06. Oktober 2008

Nur das Beste für die Besten

Die Auserwählten von Oxbridge

Von Karsten-Thilo Raab




16. Mai 2007 
Das Studium an den britischen Eliteuniversitäten Oxford und Cambridge gilt als garantiertes Sprungbrett für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn im In- und Ausland. Die Kaderschmieden des ehemaligen Empires im Ärmelkanal bilden die geistige Elite einer ganzen Nation aus.

Colleges: Oxford und Cambridge gelten als Hauptstädte des Wissens, als die elitäre und traditionsfeste Kaderschmiede des Vereinigten Königreichs. Doch beim Gang durch Oxbridge scheint die dortige Universität auf den ersten Blick unsichtbar. Anders als an deutschen Hochschulen konzentrieren sich die Universitäten in Oxford und Cambridge nicht auf einen Campus, sondern bestehen aus einzelnen Colleges. Jedes College, von denen in Oxford 36 und in Cambridge 31 zu finden sind, entpuppt sich als eine Mini-Uni mit eigenen Gebäuden und eigenem Lehrangebot. Die Colleges verwalten und finanzieren sich zu einem nicht unerheblichen Teil selbst. Neben staatlichen Zuwendungen erzielen sie Einnahmen aus Aktien, Verpachtungen und Vermietungen sowie den Studiengebühren ausländischer Studenten. Wenn man Gerüchten glauben schenken darf, dann verfügen die Colleges über so viel Grundbesitz, dass die 150 Kilometer von Oxford nach Cambridge zurückgelegt werden können, ohne jemals College-Gelände verlassen zu müssen.

Vergabe von Studienplätzen: Neben dem soliden finanziellen Fundament genießen die Mini-Unis zahlreiche Privilegien: Sie bestimmen das jeweilige Lehrangebot selbst, legen den Inhalt und Verlauf eines Studiums sowie der Prüfungen fest und verleihen akademische Titel. Außerdem wählt jedes College - wie übrigens die übrigen Universitäten in Großbritannien auch - seine Studenten selbst aus. Neben den Ergebnissen einer schriftlichen Eignungsprüfung haben dabei die Eindrücke aus Interviews und Gesprächen über Lebens- und Berufspläne, Interessen und Fähigkeiten entscheidenden Einfluss auf die Vergabe von Studienplätzen. Obschon - vor allem bei Spitzensportlern - auch ab und an ein Auge zugedrückt wird. Fast 50 Prozent der Studenten in Oxbridge kommen aus Privatschulen; weitere 10 Prozent aus dem Ausland, der Rest aus staatlichen Schulen.

Studienverlauf: Das drei- bis vierjährige Studium in Oxbridge gliedert sich nicht wie in Deutschland in Semester, sondern in Trimester. Der achtwöchige Studienabschnitt von Oktober bis Anfang Dezember heißt „Michaelmas“, das Trimester von Januar bis Mitte März wird in Oxford „Hilary“ und in Cambridge „Lent“ genannt und die zwei Monate von April bis Mitte Juni in Oxford „Trinity“ und in Cambridge „Easter Term“. Im ersten Studienjahr müssen die Studenten nicht nur Vorlesungen besuchen, sondern auch einmal wöchentlich ein mindestens fünfseitiges Essay erstellen. Im zweiten Jahr sogar zwei pro Woche. Damit sollen die Studenten unter Beweis stellen, dass sie wissenschaftlich arbeiten können. Das Herzstück des Studiums bildet jedoch die persönliche Betreuung in Form von obligatorischen Treffen mit Tutoren, Lektoren und Professoren. Bei dieser Gelegenheit sitzt ein Student diesem allein gegenüber und muss seinen Lernfortschritt dokumentieren, indem er sein Essay verliest. Nach alter Väter Sitte nimmt der Tutor das Elaborat anschließend systematisch Satz für Satz kritisch auseinander.

