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Do you sprechen italiano Dreisprachig studieren Von Anette Orth 
 | | Zusammen mit nur 20 weiteren Kommilitonen studiert Sebastian Schmitz Politics, Philosophy and Economics. Weil er kein Italienisch konnte, musste er in den Sommerferien vor Studienbeginn erst einmal kräftig büffeln. |
20. Oktober 2008 Die Freie Universität Bozen (FUB) feiert zwar in diesem Jahr erst ihr zehnjähriges Jubiläum, doch kann sie schon mit einigen Superlativen aufwarten: Sie ist die erste dreisprachige Universität Europas, und in den nationalen Universitätsrankings zweier italienischer Tageszeitungen belegten die Fakultäten Wirtschafts- und Bildungswissenschaften 2005 und 2007 Spitzenplätze.
Die Stadt Bozen kennt der aus Düsseldorf stammende Sebastian Schmitz seit seiner Kindheit. Hier hat er zusammen mit seinen Eltern einige Urlaube verbracht und später selbst Kinderfreizeiten für seine Kirchengemeinde organisiert. Als dann der 21-Jährige von dem Studiengang Politics, Philosophy and Economics an der Universität in Südtirol erfuhr, fühlte er sich sofort angesprochen: Eine interessante Kombination, die so nur noch in Oxford angeboten wird. Außerdem ist die Uni fast nagelneu. Dazu noch diese Urlaubsatmosphäre - das hat einfach alles gepasst. Die Freie Universität Bozen ist noch jung, sie startete ihren Lehrbetrieb vor zehn Jahren, und mittlerweile studieren hier über 3.000 Studierende aus 51 Ländern. Ihr Markenzeichen: die Mehrsprachigkeit. Deutsch und Englisch waren für Sebastian kein Problem, Italienisch musste er allerdings von Grund auf lernen. In den Sommerferien vor Studienbeginn bietet die Uni bereits einen Sprachkurs an, vor allem aber im täglichen Leben lernt man hier Italienisch ganz schnell. In Bozen sind alle Schilder, Tafeln oder Plakate zweisprachig - die ganze Stadt ist wie ein einziger, großer Vokabelkasten. Größere Probleme bereite ihm da das Deutsch, das die Südtiroler sprechen, ein bairischer Dialekt, der zur Gruppe der oberdeutschen Mundarten gerechnet wird und teilweise in Bayern, Südtirol und Oberitalien gesprochen wird. Da muss ich bis heute nachfragen, vor allem weil die Dialekte auch noch von Tal zu Tal verschieden sind, sagt Sebastian und lacht.  | | Designstudentin Kristina Hartjen schreibt an der FUB schon an ihrer Diplomarbeit. Gern würde sie in Bozen mal wieder in einen Club gehen, in dem nicht jeder jeden kennt. |
Nach einem Semester sind von den anfänglich 30 eingeschriebenen Kommilitonen etwa 20 übriggeblieben. Jeder kennt jeden, und das Verhältnis zu den Professoren kann er als durchaus freundschaftlich bezeichnen. Keine Warteschlangen bei den Sprechstunden, oft gehe ich sogar ohne Anmeldung hin und lasse mir das eine oder andere aus der Vorlesung noch mal erklären - eine persönliche Nachhilfestunde sozusagen. Ein richtiges Auslandssemester im richtigen Italien, möchte Sebastian im Laufe seines Studiums noch machen. In voraussichtlich drei Jahren hat er sein Studium abgeschlossen, dann darf er sich offiziell dottore, also Doktor, nennen. Das ist in Italien so üblich. Allerdings auch nur in Italien, nördlich des Brenners wäre das Titelanmaßung, sagt Sebastian. Entsprechend trägt der Abschluss hier unter den deutschen Studierenden den liebevollen Spitznamen Brenner-Doktor. Um einen Platz im Studentenwohnheim hat sich Sebastian bereits ein halbes Jahr vor Studienbeginn beworben, denn: First comes, first serves. 240 Euro muss er für sein Zimmer im Wohnheim bezahlen. Für die Studierenden, die keinen Platz ergattern, bleibt nur der freie Wohnungsmarkt in Bozen, und der ist nicht gerade billig.  | | Arnbjörn Eggerz war während seiner Studienzeit Präsident der Studentenvereinigung „Kikero”. Seine Empfehlung an Studenten in Deutschland: „Die Bozener Uni ist geeignet für Leute, die sich engagieren wollen und viel Antrieb haben.” |
