06. Juli 2008

Wenig Glamour, aber viel harte Arbeit

Studieren an der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film

Von Anette Orth



Max Frauenknecht will nach seinem Studium in die Filmproduktion einsteigen. Für den Übungsfilm "Tage wie Jahre" hat er sich bereits als Produzent ausprobieren können.
10. Dezember 2007 
Unter den Filmhochschulen ist sie weit und breit die renommierteste: Die Münchener Hochschule für Fernsehen und Film hat so viele Oscar-Preisträger hervorgebracht wie keine andere. Wer hier studieren will, muss viel Talent, gute Vorkenntnisse und noch mehr Durchhaltevermögen mitbringen. Dafür wird einem beigebracht, wie man dreht, schneidet, wie man mit Schauspielern und der Kamera umgeht und wie man eine Geschichte erzählt.

Ein bescheidener Eingang führt in die Traumfabrik, fast versteckt liegt die Münchener Hochschule für Fernsehen und Film mitten in einem ruhigen, beschaulichen Wohnviertel. Hier kommst du nie rein, dachte sich Michaela Kezele, als sie vor sechs Jahren zur Aufnahmeprüfung erschien. Ein kleiner Stuhl und vor ihr eine Reihe von Professoren, die alle ganz ernst schauten. An diese Situation erinnert sich die heute 32-Jährige noch ganz genau. Und auch daran, dass sich Freunde von ihr schon zigmal beworben hatten - und abgelehnt wurden. Schlussendlich hatte sie einen guten Tag erwischt und überzeugte das Gremium, dass es nichts gibt, was sie lieber machen möchte: Filme! Michaela Kezele bezeichnet sich selbst als Gastarbeiterkind, ihr Vater ist in Kroatien geboren, ihre Mutter in Serbien. Die Kindheit verbrachte sie halb bei den Großeltern in Dubrovnik, halb bei den Eltern in München. Mit Ausbruch des Bürgerkriegs, im Alter von 16 Jahren, blieb sie endgültig in der bayerischen Landeshauptstadt.

In drei Jahren wird die Münchener Filmhochschule ihre Vorortlage aufgeben und mitten in die Münchener Innenstadt ziehen.

Erzähle Geschichten von dort, wo du herkommst, das sind die stärksten, hat ihr ein Lehrer am Anfang ihrer Ausbildung geraten. Und das tut sie. Milan zeigt Erlebnisse eines kleinen Jungen in den Wirren des Kosovokriegs. Das 23-minütige Drama wurde mehrfach preisgekrönt. Doch der Weg dorthin war alles andere als einfach. Schon allein ein Drehbuch aufs Papier zu bringen sei für sie wahnsinnig schlimm. Ich nehme mir morgens vor, stundenlang zu arbeiten, setze mich dann aber erst abends hin und schreibe aus lauter schlechtem Gewissen bis tief in die Nacht hinein. Dann die Dreharbeiten im tiefsten Serbien. Irgendwie ging alles schief, und Kezele hatte das Gefühl, sich völlig übernommen zu haben. In größter Verzweiflung rief sie ihren Professor im fernen München an, klagte und weinte minutenlang ins Telefon. Ihr Dozent hörte zu, sagte ab und zu ja oder mmh und dann sagte er: Okay Mädchen, alles verstanden, und jetzt mach deinen Film! Es sei so gewesen, als hätte sie Mama und Papa angerufen, so gut habe ihr das Gespräch getan und so sehr habe es ihr weitergeholfen. Ihr Verhältnis zur Hochschule beschreibt sie als stark emotional, während der Ausbildung habe ihr die Schule immer eine große Sicherheit gegeben.

