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| Junge Burschen, alte Haudegen: Einmal in der Woche kommt ein Fechttrainer in die Villa der Studenten. |
22. Juni 2009
Wohnst du schon, oder improvisierst du noch? In unserer Serie über Studentenbuden zeigen wir die ganze Bandbreite studentischer Wohnformen: angefangen vom möblierten Einzelzimmer im Hotel Mama, über Plattenbauwohnungen und Studentenapartments bis hin zu Kommunen, Wohngemeinschaften und Wagenburgen.
Sie wohnen in einer alterwürdigen Villa. In einem feinen Viertel. Sie tragen Mützen und bunte Bänder, in ihrem Saal steht eine Bierorgel, sie trinken Bier im Pool, und der Fuxenmajor prüft den Fux. Erst danach wird der Fux zum Burschen.
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| Ein ausgestopfter Fuchs gehört in jede Burschenschaft. Dieser hier wurde nicht für die Obotriten geschossen. |
In der Bibliothek der Villa im feinen Berliner Bezirk Nikolassee sitzen vier Studenten auf einer Couch. Die Tür öffnet sich, und herein kommen zwei Alte Herren und ein Hund. Freundschaftliche Begrüßung. Die Wände des Raumes sind mit Holz vertäfelt, an den Wänden hängen Fotografien längst vergangener Zeiten. Manche Möbel stehen hier bereits seit der Kaiserzeit. Gediegene, schwere Ungetüme. In der Villa lebte bis 1946 der Erzieher der kaiserlichen Prinzen. Heute leben hier die Studenten der Berliner Burschenschaft Obotritia. Nachdem im Krieg das alte Haus brannte, kauften die Alten Herren der Obotritia für ihren Bund diese ehrwürdige Villa.
Florian Riedel, 23 Jahre, studiert in Potsdam Jura. Alle hier studieren Jura. Die Burschen sagen über sich, sie seien Freunde. Echte Freunde. Eine Burschenschaft ist mehr als nur eine Studentenverbindung, diesen Bund verliert man in der Regel nur durch den Tod. Zusammenhalt, Konformität, daraus wachsen Traditionen. Die Burschen leben nach überlieferten Wertideen. Gemeinsames Leben, Pflichten, soziale Kontrolle. Die Vergangenheit ist ihnen wichtig. In Deutschland gab es ja lange Zeit einen Abwehrmechanismus gegen die Vergangenheit. Damals in den siebziger Jahren waren manche der Traditionen den Aktiven der Obotritia unheimlich. Eberhard Fuchs, einer der Alten Herren, hat in den siebziger Jahren in dieser Villa gewohnt. Der Bund der Obotriten sei für ihn eine besondere Verbindung. Eberhard Fuchs sagt: Wir sind eine liberale Verbindung. Es gibt ja - und das darf man nicht verschweigen - jede Menge Verbindungen mit politischen Schrammen am rechten Kotflügel. Wir sind stolz darauf, ein liberaler Bund zu sein. Fuchs setzte sich in seiner aktiven Zeit mit anderen Obotriten dafür ein, sich von der politischen Rechten abzugrenzen. Mit denen wollten wir nichts zu tun haben. Die haben ja damals noch alle drei Strophen der Nationalhymne gesungen. Wir sind dann immer bei den ersten beiden Strophen sitzen geblieben. Und auch die Mensur, das traditionelle Schlagen der Burschen lehnten sie ab. Deshalb sind die Obotriten aus dem Dachverband der Deutschen Burschenschaft ausgetreten und gründeten mit anderen Burschenschaften die Neue Deutsche Burschenschaft. Hier werden auch Mitglieder akzeptiert, die den Wehrdienst verweigert haben - oder Ausländer.
