09. Juli 2008

Think global

International Affairs: Ein Studium, das überall gefragt ist

Von Gunda Achterhold




10. Dezember 2007 
Ein Führungsjob bei der Weltbank oder doch lieber in den diplomatischen Dienst? Interdisziplinäre Studiengänge in International Affairs verfügen über ein weltweit reichendes Netz an Partnerunis und schulen den Blick über den Tellerrand.

Der Name täuscht. Erst vor 15 Monaten hat René Jacques Boucsein damit begonnen, die französische Sprache zu lernen. Und trotz- dem sitzt der deutsche Student schon seit Semesterbeginn in den Hörsälen des Institut d'Etudes Politiques de Paris, der Sciences Po, um sein Masterstudium abzuschließen. Ich verstehe alles, aber mit dem Sprechen ist es noch schwer, sagt der 24-Jährige. Doch die Mühe lohnt sich. Denn in einem Jahr wird er gleich zwei Diplome in der Tasche haben: Den Master of Arts in International Affairs and Governance (MIA) der Universität St. Gallen ebenso wie den der Sciences Po. Das international ausgerichtete Studium an der Schweizer Wirtschaftsuni ist generalistisch und interdisziplinär aufgebaut und bereitet auf eine Laufbahn vor in internationalen Unternehmen, Diplomatie, internationalen Organisationen, öffentlicher Verwaltung oder Non-Profit-Organisationen. Eine rein wirtschaftsorientierte Ausbildung wäre mir zu einseitig gewesen, stellt Boucsein fest. Verglichen mit einem klassischen BWL-Studium lässt International Affairs dem Einzelnen mehr Möglichkeiten, selbst sein Profil zu schärfen. So ermöglichen es die Doppeldiplom-Programme mit der Partneruni in Paris und der Fletcher School of Law and Diplomacy der Tufts University in Medford, Boston, gleich an zwei verschiedenen Studiengängen teilzunehmen - mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und Schwerpunkten. Wer nach St. Gallen kommt, erwartet natürlich auch eine besondere wirtschaftliche Kompetenz, so Boucsein. Hier in Paris ist das Studium wiederum wesentlich politischer orientiert.

René Jacques Boucsein studiert in zwei Ländern und an zwei Universitäten. Nächstes Jahr wird er zwei Diplome in der Tasche haben sowie den Master of Arts in International Affairs and Governance.

Das Angebot an vergleichbaren Studiengängen im deutschsprachigen Raum ist überschaubar. Pionierarbeit leisten die Bachelor- und Masterstudiengänge Internationale Beziehungen (IB), den die TU Dresden seit fast zehn Jahren unter der Trägerschaft des Zentrums für Internationale Studien (ZIS) anbietet. Es sagt viel über das deutsche Hochschulsystem aus, dass ein so erfolgreich laufendes Angebot keine Nachahmer findet, stellt ZIS-Geschäftsführer Stefan Robel fest. Jährlich über 600 Bewerbern stehen nur 35 zu vergebende Plätze gegenüber, die Nachfrage ist steigend. Neben den Politikwissenschaftlern, Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern sind in Dresden auch die Historiker mit von der Partie, wenn auch Geschichte nicht mehr zu den Kernfächern gehört, wie in den Anfangsjahren. Die Ausbildung zum Bachelor dauert sechs Semester. Wer noch einen Master draufsatteln will, investiert drei weitere (im Zuge der Bologna-Konferenz künftig vier). Dem Konzept der Schweizer Uni St. Gallen kommt dieses Modell am nächsten, auch wenn sich die fachlichen Akzente leicht unterscheiden. Intensive Sprachausbildung, Auslandsstudiensemester und Praxisprojekte gehören an beiden Hochschulen zu den entscheidenden Eckpunkten. Ein Doppeldiplomprogramm gibt es in Dresden bisher nicht. Dafür soll die Masterausbildung künftig klarer strukturiert werden, um den interdisziplinären Ergänzungsstudiengang für Bewerber von außen attraktiver und studierbar zu machen. Ein Jurist nimmt nicht noch einmal fünf, sechs Semester in Kauf - die es dauern würde, wenn alle drei Fachrichtungen gleichberechtigt nebeneinander stehen, erklärt Geschäftsführer Robel. Politik, Wirtschaft und Recht werden deshalb künftig zu zwei Schwerpunkten gebündelt. Zur Wahl stehen dann die beiden Richtungen Politische Ökonomie (Internationale Wirtschaft/Politik) sowie Internationale Organisation und Institutionen (Internationales Recht/Politik).

