Von Richard Friebe
08. Januar 2006 Es ist mehr als 2.500 Jahre her. Damals kamen ein paar Chinesen auf die Idee, das Gas, das in ihrer Gegend aus der Erde trat, als Energierohstoff zu nutzen - und bald auch gezielt danach zu bohren. Sie bauten aus Bambus die ersten Pipelines und leiteten das Gas über nicht allzu lange Strecken ans Meer. Dort erhitzten die ersten Gasbrenner der Geschichte große Pfannen, in denen aus Meerwasser Salz gewonnen wurde. Nachzulesen ist das bei Konfuzius.
Heute sind es die 1,3 Milliarden Nachfahren jener ersten Gasverbraucher, die als Hauptverantwortliche für die steigenden Preise für Energierohstoffe gelten. Den schon zur Floskel verkommenen Hunger nach Energie der Ostasiaten verspüren aber fast alle Länder. Konflikte sind die logische Folge. Die erste Ölkrise ist über dreißig Jahre her, damals waren die Gründe politischer Natur. Von einer Gaskrise hatte bis vor kurzem niemand etwas gehört. Doch während sich Rußland und die Ukraine in ihrem ebenfalls politisch begründeten Konflikt jetzt noch einmal geeinigt haben, kämpfen die Vereinigten Staaten schon seit einiger Zeit mit ihrer eigenen Gaskrise, auch ohne die Hurrikanschäden an den Förder- und Verarbeitungsanlagen im Golf von Mexiko. Die haben allerdings dazu beigetragen, daß auch die Bevölkerung die Probleme in diesem Winter erstmals zu spüren bekommt.
Beten um warmes Wetter
Die amerikanische Gaskrise hat nichts mit irgendeinem Lieferland zu tun, das den Rohstoff künstlich verknappen würde. Das Gas wird dort ganz natürlich knapp. In den Vereinigten Staaten wird auf dem Festland und im Meer mit nie dagewesenem Aufwand danach gebohrt - nicht, um immer mehr zu fördern, sondern nur, um die riesige Produktionsmenge einigermaßen aufrechtzuerhalten. Aus Kanada wird zunehmend Gas importiert. Doch auch der nördliche Nachbar mit seiner geringen Bevölkerungsdichte und seinen ansonsten unermeßlichen natürlichen Ressourcen hat inzwischen Probleme. Die ausgewiesenen kanadischen Gasreserven sind 2003 erstmals geschrumpft. Es wurde mehr gefördert als neu entdeckt, und für manche Gasfelder mußten allzu optimistische Einschätzungen nach unten korrigiert werden. Für den gerade erst begonnenen Winter rechnen Energiefachleute mit dem, was in der amerikanischen Presse als The Big Chill die Runde macht: wenig Gas, hohe Preise, Privathaushalte, die sich eine warme Stube nicht mehr leisten können, Unternehmen, für die sich die Produktion nicht mehr lohnt und die ihre Arbeiter deshalb auf die kalte Straße setzen. In Amerika betet man in solchen Fällen gerne, diesesmal, so Diana Munns vom Commerce Department des Bundesstaates Iowa zum Magazin US News, um warmes Wetter.
Erdgas ist ein Rohstoff, der ähnlich wie Öl hauptsächlich aus vor 200 bis 400 Millionen Jahren verblichenen und zwischen Sedimentschichten unter hohen Druck geratenen Meeresmikroben entstanden ist. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat er einen weltweiten Nachfrageboom wie kein anderer Energieträger erlebt. Seit 1983 ist der Verbrauch um 75 Prozent gestiegen. Die Gründe hierfür sind verschieden, eine wichtige Rolle spielte jedoch das in den siebziger und achtziger Jahren stark gewachsene Umweltbewußtsein. Erdgas gilt allgemein als sauberer Energielieferant. Zwar entsteht auch bei seiner Verbrennung das Treibhausgas CO2, doch zumindest Schwefel und Stickoxyde oder Ruß sind bei Erdgas kaum ein Thema. Nach einer Studie des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts wird die Nachfrage weiter wachsen, Gas wird seinen Anteil an der Weltenergieproduktion, der zur Zeit hinter Öl und Steinkohle bei etwa einem Viertel liegt, weiter deutlich vergrößern.
Drei Erdgasmärkte
Deutschland liegt als umweltpolitischer Musterstaat im weltweiten Erdgasverbrauch auf Platz drei hinter den Vereinigten Staaten und Rußland. Und es hat Glück, denn es ist, auch wenn es selbst kaum nennenswerte Vorkommen hat, umgeben von Ländern, unter deren Erde oder Gewässern der Rohstoff noch reichlich lagert: Norwegen und Rußland zum Beispiel. Letzteres hat die größten einigermaßen sicher nachgewiesenen Gaslager weltweit. Die Vereinigten Staaten liegen mit einem Zehntel der russischen Vorräte abgeschlagen auf Platz sechs und können die eigene Produktion kaum mehr steigern.
Ganz anders sieht es im kleinen Golfstaat Katar aus. Er liegt hinter Iran auf Platz drei der Gasförderländer. Vor der Küste des Emirates wurde 1971 das größte zusammenhängende Gasfeld der Welt entdeckt. Möglicherweise kann jenes North Field den Amerikanern jetzt helfen. Der Erdgasmarkt teilt sich bisher, anders als der für Erdöl, in drei regionale Märkte auf: Amerika, Europa und Asien/Pazifik. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Gas läßt sich wirtschaftlich eigentlich nur in Pipelines transportieren. Das war der Grund dafür, daß das North Field anfangs als nutzlos galt. In den Ölstaaten am Golf wurde Gas, das oft gemeinsam mit Öl vorkommt, lange Zeit als lästiges Abfallprodukt einfach abgefackelt. Teilweise geschieht das noch heute.
