Von Sacha Zoske
11. Oktober 2004 Sehen Sie sich mal Ihren Mops an. Sehen Sie ihn sich genau an. Was sehen Sie? Eine krummbeinige Töle mit Knautschgesicht? Dann rufen Sie sich bitte den großen Satz aus dem Kleinen Prinzen ins Gedächtnis, der da lautet: Man sieht nur mit dem Herzen gut.
Shirley MacLaine hat das frühzeitig begriffen und mit kordial geschärftem Blick die wahre Natur ihrer Jack-Russell-Dame "Terry" erschaut: Der putzige Kläffer ist ein Gott. Und obendrein eine Art Seelenzwilling, wie Mrs. MacLaine Frau im Spiegel verriet: "Terry und ich haben schon mindestens ein Leben im alten Ägypten zusammen verbracht. Sie als Tiergott Anubis, ich als Prinzessin. Jetzt hat uns das Leben erneut zusammengebracht." Auch auf die Größe einer Einkaufstasche geschrumpft, verfügt der König des Schattenreichs offenbar noch über deutlich mehr Charisma als die meisten paarungswilligen Nordamerikaner: "Je mehr ich über Männer in Erfahrung bringe", urteilt die sachverständige Diva, "desto mehr liebe ich meinen Hund."
Schwimmfähige Goldbarren
Tiefe Empathie mit der Kreatur hat auch die Berufswahl von Thomas Mack bestimmt. Nach Recherche von 7Tage ist er Europas erster Fisch-Chirurg und hat Tag für Tag "zarte Flossen unterm Messer". Auf dem OP-Tisch des Veterinärs landen vor allem Koi-Karpfen, schwimmfähige Goldbarren, deren Anschaffung als Statussymbol sich für alle empfiehlt, denen ein Sportboot im Weiher vor der Villa zuviel Platz wegnimmt. Früher, berichtet Doktor Mack, seien kranke Fische meist schnell der Fürsorge städtischer Kläranlagen überantwortet worden - ein Koi-Besitzer dagegen denke nicht daran, 100000 Euro die Toilette hinunterzuspülen. Wahrscheinlich werden vermögende Karpfenfreunde bald auch nicht mehr gewillt sein, dem altersbedingten Verfall ihrer Teichbelegschaft tatenlos zuzuschauen: Nur eine Frage der Zeit, bis in der Mackschen Praxis Schuppen-Peeling, Kiemen-Lifting und Botox-Injektionen für eingeschrumpfte Fischmäuler offeriert werden.
Beckhams fortschreitende Feminisierung
Ob das Phänomen der Metrosexualität auch bei Wasserbewohnern auftritt, wissen wir nicht, wenngleich uns 7Tage ("Kinderkriegen ist bei Seepferdchen Männersache") den Verdacht nahelegt. Fest steht jedenfalls, daß diese Verirrung unter prominenten Vertretern der Spezies Homo sapiens in erschreckendem Maße um sich greift. Die fortschreitende Feminisierung des Fußballhelden David Beckham, der bei der Einschulung seines Filius Tränen vergoß, statt den zimperlichen Buben mit einem Strafstoß ins Klassenzimmer zu befördern, haben wir noch zähneknirschend ertragen.
Jetzt aber lümmelt sich Deutschlands Trend-Prostituierte Boris Becker mit Federboa und lidschattenumdunkeltem Blick auf dem Titelblatt von Bild - ein "neuer Schock für seine Söhne", wie Echo der Frau korrekt feststellt: "Noah (10) und Elias (5) waren völlig verwirrt, als sie ihren Papa - ihren großen, starken, geliebten Vater - auf diesen Fotos sahen. Daddy gekleidet wie eine Frau. Daddy geschminkt wie eine Frau." Noch mehr Sorgen machen wir uns allerdings um das Seelenheil der Kinder von Hardy KrügerJr. Der wickelte sich nämlich für ein in der Bunten dokumentiertes Fotoshooting mehr oder minder nackt in teure Pelze. Weshalb der kleine Leon in seiner Münchner Schule jetzt wahrscheinlich von den Söhnen und Töchtern besserverdienender Peta-Aktivisten als "Tiermörder-Balg" über den Pausenhof gejagt wird.
Eine Latte ist keine Niete, keine Pfeife und keine Flasche
Wenn Sie, werter Leser, auch endlich zu denen gehören wollen, die sich Koi-Karpfen, Pelze und Metrosexualität leisten können, dann trainieren Sie doch einfach für einen Auftritt in "Wer wird Millionär?". Das Neue Blatt hilft Ihnen dabei. Als erstes die 50-Euro-Frage: "Welches der folgenden Wörter verwendet man nicht im Sinne von ,Versager' - a) Niete, b) Latte, c) Flasche, d) Pfeife?" Sie überlegen fünf Minuten, ob Sie den Telefon-Joker nehmen, dann kreuzen Sie schließlich doch "d" an? Vergessen Sie's, Sie Latte, aus Ihnen wird nie ein Quiz-Champion. Wahrscheinlich werden Sie auf ewig zu den Leuten gehören, die Doktor Wolfs Tiersprechstunde in der Neuen Welt mit Fragen wie "Muß ich meinem Hund die Ohren putzen?" bereichern, statt solche Aufgaben an Ihre osteuropäischen Dienstboten zu delegieren. Wahrscheinlich werden Sie auch Woche für Woche aus ebenjener Postille die "schönsten Diana-Fotos zum Sammeln" herausreißen, besonders inbrünstig die aktuelle Nummer 368 mit dem Untertitel "Einsamkeit tut weh".
Ganz bestimmt jedenfalls werden Sie nie die Seins-Ebene von Ben Kingsley erreichen, der es sich leisten konnte, den Reporter von der Bunten so ungnädig abzufertigen wie einen Haustürvertreter für Inkontinenzprodukte. Zwischen zwei No-Comments ließ er den bestürzten Besucher wenigstens wissen, daß ihm die Schauspielerei Religionsersatz sei. "Mit anderen Worten: Mein Gott bin ich", resümiert die Bunte. Schließen Sie, Leser, diese Erkenntnis in Ihr Herz, und betrachten Sie noch einmal Ihren Mops. Sieht er nicht ein bißchen aus wie Orson Welles?
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.10.2004, Nr. 41 / Seite 66