12. Dezember 2009

Die Welt verändern

Design Thinking: Neues Studium für kreative Denker

Von Michaela Kloiber



Für Studenten kostenlos: Die »School of Design Thinking« in Potsdam ist bestens ausgestattet. Gründer und Geldgeber Hasso Plattner sorgt dafür.
20. Oktober 2008 
Aus dem alten Menschheitsideal ist ein neues Studienfach geworden. Die „School of Design Thinking“ am Hasso-Plattner-Institut der Universität Potsdam bringt Studenten bei, die Welt mit anderen Augen zu sehen und sie zu verbessern. Dazu nötig: Einfühlungsvermögen, moderne Methodik und viele bunte Zettel. Die 40 ersten Absolventen sind bereits in die Welt entlassen worden.

Bislang war Christine Noweski gewohnt, die Welt nur in der Theorie zu verbessern. „Wir wissen schon vorher, dass wir nichts bewegen“, sagt die 26-Jährige über ihre Erfahrungen im Politikstudium. „Man redet viel, wenig kommt dabei raus.“ Jetzt weiß sie, dass es auch anders geht. Die junge Frau gehört zum ersten Jahrgang, der die einjährige Zusatzausbildung an der „School of Design Thinking“ am Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik in Potsdam absolvierte. Noweski ist nun offiziell eine „Design-Thinkerin“, so der sperrige Titel. Ihr Abschluss: ein Zertifikat, das bisher nur Insider kennen. Doch den eigentlichen Gewinn sieht die Absolventin woanders: Sie nimmt ihre Umwelt nun mit anderen Augen wahr, hat Lust bekommen, das zu ändern, was ihr nicht passt - und völlig überraschend die Wahl zwischen mehreren Jobs. „Als Sozialwissenschaftler ist man ja sonst nicht so begehrt, aber jetzt stehen die Arbeitgeber Schlange“, freut sich die Potsdamerin.

Mit vielen Zetteln die Welt verbessern:Die »d-school« in Potsdam geht ungewöhnliche Wege.

40 Studenten begaben sich 2007 in der neu gegründeten und europaweit einzigartigen „School of Design Thinking“, kurz „d-school“ genannt, auf eine zweisemestrige Reise, von der sie erst einmal nicht genau wussten, wohin sie führt. „Wir haben uns alle ins Ungewisse gestürzt“, sagt Christine Noweski. So viel war klar: Die Ausbildung kostet nichts, wird vom renommierten Plattner-Institut in Potsdam organisiert, folgt dem Vorbild des „Design Thinking Institutes“ an der Elite-Universität Stanford und öffnet sich allen Fachrichtungen Wer mit „Design Thinking“ die Gestaltung von Mobiliar oder Automobilen verbindet, liegt falsch. Die Denkschule zielt darauf, innovative Ideen für alle Lebensbereiche zu entwickeln. Das Konzept beruht auf den Ideen von David Kelley, Gründer der Design-Agentur IDEO und Stanford-Professor. Er ist der Überzeugung, dass wahre Innovation nur möglich ist, wenn Menschen verschiedener Disziplinen zusammenkommen. Die Fächer-Mixtur ist in Potsdam gelungen: Die 40 Studenten des ersten Jahrgangs kamen aus 30 Disziplinen, unter ihnen Informatiker, Betriebswirte, Historiker und Amerikanisten.

Zwei komplette Tage pro Woche sollten die Studenten auf dem Campus anwesend sein. Zurücklehnen war dabei selten möglich. Schon allein das Design des Klassenraums machte das allen deutlich. Stehtische sind Standard. „Es geht nicht darum, sich auf die Couch zu setzen“, sagt Dozent Simon Blake, ausgebildeter Medienmanager. Er ist einer von zwölf Lehrenden an der „d-school“. Auch die Dozenten kommen aus den unterschiedlichsten Fächern, von der Biologin über den Wirtschaftswissenschaftler bis hin zum Ingenieur. Geleitet wird die innovative Truppe von Ulrich Weinberg, eigentlich Professor an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam. Er sorgte zuerst einmal für das richtige Ambiente an der „d-school“: Stehend, umgeben von Stellwänden und ausgerüstet mit vielen bunten Zetteln, sollten die Studenten Lösungen für die unterschiedlichsten Problemstellungen finden. Zum Beispiel einen funktionalen Geldbeutel erdenken, flexibleres Einkaufen ermöglichen oder auch das Energieproblem der Menschheit lösen.