900 Euro für eine 70 Quadratmeter große Dreizimmerwohnung bezahlen Kristina Hartjen und ihre zwei Studienfreundinnen. Etwas über 300 Euro muss man für den Lebensunterhalt dazurechnen, die Studiengebühren schlagen mit 1.250 Euro pro Jahr zu Buche. Gut, dass man eine Förderung beantragen kann. Sie ist abhängig vom Einkommen der Eltern und damit vergleichbar mit dem deutschen Bafög. Der Höchstsatz beträgt 5.500 Euro pro Jahr. Das Schöne daran: Anders als in Deutschland müssen Studenten die Förderung nicht zurückzahlen! Kristina beschäftigt sich bereits mit ihrer Laureatsarbeit, der früheren Diplomarbeit. Nach ihrem Studium an der Fakultät für Design und Künste geht sie jetzt der Fragestellung nach, worin sich Souvenirs und persönliche Andenken unterscheiden. Wenn alles klappt, soll am Ende der Arbeit eine Art Souvenirserie für Bozen entstehen. Typische Mitbringsel aus Bozen sind Wein oder Schinken, aber die sind relativ bald getrunken und gegessen. So gesehen hat Bozen gar keine richtigen Souvenirs. Das Studium hat ihr sehr gefallen, vor allem weil an der Uni Produktdesign und Visuelle Kommunikation als Kombination gelehrt wird. In Deutschland muss man sich für einen der beiden Studiengänge entscheiden. Jetzt sitzt die 28-Jährige, die in Deutschland bereits zwei Jahre als Mediengestalterin gearbeitet hat, jeden Tag in einem wunderschönen, großen, sonnendurchfluteten Raum in der Uni, gemeinsam mit vier anderen Kommilitonen, die ihre Laureatsarbeit fertigstellen. Auch dieser Raum ist ein schönes, exklusives Angebot der Hochschule.  | | Deutsche, englische oder italienische Zeitung gefällig? Die Studenten an der FUB haben die Qual die Wahl. |
Arnbjörn Eggerz hat im vergangenen Jahr seinen Bachelor an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften absolviert. Gleich im Anschluss bekam er von der Hochschule einen Projektauftrag, seitdem entwickelt er Verkaufskonzepte, um den Designstudenten bei der Vermarktung ihrer Produkte zu helfen. Während seiner Studienzeit war Arnbjörn Präsident der Studentenvereinigung Kikero, die mittlerweile circa 150 Mitglieder hat. Kikero versucht, zusätzliche Seminarangebote zu schaffen, in denen Experten über bessere Kommunikation, Lernmethoden oder Rhetorik dozieren. Aber auch das gesellige Zusammensein darf nicht zu kurz kommen, und so organisiert der Vorstand auch mal Studienreisen nach China oder Rom, Mondscheinrodelpartien und große Studentenpartys. Ich denke, die Uni ist geeignet für Leute, die sich engagieren wollen und viel Antrieb haben, sagt Arnbjörn. Sogenannten Konsumstudenten wird die Stadt schnell zu klein, manchen sei auch nicht bewusst, dass man für die dritte Sprache einen erheblichen Mehraufwand einrechnen muss. Leistungsbereitschaft sei eine wichtige Voraussetzung. Dafür könne man von der Überschaubarkeit der eher kleinen Hochschule und den internationalen, erfahrenen Professoren profitieren. Wenn man das heutige Bozen mit seinen Gegensätzen verstehen will, muss man einen Blick in die Vergangenheit werfen. Schon vor vielen Jahrhunderten war die Stadt aufgrund ihrer verkehrsgünstigen Lage an einem der wichtigsten Alpenübergänge Treffpunkt verschiedener Kulturen. Ein Ort des Handels und Austausches, an dem Nord und Süd aufeinandertreffen. Das Jahr 1248 gilt als die Geburtsstunde von Tirol, etwa 100 Jahre später gab Herzogin Margarete das Land in die Obhut der mächtigen Habsburger. Der erste Weltkrieg