18. Dezember 2009

Leute

Studenten im Portrait

Von Fenja Mens



14. Oktober 2009 Wir stellen Studentinnen und Studenten vor, die neben ihrem Studium etwas tun. Das kann etwas Wichtiges für Mitmenschen sein oder etwas Ausgefallenes, auf jeden Fall ist es aber etwas Interessantes.

Stadtschreiberin

Janine Hellmann ist Redaktionsleiterin von „wo-ist-eigentlich-lingen.de“. Besucher der Seite werden mit den Worten empfangen: „Klick' dich durch und entdecke Lingen.“


„Manche Erstsemester halten Lingen tatsächlich für einen Stadtteil von Osnabrück“, sagt Janine Hellmann und lacht. „Die sind bei der Ankunft dann erst mal geschockt.“ Denn Lingen ist mit seinen rund 56.000 Einwohnern eine eigene Stadt und liegt mitten im Emsland - gut 70 Kilometer von Osnabrück entfernt. Janine wusste, was sie erwartete, als sie sich für den Studiengang Kommunikationsmanagement der FH Osnabrück, Außenstelle Lingen, entschied. Sie hatte auf der Internetseite „wo-ist-eigentlich-lingen.de“ Fotos betrachtet, den Veranstaltungskalender studiert und Artikel rund um das Leben vor Ort gelesen. „Das Portal ist 2006 von Studierenden als eine Art virtueller Campus und Anlaufstelle für Neuankömmlinge gegründet worden“, erzählt die 30-Jährige. „Ich fand die vielen Infos total praktisch.“ An der Seite mitzuarbeiten, daran dachte sie damals aber noch nicht. Im ersten Semester geriet sie dann auch eher zufällig in die Redaktion, als Fotografin. Im zweiten schrieb sie erste Texte. Zu Beginn des dritten übernahm sie gemeinsam mit ihrer Kommilitonin Dominique da Silva die Chefsessel. Seit einem Jahr managen die beiden nun den Redaktionsalltag: Halten Konferenzen ab, redigieren Artikel und koordinieren ein Team von 15 Studierenden plus freien Mitarbeitern. Eine ganze Menge Verantwortung sei das, sagt Janine, schließlich verfolgen bis zu 15.000 Besucher im Monat die Seite. Über ihren rasanten Aufstieg von der Nutzerin zur Redaktionsleiterin wundert sie sich noch immer. Nach dem Abitur hatte sie jahrelang als Altenpflegerin gearbeitet, erst mit 27 entschied sie sich für das Studium. „Deshalb ist es jetzt umso wichtiger, dass ich in meinem Fach möglichst viel Praxiserfahrung sammele“, sagt sie. Für die Zukunft wünscht sich Janine, dass „wo-ist-eigentlich-lingen.de“ noch lebendiger und nutzwertiger wird. Und noch interessanter für Menschen, die nicht wegen des Studiums in Lingen leben - sondern weil es einfach ein nettes Städtchen ist.

http://www.wo-ist-eigentlich-lingen.de

Zukunftsfahrer


Mit einem innovativen Kugelfahrzeug gewannen Studierende der Fachhochschule Wiesbaden die Ferchau-Challenge 2009.

