Wirbelstürme

Hochzeit der Monster

Von Joachim Müller-Jung

15. September 2005 Seitem der Hurrikan „Katrina“ über die amerikanische Südstaatenmetropole New Orleans fegte und ein nationales Desaster auslöste, werden die Statistiken der Meteorologen anders gelesen. Zumindest in der breiten Öffentlichkeit und vorzugsweise in der fernen Politik, wo der tropische Wirbelsturm wahlweise betroffen-mahnend oder zynisch-eifernd als selbstverschuldetes Fanal des menschengemachten Klimawandels interpretiert wird.

Einige Experten wettern da kräftig mit. Sie berufen sich dabei auf eine Statistik, die zwar die jüngste - durchaus beunruhigende - Entwicklung der Zyklone zuverlässig wiedergibt, die aber ganz offensichtlich eine eindeutige Schuldzuweisung weiterhin verbietet.

Neueste Veröffentlichungen

Das jedenfalls wird auch in den beiden neuesten Veröffentlichungen zur Hurrikan-Entwicklung angemahnt, von denen die jüngste, die in der heutigen Ausgabe der Zeitschrift „Science“ (Bd. 309, S. 1844) erscheint, mit den Worten schließt: „Die Trends der vergangenen dreißig Jahre der globalen Klimaerwärmung zuzuschreiben bedürfte längerer Datenaufzeichnungen und besonders eines tieferen Verständnisses der Rolle, die tropische Wirbelstürme allgemein und besonders im heutigen Klimastadium in der Zirkulation der Atmosphäre und Ozeane spielen.“

Welche Trends sind gemeint? Peter Webster vom Georgia Institute of Technology in Atlanta, von dem das Zitat stammt, hat zusammen mit Kollegen des amerikanischen Nationalen Zentrums für Atmosphärenforschung (NCAR) die Zahl, Häufung und die Intensität der tropischen Zyklone in fünf der wichtigsten Ozeanbecken seit Anfang der siebziger Jahre unter die Lupe genommen. Erst seit dieser Zeit, als man die ersten Satelliten zur Überwachung der Wirbelsturmaktivitäten in die Erdumlaufbahn gebracht hat, gelten die Messungen als vergleichbar und zuverlässig.

Zahl der Hurrikane verdoppelt

Das wichtigste Ergebnis, das die Gruppe um Webster aus den Zahlen herausfilterte: Die Zahl der Hurrikane der zwei höchsten Kategorien 4 und 5 (das entspricht Windgeschwindigkeiten von mindestens 210 beziehungsweise 250 Kilometern pro Stunde) hat sich seither beinahe verdoppelt. Im Nordatlantikraum, und dazu zählt auch der Golf von Mexiko und die Karibik, beispielsweise hat man zwischen 1975 und 1989 knapp 16 Wirbelstürme dieser Stärke registriert, in den fünfzehn Jahren von 1990 bis 2004 schon 25.

Im Westpazifik gab es eine Steigerung von 85 auf 116. Wenn man sich freilich die Zahl aller tropischen Wirbelstürme ansieht und auch die niedrigeren Kategorien mit einbezieht, ist die Zahl seit den neunziger Jahren in fast allen Regionen - ausgenommen des Nordatlantikraums - zurückgegangen oder wenigstens gleichgeblieben. Anders gesagt: Wenn sich ein Zyklon erst einmal gebildet hat, ist die Gefahr, daß er sich bei seinem Zug über die tropischen Meere zu einem dieser verheerenden Monster aufbaut, wie es „Katrina“ gewesen war, heutzutage deutlich größer.

Zerstörerische Kraft hat zugenommen

Die Intensität und damit die potentiell zerstörerische Kraft der meisten Wirbelstürme hat also zugenommen - wenn auch die maximale Windgeschwindigkeit der stärksten Zyklone keineswegs gestiegen ist. Jeder dritte Zyklon schafft es inzwischen in die Kategorien 4 und 5. Das deckt sich auch mit Berechnungen, die Kerry Emanuel vom Massachusetts Institute of Technology vor kurzem in der Zeitschrift „Nature“ (Bd. 436, S. 686) präsentiert hat.

Seine Analysen hatten außerdem ergeben, daß die Zyklone offenbar immer stabiler bleiben, die Stürme also länger andauern. Zumindest in Hinsicht auf die Intensität, aber auch was die Stabilität der Stürme angeht, ist das für die Fachleute keine große Überraschung.