»Design-Thinkerin« der ersten Stunde:Christine Noweski hat nun ein Zertifikat und mehrere Jobangebote.

In jedem Fall führt der Weg zum Erfolg über organisierte Kreativität: Erst einmal müssen die Studenten den Kern des Problems erkennen, das Problem aus verschiedenen Blickwinkeln erfassen, mit denen sprechen, die betroffen sind, Erfahrungen einholen. Dann beginnt die Suche nach einer Lösung, einer neuen Idee. „Wir visualisieren viel“, sagt Blake. Auf Zetteln, mit Draht, Knetmasse oder Legosteinen werden Ideen entwickelt, Modelle gebastelt. Haben die Studenten eine adäquate Lösung gefunden, wie etwa eine Litfaßsäule, an der man künftig per Knopfdruck einkaufen kann, oder einen mobilen Stromzähler, dann wird möglichst rasch ein Prototyp gebaut. „Das muss schnell gehen, damit sich die Studenten nicht in eine Idee verlieben, von der sie nicht mehr weg wollen, weil sie schon so viel Zeit investiert haben“, so Blake. Das Gesamtpaket muss stimmen, um erfolgreiche Produkte oder Dienstleistungen auf den Markt bringen zu können: Die Wünsche der Nutzer müssen in Einklang gebracht werden mit technischer Machbarkeit und effizienter Umsetzung.

Die Studenten lernen in Workshops spezielle Fragetechniken, um bei Nutzerbefragungen effektiv an den Kern des Problems zu gelangen. Sie lernen, dass die Kommilitonen aus anderen Fachrichtungen oft ganz anders denken, aber viel einbringen können, wenn man sie bittet, auf ihren Fachjargon zu verzichten. Und sie lernen, dass man mutig denken, Konventionen über Bord werfen darf. Nichts ist unmöglich. Christine Noweski ärgert sich, wenn sie sieht, wie sich eine ältere Dame am Fahrkartenautomaten quält. „Das muss doch auch einfacher gehen“, denkt sie sich nun. Die Diplom-Politologin hat im vergangenen Semester die meiste Zeit mit dem Projekt „Die letzte Meile beim privaten Einkauf“ verbracht. Zusammen mit drei Kommilitonen suchte sie nach Wegen, um Produkte einfacher und kostengünstiger an den Verbraucher zu bringen, unabhängig von Ladenöffnungszeiten. Wie die meisten Problemlösungen der „Design-Thinker“ beginnt der neu erdachte Weg im Internet. Der Einkauf per Computer endet an einer Litfaßsäule. Das Konzept ist maßgeschneidert für eine deutsche Supermarktkette. Früh sollen die Studenten an die realen Märkte herangeführt werden. Im zweiten Semester erarbeiten sie ein Projekt mit einem Industriepartner. Die anfänglichen Bedenken des „d-school“-Leiters Ulrich Weinberg, dass sich nicht gleich ausreichend externe Projektpartner für die studentische Ideenschmiede finden, erwiesen sich als unbegründet. Die Industrie lässt sich gerne inspirieren, so gerne, dass sie voraussichtlich ab nächstem Semester für die Ideen bezahlen muss.

Christine Noweski hat nun ein Angebot der Supermarkt-Kette, ihr Konzept in den nächsten drei Jahren für das Unternehmen auszuarbeiten. Die Chance, die eigene Idee tatsächlich auch umzusetzen, sei verlo-ckend. Aber vielleicht bleibt sie auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hasso-Plattner-Institut und macht ihren Doktor. Gerade diese Anfangsphase der „d-school“ mitzubekommen sei spannend, sagt die Absolventin. „Viel Chaos, viel Dynamik.“

