Vogelfußdinos

Saurier aus dem Untergrund

Von Diemut Klärner

18. August 2007 In der vielgestaltigen Riege der Dinosaurier wirken die Vogelfußdinos, die Ornithopoden, eher unscheinbar. Weder gigantisch noch sonderlich bizarr, bleibt ihnen in populären Darstellungen oft nur die Rolle von Beutetieren, verspeist von imposanteren Vertretern wie Tyrannosaurus rex. Wenn es galt, hungrigen Fleischfressern zu entwischen, verließen sich die Ornithopoden offenbar nicht nur auf ihre flinken Beine. Vielmehr sind manche wohl auch in unterirdische Baue geflüchtet. Das haben kürzlich Wissenschaftler um David Varricchio von der Montana State University in Bozeman herausgefunden („Proceedings of the Royal Society“, Teil B, Bd. 274, S. 1361). Das ist das erste Beispiel für einen Dinosaurier, der ein Talent für tiefschürfende Erdarbeiten besaß.

Die Fossilien stammen aus dem Südwesten von Montana, wo sich während der Mittleren Kreidezeit in einem Flusstal dicke Sand- und Tonschichten abgelagert hatten. Aus den versteinerten Sedimenten bargen die Forscher Überreste einer vorher unbekannten Art von Vogelfußdinosauriern. Die Tiere mit dem wissenschaftlichen Namen Oryctodromeus cubicularis besaßen einen mehr als einen Meter langen Schwanz. Trotzdem dürften sie insgesamt nur eine Körperlänge von gut zwei Metern erreicht haben. Das Gewicht schätzen die Forscher auf zwanzig bis dreißig Kilogramm. Keine sonderlich spektakuläre Entdeckung also, hätten die Paläontologen nicht auch das angrenzende Gestein sorgfältig unter die Lupe genommen.

Unterirdischer Bau als Kinderstube

Bei dem Fundort handelt es sich offenbar um eine frühere Höhle. Die Sedimente, in denen die fossilen Knochen steckten, heben sich deutlich von der Umgebung ab. Ihre Schichtung verrät, dass sie dort eingeschwemmt worden sind. Die unterste Lage besteht aus grobem Sand, der sich aus dem einströmenden Wasser rasch abgesetzt hat. Weiter oben finden sich zunehmend kleinere Partikeln, die länger in der Schwebe blieben. Von der so verfüllten Höhle ist ein mehr als zwei Meter langer Abschnitt erhalten geblieben. Er birgt einen S-förmig gewundenen Gang, der schräg nach unten führt und sich schließlich zu einem größeren Hohlraum erweitert.

Dass es sich bei den darin gefundenen Vogelfußdinosauriern um die einstigen Bewohner handelt, steht für die Forscher außer Frage. Die Breite des Zugangs stimmt nämlich genau mit der Schulterbreite des größten Exemplars überein. Da auch Knochen von zwei jugendlichen Tieren geborgen wurden, ist anzunehmen, dass der unterirdische Bau einst als Kinderstube diente wie heutzutage bei zahlreichen Säugetieren üblich. Das mutmaßliche Elterntier musste sich wohl tief ducken und, statt wie gewöhnlich erhobenen Hauptes auf zwei Beinen zu laufen, auf allen Vieren durch den engen Gang kriechen. Wie geräumig dessen Ende ausgestaltet war, lässt sich freilich nicht mehr rekonstruieren. Denn als die Wissenschaftler den Bau untersuchten, war dieser Teil schon stark verwittert.

Ähnlich wie Fuchs oder Kaninchen war der Vogelfußdinosaurier wohl kein Spezialist für ein Leben im Untergrund, aber doch gut gerüstet für umfangreiche Erdarbeiten. Die Knochen seiner Vorderbeine weisen großflächige Ansatzstellen für dicke Muskelpakete auf, was darauf hindeutet, dass er kraftvoll graben konnte. Womöglich diente die breite Schnauze als zusätzliche Grabschaufel. Einzigartig steht Oryctodromeus mit diesen anatomischen Details allerdings nicht da. Entsprechende Merkmale finden sich auch bei einigen nahe verwandten Ornithopoden. Vielleicht, so mutmaßen die Forscher, suchten sie ebenfalls Zuflucht in unterirdischen Bauen. Vor Hitze und Kälte kann solch eine Unterkunft ebenso Schutz bieten wie vor Verfolgern.



Text: F.A.Z., 17.08.2007, Nr. 190 / Seite 34
Bildmaterial: Montana State University/Lee Hall

 
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