Tsunami-Warnung

Oft bleiben nur Minuten

Von Horst Rademacher, San Francisco

07. Januar 2005 Die Teilnehmer der Krisenkonferenz in Jakarta haben sich einmütig für den Aufbau eines regionalen Tsunami-Frühwarnsystems im Indischen Ozean ausgesprochen. Bei der Entwicklung eines solchen Systems können die Anrainerstaaten des Indischen Ozeans auf die umfangreichen Erfahrungen amerikanischer und japanischer Behörden zurückgreifen.

So betreibt der Wetterdienst der Vereinigten Staaten (Noaa) auf der Hawaii-Insel Oahu ein Warnzentrum für den Pazifik, dem sich insgesamt 26 Küstenstaaten des Stillen Ozeans angeschlossen haben. Die Meteorologische Behörde Japans unterhält ein modernes, zum Teil vollautomatisch arbeitendes Warnsystem für die japanische Inselwelt. Auch in Alaska, Chile, Rußland und Französisch-Polynesien gibt es regionale Warnzentren, die eng mit der Zentrale in Honolulu zusammenarbeiten.

Überwachung der Seismizität ist unabdingbar

Jedes Warnsystem für Tsunamis besteht aus drei voneinander unabhängigen Komponenten. Eine wirkungsvolle Warnung ist nur dann möglich, wenn alle drei Teilsysteme reibungslos funktionieren. Die zentrale Komponente eines solchen Warnsystems sind kontinuierliche seismologische und ozeanographische Messungen. Da der weitaus größte Teil aller Tsunamis als Folge von Erdbeben entsteht, kann kein Warnsystem ohne die Überwachung der Seismizität auskommen. Am Indischen Ozean ist aber der Aufbau eines eigenen seismischen Meßnetzes wahrscheinlich nicht nötig. Die bestehenden weltumspannenden Netze, etwa das von einer Gruppe amerikanischer Universitäten unterhaltene System „Iris“ oder das Netz der in Wien ansässigen UN-Behörde zur Überwachung unterirdischer Kernwaffenversuche, reichen aus.

Mit Hilfe dieser Registrierungen läßt sich heute nämlich automatisch in wenigen Minuten der Herd jedes Erdbebens mit einer Magnitude von mehr als fünf mit einer Genauigkeit von wenigen Kilometern lokalisieren, unabhängig davon, wo auf der Erde sich das Beben ereignet. Auf diese Weise entgeht den Netzen auch kein Erdbeben, das im Indischen Ozean einen gefährlichen Tsunami auslösen könnte. Allerdings erzeugt nicht jedes Erdbeben in Küstennähe eine Riesenwelle. Nur jene Beben sind - wie die Geowissenschaftler sagen - „tsunamogen“, bei denen sich der Meeresboden merklich vertikal auf oder ab bewegt. Die genannten seismischen Meßnetze sind auch in der Lage, solche Bewegungen in wenigen Minuten automatisch zu berechnen.

Veränderung des Wasserstandes gilt als Signal

Aber auch für diese Art von Beben gilt, daß nicht jedes von ihnen einen Tsunami erzeugt. Gewißheit darüber, ob ein Tsunami entstanden ist, gibt es nur dann, wenn die seismischen Messungen durch ozeanographische Messungen ergänzt werden. Dazu sind die Pegelstandsmesser in den Häfen entlang des Pazifiks über Satelliten mit dem Warnzentrum in Honolulu verbunden. In Japan und an den Küsten Alaskas und Britisch-Kolumbiens werden zur Zeit Versuche unternommen, die Wellen mit Drucksensoren am Meeresboden zu registrieren, bevor sie an Pegeln gemessen werden. Erst wenn sich in den Pegel- oder Wasserdruckmessungen zeigt, daß es eine erhebliche Veränderung des Wasserstandes gegeben hat, verschicken die Mitarbeiter des Warnzentrums einen Tsunami-Alarm an alle Mitgliedstaaten. In vielen Häfen entlang des Indischen Ozeans sind Pegelmesser vorhanden, Drucksensoren gibt es wohl kaum. In jedem Falle müßten diese Meßgeräte über schnelle Datenleitungen mit dem künftigen Warnzentrum verbunden werden.

Zum wissenschaftlichen Teil eines Tsunami-Warnsystems gehört auch die Computermodellierung einer Flutwelle. Sobald die Zentrale auf Hawaii einen Tsunami erfaßt hat, rechnen Computer dessen Ausbreitung im Pazifik aus. Die Eintreffzeiten der Wellen an fernen Küsten sind in diesen Modellen mit der Genauigkeit von wenigen Minuten hochgerechnet. Die in Honolulu benutzten Modelle können mit wenigen Änderungen auf den Indischen Ozean übertragen werden.

