Anthropologie

Kunst sucht Künstler

Von Ulf von Rauchhaupt

13. Juli 2004 Gustav Riek erinnerte sich genau. "Der (...) Schädel", schrieb der Tübinger Archäologe später, "wurde am 22. Juli 1931, nachmittags 4 1/2 Uhr in meiner Gegenwart unverhoffterweise (...) mit einer kleinen Handpicke angeschlagen." Das Menschenfossil lag in einer Lage verkohlter Tierknochen. "Nichts ließ in der (...) Brandschicht eine Vorandeutung auf einen besonderen Fund zu."

Und was für ein besonderer Fund. Steinzeitliche Menschenknochen gibt es wenige in den Höhlen der Schwäbischen Alb. Dabei wimmelt es in manchen davon vor Steinzeit-Artefakten. Auch die Vogelherd-Höhle im Lonetal war für Riek mit ihren acht Fundschichten aus der mittleren und jüngeren Altsteinzeit ein Eldorado. Denn sie barg etwas, das dem Vogelherd sowie drei anderen Höhlen der Gegend (siehe Karte) heute welthistorische Bedeutung verleiht: Figürliche Darstellungen von eigentümlicher Perfektion, vor 30000 bis 40000 Jahren aus Mammutzahn geschnitzt (Abbildungen auf dieser Seite). Rund zwanzig solcher Stücke wurden bisher gefunden, zuletzt im "Hohlen Fels" im Achtal - die ältesten bekannten echten Kunstwerke von Menschenhand.

5000 statt 40.000 Jahre

Von Menschenhand? Anatomisch moderne Menschen, zu dem auch die Vorfahren aller heutigen Menschen gehören, sind in Europa überhaupt erst von der jüngeren Altsteinzeit an nachweisbar. Bis dahin wurde Europa von einem anderen Hominidentyp bevölkert, dem Neandertaler. Aber daß der nicht als Schöpfer graziler Schnitzereien in Frage kommt, schien ausgemacht. Auch die elaborierten Steingeräte der dazugehörigen Werkzeugkultur, des sogenannten Aurignacien, traute man ihnen nicht zu. Völlig aus der Luft gegriffen war das nicht. Schließlich fanden sich in einigen entsprechend alten Schichten tatsächlich Knochen anatomisch moderner Menschen - vor allem ebenjener Schädel, den Gustav Riek 1931 in der Vogelherd-Höhle aus einer der fundreichsten Aurignacien-Schichten Europas zog. Daß Riek dabei irgend etwas durcheinandergeraten war, schien ausgeschlossen. Hatte er selber doch der Fundschicht "einen völlig ungestörten Verlauf" bescheinigt.

Corpus delicti: Das Loch schlug erst der Pickel des Ausgräbers Bis 36.000 Jahre alte Pferdeskulptur aus dem Vogelherd-Fund Mammutskulptur aus Mammutelfenbein, 30.000 bis 36.000 Jahre alt Geschnitzte Löwenskulptur aus Mammutelfenbein

Doch Riek irrte. Am Donnerstag erschien in „Nature“ ein Bericht, in dem Nicholas Conard, ein Nachfolger Rieks auf dem Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte in Tübingen, zusammen mit dem Anthropologen Fred Smith von der Loyola University in Chicago und dem Datierungsexperten Pieter Grootes von der Universität Kiel die Ergebnisse einer C14-Datierung der Skelettreste vom Vogelherd vorstellten. Demnach sind die Knochen nicht 30.000 oder 40.000 Jahre alt, sondern gerade einmal 5000. Sie stammen damit aus der Jungsteinzeit und wurden wohl bei einer Bestattung in den Aurignacien befördert.

Schlüsselfund zusammengebrochen

An dem Resultat dürfte sich kaum mehr etwas ändern. Es ist zu eindeutig. Selbst Verunreinigung des Fundmaterials etwa durch Konservierungsmittel - ein gefürchtetes Problem gerade bei der Datierung sehr alter Proben - ist in diesem Fall kein Thema. "Alle vier untersuchten Knochen müßten zur Hälfte aus modernen Konservierungstoffen bestehen, um einen solchen Meßfehler zu produzieren" erklärt Pieter Grootes, "und das ist extrem unwahrscheinlich." Das müssen die Forscher erst mal verdauen. "Ich war erschrocken", gesteht Conard. "Damit ist ein Schlüsselfund für unser Gedankengerüst über die ersten modernen Menschen in Europa und die Entstehung der kulturellen Modernität zusammengebrochen."

Tatsächlich ist der Fund vom Vogelherd der letzte einer Reihe einstiger Schlüsselfunde, die durch moderne Datierungen in den letzten Jahren vom Tisch gefegt worden sind (siehe Graphik unten rechts). Heute gibt es in Europa nur einen einzigen anatomisch modernen Skelettfund, und zwar aus der Pestera-cu-Oase in Rumänien, der zweifelsfrei älter als 30000 Jahre ist. "Das beweist, daß es damals moderne Menschen in Europa gab", sagt Conard. "Nur haben wir nicht die geringste Ahnung, welche Werkzeuge diese Menschen produziert haben."

Trafen sich Neandertaler und moderner Mensch?

