Archäologie

Schönheit und Schrecken dicht an dicht

Bronzestatue eines Läufers

Bronzestatue eines Läufers

20. Mai 2005 Es sei leichter, in Rom Konsul zu werden als Bürgermeister in Pompeji. So witzelte das Imperium über die politischen und sozialen Kapriolen der hektischen Handelsstadt am Fuß des Vesuvs.

Von Herculaneum, ihrer fünfzehn Kilometer entfernten Nachbarin dagegen hieß es, sie habe das schönste Meerespanorama im ganzen Golf von Neapel zu bieten, sei mit ihrer immerwährenden leichten Brise ein fabelhafter Luftkurort und mit der berühmten Milch ihrer nicht minder berühmten Schafherden ideal für gesundheitsfördernde Trinkkuren.

Pompeji kennt heute jeder. Aber Herculaneum, das beim selben Vesuvausbruch unterging und mindestens ebenso reiche Funde bietet, ist der Allgemeinheit so unbekannt wie die Stadt Haltern am See und ihr Römermuseum. Mit der Herculaneum-Ausstellung aber, die von heute an dort zu sehen sein wird, dürfte sich das schlagartig ändern. Denn die Kunstwerke, der Schmuck, das Mobiliar und die Gebrauchsgegenstände, die Neapel, Herculaneum, Berlin und Dresden ausliehen, zählen zum Besten, was aus der Antike erhalten blieb.

Ruhesitz reicher Römer

Daß dem so ist, liegt an der einstigen Sonderstellung Herculaneums. Denn die kleine Stadt - man vermutet etwa viertausend Einwohner - stieg im letzten vorchristlichen Jahrhundert dank ihrer landschaftlichen Vorzüge und ihres milden Klimas zur bevorzugten Sommerfrische und zum Ruhesitz reicher Römer auf. Luxuriöse, auf die einstige Stadtmauer gebaute Villen reihten sich meerwärts auf einem Felssporn, Sommerresidenzen von stupender Pracht, mit Panoramaterrassen und eigenen Anlegeplätzen säumten als Vorstadt die Hochküste in Richtung Neapel.

Schon der Name und der Gründungsmythos faszinierten die alle Formen griechischer Kultur verehrende römische Oberschicht: Der Ort, so heißt es bei Dionysios von Halokarnassos, gehe auf Herakles zurück, der bei der Rückkehr aus Spanien die dort geraubte Rinderherde des Helios entlang der campanischen Küste getrieben und dabei zahlreiche Kulte und Städte gegründet habe.

Von erlesener Schönheit

So empfängt in Haltern denn auch eine Darstellung des Herakles den Besucher, das Fragment einer lebensgroßen Marmorfigur, die den jungen Heros als Löwenbezwinger zeigte, der sich gerade das abgezogene Fell samt Kopf der Bestie übergestreift hat. Die Wucht der Asche-, Schlamm- und Trümmerlawine, die Herculaneum überrollte und bis zu zwanzig Meter tief begrub, hat nur den Kopf übriggelassen. Der aber - eine Leihgabe der Berliner Antikensammlung - ist von erlesener Schönheit; augustäischer Klassizismus, der die griechische Klassik nicht nur wiederaufleben ließ, sondern in seinen besten Beispielen, wie hier bei diesem fast melancholischen Jünglingsgesicht, zu elegischer Stimmungshaftigkeit weiterentwickelte.

Herakles ist auch die Zentralfigur eines der größten, besterhaltenen und schönsten Fresken, das aus der Antike in unsere Zeit hinübergeretttet wurde: Das 2,18 Meter hohe und 1,82 Meter breite Wandgemälde „Hercules und Telephos“. Als Rückenansicht, in heroischer Nacktheit, schaut der Halbgott erstaunt auf den unvermutet gefundenen kleinen Sohn, den eine Hirschkuh säugt. Im Mittelgrund lagert sinnend Arcadia, eine majestätische junge Frau, der ein kleiner Satyr mit Rohrflöte und Hirtenstab über die Schulter schaut. Als geflügeltes junges Mädchen betrachtet Parthenion die Szene, die Verkörperung jenes Bergs, auf dem Telephos geboren und verborgen worden war. Vorbild des Ganzen sind Gemälde und Skulpturen des Altars und Palastes von Pergamon, dessen Herrscher sich auf Telephos zurückführten.

Brillant gemalte Fresken

Doch das Fresko, 1750 aus dem damals als Basilika bezeichneten, heute als Augusteum identifizierten und noch immer verschütteten zentralen Gebäude geborgen, besticht durch den freischöpferischen Umgang mit den berühmten Vorbildern.