Regionale Warnsysteme müssen noch installiert werden

Die zweite Komponente eines Frühwarnsystems ist die Nachrichtenübermittlung zwischen dem Warnzentrum und den Katastrophenschutzbehörden der beteiligten Nationen. Für den Pazifik sind diese Kommunikationsmethoden klar geregelt. Um sicher zu sein, daß die Warnmeldungen auch in den Katastrophenschutzzentren der bedrohten Länder ankommen, geben die Mitarbeiter der Warnzentrale in Honolulu die Warnungen auf verschiedenen Wegen weiter. Die Übermittlungsmethoden reichen dabei vom zwar alten, aber zuverlässigen Telexsystem über das Fax bis zum Internet. Gleichzeitig werden die Warnungen über die Kommunikatonskanäle der amerikanischen Streitkräfte, der Weltorganisation für Meteorologie und die internationale Organisation für den Luftverkehr weitergeleitet.

Sobald eine Tsunami-Warnung das Katastrophenschutzzentrum in einem bedrohten Land erreicht hat, hat die dritte Komponente des Warnsystems zu funktionieren. Mitarbeiter dieser Behörde müssen nämlich die Tsunami-Warnungen innerhalb eines Landes veranlassen. Auf Hawaii und in Alaska stützt man sich dabei einerseits auf Sirenen, aber auch auf Rundfunkmeldungen. In Japan werden im Falle einer Tsunami-Gefahr automatisch Warnungen in Fernseh- und Rundfunksendungen eingeblendet. In vielen Staaten an den Küsten des Indischen Ozeans müssen solche regionalen Warnsysteme erst noch aufgebaut und auf ihre Funktionsfähigkeit und Effektivität getestet werden.

Die Vorwarnzeiten können durch die Einrichtung mehrerer Zentren verkürzt werden

Aber selbst wenn solche Warnungen rechtzeitig die Küstengebiete erreichen, sind noch keine Menschenleben gerettet. Die Bevölkerung muß auch darüber informiert sein, was die Warnungen bedeuten. Gleichzeitig muß den Einwohnern erklärt werden, wie sie sich beim Herannahen einer Riesenwelle zu verhalten haben. So gibt es in den in Küstennähe gelegenen Grundschulen Hawaiis und Japans regelmäßig Tsunami-Übungen. Außerdem liegen in vielen Hotels auf Hawaii Informationsblätter für Touristen aus, aus denen sich auch Urlauber über das richtige Verhalten nach einer Tsunami-Warnung informieren können.

Allerdings ist es mit dem Aufbau eines einzigen Warnsystems, das den gesamten Indischen Ozean umfaßt, nicht getan. Die Erfahrungen mit dem seit 1965 bestehenden Netz im Pazifik haben gezeigt, daß der Umweg über die Warnzentrale Honolulu vor allem für die Warnung der Menschen in unmittelbarer Nähe des Erdbebenherdes zu zeitraubend ist. Deshalb haben Japan und Chile sowie der amerikanische Bundesstaat Alaska zusammen mit der kanadischen Provinz Britisch-Kolumbien ihre eigenen Warnsysteme eingerichtet. Auch dort wertet man die Registrierungen der seismischen und ozeanographischen Meßnetze aus. Die Warnungen gehen aber von den Zentren direkt in die Katastrophenschutzämter an den Küsten. Auf diese Weise können die Vorwarnzeiten auf wenige Minuten verkürzt werden.

Diese kurzen Vorwarnzeiten sind auch an den Küsten des Indischen Ozeans nötig. So dauerte es etwa nach dem Beben am zweiten Weihnachtstag nur wenige Minuten, bevor der Tsunami die Provinzhauptstadt Banda Aceh in Nordsumatra erreichte. Die Badeorte an der Westküste Thailands wurden knapp zehn Minuten nach dem Erdbeben heimgesucht. Da sich Tsunamis entlang des Sundabogens, also von Burma im Norden entlang der gesamten indonesischen West- und Südküste bis nach Timor im Osten, ereignen können und dabei oft nur wenige Minuten bleiben, um die Küstenstädte zu informieren, wird das Warnsystem für den Indischen Ozean nicht ohne mehrere regionale Zentren auskommen können.

Mit dem Aufbau eines einzigen Warnsystems, das den gesamten Indischen Ozean umfaßt, ist es nicht getan. Der Umweg der Meldungen über eine womöglich weit entfernte Warnzentrale könnte für Küstenbewohner nahe am Epizentrum eines Bebens tödlich sein.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.01.2005, Nr. 6 / Seite 8
Bildmaterial: F.A.Z.

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