Herzblatt-Geschichten

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Alles Shakespeare!

Von Gerhard Stadelmaier

25. März 2007 Eben noch sitzen wir in unserer geschmackvoll eingerichteten Theaterredaktionsbürosuite im vierten Stock, schauen verträumt den Vogue-Models nach, die hier als Aushilfsbotinnen arbeiten, beißen in ein Kaviarbrötchen, nehmen ein Schlückchen Dom Pérignon Exclusiv-Cuvée, Jahrgang 1950. Und recherchieren nebenbei den dänischen Königshof von vorgestern, an dem die Königin mit dem Schwager schläft, der Schwager den königlichen Bruder mordet, es diesen aber nicht im Grabe hält, weswegen er als Geist Spesen macht, worüber der Prinz des Hauses wahnsinnig wird und dessen Verlobte ins Wasser geht - was Dänen halt so treiben.

Da geht die Tür auf. Und Lückemeiers etatmäßige Redaktionsassistentin Agnesmaria (69) schiebt ihre gefühlten drei Zentner Lebendgewicht zart ins Zimmer, stellt zierlich ihren Klumpfuß vor unserem Mahagonny-Schreibtisch in Positur, zeigt lächelnd ihre Alterszahnspange, guckt dabei so schelmisch, wie ihre süß schielenden Augen dies halt zulassen, unter ihrem Dutt hervor - und legt uns ohne weiteren Kommentar die Knallpresse hin.

Frei nach Hamlet: To schmier or not to schmier ...

Wieso wir jetzt trotzdem weiter an Shakespeare denken müssen, wissen wir auch nicht, finden aber bei „Julius Cäsar“ die passende Stelle: „Lasst wohlbeleibte Weiber um mich sein, die glatt gekämmt sind und die nachts gut schlafen.“ Sowohl eine gewisse Frau Christine Neubauer (“Das supertreue Vollweib“), die in der Bunten denkwürdigerweise als „Schauspielerin“ geführt wird und dortselbst „tief dekolletiert“ ihre Pfunde genießt, als auch eine gewisse Frau Marianne Sägebrecht (“Ich brauche keinen Mann mehr“), die ebenfalls in der Bunten als „Schauspielerin“ auf dem Besetzungszettel steht und dort überaus gewichtig über einen See rudert, dabei mächtig Wasser verdrängend, hätten Cäsar gut gefallen.

Er hätte sich dann auch nicht auf dem Kapitol erdolchen lassen, sondern einfach in Frau Neubauer und Frau Sägebrecht versinken müssen. Wahrlich ein schönerer Tod. Auch wenn die beiden nicht gerade glatt gekämmt sind und nachts keineswegs schlafen, sondern durch irgendwelche Fernsehfilme kugeln. Aber wie seufzte schon Hamlet: To schmier or not to schmier ...

Wenn der G-String Kopfzerbrechen beschert

Dazu passt prima, dass die Kolumnistin in Frau im Spiegel die Bäuche von Joschka Fischer, Helmut Kohl und Peter Harry Carstensen als toperotische Machtfaktoren würdigt, die helfen, „jedes weibliche Herz zu brechen“. Das trifft sozusagen Shakespeare ins zentrale Muskelgewebe. Und wenn ebenfalls in Frau im Spiegel verkündet wird, dass die Tangas jetzt wieder länger werden, denn der „knappe G-String hat so mancher Frau Kopfzerbrechen beschert“, dann hat das Drama zwischen Kopf und Bauch doch fürwahr seinen absoluten G-Punkt erreicht. Vor allem, wenn man überlegt, wo „manche Frau“ so ihren Kopf hat. Dergestalt wird jedes dieser bunten Hefte zu einer Art Programmheft.

Da fügt es sich, dass Ulrich Wickert der Bunten zu Beichtprotokoll gibt, dass er zu Bäumen betet, während Altski-Paar Rosi Mittermaier und Christian Neureuther in der Revue bekennen, dass sie sich erotische Episteln ins Zahnputzglas schmuggeln, dieweil Königin Beatrix der Niederlande in Echo der Frau nicht nur über alle holländischen Wasser gebietet, die in heimische Export-Tomaten fließen, sondern allen holländischen Wasserlassern gleichsam ein Vorbild ist, weil sie öffentlich auf einer Messe in Maastricht Toilettenschüsseln begutachtet hat - in angeregtestem Gedankenaustausch mit Sanitärfachleuten. Schon dies alles: reiner Shakespeare. Geht es aber noch dramatischer?

„Einen Schweinsbraten um den Kopf hauen“

Doch, das geht. Ingrid Steeger (78), Altklimbimbombe, hat in der eschatologisch-theatralischen Jenseitspostille mit dem schönen Namen Neue Welt formuliert, dass sie gerne als Elefant wiedergeboren werden möchte. Was bis auf die Stoßzähne toll zu ihr passt. Prinz Charles (99) kämpft in Das Goldene Blatt verzweifelt „um den Thron“, kriegt ihn aber nie. Das Gutsfräulein Nina Ruge (14) findet in der Revue, dass man den reichen Leuten doch ihr bisschen Geld ruhig gönnen und sich nicht vom „blanken Neid“ zerfressen lassen soll, denn dessen „Dünger“ sei der „Zweifel an sich selbst“. Magdalena Kroetz (15) aber, Tochter des dramatischen Boulevardknallfrosches Franz Xaver Kroetz (88), findet es in der Bunten nicht schön, dass eine Ex-Geliebte ihres Papas diesem „einen Schweinsbraten um den Kopf hauen“ wollte, bekennt aber, dass Papa über alles lache, über depperte Geliebte und über schlechte Theaterkritiken auch.

Zahnputzgeilheit, Toilettenwahnsinn, Elefantenneiddünger und gekroetzter Kritikerschweinsbraten - viel, viel Shakespeare! Aber da kommt eben Lückemeiers Agnesmaria zur Tür herein, nimmt uns die Knallpresse wieder weg, löst ihren Dutt, legt ihre Alterszahnspange ab, breitet die Arme aus und will eben so richtig auf uns drauffallen. „Zu viel Shakespeare!“ denken wir noch, bevor wir den Dienstfallschirm anlegen und aus dem Fenster springen.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.03.2007, Nr. 12 / Seite 66
Bildmaterial: ddp, picture-alliance/ dpa

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