Prüfungen und Abschlüsse: Am Ende des zweiten oder dritten Trimesters stehen dann mit den „Moderations“, kurz „Mods“, beziehungsweise den „Preliminary Exams“ die ersten großen Herausforderungen an. Denn die Ergebnisse dieser (Vor-)Prüfungen entscheiden darüber, ob ein Student am College bleiben darf. Richtig ernst wird es je nach Fach im Sommer des dritten oder vierten Studienjahres, wenn die Abschlussprüfungen, die „Finals“, erfolgen. Die Mehrzahl der Studierenden gibt sich mit dem niedrigsten akademischen Grad, dem „Bachelor Degree“, zufrieden. Der Abschluss als „Bachelor of Arts“ (B.A.) oder „Bachelor Science“ (B.S.) genügt für die meisten Laufbahnen in der freien Wirtschaft oder im öffentlichen Dienst. Die bestmögliche Examensnote ist dabei das „First Class Degree“, gefolgt vom „Upper Second“ und „Lower Second“ sowie dem „Third“. Es besteht aber auch die Möglichkeit, das Studium mit einem schlichten „pass“ (= bestanden) oder „fail“ (= durchgefallen) zu beenden. Wer den nächsthöheren Abschluss, das „Master Degree“, vergleichbar dem deutschen Magisterabschluss, oder einen Doktortitel anstrebt, will in der Regel an Universitäten oder in seinem Fach arbeiten. Für den „Master of Arts“ (M.A.) oder „Master of Science“ (M.S.) sind ein oder zwei weitere Studienjahre vonnöten. Nach der erfolgreich absolvierten Prüfung dürfen die Studenten von Oxbridge hinter ihren Titeln die Bezeichnung „Oxon.“ (für Oxoniensis) beziehungsweise „Cantab.“ (für Cantabrigium) führen, um so deutlich zu machen, dass sie zu den „chosen few“, den wenigen Auserwählten gehören, die in Oxford oder Cambridge studieren durften.

Studentenleben und „social activities“: Am jeweiligen College haben Studenten Kost und Logis frei. Damit sich diese voll auf das Studium konzentrieren können, kümmern sich sogar sogenannte „Bedder“, Putzfrauen, um die Sauberkeit in den meist spartanisch eingerichteten Studentenbuden. Anfang Oktober ziehen die Studienanfänger, „Fresher“ genannt, in das College ein und erfahren beim „Fresher's Blind“, einer Art Willkommensparty, bei der ältere Studenten einen Drink spendieren müssen, die wichtigsten Tricks und Kniffe für die Studienzeit.

Wie an allen anderen Universitäten des Landes bilden in Oxbridge die „social activities“ einen festen Bestandteil des Studiums. Dabei spannt sich der Bogen von sportlichen Wettkämpfen über das Mitwirken in Theaterstücken oder im Chor der Universität bis hin zu Port and Cigars (Portwein und Zigarren) und Tea mit dem Tutor. Und auch die Mitgliedschaft in der Student's Union, der Studentenvereinigung, ist quasi ein Muss. Ebenso das regelmäßige Abhalten von freien Reden in den Debattierclubs der Student's Union. Allerdings zählt beim Umgang mit dem geschliffenen Wort weniger der inhaltliche Aspekt als die Kür selbst. Schließlich formt in Oxbridge der natürliche Umgang mit den landesbesten Schulabgängern und Lehrenden seit Jahrhunderten wie selbstverständlich eine Elite. Dies ist beileibe nicht nur auf die politische Ebene gemünzt, obschon Oxford und Cambridge wie die Nachwuchsakademie für die Downing Street No. 10 anmuten. Denn bis dato kamen sage und schreibe 30 (!) britische Premierminister - zu denen auch Tony Blair zählt - aus Oxbridge. Und weitere werden folgen ...

Allgemeine Informationen zum Studium:

British Council
Hackescher Markt 1
10178 Berlin
Tel.: 0 30/3 11 09 90
bc.berlin@britishcouncil.de
http://www.britcoun.de und http://www.britishcouncil.de

Britische Botschaft
Wilhelmstraße 70 - 71 10117
Berlin Tel.: 0 30/20 45 70
http://www.britischebotschaft.de

Kontakt:

University of Oxford
University Office
Wellington Square
Oxford OX1 2JD
England
http://www.ox.ac.uk

University of Cambridge
The Old Schools
Trinity Lane Cambridge CB2 1TN
England
http://www.cam.ac.uk

Text: Hochschulanzeiger Nr. 90, 2007
Bildmaterial: Britain-on-View