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| Zwei Burschen, zwei echte Freunde:Marc Vallendar, 22, und Florian Riedel, 23. »Eine Burschenschaft, diesen Bund verliert man in der Regel nur durch den Tod.« |
Traditionen, die in den Nationalsozialismus führten, davon wollte man sich bei den Obotriten befreien. Konnte man an Preußen denken, ohne an das, was danach passierte? Ohne an Militarismus? Immer wieder kommt man auf den Nationalsozialismus. Die Nazis haben die Ideen des Heroismus missbraucht. Friedrich der Große sagte einmal: Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden. Preußen bedeutete neben Überlegenheitskomplex auch Liberalismus, Sozialgesetzgebung - und auch Multikulturalismus. Es war nicht nur ein Zeitalter des Absolutismus, die Stunde null. Diese Burschenschaft ist eine Geschichtsspur deutscher Vergangenheit. In Deutschland existieren rund 140 Burschenschaften. Sie sind stolz auf ihre Vergangenheit. Die Mitglieder tragen eine Kappe auf dem Kopf und ein farbiges Band um den Oberkörper. Die Obotriten tragen die Farben blau, gold, rot. Sie sagen: Blau wie die Treue. Gold wie die reine Ehre. Rot wie die Bruderliebe. Immer wenn es etwas zu feiern gibt, kommen junge und Alte Herren zusammen. Im Saal werden Lieder gesungen, Biere getrunken. In manchen Häusern werden den Burschen die Biere sogar von den Alten Herren bezahlt. Florian Riedel: Ein Kotzbecken mit Haltegriffen? Die sogenannten Bierpäpste haben wir nicht, brauchen wir auch nicht. Viele Burschenschaftshäuser haben die, aber bei uns bezahlen die Alten Herren auch nicht das Bier, dafür müssen wir uns auch nicht das Gesicht zersäbeln lassen.
Die Burschenschaft Obotritia ist mit ihren 123 Jahren eine vergleichsweise junge Verbindung. Früher, bis in die siebziger Jahre, da gab es hier wie in vielen Burschenschaften noch heute einen Koch und eine Putzfrau. Die große Villa macht viel Arbeit. Die Studenten lernen, Verantwortung zu übernehmen. Der Garten ist groß, 5.000 Quadratmeter. Die Studenten zupfen Unkraut, legen Beete an, im Haus muss auch für Ordnung gesorgt werden. Oben renovieren Handwerker die Zimmer. Ich bin überrascht, dass hier immer so viel investiert wird, sagt Florian Riedel. Die Burschen werden vom Bund Alter Obotriten und dem Hausverein der Obotriten unterstützt. Welcher Student kann schon in so einer Villa wie dieser hier leben? Und welcher Student wird so gut von älteren, erfolgreichen Männern gefördert? Es ist toll, was wir hier haben. Die Zimmer kosten zwischen 150 und 200 Euro. Wenn man hier leben möchte, muss man aber auch bereit sein, Verantwortung zu übernehmen. Ämter werden verteilt, die Burschen haben die Pflicht, sich stets weiterzubilden und sich für die Gemeinschaft einzusetzen. Eberhard Fuchs ist der Vorsitzende der Altherrenschaft. Wie viele der Alten Herren setzt er sich für die jungen Studenten und den Fortbestand der Burschenschaft Obotritia ein. Als Florian Riedel das erste Mal das Haus betrat, war er beeindruckt. Von den erfolgreichen alten Männern in ihren schwarzen Anzügen. Wo triffst du so viele interessante, einflussreiche Geschäftsmänner, Anwälte oder renommierte Professoren, die dich unterstützen und dir gleich das Du anbieten.
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| In manchen Burschenschaften gibt es Freibier, die Obotriten müssen ihr Bier selbst zahlen. |
Die Obotriten sind eine fakultativ schlagende Verbindung. Heute wieder. Der Alte Herr Eberhard Fuchs sagt, er finde das nicht so gut, aber er könne es ertragen, dass manche Burschen hier wieder so etwas wollen, Tradition. Einmal die Woche kommt ein Fechtlehrer in die Villa und unterrichtet die Studenten. Es gibt aber nur einen Burschen bei den Obotriten, der wirklich den Wettstreit antritt. Der Alte Herr sagt: Solange bei uns keine Leute unterdrückt werden, sind diese Traditionen ja auch nichts Schlechtes. Die jungen Obotriten sind stolz auf ihren Bund. Die wenigsten Leute stehen uns aufgeschlossen gegenüber, die meisten haben eine abgeschlossene Meinung - Vorurteile gegenüber Burschenschaften, dagegen wollen wir etwas beitragen. Wenn ich mit meinem Band in die Uni gehe, denken die Leute, ich mache Fasching. Aber ich bin stolz darauf. Als Riedel Aktiva geworden ist, kannte an seiner Uni fast keiner die Burschenschaft Obotritia. Inzwischen kennen die Studenten die Obotriten. Wir haben viele offizielle Veranstaltungen, Cocktailpartys oder regelmäßige Vorträge von Leuten, die man sonst nicht so leicht kennenlernt: Freimaurer, Islamwissenschaftler, Oberstleutnant der Bundeswehr, Professoren und Anwälte. Ein gutes Netz an Kontakten.