stellte die größte Veränderung für das Land dar: Nach der Niederlage Österreichs wurde Tirol geteilt und der südliche Landesteil Italien zugesprochen. Die stark nationalistisch gesinnten Faschisten unter Benito Mussolini wollten das Land bis zur Brennergrenze italienisieren, anfangs durch die Massenansiedlung von Italienern und schließlich durch Aussiedlung der deutschsprachigen Südtiroler. Die deutsche Kultur und Sprache sollte in dieser nördlichen Grenzregion ausgemerzt werden. Noch heute kann man die Respektlosigkeit gegenüber den Südtirolern an dem monumentalen Siegesdenkmal, gebaut im Auftrag der faschistischen Regierung, lesen. Auf der Inschrift steht in italienischer Sprache: Bis hierher reichen die Grenzen des Vaterlandes, und hierher haben wir den anderen die Sprache, das Recht und die Kultur gebracht. Als hätten das die Südtiroler zuvor nicht gehabt. Das Siegesdenkmal wird heute als Mahnung für die begangenen Ungerechtigkeiten gesehen. Von hier aus hat man übrigens einen der schönsten Blicke auf den Rosengarten, eine imposante Bergkette der Dolomiten. Für Wanderer, Kletterer oder Wintersportler ist Bozen ein Paradies, manch einem Flachlandtiroler wird der tägliche Anblick der Bergmassive aber bald zu viel.  | | Wenn's ums Essen geht, haben Südtiroler und Österreicher den gleichen Geschmack. |
Südtirol muss man mögen, meint der Düsseldorfer Sebastian. Wenn man hier länger ist, kommen irgendwann mal die Berge auf einen zu, sagen manche. Aber mir gefällt es. In einer Skihalle in Düsseldorf sei er vor zwei Jahren das erste Mal wackelig auf dem Snowboard gestanden, aber seit ich hier bin, kann ich's, sagt er. Überhaupt ist der Freizeitwert sehr hoch, es ist kein Problem, mal kurz zum eine Stunde entfernten Gardasee zu fahren, nach Verona oder Mailand, zumal das Zugfahren in Italien sehr günstig ist. Nur das Bozener Nachtleben lässt zu wünschen übrig, wendet Kristina ein. Gern würde sie mal wieder in einen Club gehen, in dem nicht jeder jeden kennt. Geheimnisse oder anonymes Weggehen gibt es hier nicht. Eine heimliche Affäre fliegt sofort auf, sagt sie amüsiert. Außerdem seien bereits um 24 Uhr fast alle Lokale geschlossen, dann steht man auf dem leeren Obstmarkt und überlegt, ob man nun rechts oder links in die dunkle Gasse geht. Problematisch seien auch die undurchsichtigen Mittagspausen der Geschäfte. Irgendwann ab 12 Uhr ist alles geschlossen, zwischen 15 Uhr oder 16 Uhr. Sie habe keine Ahnung, nach welchem System wieder geöffnet ist. Irgendwie nervig. Andererseits kann man sich so voll auf das Studium konzentrieren. Die Studentin aus Delmenhorst sieht es pragmatisch. |
Studieren Fakultäten: An der Freien Universität Bozen werden Laureatsstudiengänge an folgenden Fakultäten angeboten: Wirtschaftswissenschaften, Design und Künste (der Studiengang Design muss bereits die Hälfte der Bewerber ablehnen), Informatik und Technik und Naturwissenschaften. Der Laureatsstudiengang ist der erste akademische Grad im italienischen Universitätssystem, der einem Bachelorabschluss entspricht. Er ist auf sechs Semester angelegt und schließt mit dem Verfassen einer Abschlussarbeit. Auf den Laureatsstudiengang kann der Absolvent ein zweijähriges Fachlaureat oder einen Master anschließen. Studiengebühren: 1.250 Euro Studiengebühren sind pro Jahr zu zahlen. Für die Miete muss man mit mindestens 250 Euro rechnen. Lebenshaltungskosten schlagen mit mindestens 300 Euro pro Monat zu Buche. Alle EU-Bürger können eine Studienbeihilfe beim Amt für Schul- und Hochschulfürsorge beantragen. Studierenden, denen eine solche Beihilfe gewährt wird, werden die Studiengebühren zurückerstattet. Infos