Von Jonas Siehoff
05. September 2006 Vier Tage danach ist der Platz im Zentrum von Brohl wieder eine Idylle. Auch auf den Straßen des 1500-Seelen-Ortes im Kreis Ahrweiler herrscht Beschaulichkeit. Doch ein paar Hinweise darauf, daß hier etwas Ungewöhnliches geschah, gibt es noch: Dachdecker auf Häusern, Arbeiten an einem Strommast, auf den Schienen der Bahnstrecke Bonn-Koblenz. Zwar gibt es keine Schneise der Verwüstung, aber der Weg des Wirbelsturms ist trotzdem leicht zu rekonstruieren.
Hier kam er runter, sagt Bürgermeisterin Christel Ripoll und deutet auf den Wald am westlichen Talhang, wo sich die Stümpfe geknickter Buchen zeigen. Von dort zog der Tornado am 21. August durch den Ort Richtung Rheinufer. Am Hafen stieß er auf einen Wohnwagen, in dem sich der Besitzer mit seinem Sohn aufhielt. Der Tornado schmetterte ihn gegen die mehrere Dutzend Meter entfernte Mole. Der Vater starb, der Sohn überlebte mit Kopfverletzungen.
Sind sie wirklich häufiger geworden?
Berichte wie dieser schüren die Angst vor Wirbelstürmen auch in Deutschland. Sind sie wirklich häufiger geworden?. Kann man sie inzwischen wenigstens besser vorhersagen?
Es gab keine Warnung, sagt Christel Ripoll. Ihr selbst seien an jenem Montagabend kurz nach neun Uhr nur der Wahnsinnssturm und das Wahnsinnsgewitter aufgefallen. Bis dann Leute anriefen und sagten, ihr Dach sei weg. Den Tornado selbst, den charakteristischen Rüssel, der aus den Wolken nach unten ragt, habe sie in der Dämmerung gar nicht gesehen.
Feuchtwarme Luft am Boden, kalte Luft in der Höhe
Selbst für Meteorologen sind die trichterförmigen Wirbelstürme immer noch ein großes Rätsel. Wie Tornados entstehen, ist im Detail nach wie vor unklar, sagt Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Bekannt ist allerdings, welche Voraussetzungen herrschen müssen: Feuchtwarme Luft am Boden und kalte Luft in der Höhe sind nicht nur die Zutaten für Schauer und Gewitter, sondern auch für Tornados.
Diese bilden sich, wenn außerdem eine starke vertikale Windscherung herrscht. Der Begriff bezeichnet die Unterschiede in Windrichtung und -geschwindigkeit. Schiebt zum Beispiel schwacher Wind am Boden feuchtwarme Luft nach Norden und weht darüber ein scharfer kalter Westwind, bilden sich durch das Kondensieren des Wassers aus der aufsteigenden warmen Luft nicht nur Gewitterwolken, sie können zusätzlich auch ins Rotieren geraten.
Superzellen produzieren nicht immer Tornados
So entstehen sogenannte Superzellen, mächtige, sich um eine vertikale Achse drehende Gewitter mit kräftigen Aufwinden im Zentrum. Unter bestimmten Umständen verstärkt sich dieser Prozeß dann von selbst, die Aufwinde werden immer schneller, der dadurch erzeugte Unterdruck wird immer kräftiger. Schließlich entsteht ein trichterförmiger Wirbel. Schafft er den Touchdown bis zum Boden, spricht man von einem Tornado.
Wann und wie eine Superzelle einen Tornado entwickelt, ist jedoch nicht genau bekannt. Nach Angaben von Andreas Friedrich ist dies auch nur bei weniger als zehn Prozent aller Superzellen der Fall. Thomas Sävert vom Wetterdienst Meteomedia ist überdies sicher, daß Tornados auch aus normalen, kleinen Gewitterzellen entstehen. Doch auch dazu gebe es im Moment mehr Fragen als Antworten.