Die Beweislage für eine Verbindung von kultureller und anatomischer Modernität wurde in den letzen Jahren immer dünner. Zugleich verschwamm die zeitliche Trennung zwischen neandertalischer und anatomisch moderner Besiedlung Europas. Von einer plötzlichen, gar gewaltsamen Ablösung des einen Hominidentyps durch den anderen an der Wende von der mittleren zur jüngeren Altsteinzeit kann heute keine Rede mehr sein. Beide müssen etliche Jahrtausende dieselben Regionen bewohnt haben, woraus sich mehr Fragen ergeben, als Knochen da sind: Haben sie sich getroffen? Und wenn ja, haben sie sich nur gegenseitig umgebracht, oder gab es auch einen kulturellen Austausch? Haben sie sich vielleicht sogar vermischt? Schließlich: Starb der Nandertaler trotz oder gerade wegen der anhebenden kulturellen Blüte aus? Und welche Rolle spielte dabei das damals instabile Klima mit seinen raschen Wechseln von Kälte- und Wärmeperioden? Es traf sich, daß die Neudatierung just an dem Tag veröffentlicht wurde, an dem sich an diesen Fragen interessierte Fachforscher in Blaubeuren zu einer Tagung trafen. Zu besprechen gab es genug. "Die Informationsmenge über die letzte Eiszeit ist explodiert", konstatierte Gerd-Christian Weniger vom Neanderthal-Museum in Mettmann, "aber die Daten liegen in einer verwirrenden Vielfalt von Formaten vor." Zu den klassischen Vergleichen von Knochen oder Artefakten treten heute Vegetationsanalysen, C14-Datierungen, DNA-Vergleiche. Und nicht nur in der interessierten Öffentlichkeit ist der Eindruck entstanden, als könnten naturwissenschaftliche Methoden die kulturwissenschaftlich ausgerichtete Urzeitforschung endlich von ihren Interpretationsnöten erlösen.

Doch dieser Eindruck täuscht. Die Zahlen auf den Meßgeräten der exakten Wissenschaft müssen mit ebensolcher Vorsicht behandelt werden wie die Merkmalkataloge der Knochenkundler und Archäologen. So sind etwa C14-Datierungen von Funden bis zu einem Alter von 20000 Jahren, also auch der Schädel vom Vogelherd, recht zuverlässig. Für ältere Funde dagegen läßt sich das absolute Alter nur in Fehlergrenzen von mehreren Jahrtausenden ermitteln. Hinzu kommt das Problem der Verunreinigungen, besonders bei Analysen an in manchen alten Knochen noch erhaltenem Erbmaterial. Nur wenige Labors auf der Welt beherrschen diese Methode, und wie fast überall in der Wissenschaft gilt: Eine Messung allein sagt gar nichts, ein schlüssiges Bild besteht immer aus vielen Datenpunkten. Wenn also alle paar Monate gemeldet wird, jetzt sei endlich bewiesen, daß wir keine Neandertaler unter unseren Vorfahren hätten, dann sagt das allenfalls etwas über die Pressearbeit der involvierten Forscher. "Bislang gibt es acht DNA-Proben vom Neandertaler und sieben vom frühen modernen Menschen", resümierte Fred Smith in Blaubeuren, "um bei letzteren einen Anteil von zehn Prozent an Neandertaler-Vorfahren nachzuweisen, bräuchte es aber DNA-Proben von mindestens fünfzig Individuen." Die Frage, ob Neandertaler und moderner Mensch Nachkommen zeugen konnten und damit zur selben biologischen Art gehören, ist also nach wie vor unbeantwortet.

Keine Beleg für Kunstschaffen der Neandertaler

Neu gesellt sich nun, nach der Datierung der Vogelherd-Knochen, die Frage dazu, ob es nicht Neandertaler waren, die das Aurignacien und die Skulpturen von der Schwäbischen Alb schufen. "Dafür gibt es genausowenig Belege", sagt Nicholas Conard. Zwar weiß man, daß Neandertaler Pigmente verwendeten, aber alle ihnen zugeschriebenen Zeugnisse für echte Kunstsinnigkeit hielten einer genauen Prüfung nicht stand. Auch das angebliche Gesicht aus einem in einem Stein verkeilten Knochensplitter, das jüngst aus Frankreich vermeldet wurde, verdankt sich wohl eher der Einbildungskraft der Finder als der irgendwelcher Neandertaler.

Im Gegenteil. Jetzt scheinen sich sogar die einzigen handfesten Belege für eine gewisse kulturelle Modernität bei Neandertalern zu verflüchtigen. Neandertalerknochen, die man in Frankreich mit der fortgeschrittenen Werkzeugkultur des sogenannten Chatelperronien fand, droht ein ähnliches Schicksal wie den Knochen vom Vogelherd. Jean-Guillaume Bordes von der Universität Bordeaux machte in Blaubeuren auf neuere Untersuchungen an den alten Funden aufmerksam. Demnach gibt es ernste Zweifel daran, ob die Chatelperronien-Werkzeuge wirklich etwas mit Neandertalern zu tun haben.

Wenn es um Mensch, Neandertaler und die Anfänge der Kunst geht, so scheinen wir immer weniger zu wissen, je genauer wir hinschauen. Doch das liegt wohl am Thema, das wie kaum ein zweites dazu anregt, die immensen Lücken im Datenmaterial mit Einbildungskraft zu füllen.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.07.2004, Nr. 28 / Seite 51
Bildmaterial: F.A.Z., Jensen/Universität Tübingen

 
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