Burschenschaftler haben viele eigentümliche Begriffe und Bräuche. Bierorgel bedeutet Klavier. Man sollte bei Zusammenkünften immer an einen Bierorgelspieler denken, der die schrägen Gesänge der Burschenschaftler übertönt, sagt Florian Riedel. Ein Fux ist ein Neuling, der zunächst für ein oder zwei Semester in den Bund aufgenommen wird. Er hat eingeschränkte Mitgliedsrechte und die Pflicht, Traditionen und Gebräuche kennenzulernen. Ein Fuxmajor unterrichtet und betreut die Füxe. Das Fechten mit scharfen Waffen wird Mensur genannt. Durch die Schutzkleidung werden tödliche Verletzungen heute verhindert. Manche Burschenschaften pflegen noch die Tradition des Schmisses, so nennt man die bei der Mensur erlittene Verletzung, das Zeichen der Zugehörigkeit zu einer schlagenden Verbindung.
Wir möchten einfach nicht mit Frauen zusammenwohnen.
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| Der 5.000 Quadratmeter große Garten macht viel Arbeit. Manchmal hilft der Hausmeister. |
Wir sind kein komischer Zirkel, der an geheimen Orten Kerzen aufstellt und komische Riten durchführt. Wir wollen Verantwortung für die Gesellschaft und unseren Bund übernehmen - und leben hier ansonsten ganz gut in dieser phantastischen Villa mit allen Annehmlichkeiten. Hier in der Bibliothek haben wir unsere Playstation, DVD-Spieler, Fernseher mit Dolby-Surround-System. Und manchmal kommt einer von den Alten Herren und spielt eine Partie mit. Also Sonderlinge sind wir bestimmt nicht. Manche Studenten würden sie vielleicht einfach nur spießig nennen. Das ist den Obotriten dann auch egal. Sie genießen hier ihr Zusammenleben unter Freunden. Und die Freundschaft, da ist sich Riedel sicher, wird ein Leben lang halten. Das hat sich in der Vergangenheit für den Bund bewährt, und daran wollen sie auch nichts ändern - zum Beispiel Frauen hier einziehen lassen. Das hat nichts mit Frauenfeindlichkeit zu tun, sie sind jederzeit gerne gesehen. Nur möchten wir einfach nicht mit ihnen zusammenwohnen.
In den siebziger Jahren war die Studentenverbindung Obotritia nicht wohlhabend - im Vergleich zu anderen Burschenschaften. Die haben sich damals über uns lustig gemacht. Hier war es so unmodern, bei denen wurden die Häuser renoviert, was das Zeug hält, Stuck abgeschlagen, Decken tiefer gehängt, da wurden viele ursprünglich schöne Häuser so richtig schön verhunzt. Heute sind die Leute beeindruckt, wenn sie in unser Haus kommen. Florian Riedel zeigt auf den Fuxenleitfaden der Obotritia, ein dickes Heft mit Grundsätzen, Verfassung, Satzung, Hausordnung und gar Umgangsformen im Fall von Trauer, Geburtstagen oder Veranstaltungen. Häufig wird bei den Obotriten das Lied Die Gedanken sind frei angestimmt: Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen, mit Pulver und Blei ... Man kann ja im Herzen stets lachen und scherzen und denken dabei: Die Gedanken sind frei! Es stehen auch lustige Anweisungen im Fuxenleitfaden. Gesellschaftliche Ereignisse werden dort beschrieben, beispielsweise eine Cocktailparty. Eine international feststehende Partyform, bei der vorwiegend alkoholische Getränke und Softdrinks gereicht werden. Die Dame trägt ein Nachmittagskleid oder einen eleganten Rock und dazu z. B. eine Taftbluse oder einen Angorapullover. Auch der schicke Hosenanzug kann getragen werden. Der Herr kann einen Straßenanzug, im Sommer auch gern hell, tragen. Auch steht im Leitfaden geschrieben, wie sich die Burschen im Straßenverkehr zu verhalten haben. Im Auto gebührt stets der Ehefrau der Beifahrersitz. Ausnahmen sind in ihr Ermessen gestellt. Vielleicht muss man hier einfach tolerant und ignorant zugleich sein.
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| Seitdem die Putzfrau nicht mehr in die Villa kommt, müssen die Burschen selbst für Ordnung sorgen. Meistens funktioniert das auch. |
Aber im Saal, da hängt eine Gedenktafel, mit der an die Helden, den Bundesbrüdern der Obotriten im sogenannten Hererokrieg erinnert wird. Ein dunkles Kapitel deutscher Kolonialherrschaft im heutigen Namibia. Vielleicht sollten die Burschen heute, rund hundert Jahre später, dieses Thema einmal in ihre Semesterprogrammplanung einbeziehen. Mögliches Thema: Der deutsche Genozid an den Ethnien der Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika, 1904-1908.