Dinosaurier

Hamse keenen jrößeren?

Von Michael Stang

14. März 2005 Doch, er ist der der größte von allen. Nirgendwo sonst kann man ein derart enormes Dinosaurierskelett vollständig rekonstruiert und aufgebaut sehen als im Berliner Naturkundemuseum. Kein Wunder, daß der Brachiosaurier der ganze Stolz des Hauses ist.

Erhaben steht das zwölf Meter hohe, zweiundzwanzig Meter lange Skelett im großen Sauriersaal. Seinen Namen (auf deutsch: "Armechse") verdankt das Tier seinen langen Vorderbeinen, durch die es sich von allen anderen Riesensauriern unterscheidet. Mit einem Lebendgewicht von rund 70 Tonnen und einem gigantischen Herzen, das etwa 4000 Liter Blut durch den Körper pumpte, überragte er alles, zu Lebzeiten wie auch jetzt im Sauriersaal.

Vom Regen freigespült

Allerdings stammen die dort gezeigten Knochen nicht alle vom selben Individuum. Um den Saurier vollständig präsentieren zu können, wurde er beim Aufbau 1937 durch Teile der rechten Schulter, vier Rippen, diverse Fußknochen und zwei Schwanzwirbel von anderen Funden ergänzt. Die ersten Knochen des Pflanzenfressers fand der deutsche Ingenieur Bernhard Sattler zufällig im ostafrikanischen Tendaguru - der Regen hatte sie freigespült.

Zwischen 1909 und 1913 bargen Wissenschaftler des Museums neben anderen spektakulären Funden das Skelett, um es später sorgfältig in Berlin wieder zusammenzusetzen. Doch wird nicht alles gezeigt, was man so mühsam ausgegraben hat. Abgüsse des Schädels und der Halsund Rumpfwirbel ersetzen die zerbrechlichen Originale. Im Gegensatz zum übrigen Körperbau ist der Schädel geradezu winzig, das Saurierhirn machte nicht einmal den zweihunderttausendsten Teil des Gesamtgewichtes aus.

Eine überdimensionale Marionette

Der nackte Schädel zeigt große Öffnungen, die von Knochenspangen umgeben sind. Die etwas schräg nach unten gerichteten Kiefer sind dagegen robust, die Zähne für einen Pflanzenfresser erstaunlich lang. Wie hält man ein solch monströses Gerippe wirkungsvoll zusammen, ohne vom eigentlichen Exponat abzulenken? Das Berliner Brachiosaurier-Gerüst wurde geschick in den Körperbau integriert und im gleichen Braunton wie das Skelett gehalten, so daß man es schon bald nicht mehr recht wahrnimmt. Nur die drei Stahlseile, die den Schädel vom Dach herab stabilisieren, erkennt man deutlich - den Saurier lassen sie ein wenig wie eine überdimensionale Marionette wirken.

Bislang stand das Skelett unverändert inmitten des Saals, nur im Zweiten Weltkrieg und 1984 für eine Ausstellung in Tokio wurde es abgebaut. Jetzt werden die Berliner für volle zwei Jahre auf ihren Lieblingssaurier verzichten müssen. Denn das Glasdach im Saal wird erneuert, und für diese Zeit muß das Skelett Stück für Stück wieder demontiert werden. Eine Spezialfirma wird in den kommenden zwei Monaten den Abbau der zum Teil über 200 Kilogramm schweren Knochen übernehmen. Einige davon werden noch vor der Demontage verpackt, damit das Risiko einer möglichen Beschädigung möglichst gering bleibt. Seine neue Bleibe findet der zerlegte Brachiosaurus in einem Außenlager. Dort reinigt man die Knochen, und wenn nötig konserviert man sie auch.

Neue Forschungsergebnisse

Diese Generalüberholung bietet den Wissenschaftler gleichzeitig auch die Möglichkeit, beim Wiederaufbau im Sommer 2007 neue Forschungsergebnisse einfließen zu lassen. Die Berliner werden sich an eine neue Haltung des Tiers gewöhnen müssen.

Denn gemäß dem derzeitigen Wissensstand wird das Skelett dann mit durchgedrückten Knien zu sehen sein, eine Darstellung, die der realen Standposition näher kommt. Wer Freude an Superlativen hat, wird mit dieser Änderung hochzufrieden sein. Denn durch die neue Position ist Brachiosaurus brancai dann noch größer als bisher - um einen ganzen Meter.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung,13.03.2005, Nr.10/ Seite 72
Bildmaterial: Naturkundemuseum Berlin

 
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