16. Dezember 2009

Die Gedanken sind frei

Studieren im Knast

Von Ulf Schubert




14. Oktober 2009 
Am Anfang bekam der Student es mit der Angst zu tun. Im Gefängnis, zwischen Stacheldraht, Metallgittern und Mauern. Später gab ihm das Studium hier wieder ein wenig Kraft. In Berlin-Tegel, im größten Männergefängnis Europas, lernen dreizehn Studenten für ihren Abschluss.

Er will nicht so dargestellt werden, als schlechter Mensch, möchte seinen Namen hier nicht lesen. Er kam in den Knast, mit 21 Jahren. Die Richterin verurteilte ihn nach dem Erwachsenenstrafrecht. Über der Tür in der Verwaltung der Knastschule hängt ein Schild: „Heute schon einen Studenten weggeschlossen?“ Hundert Schüler, dreizehn Studenten im größten Männergefängnis Europas, der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel. Gitter, Macht und Stacheldraht. Ein paar Blumen. Straßen führen durch Häuserreihen, vorbei an Zäunen. Das Gefängnis - eine Anlage wie ein Fabrikgelände. Die Knastschule ist grau. Plattenbau. Eisengitter. In der Schule haben die Studenten einen eigenen Raum. Auf Tischen stehen ein paar Computer. In der Ecke sitzt ein schmächtiger Typ, sieht jung aus, ist 25 Jahre. Eine Mischung aus Schüchternheit und Selbstbewusstsein. Als er in die Untersuchungshaft kam, da hatte er gerade sein Studium angefangen. Informatik. Das, was er angestellt hat, macht man nicht - ist aber auch nicht so dramatisch. Man rechnet ja hier mit allem, bis zum Mord. Er wurde wegen schweren räuberischen Diebstahls verurteilt. Dieser Typ bekam von der Richterin fünf Jahre. Mindeststrafmaß. Er hatte Pfefferspray dabei und auf der Flucht eingesetzt. So etwas verstärkt das Strafmaß.


Die Mutter hätte nie gedacht, dass ihr Sohn so etwas machen würde. Als sie wusste, was die Tat des Sohnes für ihn bedeutet, fing sie an zu weinen. Sie hat sich so viel Mühe mit den Kindern gemacht. Der Bruder ist heute 18 Jahre. Die Mutter litt, Trauer, Wut, Verzweiflung. Der Sohn sagt, sie seien eine ganz normale Familie aus Berlin. Mutter geht arbeiten, fuhr mit ihren Söhnen in den Urlaub. Spanien, Ägypten, Zypern. Niemand außer Mutter und Bruder wissen, dass der Junge im Gefängnis sitzt. Nicht einmal die Oma. Er schreibt ihr regelmäßig Briefe, sie wohnt außerhalb von Berlin. Die Anwältin sagte der Mutter, „wenn ihr Sohn hier rauskommt, dann wird er ein anderer Mensch sein“. Die Mutter war von Anfang an immer für ihn da, kümmerte sich um ihn. Den Bruder wollte er erst nicht hier empfangen, er sollte das hier nicht sehen.

Dreieinhalb Jahre sitzt der Student schon im Gefängnis, hat einen Antrag gestellt auf vorzeitige Entlassung. Wird sein Antrag abgewiesen, bleibt er bis Ende 2010 hier. Damals, in der Untersuchungshaft, begriff er sehr schnell, dass sein normales Leben nun erst einmal vorbei ist. Er bekam Angst, wollte studieren, einen Beruf haben, dachte, dass er hier nun nie wieder rauskommen würde. Fünf Jahre können eine Ewigkeit bedeuten. „Anfangs hatte ich das Gefühl, das Leben ist begraben.“ Nach einiger Zeit erfuhr er, dass er auch hier im Gefängnis studieren kann. Fernstudium an der Fernuniversität Hagen. Wirtschaftsinformatik. Außer ihm studieren noch zwölf andere Häftlinge hier. Angeboten werden: Wirtschaft, Geschichte, Philosophie, Informatik, Rechtswissenschaft und Kulturwissenschaft.

„Seitdem ich hier bin, weiß ich, wie wertvoll eine Ausbildung ist. Ich konzentriere mich jetzt auf das Studium, das ist der Dreh- und Angelpunkt meines Lebens.“ Von sieben bis fünfzehn Uhr kann er hier den Computer nutzen. An der Fernuniversität Hagen besorgt er sich über die Fernleihe Bücher. „Durch das Wirtschaftsmodul in meinem Studium bin ich nicht so an den Computer gebunden. Ich schreibe sonst gerne Computerprogramme.“ Er will auch nach seiner Entlassung weiter an der Fernuniversität studieren, dort seinen Abschluss machen. „Ich finde die Fernuni sogar besser als die Präsenzuniversität, an der ich vor meiner Haft war. Das Studium ist super organisiert. Ich kann die Kursbetreuer anschreiben, die Antwort bekomme ich meistens am selben Tag. Ich habe einen Studienbetreuer, der bei Problemen weiterhilft.“ Allerdings sei es für sein Studium schon schwierig, dass er hier im Knast nicht so ohne weiteres ins Internet darf - die Verbindung reicht nur zur Fernuniversität Hagen. E-Mails können auch nur dorthin geschickt werden, sie werden von Leuten der JVA Tegel kontrolliert. „Man hat nicht mal eben so einfach eine Informationsquelle zur Verfügung. Es ist schon anders, wenn du Strom, Computer, Internet nur begrenzt zur Verfügung hast, alles zugeteilt wird, da musst du lernen, die Ressourcen optimal zu nutzen. Ich bin deshalb hier schon disziplinierter geworden.“ Er sagt, er sei auch kaltblütiger geworden, dabei habe er immer eine soziale Ader gehabt, Zivildienst gemacht, hier helfe einem keiner. „Niemand wünscht dir hier was Gutes. Wenn du hier bist, bist du aus der Welt ausgeschlossen, geächtet.“