90 Prozent der Tornados schwach
Einigermaßen klar sind sich die Experten darüber, was die Windgeschwindigkeiten im Inneren der Wirbelstürme angeht. Über 500 Stundenkilometer gelten als möglich. Allerdings sind entsprechende Angaben immer geschätzt, denn mit Hilfe von Instrumenten kann die Geschwindigkeit nicht bestimmt werden. Sturmforscher orientieren sich deshalb am Ausmaß der Schäden. Im Jahr 1971 entwickelte der Japaner Tetsuya Fujita eine Skala, nach der Tornados in die Klassen F0 bis F5 gruppiert werden. F0 bedeutet unter anderem leichte Schäden an Schornsteinen und abgebrochene Äste und damit Windgeschwindigkeiten von unter 117 Stundenkilometern, also unter Orkanstärke. F5 bedeutet Häuser, die aus ihren Fundamenten gerissen, weit verschoben und zerlegt werden. Das bewirken Windgeschwindigkeiten von über 419 Kilometern pro Stunde. Etwa 90 Prozent aller Tornados werden mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 180 Stundenkilometern den Klassen F0 und F1 zugeordnet und gelten als schwach.
Der Tornado in Brohl-Lützing hatte gut 150 Stundenkilometer, schätzt Thomas Sävert, der mit Hilfe einer privaten Internetseite Meldungen über Tornados in Deutschland sammelt (www.tornadoliste.de). Für dieses Jahr hat er bereits mehr als 70 Fälle gezählt, im vergangenen Jahr waren es insgesamt 40. Auch beim DWD registriert man eine Zunahme, allerdings auf niedrigerem Niveau. Es gibt etwa 20 bis 30 Stück im Jahr mit mindestens Stärke F1, sagt Andreas Friedrich. Man ist sich immerhin einig, daß den Zahlen nicht zu trauen ist. Am besten, Sie vergessen sie direkt wieder, sagt Thomas Sävert.
Immer mehr Tornadojäger
Denn längst nicht alle Tornados werden erfaßt. Bei einer Dauer von oft nur wenigen Minuten, einem Durchmesser von einigen Metern und einer Zugbahn von ein paar Kilometern gibt es meist niemanden, der das beobachtet, geschweige denn meldet. Und wenn es dann doch gehäuft passiert, kann das viele Gründe haben. Die Öffentlichkeit wird sensibler für das Thema, weshalb mehr Fälle gemeldet werden, sagt Andreas Friedrich. Internet und Fotohandys tragen ihren Teil bei. Außerdem machen sich immer mehr Menschen ein Hobby daraus, Tornados aufzuspüren und zu dokumentieren. Erst im Jahr 2003 haben einige von ihnen den Verein Skywarn Deutschland gegründet.
Aus den Vereinigten Staaten ist dieses Phänomen bekannt: Im Zuge eines wachsenden öffentlichen Interesses stieg dort auch die Zahl der Beobachtungen in den Siebzigern und Achtzigern enorm. Seitdem ist sie jedoch mehr oder weniger konstant. Daß die Zunahme an Tornadobeobachtungen in Deutschland auf die Klimaerwärmung zurückzuführen sei, wollen deshalb weder Andreas Friedrich noch Thomas Sävert behaupten.
Verteilung in Deutschland unklar
Auch was die Verteilung der Tornados anbelangt, gibt es für Deutschland nur vage Erkenntnisse. Während in der Tornado Alley östlich der Rocky Mountains kalte Luftmassen aus Kanada und feuchtwarme vom Golf von Mexiko aufeinanderprallen, gibt es in Deutschland kein ausgeprägtes Zentrum. Die Internetseite der Organisation TorDACH (www.tordach.org) verzeichnet zwar mehr Beobachtungen im Westen der Republik. Doch wohlweislich hat man eine Karte der Bevölkerungsdichte dazugestellt, denn es gibt Übereinstimmungen: Wo viele Menschen wohnen, werden auch viele Tornados gemeldet.
Vorkommen können sie allerdings überall. Typisch am Tornado von Brohl war die Jahres- und Tageszeit: Im Sommer und abends entstehen die meisten Gewitter und somit die meisten Tornados. Doch auch hier gibt es Gegenbeispiele: Zwar auch abends, doch im März dieses Jahres riß ein Tornado in Hamburg zwei Kranführer in den Tod. Auch dort, berichteten Augenzeugen, habe es keine Vorwarnung gegeben. Das kam wie aus heiterem Himmel.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.09.2006, Nr. 35 / Seite 62
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb, REUTERS