Offensichtlich haben die Gründerväter der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film nicht an einen langen Erfolg geglaubt. Als 1967 der erste Jahrgang das Studium aufnahm, bekam er den Buchstaben A. Nach 31 Jahren endete das Alphabet, die Hochschule gab es immer noch. Und wie! Natürlich, auch andere Städte besitzen Ausbildungsstätten für den Kinonachwuchs, und renommiert sind einige von ihnen. Doch keine andere Filmhochschule bringt es wie die Münchener Kaderschmiede auf nunmehr fünf Oscar-Nominierungen und Gewinne. Mittlerweile werden die Kurse nach der Jahreszahl benannt, in der sie starten, doch die Studenten lernen die Basis ihrer Arbeit nach wie vor in den vier Semestern Grundstudium: Wie man dreht, schneidet, wie man mit Schauspielern und der Kamera umgeht, wie man eine Geschichte erzählt. Und sie lernen es von den Größen des Filmgeschäfts: Doris Dörrie, zum Beispiel, unterrichtet seit Jahren creative writing, bis vor kurzem kümmerte sich Dieter Kronzucker um das Lehrangebot Fernsehjournalismus. Sein Nachfolger ist der ehemalige Leiter des ZDF-Studios in Washington, Eberhard Piltz. Manchmal gibt die deutsche Hollywoodlegende, Kameramann Michael Ballhaus, hier Seminare. Wim Wenders hat es einst auf die HFF geschafft und der Produzent Bernd Eichinger. Auch ihnen können die Studenten hin und wieder als Dozenten begegnen.

Szenenfoto aus dem neuen Übungsfilm "Tage wie Jahre", ein Film von Konstantin Ferstl, Produktion: viaFilm, Max Frauenknecht.

Die Qualität der HFF wird auch durch ein hartes Auswahlverfahren gesichert: Im Wintersemester 2007/08 wurden von 425 Bewerbern 40 aufgenommen. Immer von Mitte November bis Ende Februar des kommenden Jahres läuft die Bewerbungsfrist, das Mindestalter ist 18 Jahre, Höchstalter 30 Jahre. Es gibt Studierende aus der Mongolei, der Ukraine, aus Japan und Argentinien: Die Voraussetzung sind allerdings fließende Deutschkenntnisse. Um überhaupt zum Kolloquium zugelassen zu werden, müssen beispielsweise Bewerber für den Studiengang Film- und Fernsehspiel ein Exposé und eine ausgearbeitete Dialogszene für einen abendfüllenden Kinofilm erstellen. Die Themen können lauten: Zwischen Höhenflug und Absturz - die Geschichte einer jungen Schauspielerin oder Ab morgen bin ich Brinkmann - das wunderbare Leben einer geklauten Biographie.

Hier gibt es Straßen und Geschäfte, da haben schon zig Studierende vor uns gedreht. Da will uns keiner mehr haben.

Vor sechs Jahren noch hatte Michaela Kezele starke Zweifel, dass sie überhaupt zum Studium an der HFF zugelassen wird. Heute gehört sie zu den Vorzeige-Absolventinnen der Hochschule: Ihr Film "Milan" wurde bereits mehrfach preisgekrönt.

Außerdem müssen einige Fragen schriftlich beantwortet werden: Welche deutschen, welche ausländischen Filme sind Ihnen besonders wichtig? Mit welcher deutschen Kamerafrau, mit welchem Produzenten würden Sie gerne zusammenarbeiten und vor allem warum? Welche Persönlichkeit bzw. deren Werk fasziniert, inspiriert oder beeindruckt Sie am meisten? Emir Kusturica, sagt Michaela Kezele, seinen Film Time of the gypsies habe sie im Alter von 14 Jahren gesehen, und dieser Film hat etwas mit mir gemacht: Die Stimmung, die er mit den Bildern gezaubert hat, einfach unglaublich.

Während eines Praktikums bei der UFA in Berlin kam Max Frauenknecht auf die Idee, Produzent zu werden. In Stuttgart geboren, wäre seine Filmhochschule eigentlich die in Ludwigsburg gewesen. Für München hat er sich entschieden, weil hier ein internationaler Medienstandort ist. Die großen Post-Produktionsfirmen, wie ARRI, haben hier ihre Standorte, es gibt die Constantin Film Produktion von Superstar Bernd Eichinger und die besten Medienanwälte Deutschlands, sagt Frauenknecht und lacht. Es ist nicht leicht, das Leben als Produzent: immer auf der Suche nach Sponsoren, betteln um Fördergelder. Schauspieler, Beleuchter oder Maskenbildner müssen überzeugt werden, dass sie möglichst ohne oder für bescheidene Gagen arbeiten. Ein unbarmherziger Konkurrenzkampf in der Szene, und die Münchener sind ihrer HFF-Studenten auch schon teilweise überdrüssig. Hier gibt es Straßen und Geschäfte, da haben schon zig Studierende vor uns gedreht, erzählt der 25-Jährige. Da will uns keiner mehr haben. Umso schöner war die Vorbereitung für den nächsten Übungsfilm, der im niederbayerischen Abensberg spielt. Der Bürgermeister höchstpersönlich kümmert sich um die kostenlose Unterbringung des 20-köpfigen Teams, ein kleines Büro im Rathaus wird für die Zeit der Dreharbeiten zur Verfügung gestellt, die freiwillige Feuerwehr sperrt das Set ab, und 400 Abensberger spielen gerne und unentgeltlich als Komparsen bei einer Massenszene mit. So macht das Filmemachen Spaß.

"Menschen interessieren uns mehr als Schauspieler" - die Dokomentarfilmer Andrea und Eric Asch.

Frauenknecht bekommt immer wieder Anrufe von Bewerbern, die verzweifelt nach Tipps bezüglich der Aufnahmeprüfung fragen. Auf alle Fälle sollte man bereits Praktika gemacht haben, besser drei als eines. Gut ist auch, wenn man bei einer Firma mehrmals gearbeitet hat, das bedeutet, dass man zumindest nicht schlecht war. Noch besser, wenn die Kollegen ehemalige HFFler sind, so bekommt man eventuell eine Empfehlung mit. Wer es erst mal ins Kolloquium geschafft hat, sollte in jüngster Vergangenheit auch ein Buch gelesen oder eine Theateraufführung gesehen haben. Allgemeinbildung schadet also nicht.

Ich denke, man sollte sich nicht so sehr beeinflussen lassen, was andere über die Aufnahmegespräche erzählen, meint Eric Asch, besser ist es, sich auf sein Talent zu verlassen und zu zeigen, dass man Ideen hat. Seine Frau Andrea und er sind Absolventen der Dokumentarfilm-Abteilung. Ihr gemeinsamer Abschlussfilm Der rote Teppich erzählt die eigentlich unmögliche Geschichte eines Autisten, der es täglich schafft, sein Handicap auszutricksen, ohne ihm dabei wirklich entkommen zu können. Menschen interessieren ihn, nicht Schauspieler, sagt Asch, deswegen habe er sich für die Dokumentation, nicht für den Spielfilm entschieden. Letzterer gleiche einem großen Strategiespiel, in dem es nur kleine Änderungen gebe. Die Arbeit an einem Dokumentarfilm ist überschaubarer, und die Geschichte wandelt sich, formt sich, entwickelt sich ständig weiter. In seine Protagonisten verliebt er sich, einfach weil sie ihn eine lange Zeit tagtäglich begleiten und beschäftigen. Am Ende bin ich nie wirklich zufrieden mit einem Film, aber das ist auch Motivation für mich, immer dazuzulernen. Manchmal sei es schwierig, die Arbeit vom Privatleben zu trennen, gerade weil das Ehepaar Asch die Filme gemeinsam produziert, dreht und schneidet. Gut, dass es seit einiger Zeit eine ganz natürliche Erdung gibt: Unser schönster Film heißt Julian, ist vier Jahre alt und wächst täglich!

In diesem Jahr feiert die HFF ihren 40. Geburtstag. 2010 zieht sie von Giesing in ihr neues Haus bei den Pinakotheken mitten im Münchener Großstadttrubel. 38,5 Millionen Euro soll der Neubau kosten, der auch dem neuen Studienzentrum für Filmtechnologie Platz bietet. Im Herbst dieses Jahres soll die Grundsteinlegung für den Neubau in der Gabelsbergerstraße erfolgen, was zeitlich mit dem großen Jubiläum zusammenfällt. Damit machen wir die Bedeutung der HFF für den Film- und Medienstandort München deutlich, sagt Rektor Gerhard Fuchs. Politik, Wirtschaft und nicht zuletzt der Bayerische Rundfunk, der die Studierenden tatkräftig unterstützt, sind stolz auf ihre HFFler.

Ausbildung:
An der HFF kann man zwischen folgenden Studiengängen wählen: Film und Fernsehspiel, Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik (in beiden jeweils mit Schwerpunkt Drehbuch oder Kamera) und Produktion und Medienwirtschaft. Alle Studierenden müssen zusätzlich Scheine und Prüfungen in Kommunikations- und Medienwissenschaft und Technik ablegen. Die Regelstudienzeit beträgt 8 Semester, verlängert sich aber vor allem in den ersten beiden Studiengängen. Hier sollte man mit 12 bis 14 Semestern rechnen. Alle Studiengänge schließen mit einem Diplom ab.

Die HFF bietet zwei Aufbaustudiengänge: Film-Fernseh-Szenenbild und Theater-, Film- und Fernsehkritik. Außerdem kann man folgende Wahlfächer belegen: Angewandte Bildästhetik oder Dramaturgie, Drehbuch und Stoffentwicklung. Außerdem Creative Writing, Fernsehjournalismus oder Werbung.

Aufnahmeprüfung:
Die nächste Bewerbungsfrist ist vom 15. November 2007 bis 28. Februar 2008. Die Bewerber sollten mindestens 18, höchstens 30 Jahre alt sein. Gute Deutschkenntnisse sind erforderlich. Alle Einzelheiten unter: http://www.hff-muenchen.de. Im Internet gibt es auch hilfreiche Foren zum Thema HFF - einfach mal stöbern!

Finanzierung
Es ist kein Geheimnis: München gehört zu den teuersten Großstädten in Deutschland. Als Studierender empfiehlt es sich, großzügige Eltern zu haben oder sehr fleißig zu sein und nebenher zu arbeiten. Vorteil: Es gibt viele Studentenjobs auch in den zahlreichen Medienunternehmen. Für ein Zimmer, auch in einer WG, sollte man mindestens mit 500 Euro pro Monat rechnen. Dazu kommen Studiengebühren in Höhe von 300 Euro pro Semester. Die HFF ist, auch was technisches Equipment angeht, sehr gut ausgestattet. Manche Studierende legen sich aber während der Ausbildung eigene Kameras oder Schnittsysteme zu. Dafür ist ein großes Sparbuch unabdingbar.

Adresse:
Hochschule für Fernsehen und Film, HFF
Frankenthaler Straße 23, 81539 München
Tel.: (0 89) 6 89 57-0
info@hff-muc.de

Berühmte Absolventen

Wim Wenders, Bernd Eichinger, Doris Dörrie, Sönke Wortmann, Caroline Link, Marcus H. Rosenmüller, Florian Henckel von Donnersmarck sind wohl die bekanntesten. Auch Amelie Fried, Moderatorin und Schriftstellerin, oder Tom Fährmann, Kameramann von Das Wunder von Bern oder Das Superweib haben die HFF in München besucht.

Interessante Alternativkarrieren gibt es auch: Eine Absolventin wurde Gymnasiallehrerin, einer sofort nach seinem Studium Diamantenhändler und einer TV-Unterhalter. Sein Name: Michael Schanze. Der Ehrlichkeit halber sei erwähnt, dass manche Absolventen in keine der beiden Kategorien fallen.

Oscar-Nominierungen und Gewinne

1994 Studenten-Oscar für Abgeschminkt von Katja von Garnier - der Anfang der deutschen Erfolgssträhne beim Oscar, die eigentlich eine bayerische ist.

2000 war Florian Gallenberger siegreich mit seinem Kurzfilm Quiero ser.

2003 die Königsdisziplin: Oscar für den besten fremdsprachigen Film Nirgendwo in Afrika von Caroline Link.

2005 krönte die Nominierung von Die Geschichte vom weinenden Kamel den märchenhaften Filmerfolg von Luigi Falorni und Byambasuren Davaa in der Sparte Beste Dokumentation.

In diesem Jahr schließlich ein Oscar für Florian Henckel von Donnersmarck mit Das Leben der Anderen. Allesamt sind sie Absolventen der HFF hinterm Giesinger Bahnhof.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 93, 2007
Bildmaterial: Anette Orth, InstinktFilm, Maren Bornemann, viaFilm