Hangabbrüche unter Wasser

Marine Rutschpartien

07. Mai 2008 Bei Bergrutschen können sich binnen kürzester Zeit Millionen von Kubikmetern Gestein und Geröll einen Berghang hinunterbewegen und im Tal schwere Zerstörungen anrichten. Während die Zahl solcher Ereignisse in unseren Breiten vergleichsweise gering ist, kommt es vor allem in den Gebirgsregionen der Tropen oder in Gebieten mit schweren Niederschlägen immer wieder zu verheerenden Rutschungen. Aber selbst diese sind klein im Vergleich zu vielen Hangrutschen an den Kontinentalhängen unter dem Meer. Eine internationale Forschergruppe hat nun untersucht, warum sich die Sedimente am Boden der Ozeane oft mehrere hundert Kilometer weit ausbreiten können und dabei Geschwindigkeiten von Rennwagen erreichen.

Riesige untermeerische Rutschungen gibt es an fast allen Kontinentalhängen, jenen flach geneigten Bereichen, die den Übergang zwischen dem Festlandsockel und der Tiefsee bilden. Obwohl diese Hänge im Durchschnitt nur um weniger als zwei Grad geneigt sind, können dort bei Abbrüchen marine Sedimente und Schlamm Hunderte Kilometer weit zurücklegen. Der größte bekannte Abbruch hat vor etwa 8200 Jahren im Storegga-Canyon vor der Küste Mittelnorwegens seinen Ausgang genommen und ist dann fast 850 Kilometer weit nach Nordwesten gerutscht. In drei Schüben wurden dabei insgesamt 5600 Kubikkilometer Sediment bewegt. Die Rutschung war so stark, dass sie einen heftigen Tsunami auslöste, der die damals unbewohnten Küsten von Schottland und Island überrollt hat.

Eine nicht unerhebliche Naturgefahr

Diese submarinen Ereignisse stellen heute eine nicht unerhebliche Naturgefahr dar. Bedroht sind nicht nur Hafenstädte an den Küsten, sondern auch Einrichtungen der Öl- und Gasindustrie, die zunehmend nicht nur in flachen Meeresabschnitten, sondern auch am Kontinentalhang und in der Tiefsee Kohlenwasserstoffe fördert.

Zusammen mit Hydrologen des Fluiddynamischen Labors der University of Minnesota in St. Anthony Falls hat jetzt Anders Elverhøi von der Universität Oslo das Verhalten der submarinen Hangrutsche in Wasserbecken simuliert. Dabei wurde deutlich, warum das Erdreich Geschwindigkeiten von weit über 100 Kilometer pro Stunde erreichen kann. Die Sedimente gleiten nämlich auf einem dünnen Wasserfilm über den Meeresboden. Ähnlich wie ein Autoreifen beim Aquaplaning den Kontakt zur Straße verliert, setzt auch das untermeerische Gleiten auf dem Wasserfilm die Reibung herab. Deshalb kann sich die submarine Rutschung mit viel höherer Geschwindigkeit ausbreiten als ein vergleichbarer Abbruch an Land, wo der Wasserfilm fehlt.

Bei numerischen Simulationen hat sich außerdem herausgestellt, dass sich die rutschende Sedimentemasse mit Meerwasser mischt, was die innere Reibung herabsetzt. Dadurch ist es möglich, dass sich die Sedimente selbst bei extrem flachen Neigungswinkeln mehrere hundert Kilometer weit ausbreiten können.



Text: F.A.Z., hra.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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