Zahl der Gastanker steigt
Katar ist nur deshalb von einem peripheren kleinen Ölemirat zu einem wichtigen Gasproduzenten geworden, weil die steigenden Energiepreise und die Entwicklung neuer Technologien das nutzlose, nicht transportfähige Gas mit der Zeit sehr nützlich und sehr transportabel machten. Am Hafen von Ras Laffan steht eine der weltweit größten Gasverflüssigungsanlagen. Der Rohstoff strömt mit dem Druck, der ihn nach dem Anbohren aus den Lagerstätten treibt, in unterseeischen Pipelines zur Fabrik, wird dort entwässert, von Verunreinigungen befreit und in gewaltigen Wärmetauschern auf minus 160 Grad Celsius abgekühlt. Dabei kondensiert er, sein Volumen schrumpft auf ein 615tel. So temperiert kann Erdgas in Tankern ähnlich wie Öl rund um die Welt verschifft werden.
Natürlich auch in die Vereinigten Staaten, mit denen der Emir gute Beziehungen pflegt. Wie wirtschaftlich das aufwendige Verfahren, das immerhin etwa elf Prozent der im Erdgas steckenden Energiemenge verschlingt, inzwischen geworden ist, zeigt ein Blick auf die Gastanker-Statistik. Seit Jahren steigt die Zahl dieser Spezialschiffe stetig. 2006 werden es nach Angaben von Robert Skinner vom Oxford Institute for Energy Studies etwa 210 sein - fast doppelt so viele wie zur Jahrtausendwende. Und weil eine Diversifizierung der Energieträger und -quellen auch politisch hohe Priorität hat, dürfte die Beliebtheit des Flüssiggases noch deutlich zunehmen. In Deutschland plant Eon in Wilhelmshaven ein Spezialterminal, von wo aus Gas über Tankwagen oder Pipelines zu europäischen Endverbrauchern gelangen soll.
Das Prognoseproblem
Die weltweiten Erdgasreserven sind, so die einigermaßen einhellige Meinung von Geologen und Analysten, noch nicht so weit aufgebraucht wie die Erdölvorkommen. Während angesehene Fachleute wie der Explorationsgeologe Colin Campbell oder der Investmentbanker Matthew Simmons die Spitze der Ölproduktion bereits erreicht oder kurz bevorstehen sehen, ist mit dem Produktionshöchststand bei Erdgas frühestens Mitte der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts zu rechnen. Es wird auch kein spitzer Gipfel sein, sondern ein Plateau bis in die vierziger Jahre, sagt Campbell.
Anderen sind solche dynamischen Modelle mit irgendwann einmal erreichten Produktionshöhepunkten zu unsicher. Sie rechnen, wie etwa das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut, lieber mit sogenannten statistischen Reichweiten. So sind konkrete Angaben möglich, wie lange bei gleichbleibendem Verbrauch die derzeit bekannten und ökonomisch ausbringbaren Reserven noch reichen werden. Bei Gas wären das etwa 67 Jahre. Das Problem bei solchen völlig dynamikfreien Prognosen ist freilich: Sie können gar nicht stimmen. Denn ständig werden neue Reserven gefunden, auch können ökonomisch bisher nicht sinnvoll zu fördernde Vorräte bei entsprechender Preisentwicklung plötzlich doch Einlaß in die Berechnungen finden. Vor allem aber kann sich der Verbrauch ändern. Beim Gas wird er immens steigen. Rechnet man diese erwarteten Dynamiken ein, sinkt die statistische Reichweite auf nur noch gut 40 Jahre - was immer noch fast doppelt so lange wäre wie beim Öl.
Vermehrter Flüssiggashandel
Es kann aber natürlich auch alles anders kommen. Vollkommen anders allerdings nicht, denn Gas ist wie Öl eine begrenzte Ressource, und irgendwann wird es knapp werden. Der Emir von Katar ließ kürzlich Weitblick vermuten: Sein Land solle, so sagte er, mindestens noch hundert Jahre vom Gas profitieren. Der ständig steigenden Nachfrage scheint er also nicht unbegrenzt entgegenkommen zu wollen. Vielleicht haben auch die Norweger aus ihrer Vergangenheit gelernt, in der sie ihre Ölvorräte allzu schnell ausbeuteten, und werden beim Gas den Hahn in Zukunft nicht ganz so weit aufdrehen. Auch solche geostrategisch-politischen Eventualitäten sind schwer in Modellrechnungen unterzubringen.
Auf den Endverbraucher, der vor allem eine warme Suppe, eine warme Dusche und warme Füße haben will, werden in den nächsten Jahren wohl allein deshalb steigende Kosten zukommen, weil Gas als Energieträger preislich eng an das Öl gekoppelt ist. Allerdings könnte der vermehrte Flüssiggashandel diesen Trend für eine Weile zumindest bremsen.
Während die Chinesen das Erdgas vor 2.500 Jahren bereits praktisch nutzten, beschränkte man sich etwa zur gleichen Zeit im alten Griechenland oder in Persien meist darauf, die durch Blitzschlag entfachten ewigen Flammen einfach nur anzubeten. Die globalisierte Welt macht heute beides gleichzeitig. Was passieren wird, wenn die Flammen erlöschen, weiß derzeit niemand zu sagen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.01.2006, Nr. 1 / Seite 57
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb
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