Draußen, vor der Knastschule, plätschert aus einem Rohr Wasser in einen Teich. Im Hof wachsen ein paar Birken, da ist ein Platz für Kinder. Niedrige Sitze, Tische aus Beton, ein Klettergerüst aus Eisenstangen, in Blau, Gelb, Orange und Rot. Beamte laufen mit schweren Schlüsseln über den Hof, Flugzeuge starten und landen vom nahe gelegenen Flughafen Tegel. Aus einer Zelle kommt Musik, Dirty Diana von Michael Jackson, Männer lachen hinter Gittern, dicke Wolken ziehen über die Anlage, der Wind bewegt die Äste der Bäume. Der Himmel dort oben ist weit. „Ich denke, Gefängnisse haben in vielen Fällen keinen Sinn, die Leute hier sind sich selbst überlassen. Es wird dabei gar nicht mal so wenig geboten, Lesungen, Theater, Kirchenchor. Aber die meisten Leute nehmen das hier gar nicht wahr, die bleiben lieber in ihren Zellen, nicht wenigen sind die Drogen wichtiger.“

Freiheit? „Das ist die Bewegungsfreiheit, dass ich den Tag möglichst so persönlich gestalten kann, wie ich das will.“ Du kannst hier den sozialen Kontakten nicht entfliehen, hast immer mit Menschen zu tun, draußen kann man sich aus dem Weg gehen, hier nicht. Um 6.30 werden die Zellentüren aufgeschlossen. Um 7 Uhr stehen auf dem Hof die Beamten und überwachen die Häftlinge auf ihrem Weg zur Arbeit. Als Student kann man von der Arbeitspflicht befreit werden. Um 11.30 Uhr machen die Leute eine Stunde Pause, dann geht es weiter. Bis 15 Uhr. Die meisten Häftlinge bleiben dann in den Häusern. „Hier sind viele Leute, die nicht so gebildet sind, hier ist eine andere Ordnung, als ich es vorher gewöhnt war. Der Umgang mit Drogenabhängigen, mit Tätowierten, solche Leute kannte ich vorher gar nicht. Das war ein Kulturschock für mich, ich hatte Angst, dass ich auch so werde.“ Unter den Häftlingen herrscht häufig Misstrauen. Es gibt hier Begünstigte und weniger begünstigte Häftlinge. „Die Begünstigungen können schnell wieder zurückgenommen werden. Bei Verfehlungen. Disziplinierung. Manche Häftlinge kriegen das einfach nicht in den Kopf, wie das funktioniert. Deren negative Verhaltensmuster sind so gefestigt. Ich kann das schwer nachvollziehen.“ Später, wenn er hier rauskommt, möchte er ein ganz langweiliges Leben führen. Mit einer kleinen Wohnung, am besten dort, wo er aufgewachsen ist.

Seit einiger Zeit hat der Student Freigang. Am Wochenende zwölf Stunden und einmal für sieben Stunden in der Woche. Die Zeit verbringt er in der Universitätsbibliothek der Technischen Universität Berlin und bei seiner Familie. „Wenn man zu spät wieder hierherkommt, kriegt man keinen Ausgang mehr. Anfangs hatte ich hier nicht die Freiheit wie jetzt als Student.“ Normalerweise arbeiten die Häftlinge, Studenten können von der Arbeit freigestellt werden. Als er beim Freigang nach drei Jahren zum ersten Mal wieder die Stadt betrat, war es erschreckend normal für ihn. Er war überrascht, wie wenig sich Stadt und Familie verändert hatten.

Seine Zelle ist acht Quadratmeter groß, wenn er kann, läuft er seine Runden im Hof. Bei schlechtem Wetter sind weniger Leute im Hof, das mag er. Ansonsten, was macht er in der freien Zeit? Essen und Fernsehgucken. Für ihn ist der Hof immer gleich, nur die Jahreszeiten ändern sich, die Bäume verlieren ihre Blätter oder werden grün. Ein Traum von ihm ist: Später, wenn er wieder draußen ist, eine Arbeit zu finden. „Ich habe kein Problem damit, hier keine Frauen kennenzulernen. Man kann sich daran gewöhnen, keine Freundin zu haben. Die Frauen, die hier rumlaufen, haben halt eine Uniform an. Ach das ist das Letzte, worüber ich mir im Moment Gedanken mache.“ Manche, sagt er, würden eine Anzeige in der Zeitung aufgeben, in der sie eine Frau suchen. „Angeblich melden sich sogar Frauen, keine Ahnung, warum. Vielleicht weil ihnen hier die Männer nicht weglaufen können oder sie abends nicht zu Hause sitzen und Bier trinken. Ansonsten weiß ich nicht, warum sich Frauen für Männer im Knast interessieren sollten.“

Er hofft, dass seinem Antrag zur vorzeitigen Entlassung stattgegeben wird. Als die Richterin damals sagte: „Wissen Sie, was die Mindeststrafe für Sie ist, da wusste ich, fünf Jahre, das war für mich kein Überraschungsurteil.“ Aber er findet es ungerecht, das sehen auch einige der Beamten im Knast so. „Ich denke, dass es anderthalb Jahre Strafe auch getan hätten. Ich habe doch schon genug bereut. Aber da darf ich nicht drüber grübeln“, seine Stimme stockt. „Ich kann selbst nichts mehr daran ändern und muss das Beste draus machen.“

Text: Hochschulanzeiger Nr. 104, 2009, Seite 76
Bildmaterial: Kathrin Harms