Das gilt auch für die brillant gemalten, ebenfalls pergamenisch anmutenden kleinen Fresken aus der Palästra Herculaneums - einen ausruhenden Schauspieler, der so gedankenschwer ins Leere schaut wie der Herrscher, für den er gerade gespielt hat oder gleich spielen wird, die Musiker eines Trios, die, hingegeben an die Töne, fast göttlich unnahbar erscheinen, oder die berühmte Hetäre (der genaue Fundort ist unbekannt) in gelb- und violettseidenen Gewändern, die in gespielter Naivität ihren nur von durchsichtigen Schleiern umspielten nackten Oberkörper darbietet.

Die Palästra, Sportstätte und Gymnasium der patrizischen Jugend, ebenso das Augusteum waren verschwenderisch ausgestattete, hellenistisch noble Bauten der frühen Kaiserzeit. Ebenso elegant, den besten Bauten Roms ebenbürtig, war das verschwenderisch mit Marmor ausgestattete Theater.

Edle Einfalt, stille Größe

Auf diesen Bau, den sie dann plünderten, waren 1710 die Bauarbeiter des Prinzen d'Elboeuf gestoßen. Ihr erster Fund waren drei wunderbare marmorne Frauenstatuen, die der Prinz aus taktischen Gründen an den Wiener Hof sandte, von wo sie nach Dresden gelangten und dort noch heute das Zentrum der Antikensammlung bilden. Dresden hat eine, die sogenannte „Kleine Herkulanerin“ ausgeliehen. Ein Blick auf die selbstversunkene Mädchengestalt und man weiß, weshalb Winckelmann an ihr (und anderen Kunstwerken aus Herculaneum) sein berühmtes Diktum der „edlen Einfalt, stillen Größe“ entwickelte.

Seine „Sendschreiben von den Herculanischen Endteckungen“ elektrisierten das gebildete Europa. So wurde die antike kleine Vesuvstadt zur Keimzelle des europäischen Klassizismus. In Haltern belegen dies kostbare Meißener und Berliner Porzellane, die Figurengruppen aus Herculaneum nachbilden, Gemälde, die herculanische Wandbilder kopieren oder variieren, sowie Dokumentationen aus dem Gartenreich Dessau-Wörlitz, das zum Teil wörtlich Bauten und Kunstwerke Herculaneums wiederholt.

Die Bergung einer Bibliothek

Drei Jahrzehnte nach dem Fund der Herkulanerinnen hielten Europas Adel und Bürgertum erneut den Atem an, als die seither sogenannte Villa der Papyri in bergmännischer Stollenbauweise erforscht wurde. Es fanden sich die bisher umfangreichste antike Kunstsammlung, zirka einhundert Statuen aus Bronze und Marmor, dazu feinst intarsierte Marmorböden und bezaubernde Fresken. Die eigentliche Sensation aber war die Bergung einer kompletten Bibliothek, der einzigen, die wir aus der Antike besitzen.

Eintausendfünfhundert verkohlte Schriftrollen wurden geborgen, alle Welt hoffte auf bisher unbekannte Dramen und Abhandlungen der griechischen und römischen Philosophen und Dichter. Doch nach Jahren unendlich mühsamer Aufwicklungsversuche, die oft mehr zerstörten als retteten, ließen sich einige Rollen als Schriften des durch Kopien bekannten Philodemus von Gadara entziffern. Das Interesse erlahmte.

Man weiß nun sehr viel mehr

Doch das eigens zur Erforschung der Papyri gegründete Institut in Neapel arbeitet bis heute weiter. Inzwischen weiß man dank des technischen Fortschritts sehr viel mehr, konnte Passagen lesen, in denen Philodemus ausführlich andere Philosophen zitiert, deren Schrifttum untergegangen ist und nun vielleicht rekonstruiert werden kann. Die größte Hoffnung außer dieser aber ist die, daß eine Fortsetzung der 1982 begonnenen und 1992 leider stillgelegten Freilegung der Villa eine zweite, nämlich die obligate lateinische Bibliothek des einstigen Besitzers ans Licht bringen möge.

Wer dieser Besitzer war, ist bis heute umstritten. Doch die Mehrheit der Experten hat sich auf Calpurnius Piso Caeconinus geeinigt, den Schwiegervater Cäsars und Mäzen des Philodemus. Ein Porträt seines Sohnes, gefunden im Familiensaal der Villa, ist in Haltern zu sehen. Verschlägt einem der römische Verismus dieser Darstellung schon den Atem, so erst recht die beiden fast lebensgroßen Rennläufer, die man im riesigen Peristyl fand; bronzene Epheben, fiebrig angespannt der eine, stoisch der andere, warten sie auf das Startzeichen.

Der geläuterte Dionysos

Nicht nur diese Kostbarkeiten hat Neapel ausgeliehen, sondern auch die wohl berühmteste Bronzebüste der Pisonenvilla, die des geläuterten Dionysos. Allein schon die Kunstfertigkeit, mit der Ringellocken, die das breite Stirnband nicht zähmen kann, dargestellt sind, macht staunen. Der Gesichtsausdruck aber ist kaum in Worte zu fassen; Christen könnten an eine geniale Darstellung des über Leiden und Irrungen der Menschheit sinnenden Christus denken.