Erst ab 26 Grad Celsius

Einige Hinweise dafür hatte man schon vorher gesammelt, und nach dem heutigen Verständnis der Entstehung von Hurrikanen war dies zu erwarten. Denn die fundamentale Größe, der Antreiber der tropischen Zyklone, ist die Oberflächentemperatur des Meeres. Hurrikane und Taifune - wie man die Wirbelstürme in den Gebieten des Pazifischen und Indischen Ozeans bezeichnet - entwickeln sich erst oberhalb von 26 Grad Celsius. Erst dann steht durch das verdunstende Wasser genügend Energie zur Verfügung, die den Auftrieb und die Beschleunigung der Luft über dem Wasser ermöglicht.

Seit den siebziger Jahren hat die Meerestemperatur im Durchschnitt global um ein halbes Grad zugenommen. Mit deutlichen Schwankungen zwar von Jahr zu Jahr und regional, aber fast überall gibt es diese deutliche Erwärmung. Warum aber sollten sich, wenn die physikalischen Voraussetzungen für die Bildung von Zyklonen über immer größere Meeresflächen gegeben sind, nicht auch häufiger Wirbelstürme entwickeln? Warum beispielweise, fragt sich Peter Webster, hat die Zahl der Taifune im Nordpazifik seit Mitte der neunziger Jahre „dramatisch abgenommen“, obwohl die Meerestemperatur gleichzeitig deutlich und stetig zugenommen hat?

„Wir wissen es nicht“

Die Antworten liegen nach Aussagen der Forscher noch im dunkeln, weil man derzeit einfach zuwenig über die anderen mitwirkenden Faktoren bei der Bildung von Hurrikanen weiß. So ist zwar klar, daß die Zirkulation und die Schichtung der unteren Atmosphäre, die schnellen Scherwinde in der Troposphäre beispielsweise, den Aufbau von Wirbelstürmen spürbar dämpfen können. Und auch die Feuchtigkeit in größeren Höhen ist entscheidend. Wie groß diese Einflüsse aber jeweils sind, weiß man noch nicht. Und schließlich sind die zuletzt registrierten Veränderungen gewiß auch Teil natürlicher Schwankungen, die im Rhythmus von Jahrzehnten oszillieren. So befindet sich der Nordatlantik seit mehr als zwei Jahrzehnten in einer Warmphase der sogenannten „Atlantic Multidecadal Oscillation“, die vermutlich zu einem nicht unbeträchtlichen, aber eben nicht quantifizierbaren Maß zu der Erwärmung beigetragen hat.

Die Trieb- und Bremskräfte solcher natürlicher Schwankungen durchschaut man ebensowenig im Detail wie die physikalischen Randbedingungen, die zur Hurrikan-Bildung führen. Warum, so fragte sich einer der Experten, wurde Japan im vergangenen Jahr von zehn und Florida von drei besonders schweren Zyklonen getroffen und warum nicht von zwei oder zwanzig? „Wir wissen es nicht“, lautete seine Antwort.

Zuschreibung unmöglich

Auf der mittlerweile prominenten Internetseite derer, die sich als Sprachrohr und Speerspitze der politisch engagierten Klimatologie begreifen (www.realclimate.org), wurde die Frage, ob die wachsenden Wirbelsturmgefahren und speziell „Katrina“ als selbstverantwortete Menschheitskatastrophe zu begreifen sind, salomonisch beantwortet: „Es gibt überhaupt keine Möglichkeit zu beweisen, ob ,Katrina' durch den Klimawandel beeinflußt ist oder nicht.

Für ein einziges Ereignis, egal welches Extremereignis, ist eine solche Zuschreibung grundsätzlich unmöglich. Aber wir können im statistischen Sinn einige wichtige Schlüsse aus dem Zusammenhang zwischen Wirbelsturmaktivität und globaler Erwärmung ziehen.“ Diese Schlußfolgerungen sind bei diesen Forschern, die sich um den amerikanischen Klimatologen Michael Mann scharen, nicht mehr akademischer, sondern ganz praktischer Natur: „Wir müssen uns jedenfalls besser vor den Einwirkungen der Hurrikane schützen.“



Text: F.A.Z., 16.09.2005, Nr. 216 / Seite 46
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche