22. Juni 2009 Wir stellen Studentinnen und Studenten vor, die neben ihrem Studium etwas tun. Das kann etwas Wichtiges für Mitmenschen sein oder etwas Ausgefallenes, auf jeden Fall ist es aber etwas Interessantes.
Aufräumerin
Die angehende Archivarin Susann Gutsch half beim Bergen von Dokumenten im eingestürzten Kölner Stadtarchiv mit.

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Durch ein Hobby ihres Vaters kam Susann Gutsch auf ihren Traumberuf: Papa Roland, Journalist bei einer Regionalzeitung, schreibt in seiner Freizeit Romane. Dafür arbeitet er eng mit unserer Stadtarchivarin zusammen, erzählt Susann. Sie wurde neugierig auf deren Arbeit, absolvierte einige Praktika und wusste schnell: Das will ich machen. Inzwischen studiert die 22-Jährige im sechsten Semester Archivwissenschaften an der FH Potsdam. Als das Fernsehen vom Einsturz des Kölner Stadtarchivs berichtete, war Susann zwar entsetzt, aber richtig einschätzen konnte sie die Lage noch nicht. Erst als sie einige Tage später in einer Halle in Köln saß, vor sich verbogene Ordner aus Metall, die mit bloßen Händen nicht mehr zu öffnen waren, wurde ihr bewusst, welche Kräfte gewirkt haben müssen. Die Neubrandenburgerin war zusammen mit zehn Kommilitonen der FH Potsdam als eine Art studentische Taskforce an den Rhein geeilt. Eine Woche lang befreiten sie wertvolle Dokumente von Schutt, wuchteten Kisten herum und standen immer wieder vor wichtigen Entscheidungen. Oft ging es um die Frage: Nass oder trocken? Das klingt banaler, als es ist. Denn wenn nur ein einziges Stück Papier feucht ist, macht sich der Schimmel im ganzen Ordner breit, erklärt Susann. Daneben musste sie schnell herausfinden, um was es sich bei den Schriftstücken konkret handelte. Wie man alte Handschriften liest, das üben wir zum Glück schon im ersten Semester, sagt sie. Vor allem in Hinblick auf praktische Aspekte hat sie in Köln einiges gelernt: Wie von Schimmel befallenes Papier aussieht, kannte ich vorher nur von Fotos, wie man eine Trockenkammer anlegt und vor allem wie wichtig es ist, für den Notfall gerüstet zu sein. Es ist in den letzten Jahren viel passiert: das Hochwasser in Dresden, der Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, jetzt dieses Unglück. Um unsere Kulturschätze zu bewahren, muss die Krisenplanung um einiges besser werden. Das ist uns allen in Köln bewusst geworden.
http://informationswissenschaften.fh-potsdam.de/2547.html
Grafikvermarkter
Zusammen mit seinen Freunden Gleb Teplitsky und Silver Ilves gründete BWL-Student Paul Leibssle einen Online-Marktplatz für grafische Dienstleistungen und Produkte.

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Gleb, Paul und Silver - alle Mitte zwanzig - eint mehr als nur ihr Alter: Sie kamen mit ihren Eltern aus Russland und Estland nach Deutschland, sie studierten eine Zeitlang gemeinsam Wirtschaftsinformatik an der TU München - und sie interessieren sich alle drei für Photoshop und gra-fische Gestaltung. Paul, der demnächst sein Studium der Technischen BWL abschließen wird, träumte davon, eine Plattform für grafische Dienstleistungen ins Internet zu stellen. Damit rannte er bei Gleb und Silver, die ihr Diplom bereits in der Tasche haben, offene Türen ein. Wir haben uns gleich hingesetzt und Strategien entwickelt. Sie entwarfen einen Businessplan, belegten ein Seminar für Existenzgründer und wurden schließlich beim Entrepreneurship-Center der LMU als Lab-Team aufgenommen. Räume, Equipment, Telefon - wir müssen nichts bezahlen, werden von Coaches beraten und bekommen noch dazu jeder ein Stipendium, schwärmt Paul. Das Ergebnis ihrer Arbeit ist seit kurzem online und heißt Pixeltalents. Die Seite ist eine Kombination aus Community, Marktplatz, Grafikagentur und Druckanbieter. Die Idee: Jeder kann sich mit grafischen Dienstleistungen als Pixeltalent registrieren lassen, zum Beispiel mit dem Angebot, alte Fotos zu restaurieren, Einladungskarten zu gestalten oder Bilder zu Collagen zu montieren. Die Kunden können die Ergebnisse digital abrufen oder sich drucken und schicken lassen. Noch ist die Teilnahme kostenlos, später wollen die drei Gründer ähnlich wie Ebay von den Anbietern eine kleine Gebühr nehmen. Bis Ende des Jahres haben sie sich Zeit gegeben. Wenn wir im Weihnachtsgeschäft nicht bestehen, muss ich wohl die Notbremse ziehen und mir einen festen Job suchen, sagt Paul. Schließlich gebe es in seinem Leben neben Pixeltalents noch ein weiteres, sehr reales Baby: Julia, seine sechs Monate alte Tochter.
http://www.pixeltalents.com http:// http://www.entrepreneurship-center.uni-muenchen.de
Autorensammler
Christine Ott und Michael Pfeuffer gründeten einen Verlag. Im Herbst erscheinen die ersten Bücher - geschrieben ausschließlich von Studenten.