Als Tolga Yildirimli (im Bild links), 24, die Ausschreibung seiner Dozentin sah, war er sofort Feuer und Flamme: Sie suchte nach Studierenden, die sich mit einer gemeinsamen Arbeit an der Ferchau-Challenge beteiligen wollten, einem Entwicklungswettbewerb für Schüler und Studenten. Das Thema des Wettbewerbs: „Mobil mit Energien der Zukunft“. Schnell war eine kleine Gruppe zusammen: Neben Tolga und seinem Kommilitonen Jens Hartl vom Fachbereich Maschinenbau meldete sich noch der angehende Mechatroniker André Müller (im Bild in der Mitte) und dessen Kommilitone Paul Fürstmann (im Bild rechts). Letzterer hatte schließlich eine ungewöhnliche Idee: Ein Fahrzeug mit kugelförmiger Karosserie, das durch einen Elektromotor angetrieben wird, der im Inneren der Hülle auf einer Schaukel sitzt. „Zunächst waren wir skeptisch, ob das funktionieren kann“, gibt Tolga zu. „Mangels Alternativen haben wir dann einfach angefangen.“ Sie entwickelten ein Konzept für das Fahrzeug sowie die Ladestation, die mit Sonnenenergie und Windkraft angetrieben wird, und reichten es ein. Kurz darauf stand fest: Das Team der FH Wiesbaden durfte ins Finale. Nun machte sich die Gruppe, die inzwischen um drei weitere Studierende sowie einen Schüler gewachsen war, ans Konstruieren. Im Juni flogen Tolga, Jens, Paul und André schließlich zur Endrunde nach Korsika. Der Parcour, den alle Finalteilnehmer absolvieren mussten, bestand aus einer Strecke von 400 Metern. Hinzu kam eine Steigung, außerdem ging es durch Wasser und Sand. Die Jury zeigte sich beeindruckt von der Kugel der Wiesbadener und kürte sie als Sieger. „Das war das berühmte Tüpfelchen auf dem i“, schwärmt Tolga. „Die Stimmung unter den Teams war sehr kameradschaftlich, wir haben untereinander sogar Werkzeuge und Bauteile ausgetauscht. Da war der Sieg eigentlich gar nicht mehr so wichtig.“


http://challenge.ferchau.de http://www.fh-wiesbaden.de

Online-Nachhelfer

Die Berliner Stephan Bayer und Andreas Spading gründeten die virtuelle Nachhilfe Sofatutor, eine Art Youtube für Bildungsinhalte.


Ein Whiteboard, ein Stift, eine Hand - und schon geht es los: Eine Frauenstimme erklärt die Grundbegriffe der Genetik, dazu notiert der Stift fleißig Stichwörter und malt Pfeile. Wer am Ende nicht verstanden hat, was ein Gen ist, klickt einfach noch einmal auf „Play“. So oder so ähnlich hatte sich Stephan Bayer die perfekte Nachhilfe vorgestellt, als er vor zwei Jahren in einer BWL-Vorlesung saß und beim Mitschreiben kaum hinterherkam. „Da habe ich mir gewünscht, ich könnte auf Stopp drücken, zurückspulen und mir die Stelle noch einmal anschauen“, erzählt der 26-Jährige. Kurz darauf lernte er Andreas Spading, 28, kennen. „Stephan generiert ständig Ideen, ich bin dagegen eher ein Umsetzer. Wir haben schnell gemerkt, dass wir uns ergänzen“, sagt Andreas. Von Stephans Idee einer Online-Plattform für Bildungsclips war er sofort begeistert. „Wir haben uns gedacht, dass es viele Uni-Tutoren, Nachhilfelehrer und pensionierte Studienräte gibt, die ein bestimmtes Wissen haben, denen aber die Möglichkeit fehlt, es an den Mann zu bringen.“ Die beiden beschlossen, den Schritt zu wagen, und gründeten ein eigenes Unternehmen. Im April ging der Sofatutor mit 1.000 Filmen online, im August waren es bereits 2.000, bis Jahresende sollen es 10 000 sein. Allein in Mathematik sind mehr als 1.000 Clips abrufbar. Das Angebot reicht vom Satz des Pythagoras bis zur angewandten Analysis für Ingenieure. „Mittelfristig wollen wir den gesamten Schulstoff sowie Studiengänge wie Medizin, Jura und BWL abdecken“, verspricht Andreas. Filme kann jeder hochladen, sie müssen allerdings bestimmten technischen Standards genügen, Experten prüfen zudem den Inhalt. Die Autoren werden in Relation zur Nutzerzahl ihres Videos honoriert, die Nutzer wiederum bezahlen einen monatlichen Beitrag von 8 Euro. Während Andreas seinen Abschluss in Medieninformatik schon in der Tasche hat, muss Stephan sein Studium erst noch abschließen. An Nachhilfevideos mangelt es dem Jungunternehmer nun nicht mehr - dafür an Zeit.

http://www.sofatutor.com

Aktivist

Der angehende Politikwissenschaftler Sebastian Jabbusch, 26, kämpft auf der Straße und im Internet gegen Rechtsextremismus.

„Der Wunsch, sich in den politischen Diskurs einzubringen, ist im Osten weit weniger verbreitet als im Westen“, hat Sebastian Jabbusch festgestellt. Der angehende Politikwissenschaftler möchte mit Projekten das Demokratieverständnis an seinem Studienort Greifswald stärken. So baute er dort 2006 eine lokale Gruppe der satirischen Organisation „Front deutscher Äpfel“ auf. Immer wenn die NPD im Landtagswahlkampf einen Stand auf dem Marktplatz stellte, verteilten die Apfelfrontler gleich daneben Flyer mit Sprüchen wie „Südfrüchte raus!“. Dazu trugen sie schwarze Kleidung und rote Armbinden. „Die Passanten waren irritiert“, erzählt Sebastian zufrieden. „Daraus ergaben sich fruchtbare Gespräche über Rechtsextremismus.“ Um noch mehr Diskussion zu ermöglichen, gründete er 2008 mit Kommilitonen das studentische Online-Magazin „WebMoritz“. Mittlerweile posten die Nutzer monatlich rund 1.000 Kommentare, nicht wenige davon befassen sich mit der Initiative „Uni ohne Arndt“, Sebastians aktuellem Projekt. Ihr Ziel: Die Universität soll künftig nicht mehr nach Ernst-Moritz Arndt heißen. Der Publizist lebte im 19. Jahrhundert und gilt als Ikone der Nationalsozialisten. „Arndts Fremdenfeindlichkeit, sein Franzosenhass und seine antijüdische Einstellung ziehen sich durch alle seine Werke. Er ist kein adäquates Vorbild für heutige Studierende“, findet Sebastian. Mehr als 1.000 Studierende unterzeichneten bereits den Aufruf der Initiative. Im Januar soll es eine Urabstimmung geben, danach muss der Akademische Senat entscheiden. So viel Engagement bleibt auch der rechtsextremen Szene nicht verborgen. Sebastians Name findet sich auf deren Internetseiten immer häufiger. Er lässt sich davon nicht einschüchtern, mag sich aber auch nicht aufs Podest heben lassen: „Ich bin einfach ein aktiver Bürger, davon gibt es nicht so viele. Höchstens aus diesem Grund ist mein Engagement vielleicht etwas Besonderes.“



http://www.uni-ohne-arndt.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 104, 2009, Seite 74
Bildmaterial: privat
 
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Preis der Freiheit
Hochschulsponsoring: Wie viel Wirtschaft verträgt die Uni?

Unternehmen renovieren Hörsäle, sponsern Bibliotheken und finanzieren ganze Institute. An manchen Hochschulen sind die privaten Geldgeber kaum noch wegzudenken. Kritiker fürchten um die Unabhängigkeit der Forschung. 

Hauptsache, die Kasse stimmt: Wirtschaftsinformatikstudent Tobias Feldhaus hat nichts gegen Spendengelder von Unternehmen.
Die Gedanken sind frei
Studieren im Knast


Am Anfang bekam der Student es mit der Angst zu tun. Im Gefängnis, zwischen Stacheldraht, Metallgittern und Mauern. Später gab ihm das Studium hier wieder ein wenig Kraft. In Berlin-Tegel, im größten Männergefängnis Europas, lernen dreizehn Studenten für ihren Abschluss.