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| Schön kompakt: Bibliothek, Hörsäle, Labore und Wohnheime dicht beisammen. |
17. Juni 2005
In den letzten zehn Jahren haben sich die Studentenzahlen der TU Chemnitz verdoppelt. Schnelles Studieren und besondere Studiengänge, intensiver Praxisbezug und eine neue Stadt locken immer mehr Studenten. Trotz eines spröden Images.
Wenn man Chemnitz hört, kommt dieser Gedanke. Und Christian Steg faßt ihn in Worte. Er dachte das, was viele in seinem Studiengang gedacht haben. Und er ist ehrlich genug, es auch zu sagen. Nach Chemnitz hätte ihn in seinem Leben nicht viel getrieben. Um nicht zu sagen: Gar nichts." Wenn Christian Steg jedoch von Chemnitz spricht, von seinem Studium und dem Leben, das er führt, dann hebt sich seine Stimme und weist auf Zufriedenheit hin. Er erzählt von dieser Initiative und jener Besonderheit, von Vorteilen hier und Einzigartigkeit da. Der 22jährige studiert Europa-Studien an der TU Chemnitz. Und wäre das nicht ein Studiengang, den es so nur an einer Handvoll weiterer Universitäten in Deutschland gibt, Christian Steg wäre gar nicht hier.
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| Schön viel Platz: Die vier Hörsäle und 14 Seminarräume des Hörsal und Seminargebäudes können 2.576 Studenten aufnehmen. |
Er studiert die europäische Zukunft. Wie etwa 90 weitere in seinem Semester. Aus ganz Deutschland kommen sie nach Chemnitz für den Bachelor-Studiengang, der in drei Jahren auf eine Tätigkeit in den EU-Institutionen, in europäisch orientierten Unternehmen oder in der öffentlichen Verwaltung vorbereiten will. Christian Steg ist gerade von einer Exkursion aus Brüssel zurück. Dort sucht man Experten mit Osteuropa-Bezug", sagt er. Wegen der vielen neuen Länder in der EU. Also ist das Erlernen einer osteuropäischen Sprache Pflicht für die Europastudenten. Ob Polnisch oder Ungarisch, Russisch oder Tschechisch, die EU-Osterweiterung soll den Studenten nach ihrem Studium Arbeit bringen. Europa bedeutet für sie Vorlesungen und Seminare zu Politik und Wirtschaft, Kultur und Recht, Geschichte und interkultureller Kommunikation. Die Quote derer, die ein Auslandssemester einlegen, liegt bei annähernd 100 Prozent - eine der Besonderheiten. 60 Partneruniversitäten hat die TU Chemnitz in 31 Ländern. Christian Steg ist gerade dabei, mit seinem Professor den Kontakt nach Krakau aufzubauen, um dort ein Semester zu studieren. Auch so eine Initiative.
Noch heute prägen Fabriken das Stadtbild
Der Studiengang sei das Aushängeschild der Philosophischen Fakultät, sagt Christian Steg. Und tatsächlich versucht die Technische Universität in ihren Studienangeboten vor allem eines anzubieten: Interdisziplinarität. Fakultätsübergreifend. Das Fach Europa-Studien kann man in wirtschafts-, kultur- und sozialwissenschaftlicher Vertiefungsrichtung studieren. Studiengänge wie Finanzmathematik oder Technikkommunikation, Europäische Geschichte, Computational Science als Liaison der Naturwissenschaften und der Informatik, Grafische Technik, Technomathematik oder Medienkommunikation als Zusammenschluß von Technik, Wirtschaft und Publizistik sollen dem Bedürfnis des Arbeitsmarktes nach einer Vielzahl von Qualifikationen Rechnung tragen. Seit 1995 hat sich die Studentenzahl verdoppelt. Obwohl zwei Drittel der über 10.000 Studenten in der Philosophischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät studieren, ist die Universität eher für ihre technischen und naturwissenschaftlichen Fächer bekannt. Der Maschinenbau hat Tradition in Chemnitz. Vom klassischen Maschinenbaustudium, über Wirtschaftsingenieurwesen - auch so einem interdisziplinären Fach - bis hin zu Systems Engineering und Mikrotechnik/Mechatronik, das in Deutschland einmalig ist und mechanische sowie elektronische Wissensfelder abdeckt, reichen die Studienmöglichkeiten an der Fakultät. Als sächsisches Manchester wurde die Arbeiterstadt früher bezeichnet. Schon im 14. Jahrhundert waren Textilmanufakturen und der Handel Grundlage der Wirtschaft. Die erste Dampflok wurde hier ins Schienennetz gelassen. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Chemnitz das höchste Patentaufkommen Deutschlands, gehörte zu den reichsten Städten des Landes. Die ersten echten Fabriken entstanden nicht im Ruhrgebiet, sondern in Chemnitz. Noch heute prägen sie das Stadtbild der mit 250.000 Einwohnern viertgrößten Stadt Ostdeutschlands. 20.000 Menschen arbeiten in der Automobilindustrie, Volkswagen unterhält ein Werk, BMW läßt Motoren bei Zulieferern in Chemnitz bauen. Doch das Innovationspotential der Region kommt aus der Universität. Also sagt auch Birgit Spanner-Ulmer Sätze wie: Die technische Ausbildung an der TU ist sehr gut, aber häufig fehlt die ganzheitliche Betrachtung der Systeme. Wir brauchen im Maschinenbau noch interdisziplinärer ausgebildete Generalisten." Das mache den Erfolg aus. Und den will die 42jähirge Professorin für Arbeitswissenschaft an der Fakultät für Maschinenbau durch Qualifikationen aus anderen Disziplinen wie der Psychologie erreichen. Für alle Bachelor- und Master-Studenten will sie eine Vorlesungsreihe Erfolgsfaktor Mensch" initiieren, in der es um Kommunikations-, Problemlösungs- und Kreativtechniken gehen soll. Das Miteinander ist das wesentlich Bestimmende im Berufsleben", sagt sie. Kommunikation, Informationsfluß und Arbeiten im Team, fachübergreifend, das müsse man schon im Studium vermitteln. Darauf komme es später an.
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| Schön bunt: Die Hörsäle und Seminarräume bringen Farbe ins Studentenleben. |
Oft kommen die Unternehmen und fragen direkt nach Praktikanten aus den Studiengängen.
Birgit Spanner-Ulmer spricht aus Erfahrung. Fast sechs Jahre arbeitete sie nach Promotion und Habilitation bei Audi im Bereich Produktions- planung und in der technischen Entwicklung. Es ging um die Verbesserung von Produktionsabläufen und die Entwicklung von Anzeige- und Bedienkonzeptionen in den Autos aus Ingolstadt und Neckarsulm. Baut man runde oder eckige Schalter ein? Wie groß müssen die Schriftgrößen auf den Anzeigen sein? Wie konstruiert man die Anzeigen so bedienerfreundlich, daß der Fahrer jederzeit weiß, in welchem Modus er sich befindet?" Solche Fragen der Produktergonomie, wie Spanner-Ulmer den Bereich nennt, sollen sich auch ihre Studenten stellen - in einem neuen Labor an der TU Chemnitz, für das Audi schon ein Testfahrzeug bereitgestellt hat.
Die Professorin hat ständig interessante Aufgaben für Projekt- oder Diplomarbeiten. In Kooperation mit Unternehmen. Zusammen mit Siemens entwickelt sie eine Methodik zur Verbesserung der Produktivität der Teamarbeit. In diesem Semester hält sie eine Vorlesung Wissenschaft und Praxis", bei der ein Werksleiter einfach mal berichtet, was er eigentlich macht." Mit den mittelständischen Unternehmen der Region hat Spanner-Ulmer ein Zeiterfassungssystem entwickelt, das zur besseren Planung der Produktionsabläufe führen soll. Auch dabei waren Studenten des Instituts eingebunden. Oft kommen die Unternehmen und fragen direkt nach Praktikanten aus unseren Studiengängen", erzählt sie. Lars Faßmann beispielsweise nimmt immer wieder Studenten der Wirtschaftsinformatik als Praktikanten bei sich auf. Der 28jährige hat selbst an der TU studiert, war Mitarbeiter des Instituts für Wirtschaftsinformatik, bevor er sich endgültig selbständig machte. Während des Studiums hatte er bereits sein Unternehmen chemmedia gegründet, das multimediale, Internet-basierte Bildungsangebote entwickelt. Unternehmen nutzen diese zur Online-Schulung und -Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Ein Kunde von ihm mit 5.000 Außendienstmitarbeitern kann so