15. Dezember 2009

MBA-Studium für Ingenieure

Wenn aus Tüftlern Manager werden

Von Claudia Pahlich



06. Dezember 2004 
Ingenieure sind schon lange keine reinen Tüftler mehr. Aber wenn sie in Managementpositionen rutschen, fehlen ihnen häufig Managementkompetenzen. Viele der Betroffenen nehmen daher an MBA-Studiengängen teil. Die RWTH Aachen bietet seit April 2004 ein eigens für Technologiemanager konzipiertes Executive-MBA-Programm an.

Für Jörg Böcking kam der Vorschlag überraschend. Als der Vorstand des Automobilzulieferers Vibracoustic an den Maschinenbauingenieur herantrat und ihm anbot, neben seinem Job ein MBA-Studium zu absolvieren, sagte er sofort zu. "Sollte ich eine General-Management-Funktion übernehmen, fehlen mir dazu die Voraussetzungen", meint der 38jährige, der zur Zeit als technischer Geschäftsführer bei Vibracoustic 50 Mitarbeiter betreut.

Das stellt auch Joachim Stormanns, Personalleiter in der Produktentwicklung bei Ford, immer wieder fest. "Die bei uns beschäftigten Ingenieure bringen nicht immer die notwendigen Kenntnisse und Erfahrungen zum Thema Mitarbeiterführung mit. Sie müssen aber andererseits Menschen motivieren und sich situationsgerecht verhalten. Ein Chefingenieur muß seinen Fachbereich vertreten und zahlreiche Kontakte knüpfen. Dazu haben nicht alle das nötige Fingerspitzengefühl", so der Personalleiter. Ingenieure auf dem Weg in die Führungsetage werden deshalb gezielt auf ihre neuen Aufgaben im Unternehmen vorbereitet. Unter anderem ermöglicht Ford berufsbegleitend die Teilnahme am MBA-Studium an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg oder am Henley Management College in London.

Aber brauchen Techniker ein maßgeschneidertes MBA-Studium? Grundsätzlich richten sich MBA-Programme an Führungskräfte, die keine Managementerfahrungen und häufig keinen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund haben. Daß ungefähr die Hälfte der Teilnehmer renommierter MBA-Programme Ingenieure sind, ist daher keine Seltenheit. Ihnen fehlt es ganz einfach an Managementkompetenz. Und die verspricht ein MBA-Studium zu vermitteln.

Die Initiatoren des Executive-MBA-Programms für Technologiemanager aus Aachen aber setzen auf Spezialisierung. Während Anbieter von MBA-Programmen gerne mit Schlagworten wie "Internationalität" und "heterogene Teams" für ihre Angebote werben, fahren sie ein anderes Konzept. Das Programm findet nur in deutscher Sprache statt und vereint eine äußerst homogene Zielgruppe: Techniker mit durchschnittlich sieben Jahren Berufserfahrung. "So können wir in den Kursen gewährleisten, daß alle Teilnehmer auf dem gleichen Niveau sind. Wir können mathematische Grundkenntnisse voraussetzen und auf Defizite wie beispielsweise im Bereich Controlling eingehen", so Dagmar Dirzus, Kursleiterin des Executive-MBA in Aachen. "Ingenieure haben eine ganz bestimmte Herangehensweise, beispielsweise bei der Lösung von Problemen. Sie abstrahieren, zerlegen in Teile und finden so ihre Antwort. Aber sie hinterfragen nicht das Problem. Und das sollen sie hier lernen." Deshalb setzen die Aachener viele praxisbezogene Elemente ein. Fallstudien und Planspiele stehen auf der Liste der Unterrichtsmethoden ganz oben.

Ingenieure abstrahieren, zerlegen in Teile und finden so ihre Antwort. Aber sie hinterfragen nicht das Problem.“

In insgesamt eineinhalb Jahren können Ingenieure hier nachholen, was ihnen im beruflichen Alltag fehlt. 19 Module à fünf Tage stehen auf dem Programm, die in zweiwöchigen Blockveranstaltungen mal in Aachen, mal in St. Gallen gehalten werden. Hier kommen die Studenten mit den Teilnehmern des Executive-MBA-Programms in Logistik der Schweizer zusammen. Eine Studienreise und ein Modul am renommierten Massachusetts Institute of Technology in den USA runden das Programm ab, das sich an Ingenieure mit mindestens fünf Jahren Berufserfahrung richtet. Zwei Jahre davon müssen die Teilnehmer Personalverantwortung getragen haben.

