Fossilienfund

Die Evolution hat immer noch einen Plan B

Von Sascha Karberg

27. März 2008 „Die beste Annäherung an Leben auf einem anderen Planeten“ - so hat der Bestseller-Autor und Naturforscher Jared Diamond einmal die Natur Neuseelands beschrieben. Und das ist kaum übertrieben: Als sich vor etwa 82 Millionen Jahren vom Superkontinent Gondwana ein Stück Land löste, nahm die Evolution auf der neuentstandenen Insel einen völlig anderen Verlauf als sonst auf dem Globus. Einerseits blieben typische Arten des Urkontinents erhalten, die anderswo ausstarben: riesenhafte Kauri-Bäume oder die urzeitliche Brückenechse Tuatara. Andererseits konnten sich auf den einigermaßen isolierten Inseln einzigartige bodenlebende Vögel wie der Kiwi oder der Kakapo-Papagei entwickeln - denn hier hatten Vögel lange Zeit keine bodenlebenden Säugetiere zu fürchten.

Davon war die Fachwelt jedenfalls bis vor kurzem felsenfest überzeugt. Und auch davon, dass auf Neuseeland aus dem Zeitraum von vor zwei bis 70 Millionen Jahren keine Fossilien zu finden seien, weil die geologischen Voraussetzungen dafür fehlten.

Fischknochen, Vogelknochen und Reptilienüberreste

Doch die Neuseeländer Trevor Worthy von der University of Adelaide und Alan Tennyson, Kurator am TePapa-Nationalmuseum in Wellington, wollten beides nicht akzeptieren. Sie hatten gehört, dass 1978 beim Dorf St. Bathans in den Bergen der Südinsel Neuseelands unter meterdickem Geröll eine zehn Zentimeter schmale Sandschicht gefunden worden war, die vor etwa 16 bis 19 Millionen Jahren den Boden eines Süßwassersees gebildet hatte.

Im Jahr 2001 begannen die beiden gemeinsam mit Michael Archer von der University of New South Wales grenzenlos geduldig ihre große Buddelei: Mit feinen Spateln und Löffeln durchsuchten die Forscher die Sandschicht zunächst nach winzigen Knochenresten. Dann wurde der Sand gesammelt, gespült und gesiebt. Dann schafften sie den prähistorischen Schlamm in Hunderten von Säcken zu jeweils drei Kilo nach Hause in ihre Labors. In jahrelanger Feinarbeit durchkämmte jeder für sich einige Tonnen von 1 bis 6 Millimeter feinem Sand Korn für Korn nach millimeterkleinen Fossilien.

„Die Knochen sind schwarz oder dunkelbraun im Gegensatz zum helleren Sand“, sagt Tennyson seufzend, denn zunächst stieß das Team dabei fast ausschließlich auf langweilige Fischknochen. Immerhin fanden die geduldigen Forscher außerdem gut hundert Vogelknochen und einige Dutzend Reptilienüberreste von Eidechsen, Tuatara-ähnlichen Echsen, Krokodilen und Geckos.

Ein „bemerkenswerter Fund“

Schließlich, am 21. Januar 2002, erblickt Worthy einen winzigen Kieferknochen, 5 Millimeter lang, 3,7 Millimeter dick. „Ich wusste sofort, dass das von einem Säugetier stammen musste“, sagt Worthy. Doch zunächst war der Forscher unsicher, ob der Knochen nicht einfach zu einer Fledermaus gehören könnte, von denen einige Arten Neuseeland mehrfach von Australien aus besiedelt hatten. Erst als Worthy im Mai 2003 einen zweiten, ganz ähnlichen Kieferknochen aus dem Sand fischte, verdichteten sich die Hinweise, dass es sich tatsächlich um einen landlebenden Säuger handeln könnte.

Am Morgen des 1. November 2003 schrie dann ein aufgeregter Worthy auf Tennysons Anrufbeantworter, dass er „hundertprozentig sicher“ sei, dass er einen rechten Oberschenkelknochen eines eindeutig landlebenden Säugetiers gefunden habe. Ein „bemerkenswerter Fund“, kommentiert Thomas Martin vom Institut für Paläontologie der Universität Bonn den Fund, den die Forscher im Dezember 2006 in der Zeitschrift PNAS publizierten. Die Sache sei eigentlich auch plausibel, denn Fossilienfunde in Australien und Südamerika hatten in den letzten Jahren gezeigt, dass Säugetiere vor 80 Millionen Jahren auf Gondwana bereits weiter verbreitet waren als vermutet. Es wurde zunehmend schwieriger zu erklären, warum ausgerechnet auf demjenigen Stück von Gondwana, das später Neuseeland bildete, keine Säugetiere gelebt haben sollen. „Die Inseln waren in der unteren Kreidezeit noch mit der östlichen Antarktis verbunden, so dass es wahrscheinlich ist, dass es auch auf Neuseeland archaische Säugergruppen gab“, sagt Martin.