jedem Mitarbeiter, je nach Wissensstand, maßgeschneiderte Wissensbausteine zur Verfügung stellen. Heute ist das Unternehmen im Technologie Centrum Chemnitz beheimatet, das jungen innovativen Unternehmen der Region Beratung, Kontakte und technische Ressourcen zur Verfügung stellt. Eine Studie der Uni Regensburg aus dem Jahre 2001 zählt die TU Chemnitz zu den fünf gründerfreundlichsten Universitäten Deutschlands. Es gibt sogar eine Professur für Unternehmensgründung. Die Lehrveranstaltungen sollen die Studenten auf die Selbständigkeit vorbereiten und sie bei ihren Spin-Off-Bemühungen beraten. Ein Existenzgründer-Forum und das Existenzgründer-Netzwerk bringen Unternehmer und Studenten zusammen. Die Vorlesung zur Unternehmensgründung wurde zeitweise sogar im Fernsehen ausgestrahlt. Studenten können bei Lars Faßmann hospitieren oder ihre Diplomarbeit schreiben. Wir begleiten sie praktisch durch ihr Studium, und sie wachsen parallel in die Firma hinein. So suchen wir uns unsere Mitarbeiter aus", sagt er. Er schätzt die Ausbildung an der TU. Sie sei universell und nicht zu einspurig", vor allem aber ist sie nicht einfach. Die Studenten der Wirtschaftsinformatik schreiben die gleichen Klausuren wie die reinen Wirtschaftswissenschaftler und die reinen Informatiker. Die Jobchancen seien sehr gut, sagt Faßmann und verweist auf das große, international- und exportorientierte Unternehmensumfeld in der Region Chemnitz-Zwickau, der wirtschaftlich erfolgreichsten in Sachsen. Im Einzugsgebiet der Stadt leben eine Million Menschen, doppelt so viele wie in den benachbarten Ballungszentren Leipzig und Dresden. Die Universität bietet das Reservoir an qualifizierten, universitär ausgebildeten Arbeitskräften, das in der Region benötigt wird. Wer als Ingenieur oder Informatiker in Chemnitz und Umgebung nach seinem Studium einen Arbeitsplatz sucht, wird ihn auch finden", sagt Peter Seifert, der Bürgermeister der Stadt, der selbst an der TH Karl-Marx-Stadt, wie sie damals noch hieß, Maschinenbau studiert hat. Das produzierende Gewerbe verzeichnet zweistellige Wachstumsraten. Das Brutto-Inlands-Produkt, das Auskunft über den Wohlstand der Einwohner gibt, ist seit dem Jahre 2000 sprunghaft angestiegen. In einer Rangliste dieser Dynamik belegt Chemnitz im Fünf-Jahres-Vergleich den vierten Platz - deutschlandweit. Die Region boomt. Die Vernetzung der technologie-geprägten Industrie mit der Universität und ihrer Forschung sei gut gelungen, sagt Bürgermeister Seifert. Die Arbeitslosenquote liegt trotzdem bei 19 Prozent, in den ländlichen Gebieten in der Region sogar deutlich über 20. Die Vorteile der TU Chemnitz scheinen dadurch nicht beeinträchtigt. Sie hören sich bei allen Gesprächspartnern ähnlich an. Die Universität ist bekannt für effizientes Studieren. Die Studienzeiten gehören zu den kürzesten in Deutschland. Unter Studenten macht der Witz die Runde, die Studenten seien deshalb so schnell fertig, weil in Chemnitz so wenig los ist. Aber dazu später. Das Betreuungsverhältnis ist überdurchschnittlich gut, auf einen Professor kommen 63 Studenten, das ist unter bundesdeutschem Schnitt. Lars Faßmann erinnert sich an eine sehr gute Betreuung", auch Studenten anderer Fachbereiche wie Mathematik berichten von der Möglichkeit des direkten Zugangs zu Professoren. In der Philosophischen Fakultät scheint die Kapazitätsgrenze hingegen erreicht. Volle Hörsäle gehören auch hier wie überall in Deutschland zum Alltag. Viel zu viele Studenten gebe es in der Politikwissenschaft", klagt Peter Patze. Der 26jährige studiert Politik und Wirtschaft auf Magister. Und zwar in Chemnitz, weil das an anderen Universitäten meist nur als Hauptfach mit zwei Nebenfächern möglich ist und Patze sich mit zwei Hauptfächern bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt" erhofft.
Lesen Sie weiter: Porträt TU Chemnitz - Teil 2