Neben der Berufstätigkeit sollen die Studenten ihr Doppel-Degree aus Aachen und St. Gallen erwerben. Aber nicht alle Arbeitgeber übernehmen die 32.000 Euro Gebühren, die das Programm kostet. "Ungefähr die Hälfte aller Teilnehmer zahlt aus eigener Tasche. Neben den Programmgebühren kommen noch die Hotelkosten und der Arbeitsausfall hinzu", so Böcking, der seit vier Monaten an dem Programm teilnimmt und von seinem Arbeitgeber finanziert wird.

Auch die FH Esslingen hat einen MBA in International Industrial Management, der in 16 Monaten absolviert werden kann. Komplett in englischer Sprache lernen die Teilnehmer hier Bereiche des Technologiemanagements kennen, die sich besonders auf die umliegende Automobilindustrie in der Region konzentriert. "Marketing wird bei uns am Beispiel Automobil erklärt", so Martin Seeger, MBA-Assistent der FH Esslingen. Fast 90 Prozent der Teilnehmer kommen aus dem Ausland. Meist sind dies Ingenieure, die dann in deutschen Filialen im Ausland Führungspositionen übernehmen oder mit deutschen Unternehmen zusammenarbeiten. Auch für deutsche Ingenieure, die in der exportorientierten Industrie im Ausland arbeiten möchten, kann dieses Programm interessant sein. Selbst wenn die FH Esslingen nicht mit renommierten Anbietern wie der Universität St. Gallen konkurrieren kann, hat das Studium einen Vorteil: Bisher fallen keine Studiengebühren an.

Das Stuttgart Institute of Management and Technology (SIMT) hat zwar kein eigens für Techniker konzipiertes Programm, bietet im Rahmen des MBA-Studiums aber einen Schwerpunkt in Technology and Innovation Management an. Und auch am SIMT spielt der Standort eine Rolle. "Gerade die Automobilindustrie braucht Leute, die neue Produkte vermarkten und für den internationalen Einkauf ausgebildet sind", so Peter Greulich vom SIMT. "Themen wie E-Business stehen daher genauso auf dem Programm wie Advanced Manufacturing." Das Vollzeitprogramm dauert 16 Monate und setzt mindestens zwei Jahre Berufserfahrung voraus. Ein Drittel der Teilnehmer des Schwerpunkts sind Ingenieure, die 24.000 Euro Studiengebühren bezahlen müssen.

"Themen wie E-Business stehen daher genauso auf dem Programm wie Advanced Manufacturing."

An europäischen Business Schools gibt es kaum Angebote, die sich speziell an Techniker richten. Die Universität Twente in Holland ist für ihre Technikorientierung in ihrem MBA-Programm bekannt. Und viele Schulen setzen Schwerpunkte im Bereich Technik. So können sich zum Beispiel die Teilnehmer an der London Business School, die eigentlich für ihre Stärke im Bereich Finanzwesen bekannt ist, im zweiten Jahr des 21monatigen Vollzeitprogramms auf den Bereich Technology Strategy spezialisieren. Außergewöhnliches bietet die Helsinki School of Business seit diesem Jahr an. Im Rahmen des 12monatigen Vollzeitprogramms können Interessierte, die sich im Bereich High- oder Biotechnologie selbständig machen wollen, das nötige Handwerkszeug lernen.

Ob Techniker speziell ausgerichtete Programme belegen sollten, hängt vom jeweiligen Karriereziel ab. Wer neben der fachlichen Ausrichtung zusätzlich den internationalen Aspekt betonen und im Ausland studieren möchte, kann dies auch am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA tun. Das MIT ist eine der renommiertesten technischen Universitäten der Welt, hat fast 40 Prozent internationale Studenten und bietet sehr gute Kontakte zu Unternehmen. Allerdings: Das zweijährige Programm kostet 64.000 Dollar.



MBA-PROGRAMME MIT TECHNIKBEZUG:

http://www.emba.rwth-aachen.de
http://www.graduate-school.de
http://www.uni-simt.de
http://www.mbahelsinki.net
http://www.london.edu
http://www.tsm.nl/programmes/mba http:/mitsloan.mit.edu/mba

Text: Hochschulanzeiger Nr. 75, 2004