Auch andere Hochschulen, wie die FU Berlin oder die private Hertie School for Governance (siehe Kasten) haben auf Internationale Beziehungen spezialisierte Studiengänge entwickelt. Den Bachelor bieten jedoch nur St. Gallen und die TU Dresden an. Dort sind die Hürden allerdings sehr hoch, sagt Boucsein. An der sächsischen Uni werden neben inner- und außerschulischem Engagement mit internationalem Bezug auch sehr gute Fremdsprachenkenntnisse in zwei Sprachen vorausgesetzt. Da ich mich als Schüler vor allem kommunalpolitisch engagiert habe und auch nie länger im Ausland war, habe ich es in Dresden gar nicht erst probiert. In St. Gallen sah er bessere Chancen für sich.

Einer unserer Ehemaligen ist persönlicher Referent einer Bundesministerin, eine andere vertritt die Leipziger Messe in Peking.

Der vierstündige Aufnahmetest fragte kein Fachwissen ab, sondern war als mehrstufiger Intelligenztest aufgebaut. Da waren alle erst einmal auf demselben Stand, so Boucsein. Der Studienalltag hat es allerdings in sich. Wer das erste Jahr übersteht, den schreckt gar nichts mehr, findet der Masterstudent und lacht. In der sogenannten Assessmentstufe, die alle St. Gallener Studenten durchlaufen, wird kräftig gesiebt. Alle machen das gleiche Programm - und das in allen Fächern. BWL, VWL, Recht, Mathematik plus Nebenfächer. Das ist zwar hart, meint der Deutsche. Aber im Nachhinein glaube ich, dass einem genau diese Feuertaufe erst zeigt, was man überhaupt zu leisten vermag. Mir hat es auf jeden Fall das nötige Selbstbewusstsein vermittelt, um mich in Italien und jetzt in Frankreich durchzubeißen.

In der anschließenden Bachelor-Stufe, die zwei Jahre dauert, entscheiden sich die Studierenden für ihre Vertiefungsrichtung, den sogenannten Major. Wie im Masterprogramm auch, vermitteln die Kurse des Pflichtbereichs das grundlegende Rüstzeug in den Kerngebieten. Der Pflichtwahlbereich mit seiner offenen Kursstruktur ermöglicht es, eigene Akzente zu setzen. Boucsein hat zum Beispiel gezielt Kurse aus dem Bereich Medienwissenschaften, Kommunikationstheorie und Journalismus belegt. Ganz egal, ob ich im Rahmen europäischer Politik und Verwaltung arbeiten werde, in der Wissenschaft bleibe oder zu einer internationalen Organisation gehe, überall muss ich Informationen auf adäquate Weise managen können, sagt er. Sprachlich dürfte ihm das keine Probleme mehr bereiten. In den bislang vier Studienjahren hat er sich nicht nur sein Italienisch und Französisch aufgebessert. Auch sein Englisch ist jetzt so gut wie perfekt. Ein großer Teil der Lehrveranstaltungen wird in englischer Sprache gehalten. Und auch nach der Vorlesung geht es international weiter, denn viele der rund 500 IA-Studenten kommen aus dem Ausland.