unter: http://www.provinz.bz.it/bildungsfoerderung Vorinskription: Mit der Vorinskription bewerben sich Studierende um einen Studienplatz an der Universität. Die Vorinskription ist für alle Laureatsstudiengänge notwendig, die eine begrenzte Anzahl von Studienplätzen vorsehen. Die kostenlose Vorinskription ist für mehrere Studiengänge möglich. Der Vorteil gegenüber der Zentralen Studienplatzvergabe in Deutschland: In Bozen weiß man bereits ein halbes Jahr vorher, ob man den Studienplatz bekommt oder nicht. In Deutschland erfährt man es manchmal erst drei Wochen vor Studienbeginn ... Weitere Informationen: Die Studentenberatung beantwortet alle Fragen schnell und freundlich. Telefonisch unter (00 39) 04 71 012-100 oder per E-Mail: <a ref=mailto:advisoryservice@unibz.it > advisoryservice@unibz.it </a> Freie Universität Bozen Sernesistraße 1 I-39100 Bozen/Bolzano ... und Leben Die Stadt: Das Universitätsgebäude befindet sich im historischen Stadtkern. Die knapp 100.000 Einwohner von Bozen gehören der deutschen, italienischen oder ladinischen Sprachgruppe an. Ladinisch ist eine alte rätoromanische Sprache, die sich in einigen Alpentälern wie in Gröden und dem Gadertal erhalten hat. In Südtirol gehören 68 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung an, in Bozen selbst bilden die Einwohner der italienischen Muttersprache mit rund 73 Prozent die Mehrheit. Als mehrsprachige Kulturstadt hat Bozen einiges zu bieten. Einzigartig ist das Archäologiemuseum mit seiner über 5.000 Jahre alten Gletschermumie Ötzi. Weit über Bozens Grenzen bekannt ist der Obstmarkt im Herzen der Altstadt. Seit mindestens 700 Jahren wird hier gehandelt und verkauft. Übrigens: Die Stadt wirbt mit 300 Sonnentagen pro Jahr, in Bozen ist eigentlich immer schönes Wetter. Wohnen: Die Autonome Provinz Bozen stellt eine begrenzte Anzahl von Plätzen in Studentenwohnheimen zur Verfügung. Je eher man sich bewirbt, desto größer ist die Chance, einen der begehrten Plätze zu ergattern. Ein Zimmer kostet etwa 250 Euro im Monat. Infos unter: http://www.provinz.bz.it/bildungsfoerderung Außerdem finden sich am Schwarzen Brett der Uni Angebote für Zimmer und Wohnungen, die sich speziell an Studenten richten. Auf der Homepage der Uni gibt es eine eigene Seite: http://www.unibz.it Essen und Trinken: In der Mensa kostet ein Menü rund 3,50 Euro. Sie hat auch abends geöffnet, die Speisepläne sind dreisprachig. Frühstückfans haben, wie überall in Italien, schlechte Karten. Das sonntägliche unter Studierenden oft sehr beliebte Brunchen gibt es hier nicht. Der Italiener trinkt einen Macchiato und isst ein Brioche - fertig. Dafür sind Mittag- und Abendessen ein Paradies für Feinschmecker. In Südtirol verbindet sich die bodenständige, deftige alpenländische Küche mit mediterraner, italienischer Feinkost. Unbedingt zu empfehlen sind die verschiedenen Knödel (Speck, Spinat oder Rohnen, das sind rote Beete) und natürlich Pizza und Pasta. Die Lebenshaltungskosten sind mit denen einer deutschen Großstadt vergleichbar. Ausgehtipps: Pogue Mahone's, ein Irish Pub in der Erbsengasse 10, hat sich, wie der Name schon sagt, auf irisches Bier spezialisiert. Daniela, die Chefin, ist aber hundertprozentige Italienerin. Nadamas am Obstmarkt 44 war lange die Nummer eins als Studententreffpunkt, im Moment ist aber das Sciarada, in der Erbsengasse 25, eine Art Galeriebar, sehr beliebt. Sehr elegant und fein ist das Ambiente in der Laurinbar, Laurinstraße 4. Entsprechend hoch sind aber auch die Preise. | | |
Text: Hochschulanzeiger Nr. 98, 2008, Seite 132 Bildmaterial: Evi Oberkofler
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