„Watschel-Maus“

Nur dass man dafür eben bislang keinen Beweis hatte. Die winzigen Knochen aus Otago zeigen nun, dass auf Neuseeland „eine Säugerlinie mindestens bis in das Miozän überlebt hat“, also bis in die Zeit vor 16 bis 19 Millionen Jahren, sagt Martin. Allerdings könne man wegen des schlechten Zustands der Fundstücke und des Fehlens von Zähnen kaum etwas über deren systematische Zugehörigkeit sagen.

Worum aber könnte es sich bei dem Tier handeln? Neuseeländische Zeitungen tauften es kurzerhand „Watschel-Maus“, sein Entdecker Worthy will sich höchstens darauf festlegen, dass das Tierchen Mitglied einer „sehr ursprünglichen“ Säugetierart gewesen sein muss, ähnlich den heutigen Kloakentieren, den Monotrematen, zu denen beispielsweise das eierlegende Schnabeltier gehört.

Als Gondwana auseinanderbrach, gab es wohl überwiegend den Monotrematen ähnliche Säugetiere. Erst später entwickelten sich im heutigen Australien und Südamerika Beuteltiere wie das Känguru und die sogenannten echten Säugetiere wie Maus oder Mensch, die den Nachwuchs bis zur Geburt über eine Nabelschnur versorgen.

Evolutionsexperiment Neuseeland

Sein Fund lasse sich aber nicht einer der bekannten Gruppen zuordnen, sagt Worthy, vermutlich gehöre der kleine Insektenfresser, der in Neuseeland „ohne Zweifel mehr als 60 Millionen Jahre lang weit verbreitet war“, zu einer „neuen Säugetierordnung, äquivalent zu Plazenta- und Beutel-Säugetieren“. Sollte sich das bestätigen, dann wäre „die Vielfalt der Säugetierfauna damals wesentlich größer gewesen als bisher angenommen“, sagt Martin.

Doch auch wenn Worthys Entdeckungen den Mythos des säugetierfreien Neuseelands beendeten, der Einzigartigkeit des Evolutionsexperiments Neuseeland tut das keinen Abbruch: Selbst wenn einige der primitiven Säugetierarten Neuseelands bis ins Miozän verbreitet waren, hatten sie dennoch nicht die evolutionäre Möglichkeit, sich wie die höher entwickelten Säugetiere anderer Erdteile zu verbreiten. Aber insgesamt waren die ursprünglichen Säugetierarten, denen die heutigen Kloakentiere noch am ähnlichsten sind, weltweit nicht sehr erfolgreich, sagt Martin. Lediglich in Australien und auf Neuguinea gibt es noch drei Arten mit beschränktem Verbreitungsgebiet. Das mausähnliche Tier war so klein, dass „die Konkurrenz für die Vögel nicht allzu groß gewesen sein dürfte“, sagt Martin.

„Land der Vögel“

Als die aus Polynesien stammenden Maori im 13. Jahrhundert als erste Menschen überhaupt auf Neuseeland landeten, zeigten sich die Inseln bereits als „Land der Vögel“, die all jene ökologischen Nischen besetzten, die anderswo von Säugetieren eingenommen worden waren. Vermutlich waren die letzten landlebenden Ur-Säuger Neuseelands ausgestorben, weil sie sich nicht schnell genug an die Klimaveränderungen im Mittleren und Späten Miozän oder an die Eiszeiten des Pleistozäns anpassen konnten, vermutet Worthy.

Und auch auf die spannende Frage, ob es noch andere Arten von Säugetieren auf Neuseeland gegeben hat, gibt es keine Antworten, sondern allenfalls Mutmaßungen. „Wo eine ist, da dürfte es auch eine ganze Reihe von Arten gegeben haben“, sagt Worthy tapfer, aber das sei Spekulation, solange die Sandschicht von St. Bathans das einzige Fenster zur neuseeländischen Fauna im Tertiär ist. Und dort finde man nur kleine Tiere, die an oder in einem See gelebt haben. Große Knochen seien nicht entdeckt worden, „aber wir wissen von Eierschalenresten, dass es große Vögel gegeben haben muss“. Demnach sei ein Großteil der damaligen Fauna am Fundort gar nicht repräsentiert. Worthy und seine Kollegen werden noch eine Menge Sand durchwühlen müssen, bis sie ein klareres Bild von der Evolution der Fauna Neuseelands zeichnen können.

Literatur: George Gibbs, „Ghosts of Gondwana - The History of Life in New Zealand“, Craig Potton Publishing, Nelson, New Zealand



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.03.2008, Nr. 12 / Seite 63
Bildmaterial: dpa, F.A.Z., Trevor Worthy

 
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