Das berufliche Spektrum der MIA-Alumni und -Alumnae (der Frauenanteil liegt bei 28 Prozent, Tendenz steigend) ist in jedem Fall groß. Absolventen der letzten zehn Jahre arbeiten in Beratungsfirmen, in international tätigen Unternehmen, in der öffentlichen Verwaltung und in den Medien, im diplomatischen Dienst, in der Entwicklungszusammenarbeit, in internationalen Organisationen und NGOs, in Parteien und Verbänden sowie an Universitäten. Gut ein Viertel (27 Prozent) ist bei Banken oder Versicherungen tätig. Auch die Dresdner Absolventen, deren Frauenanteil bei knapp 60 Prozent liegt, haben durchweg den Sprung auf interessante Positionen geschafft. In den Internationalen Währungsfond (IWF) und zur Weltbank ebenso wie in die Privatwirtschaft oder in den gehobenen diplomatischen Dienst. Einer unserer Ehemaligen ist persönlicher Referent einer Bundesministerin, eine andere vertritt die Leipziger Messe in Peking, so ZIS-Geschäftsführer Robel. Integratives Wissen und interdisziplinäre Analyse sind im öffentlichen Bereich genauso gefragt wie in internationalen Organisationen. René Boucsein wird sehr wahrscheinlich im nächsten Jahr nach St. Gallen zurückkehren, um dort zu promovieren. Und danach? Das Schöne an dem Studium ist, dass es immer noch die Freiheit lässt, verschiedene Wege einzuschlagen, sagt der Deutsche, der sich gut vorstellen kann, in der Wissenschaft zu bleiben.

Wo kann ich Internationale Beziehungen studieren?

Wie die Universität St. Gallen (HSG) gehört auch die Berliner Hertie School of Governance der Association of Professional Schools of International Affairs (APSIA) an, einem Zusammenschluss von 30 staatlichen wie privaten Hochschulen weltweit, die Studiengänge im Bereich Internationale Beziehungen anbieten. Dazu gehören unter anderem die Kennedy School of Government der Harvard University, die London School of Economics und die Graduate School of International Studies (HEI) in Genf, einer auf Diplomatie und Entwicklungshilfe ausgerichteten Uni - an der übrigens auch Kofi Annan zeitweise studiert hat.
Infos unter: http://www.apsia.org

Der englischsprachige Ergänzungsstudiengang Master of Public Policy, den die private Hertie School of Governance in Berlin vor zwei Jahren eingerichtet hat, wendet sich an Top-Absolventen aus den Wirtschafts-, Rechts- und Politikwissenschaften und bereitet auf Führungspositionen im öffentlichen Dienst und in internationalen oder Nichtregierungsorganisationen vor.

Der Masterstudiengang IB, den FU Berlin, Humboldt-Universität und Universität Potsdam gemeinsam eingerichtet haben, nimmt vor allem sicherheits- und ordnungspolitische Fragen in den Blick und ist auf regionale Politikanalysen spezialisiert. 2006 ist das Programm von DAAD und Stifterverband als einer der zehn innovativsten internationalen Masterstudiengänge in Deutschland ausgezeichnet worden. In Kooperation mit Partnerunis in Paris und Moskau machen die Berliner deutsch-französische und deutsch-russische Doppelmaster-Abschlüsse möglich - Netzwerken über Grenzen hinweg wird auch hier großgeschrieben.

Universität St. Gallen
Master of Arts in International Affairs and Governance (MIA)
http://www.mia.unisg.ch

Freie Universität Berlin/Humboldt-Universität/Universität Potsdam
Masterstudiengang Internationale Beziehungen
http://www.masterib.de/studium

Technische Universität Dresden
Bachelor/Master Internationale Beziehungen
http://www.tu-dresden.de/zis

Hertie School of Governance Berlin
Master of Public Policy
http://www.hertie-school.org

Institut d'Etudes Politiques de Paris (Sciences Po)
http://www.sciences-po.fr

Graduate School of International Studies Genf (HEI)
http://www.hei.unige.ch

Harvard University - JFK School of Governance
http://www.ksg.harvard.edu

Tafts University - Fletcher School of Governance
http://www.fletcher-tufts.edu

Text: Hochschulanzeiger Nr. 93, 2007
Bildmaterial: Christopher Fellehner, Labor, privat