Von ebenso entwaffnender Schönheit sind die Kleinplastiken aus dem sogenannten „Haus der Hirsche“; hellenistisch geprägt eine Doppelgruppe, die die namensgebenden Tiere von Hunden gehetzt zeigt, daneben ein sublim und zugleich drastisch humorig gestalteter „Trunkener Herkules“, der sein Wasser abschlägt. Neben ihm steht ein nackter junger Satyr, der in strotzender Sinnlichkeit dargestellt ist, wie er Wein aus einem Schlauch in ein Gefäß gießt.

Rührend in kindlicher Schwermut

Nicht süßlich, wie die trauernden Eroten des Klassizismus, sondern rührend in ihrer kindlichen Schwermut sind zwei Putten, die den Grabaltar und die Ehrenstatue des Marcus Nonius Balbus schmückten. Die Kunstwerke standen auf einer „heiligen Terrasse“ direkt über dem Meer, weithin sichtbar als Wahrzeichen.

Marcus Nonius Balbus, Statthalter von Kreta und Kyrene, war der reichste Bürger und größte Wohltäter Herculaneums. Er finanzierte die größten und elegantesten Bauwerke der Stadt. Aus seinem Stadtpalast stammen zwei Oscilla, hauchdünn geschliffene runde Marmorscheiben mit figürlichen dionysischen Reliefs, die sich, aufgehängt zwischen den Säulen des Peristyls, im Winde wiegten.

Unterhalb der Terrasse machte man 1981 den bisher grausigsten Fund der Ausgrabungen - die Skelette von über dreihundert Menschen, die sich, auf Rettung per Schiff hoffend, an den Strand geflüchtet hatten, wo die meisten von ihnen in gewölbte Bootskammern krochen, in denen sie Schutz vor einer pyroklastischen Asche- und Glutwolke suchten, die ihre Körper in kürzester Zeit verdampfen ließ. Die Gesten, mit denen sie einander hilfesuchend umklammern, die wie zum Schrei aufgerissenen Münder, die aneinandergepreßten Köpfe erschüttern. Die Wissenschaftler sprechen von einem gnädigen Tod in Sekundenbruchteilen. Der Anblick der Gebeine will es einen nicht glauben lassen.

Der Schrecken der Todesszenarien

Daß die Untersuchung der Gebeine uns über die Zusammensetzung der römischen städtischen Gesellschaft unschätzbare Auskünfte gegeben hat, über Krankheiten, Altersdurchschnitt, erschreckend hohe Raten an Kindersterblichkeit, aber auch Kinderarbeit, die extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich, die wiederum vor allen gemeinsamen schweren und frappierend oft auftretenden Gebrechen wie Tuberkulose oder Arthritis gegenstandslos wurden - all das vermag wenig gegen den Schrecken, den diese Todesszenarien ausstrahlen.

Erst nach längerem Verweilen vor den bestechend schönen Kunstwerken klingt er ab. Dann zeigt Herculaneum sich wieder so, wie Sisenna es beschrieben hat, ein „lieblicher Ort in allerschönster Panoramalage“. Diese Schönheit mit einer exzeptionellen Fülle an erlesenen Kunstwerken wieder ins allgemeine Bewußtsein zu rücken, ist das große Verdienst des kleinen Haltern.

Bis zum 14. August, danach im Pergamonmuseum Berlin; von Januar 2006 an im Foggemuseum Bremen. Der Katalog kostet 24,90 Euro.



Text: F.A.Z., 20.05.2005, Nr. 115 / Seite 37
Bildmaterial: dpa/dpaweb, Jochen Hähnel, Luciano Pedicini, Neapel, LWL, LWL/Mühlenbrock, Römermuseum Haltern

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

2 Wochen gratis testen!Möchten Sie die F.A.Z. oder die Sonntagszeitung erstmal kennenlernen? Kostenlos und unverbindlich 2 Wochen testen.

Menschen, unter Vulkanasche begrabenDas Wandgemälde zeigt Hercules und TelephosErotische Kunst aus HerculaneumTheatermaske aus HerculaneumIn dieser hölzernen Wiege fanden die Ärchäologen das Skelett eines BabysIm Gleichschritt: die beiden Läufer Die Bronzestatue des Läufers stammt aus der Villa dei Papiri in Herculaneum,
Museo Archeologico Nazionale NapoliDie goldene Bulla trugen Jungen bis zum 17. Lebensjahr. Sie sollte sie vor Unheil schützenVerkohlte PapyrusrollenEin versteinerter BrotlaibDie Bronzestatuen entstammen dem 18. Jahrhundert