In Christine Otts Freundeskreis gibt es viele Studenten, die nicht nur Hausarbeiten schreiben, sondern in ihrer Freizeit auch Gedichte, Kurzgeschichten und Romane. Ich habe schon sehr gute Texte gelesen, doch leider veralten sie meistens auf dem Computer oder landen im Papierkorb, sagt die Germanistikstudentin aus Würzburg. Weil unaufgeforderte Manuskripte bei den großen Verlagen meist keine Chance haben, gründeten sie und der Architekturstudent Michael Pfeuffer im vergangenen Herbst ihren eigenen Verlag. Die beiden kennen sich noch aus Schulzeiten und besuchen regelmäßig Poetry Slams, Lesungen und Buchpartys. Bei einer Zugfahrt kam ihnen die Idee für einen Namen: Stellwerck soll die Weichen für vielversprechende Autoren stellen, die im Literaturbetrieb noch nicht bekannt sind. Bei uns müssen die Texte in kein Marketingkonzept passen, erklärt Christine Ott. Die Autoren müssen allerdings an einer Hochschule eingeschrieben sein. Mit Flugblättern und per Mail warben die Verleger bundesweit um Einsendungen für die erste Ausgabe. Die Resonanz war groß: Medizinstudenten schrieben Liebesgedichte, Juristen verfassten Bühnenstücke, Ingenieure reichten Fantasy-Romane ein. Aus knapp 100 Manuskripten muss das Lektorat, das ebenfalls nur aus Studenten besteht, nun die besten auswählen. Drei Bücher sollen im Herbst veröffentlicht werden: Ein Gedichtband, ein Sammelband mit Kurzgeschichten und ein Roman. Den Traum vom eigenen Verlag finanzieren Christine Ott und Michael Pfeuffer weitestgehend aus Spendengeldern und aus eigener Tasche. Wir hoffen, dass die Idee angenommen wird und wir Stellwerck später hauptberuflich weiterführen können - das wäre toll, sagt die 23-Jährige. Die Jungverleger sind schon auf der Suche nach Manuskripten für die nächsten Ausgaben. Wir sind offen für alles, auch für experimentelle Texte, betont Christine Ott. Auf der Internetseite können sich Nachwuchsautoren über die Einsendemodalitäten informieren und an einem studentischen Fortsetzungsroman mitschreiben.
http://www.stellwerck.de
Kunstvertoner
Friederike Christoph, Martin Hercher, Susanne Nelles und David Blum (von links nach rechts) produzierten kreative Audioguides fürs Museum.
Ein Pianist improvisiert. Er reiht Akkorde und Töne aneinander, probiert verschiedene Tonarten und Rhythmen aus. Plötzlich schält sich aus seinem Spiel eine Melodie: Für Elise von Beethoven. In dem Hörstück geht es allerdings nicht um Musik, sondern um eine Beethoven-Statue des Malers und Bildhauers Max Klinger. Die Aufnahme ist eine von etwa 30 kleinen Hörstücken, die Kunst zum Klingen bringen. Geschrieben, gesprochen und produziert haben sie etwa 25 Studenten am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaften der Universität Leipzig. Das dortige Museum der bildenden Künste suchte Autoren für einen Audioguide, der Besuchern per MP3-Player und Kopfhörer die Werke der Dauerausstellungen näherbringen sollte. In einem Seminar, das von zwei erfahrenen Hörfunkredakteurinnen geleitet wurde, sollten die Studenten einen Rundgang durchs Museum vertonen. Nur trockene Daten aufzuzählen war uns zu langweilig, sagt Susanne Nelles, die außer Medienwissenschaften auch Soziologie studiert. Wir wollten die Kunstwerke nicht nur darstellen, sondern sie auch inszenieren. Entstanden ist die Reihe Kunst im Ohr: Da hört man den Maler Max Beckmann in einem verrauchten Jazzcafé über seine wilden Studentenjahre erzählen. In einem anderen Stück galoppieren Napoleons Truppen übers Schlachtfeld. Und im Audioguide über Die sieben Lebensalter des Weibes von Hans Baldung unterhalten sich zwei Studentinnen übers Älterwerden. Kunst im Ohr richtet sich vor allem an junge Besucher, die sich nicht von vornherein für Malerei interessieren, sagt Susanne Nelles. Dem Museum war diese Zielgruppe allerdings zu eng gefasst - es stieg kurz vor der Produktionsphase aus dem Projekt aus. An Abbruch haben wir trotzdem nicht gedacht, sagt die Kunstwissenschaftsstudentin Friederike Christoph. Die 22-Jährige koordinierte die Studiotermine mit Leipziger Musikstudenten, die die Stücke vertonten. David Blum stellte die Audioguides auf eine selbst entworfene Homepage. Jetzt kann sich jeder die Stücke auf den eigenen MP3-Player herunterladen und die Bilder im Internet anschauen.
http://www.kunstimohr.de