12. Oktober 2008

Leute: Studenten im Portrait

Von Fenja Mens




16. Mai 2007 
Planen für Peking

Jan Kertscher entwickelte ein Planungsinstrument zur Bebauung von ehemaligen Industriegebieten in China.


Schon das Auswahlverfahren war ungewöhnlich: Wer an dem dreiwöchigen Seminar in Peking teilnehmen wollte, musste sich mit Arbeitsproben und einem Motivationsschreiben beim Lehrstuhl für Städtebauliches Entwerfen und Architektur bewerben. 19 Studierende der Berliner TU durften am Ende mit. Vor Ort arbeiteten sie mit Studierenden der renommierten Tsinghua Universität zusammen. Die Aufgabe: ein neues Stadtviertel für das Gelände eines ehemaligen Stahlwerks entwerfen. Jan Kertscher, Architekturstudent im siebten Semester, hatte sich vorher kaum mit Stadtplanung befasst, wollte aber unbedingt mit nach China. „Das Land ist zu einem Spielplatz für westliche Architekten geworden“, sagt der 26-Jährige und fügt selbstbewusst hinzu: „Ich würde vieles anders machen. Statt sich mit phantasievollen Gebäuden zu übertreffen, sollte man lieber nachhaltig planen: Da entwirft ein Architekt für eine Million Menschen auf Jahrzehnte das Lebensumfeld - eine Verantwortung, derer sich viele gar nicht bewusst sind. Ich würde große Flächen nicht zeitgleich bebauen, sondern nach und nach. So kann man auf Entwicklungen reagieren.“ Sein Team - drei weitere Architekturstudenten sowie eine angehende Landschaftsarchitektin - entwarf keine Bürogebäude oder Einkaufscenter, sondern entwickelte ein Planungsinstrument für die künftige Bebauung. Dabei fragten sie sich, welche Potentiale und welche Probleme es auf dem Areal gibt und welche sich noch entwickeln könnten; dazu zählen beispielsweise auch mögliche Schadstoffe, die sich im Boden befinden und erst noch beseitigt werden müssen. Die Deutschen sammelten Informationen, die beiden Chinesen im Team kümmerten sich um die mathematische Seite. Das gemeinsame Ergebnis war ein dreidimensionales Modell. Die Pekinger Stadtplaner, denen sie es später präsentierten, zeigten sich interessiert. Auswirkungen wird ihr Instrument vorläufig jedoch nicht haben - die Bebauungspläne für das Gelände sind längst fertig. Aber immerhin: Auf einer deutsch-chinesischen Umweltkonferenz bekamen die fünf einen Preis verliehen.
http://www.a.tu-berlin.de/zillich

The Beauty and the Engineers

Drei Maschinenbaustudenten der TU Karlsruhe setzten sich in einem internationalen Wettbewerb für angehende Ingenieure gegen 26 Teams aus acht Ländern durch.


Als ihr Dekan in einer E-Mail für den „Ingenius Contest“ des Kosmetikherstellers L'Oréal warb, waren die Karlsruher Maschinenbaustudenten Petra Foith (23), Dennis Seichter (23) und Benedikt Wiegert (24) sofort Feuer und Flamme. Das Trio überstand zunächst die Vorauswahl und durfte sich an dem Planspiel beteiligen. Die Aufgabe bestand darin, eine Fabrik für Make-up und Haarpflegeprodukte zu modernisieren. Während des Wettbewerbs wurden die Teams von Top-Managern betreut. „Der enge Kontakt war schon toll. Unser Coach hatte auch schon in der Realität eine Produktionsstätte neu aufgebaut, deshalb konnte er uns viele gute Tipps aus der Praxis geben. Solche Möglichkeiten haben wir im Studium normalerweise nicht“, schwärmt Petra. Vor allem dass ihr Coach immer wieder auf dem Faktor Machbarkeit bestanden habe, sei sehr hilfreich gewesen. „Anfangs waren wir völlig fixiert darauf, vor allem innovative Lösungsvorschläge zu finden, aber wir haben dann schnell gelernt, dass Praxistauglichkeit mindestens genauso wichtig ist.“ Die richtige Mischung führte dann schließlich zum Erfolg: Viel Lob der Jury erntete zum Beispiel ihre Idee eines betriebsinternen Thinktanks. „Das ist ein Gremium, in dem Mitarbeiter aller Abteilungen und Hierarchiestufen gemeinsam diskutieren, wie sich die Produktionsstätte verbessern lässt“, erläutert Petra. Mit einer souveränen Präsentation ihrer Ergebnisse warfen die drei zunächst die Konkurrenz aus Deutschland, Frankreich und Polen aus dem Rennen, dann, im großen Finale, auch die Teams aus China, Mexiko und Kanada. Nun dürfen Petra, Dennis und Benedikt ein bezahltes Auslandspraktikum bei L'Oréal absolvieren. „Eigentlich wollte ich später mal bei einem Maschinenbauunternehmen wie Bosch oder Airbus technisch komplexe Produkte entwickeln“, erzählt Petra und lacht. „Aber durch den Wettbewerb ist mit klargeworden, dass es auch in der Konsumgüterindustrie Jobs gibt, die für Maschinenbauer richtig interessant sein können.“

http://www.ingenius-contest.loreal.com

Ottersberger Aktienindex


Verena Beck und Caroline Mempel leiten eine ungewöhnliche Aktiengesellschaft für bedürftige Studenten.

