane. In kühlen Perioden, wie zwischen 1966 und 1995, nimmt die Zahl der Wirbelstürme dann wieder ab. Zur Zeit befindet sich der tropische Atlantik in einer Warmphase, was wiederum eine größere Zahl von Hurrikanen zur Folge hat.

Wärmeres Wasser steigert die Intensität

Da allerdings noch weitere meteorologische Faktoren das Entstehen und die Wanderung eines Hurrikans bestimmen, unterliegt die Statistik einer erheblichen Schwankungsbreite. Der führende Hurrikanstatistiker der Vereinigten Staaten, William Gray von der Universität des Bundesstaates Colorado, meint, daß sowohl im Atlantik wie auch im Pazifik die Zahl der Wirbelstürme in den vergangenen Jahren deutlich innerhalb dieser normalen Schwankungsbreiten gelegen habe. Wer die Zahl der Hurrikane allein auf globale Erwärmung zurückführe, sagte Gray, verstehe nicht viel von den tropischen Wirbelstürmen.

Allerdings läßt sich nicht bestreiten, daß es im Atlantik neben den periodischen Schwankungen der Meerestemperatur auch eine langfristige Erwärmung gibt. Die Temperatur der oberflächennahen Schichten des Meeres hat sich in den vergangenen 100 Jahren um etwas weniger als ein Grad erhöht. Da aber die im Meerwasser gespeicherte Wärme die Energiequelle für Wirbelstürme ist, wirkt diese Erhöhung so, als würde man auf einem Herd die Kochplatte unter einem Topf ein wenig stärker aufdrehen. Hurrikan-Fachmann Kerry Emanuel vom Massachusetts Institute of Technology schrieb kürzlich im britischen Fachblatt „Nature“, wärmeres Wasser könne die Intensität von Hurrikanen durchaus steigern.

Ausmaß der Schäden unterschiedlich

Ob diese Erwärmung des Meerwassers, wie Trittin behauptet, allein durch jenes Kohlendioxyd verursacht wird, das aus Schornsteinen und Auspuffrohren in die Atmosphäre gelangt, oder ob sie nicht zum großen Teil durch sehr langfristige natürliche Schwankungen innerhalb der gegenwärtigen Zwischeneiszeit hervorgerufen wird, ist aber für die von einem Hurrikan angerichteten Schäden nebensächlich. Das Schadensszenario wäre kaum anders, wenn ein Hurrikan ein wenig intensiver wäre, sich seine Winde also um ein paar Kilometer pro Stunde schneller drehten oder der Luftdruck in seinem Auge um wenige Hektopascal mehr sänke.

Das Ausmaß der Schäden, das ein Naturereignis erst zu einer Naturkatastrophe macht, wird wesentlich dadurch bestimmt, was der Mensch der Natur in den Weg stellt. Ein schweres Erdbeben in den äußerst dünn besiedelten Gebieten Alaskas oder Kamtschatkas richtet weniger Schäden an als ein Beben gleicher Stärke in San Francisco oder Tokio. Dennoch wird in den Ballungsräumen entlang des von Vulkanen und Erdbeben gefährdeten Feuerrings um den Pazifik weiter gebaut, als bäume sich die Natur dort niemals auf. Ein anderes Beispiel: In jenen Gebieten des nordamerikanischen mittleren Westens, die Jahr für Jahr von Tornados heimgesucht werden, sind immer noch die eher an Pappschachteln als an feste Häuser erinnernden Fertighäuser auf Rädern zugelassen. Werden sie von einem Wirbelwind erfaßt, bleibt oft nur noch eine Ruine übrig.

Zunehmende Gefährdung

Ähnliches gilt auch für die meisten Vororte von New Orleans oder die besonders schwer von „Katrina“ betroffene Stadt Biloxi in Mississippi. Diese Gebiete liegen unter dem Meeresspiegel. Im Normalfall verhindern Deiche und große Pumpanlagen ein „Land unter“. Fachleute haben aber schon seit Jahren darauf hingewiesen, daß diese Anlagen unzureichend sind, sollte die Mississippi-Mündung von einem schweren Hurrikan heimgesucht werden.

Weil aber New Orleans in den vergangenen 100 Jahren von solchen Wirbelstürmen verschont blieb, sah man wenig Anlaß, die Deiche und Pumpen zu verstärken. Außerdem nahm durch die Begradigung und Eindämmung des Mississippi die Gefährdung zu. Denn im Mississippi-Delta konnte sich immer weniger Schlamm und Schlick ablagern, weil der Fluß in dem ihm aufgezwungenen Bett wesentlich schneller als in seinen natürlichen Mäandern floß. Tausende Quadratkilometer von Marschen und Flachwasser gingen deshalb verloren. Wäre dieses Vorland nicht so stark geschrumpft, hätte es am Montag als Puffer gewirkt und jener Flutwelle die Kraft genommen, die „Katrina“ vor sich herschob.

Planet Erde ist nicht ruhig und friedlich

Derartige grundsätzliche Fehler und Kurzsichtigkeiten in der Planung des menschlichen Lebensraums lassen sich aber nicht dadurch beseitigen, daß Amerika dem Kyoto-Protokoll beitritt. Vielmehr muß nicht nur in Amerika, sondern - wie die jüngsten Überschwemmungen in den Karpaten und im Alpenraum zeigen - auch in Europa ein Umdenken einsetzen.

Der Mensch und seine gewählten politischen Repräsentanten müssen lernen, daß Naturgewalten wie Wirbelstürme, Tsunamis, Erdbeben oder Vulkanausbrüche weder besiegt noch ausgetrickst werden können. Statt dessen muß man sich bei der Besiedlung gefährdeter Gebiete bei der Raumplanung, beim Bauen und bei der Katastrophenschutzplanung darauf einstellen, daß die Erde kein ruhiger und friedlicher Planet ist. In ihrem Inneren und ihrer Atmosphäre steckt vielmehr genügend Energie, um ganze Landstriche zu verheeren.



Text: F.A.Z., 01.09.2005, Nr. 203 / Seite 10
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb

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