Genauso hatte sich das Hasso Plattner vorgestellt. Der Gründer der „d-school“ zeigte sich bei der Abschlussveranstaltung am Ende des zweiten Semesters beeindruckt von der Arbeit der Studenten und zufrieden, dass sein Konzept aufgegangen ist und er tatsächlich Innovationspotential wecken konnte. Der Mitgründer des Software-Riesen SAP ist bekannt dafür, unkonventionelle Wege zu gehen. Er hat damit Milliarden verdient und gibt zumindest Millionen wieder gerne aus, um sie in junge Menschen und deren Ideen zu investieren. Plattner finanziert seit zehn Jahren das nach ihm benannte Institut für Softwaresystemtechnik an der Universität Potsdam, seit vergangenem Jahr die „School of Design Thinking“. Er hatte vor zehn Jahren die Bereitstellung von 50 Millionen Euro auf 20 Jahre zugesichert. Inzwischen beläuft sich das gesamte Förderbudget auf weit mehr als 200 Millionen Euro.

Die Idee für die „d-school“ nahm Plattner aus Stanford mit. An der Elite-Uni werden seit vielen Jahren „Design-Thinker“ ausgebildet. Der Wissenschaftsmäzen unterstützte auch dieses Institut finanziell und half, es 2005 als eigenständige Einrichtung zu etablieren. Eines Tages wird sich seine Großzügigkeit vielleicht auszahlen - und einer seiner Studenten löst das Energieproblem der Menschheit oder erfindet ein völlig neues Internet. Im Nachbargebäude der „d-school“ in Potsdam kann aus einer neuen Idee schnell eine neue Existenz werden: Dort ist Plattners Wagniskapitalfonds „Hasso Plattner Ventures“ untergebracht. Er unterstützt Studenten finanziell beim Aufbau von Start-up-Firmen. An interessierten, klugen Köpfen mangelt es jedenfalls nicht. Für den zweiten Jahrgang haben sich 120 Studenten aus ganz Deutschland und einzelne Interessenten aus Europa beworben. 60 von ihnen dürfen sich und ihre Kreativität nun in einem mehrtägigen Auswahlverfahren beweisen. Ab November werden 40 Denker dann wieder nach Lösungen suchen, um die Welt zu verändern.

Zugangskriterien
Die zweisemestrige Zusatzausbildung richtet sich an Studierende, die kurz vor dem Diplom-, Master- oder Magisterabschluss in ihrer Disziplin stehen oder gerade ihr Studium beendet haben. Es werden höchstens 40 Studierende aufgenommen. Zu bedenken ist, dass zwar nur zwei volle Präsenztage pro Woche verlangt werden, die Projektarbeit und Ideenfindung in der Regel jedoch weit mehr Zeit erfordert. Gerade im zweiten Semester an der „d-school“ sollte man sich nicht vornehmen, parallel ein Diplom oder einen Magisterabschluss zu absolvieren.

Bewerbung
Gute Noten sind hilfreich. Entscheidend jedoch: Die Bewerber müssen zeigen, dass sie kreatives Potential besitzen. Die erste Hürde: eine schriftliche Bewerbung, in der man sein persönliches „T-Profil“ darstellen muss: Die „d-school“ sucht nach „t-shaped people“, jungen Leuten, die „tief bohren und breit denken“. In einem vertikalen Balken sollen die Bewerber zeigen, wo sie durch ihr in die Tiefe gehendes Fachwissen guten Input für die „d-school“ mitbringen, in einem horizontalen Balken sollen sie darstellen, wo sie durch ihre in die Breite gehenden Interessen überzeugen. Wer die erste Hürde der schriftlichen Bewerbung überwunden hat, muss in einem mehrtägigen „Trainingslager“ unter Beweis stellen, dass er in der Lage ist, innovative Ideen zu entwickeln. Die Bewerbungsfrist für den Start der zweisemestrigen Zusatzausbildung, die jeweils im Wintersemester beginnt, endet im Sommer. Der genaue Termin für 2009 wird noch bekanntgegeben unter http://www.hpi.uni-potsdam.de/ d-school/bewerbung.html.

Abschluss
Der erfolgreiche Abschluss wird mit einem Zertifikat bescheinigt.

Sprache
Studiensprache ist Englisch (zumindest wenn englischsprachige Kommilitonen in der gleichen Projektgruppe sind).

Kosten
Das Studium ist kostenfrei.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 98, 2008, Seite 124