An der Fachhochschule Ottersberg freut man sich, wenn die Aktienkurve des Studienhilfsfonds nach unten zeigt. „Gewinn definiert sich bei uns nicht über Geldzuwachs, sondern über eine Zunahme an finanzieller Unterstützung für Studenten“, erklärt Verena Beck. Die Kunsttherapiestudentin leitet seit 2006 die Aktiengesellschaft zusammen mit Caroline Mempel, die Theaterpädagogik studiert. Die Idee zu dem Projekt kam einigen Ottersberger Studenten 1998, als es um die Frage ging, wie man ohne großen bürokratischen Aufwand Geld erlösen und an bedürftige Kommilitonen vergeben kann. Das war die Geburtsstunde der fiktiven Aktiengesellschaft des Studienhilfsfonds. „Unser Stammkapital resultiert aus limitierten Kunstdrucken, die von unseren Dozenten gestaltet und als Aktienpapiere verkauft werden“, berichtet Verena. Als Präsidentin berät sie finanziell bedürftige Studenten und entscheidet gemeinsam mit der 21-jährigen Caroline über die Vergabe der zinslosen Darlehen. „Sobald wir Gelder ausgeben, fällt der Wert unserer Aktien. Dann müssen wir zusehen, dass wir weitere Papiere veräußern“, erklärt Verena den OX - den Ottersberger Aktienindex. Bevor sie studierte, arbeitete die 27-Jährige im Hotelfach. „Eigentlich wollte ich ja nicht mehr viel mit Wirtschaft zu tun haben, aber die Idee mit der Aktiengesellschaft hat mich dann doch zu sehr gereizt.“ Die Kursnotierungen werden regelmäßig in der Rotenburger Marktrundschau veröffentlicht. Zurzeit sind etwa 400 Aktien im Umlauf, das Gesamtkapital beträgt knapp 70.000 Euro, davon sind ungefähr 40.000 Euro als Darlehen verliehen. „Der Rest ist angelegt, aber nicht in reellen Aktien.“ Verena und Caroline setzen da eher auf die konservative Verzinsung. Einmal im Jahr werden die Aktionäre nach Ottersberg eingeladen - zum Lagebericht und zur Dividendenausschüttung. Die ist ähnlich kurios wie die Geschäftsstrategie: Die Aktionäre bekommen kein Geld, sondern werden von den Darlehensempfängern kulinarisch verwöhnt und dürfen in Aktion treten: in Benimmkursen, Tanzstunden und beim Goldschürfen. Verena selbst hat keine Aktien. Echte Wertpapiere möchte sie auch gar nicht besitzen. „Damit hilft man selten den richtigen Leuten.“
http://www.fh-ottersberg.de

Europa zum Schnäppchenpreis

Anna Gabriel sorgt bei AEGEE für einen günstigen Studentenaustausch.

Auslandsaufenthalte und Sprachkurse sind heute für viele Studenten wichtiger denn je - aber meist teuer. „Da hilft AEGEE“, sagt Anna Gabriel. Die 28-jährige Studentin ist seit 1999 Mitglied der Association des Etats Généraux des Etudiants de l'Europe und seit November 2006 im Vorstand der größten interdisziplinären Studierendenorganisation Europas. „Wir sehen es als unsere wichtigste Aufgabe, das Zusammenwachsen Europas zu fördern. Wir organisieren zahlreiche Veranstaltungen zu diesem Thema und unterstützen den Austausch europäischer Studenten, indem wir günstige Sprachkurse und informative Reisen anbieten“, erzählt Anna, die an der Universität Heidelberg Politik, Spanisch und Deutsch auf Lehramt studiert hat und dort lokale AEGEE-Leiterin war. Jetzt sitzt sie als Human Resources Director und Vizepräsidentin in Brüssel. Zu ihren Aufgaben gehört es, für Nachwuchs zu sorgen und Trainingskurse zu geben, wie man AEGEE-Projekte erfolgreich durchführt. Die Studentenorganisation, die heute etwa 15.000 Mitglieder in 40 europäischen Ländern hat, besitzt keine nationalen Strukturen. Sie gliedert sich in 241 lokale Einheiten, sogenannte Antennen, die in ihren Städten verschiedene Programme anbieten, wie zum Beispiel Sprachcafés, Seminare zu politischen und kulturellen Themen und Austauschbörsen. Das größte AEGEE-Projekt sind die Summer Universities, die von Studenten für Studenten organisiert werden. „So eine zweiwöchige Reise beinhaltet Unterricht, Unterkunft, Exkursionen und mindestens eine Mahlzeit am Tag - und das für etwa 120 Euro“, erzählt Anna, die selbst an Summer Universities in Riga und Rumänien teilgenommen hat. Ein weiteres wichtiges AEGEE-Projekt ist die Betreuung von Studenten des EU-Austauschprogramms Erasmus. Die Antennen helfen bei der Wohnungssuche und alltäglichen Problemen. Und wie sieht es mit einem Blick über Europa hinaus aus? „Wir wollen keine Antenne in Peking oder Buenos Aires. Denn dann könnten wir keinen günstigen Austausch mehr gewährleisten.
http://www.aegee.org

Text: Hochschulanzeiger Nr. 90, 2007
Bildmaterial: privat