Dinosaurier

Gigantische Bestie

Von Reinhard Wandtner

12. August 2004 Das Grauen hat einen Namen. Es heißt Tyrannosaurus rex. Kein anderer Dinosaurier sorgt so zuverlässig für Gänsehaut wie diese gigantische Bestie, die beruhigenderweise seit dem Ende der Kreidezeit vor rund 65 Millionen Jahren nur noch in Form von Skelettresten anzutreffen ist. Der König der Tyrannosaurier erreichte ein Gewicht von mitunter mehr als fünf Tonnen und eine Körperlänge von vermutlich 14 Metern. Damit werden die größten landbewohnenden Raubtiere der Gegenwart, etwa der Eisbär, weit in den Schatten gestellt.

Lediglich Gigantosaurus hätte Tyrannosaurus rex entthronen können. Diese räuberische Echse lebte aber vor ungefähr 125 Millionen Jahren und somit lange vor seiner Zeit. Biologen quält immer wieder die Frage, wie das Wachstum solch riesiger Raubttiere wie Tyrannosaurus rex abgelaufen ist, etwa ob es schnell oder langsam erfolgte, und wie die Lebensspanne bemessen war. Eine Gruppe amerikanischer Forscher hat nun durch vergleichende Untersuchungen an zwanzig Skeletten von Dinosauriern genauere Einblicke in die Biographie dieser "schrecklichen Echsen" gewonnen.

Erhebliche Wissenslücken

Für den Gigantismus bei Dinosauriern kommen im wesentlichen zwei Erklärungen in Frage. Zum einen könnte er auf ein beschleunigtes Wachstum zurückzuführen sein, zum anderen - oder zusätzlich - auf eine verlängerte Wachstumsphase. Was Wachstum, Heranreifen und Lebensdauer von Tyrannosaurus rex betrifft, gab es aber bisher erhebliche Wissenslücken. In jüngerer Zeit wurde indessen ein Verfahren entwickelt, anhand von Wachstumslinien in Skelettknochen und der jeweiligen Körpergröße den Verlauf des Wachstums zu berechnen. Das erfordert allerdings ein umfangreiches Probenmaterial.

Wachstumsraten für einzelne Verwandtschaftsgruppen von Dinosauriern, etwa für die Tyrannosaurier, zu ermitteln, erschien daher kaum möglich. Die Gruppe um Gregory Erickson von der Florida State University in Tallahassee hat sich von dieser Schwierigkeit nicht abschrecken lassen. Den Forschern kam dabei zugute, daß inzwischen mehr als 30 Skelette von Tyrannosaurus rex entdeckt und wissenschaftlich ausgewertet worden sind, rund zwei Drittel davon seit Anfang der neunziger Jahre. Daher konnten sie auf Spezies unterschiedlicher Entwicklungsstadien zurückgreifen.

Sechs Tonnen schwerer Koloß

Wie Erickson und die anderen Forscher in der heutigen Ausgabe der Zeitschrift "Nature" (Bd. 430, S. 772) berichten, wählten sie für ihre Untersuchung sieben Exemplare von Tyrannosaurus rex aus. Die Tiere waren im Alter von zwei bis 28 Jahren verendet. Für sie wurde ein Körpergewicht von gerade einmal 30 bis zu mehr als 5600 Kilogramm errechnet. Zum Ermitteln der Wachstumslinien verwendeten die Forscher nur Knochen, etwa des Schädels, die kein großes Gewicht tragen müssen und die sich während des Lebens nicht immer wieder umbilden. Als Vergleich dienten Knochen verwandter Dinosaurier der Gattungen Albertosaurus, Gorgosaurus und Daspletosaurus.

Das Ergebnis faßt Erickson mit den Worten zusammen, daß Tyrannosaurus rex schnell lebte und früh verendete. Genauer gesagt war diese Echse die meiste Zeit damit beschäftigt zu wachsen, mitunter atemberaubend schnell. Dabei legte sie bis zu 2,1 Kilogramm pro Tag zu. Dieses rasante Wachstum fand vor allem vom 14. bis 18. Lebensjahr statt und brachte der Bestie einen Zugewinn von annähernd drei Tonnen. Ausgewachsen war der König der Tyrannosaurier mit knapp zwanzig Jahren, was ungefähr zwei Drittel der gesamten Lebensspanne entspricht. Als Methusalem unter den bislang geborgenen Fossilien gilt "Sue", ein fast sechs Tonnen schwerer Koloß, der 28 Jahre alt geworden ist.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.08.2004, Nr. 186 / Seite 34
Bildmaterial: dpa

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche