12. Dezember 2009

Leute

Studenten im Portrait

Von Fenja Mens



Andreas Deutermann und Kristoffer Braun
20. Oktober 2008 
Uni-Filmer

Andreas Deutermann und Kristoffer Braun erleichtern Mainzer Studienanfängern mit selbstproduzierten Videoclips den Start ins Uni-Leben.

Florian Lippe

Mainzer Erstsemester haben es bequem: Die Internetseite http://www.ersti.tv beantwortet fast alle Fragen, die man als Neustudent in der pfälzischen Kapitale so haben kann. Noch dazu hübsch verpackt in kleine Filme. Ein Seminar zum Thema Web-TV brachte die beiden angehenden Medienwissenschaftler Andreas Deutermann (28, rechts im Bild) und Kristoffer Braun, 26, auf die Idee. Der Dozent hatte die Seminarteilnehmer Infofilmchen für Erstsemester drehen lassen. „Eine saucoole Sache“, fanden Andreas und Kristoffer, und beschlossen: „Das machen wir jetzt richtig.“ Sie kauften Mini-DV-Kameras, arbeiteten sich in ein kompliziertes Schnittprogramm ein und lernten, wie man eine vernünftige Website baut. Im Frühjahr 2007 ging ersti.tv online, inzwischen umfasst das Angebot etwa 80 Filme, davon rund 15 auf Englisch. Allgemeine Fragen (Wie fotokopiert man beidseitig?) werden ebenso beantwortet wie spezifische (Wo bekommt man den Schlüssel für die blauen Spinde im Foyer der Bibliothek?). „Am Anfang haben wir aufgeschrieben, was für Studienanfänger interessant sein könnte, und diese Liste dann der Reihe nach abgearbeitet“, erzählt Andreas. Manche Themen ließen sich einfach umsetzen, für andere mussten sie sich Geschichten ausdenken und ein Drehbuch verfassen. In deren Mittelpunkt steht stets die Studentin Petra Petersen, die von einer Kommilitonin gespielt wird. „Es ist schon erstaunlich, wie viele Leute die Filme anschauen“, schwärmt Andreas. „Unsere Darstellerin wird an der Uni regelmäßig auf ihre Rolle angesprochen.“ Zu dumm nur, dass sich die beiden mit einer solchen Energie in die Arbeit gestürzt haben, dass ihnen langsam die Themen ausgehen. Ihre Liste ist so gut wie abgearbeitet. Nun drehen sie manche der älteren Filme neu, um sie zu verbessern - und träumen davon, ersti.TV eines Tages an andere Unis zu exportieren.
http://www.ersti.tv

Wählerische Architekten

Florian Lippe und fünf weitere Architekturstudenten luden zum „Bauherrencasting“ - und stellten damit das klassische Verhältnis von Bauherr und Architekt in Frage.

Christina Fischer

Auch in diesem Sommer öffnete die Berliner Hochschule der Künste (HdK) für einige Tage für Besucher ihre Pforten. „Wir fragten uns, wie wir die Leute in unsere Ateliers locken könnten“, erzählt Architekturstudent Florian Lippe, 27. „Am Tag der offenen Tür verirrt sich nämlich kaum jemand in unseren Fachbereich.“ Gemeinsam mit fünf Kommilitonen beschloss er, sich bei der Arbeit über die Schulter gucken zu lassen - und zwar bei der Arbeit an einem richtigen Bauprojekt. Um an ein solches zu kommen, luden die sechs zum „Bauherrencasting“. Die Idee: Bauwillige präsentieren ihre Ideen, und die Studenten suchen sich ein Projekt aus, das sie drei Tage lang gemeinsam kostenlos bearbeiten wollen. Der Berufsalltag eines Architekten sieht freilich anders aus: Eigentlich muss er ausführen, was seinem Auftraggeber vorschwebt, egal ob es ihm gefällt oder nicht. Für Florian und die anderen fünf war das Casting daher auch kein Marketinggag, sondern eher ein Testlauf für die Zukunft: „Wir glauben, dass die Ergebnisse einfach besser sind, wenn Bauherr und Architekt ähnliche Vorstellungen haben und auch die Chemie stimmt“, erläutert Florian. So jedenfalls würden sie später selbst sehr gerne einmal arbeiten. Sie entschieden sich für ein exotisches Projekt: Ein deutscher Fotograf möchte mitten im indischen Dschungel ein Tagungszentrum für Fotografen und Studierende eröffnen. Am Tag der offenen Tür recherchierten die Nachwuchsarchitekten über geeignete Baumaterialien, berechneten die zu bebauende Fläche und bastelten ein Modell des Geländes. Bislang, sagt Florian, stimme die Chemie. Der Bauherr sei an einer weiteren Zusammenarbeit interessiert, lud die sechs sogar nach Indien ein. Nur über finanzielle Fragen müssen sie sich noch einigen. Auch der Tag der offenen Tür war ein voller Erfolg: Mehr Neugierige als jemals zuvor fanden den Weg in die Ateliers der Architekten. Nicht wenige fragten, ob die sechs nicht auch einmal etwas für sie entwerfen können.
http://www.bauherrencasting.de

Soziale Gewinner

Christina Fischer engagiert sich bei der internationalen Studentenorganisation SIFE.

Seit zwei Jahren engagiert sich Christina Fischer bei der internationalen Studentenorganisation »Students in Free Enterprise«, kurz SIFE (sprich »Seif«). Die wurde vor mehr als 30 Jahren in den USA gegründet und ist mittlerweile in vielen Ländern aktiv. Ihre Ziele: Studenten sollen ihr Wissen in Projekten anwenden, die einen sozialen Charakter haben, sollen Sponsoren für die Realisierung ihrer Ideen gewinnen und dadurch in Kontakt zu Unternehmen kommen. Dabei müssen die Hochschulgruppen zunächst in einem Landeswettbewerb einer Jury aus Top-Managern ihre Projekte vorstellen. Wer hier überzeugt, nimmt schließlich an einem großen internationalen Wettbewerb teil. In diesem Jahr war es
Christina Fischer, deren Idee sofort auf offene Ohren stieß. Ein Bekannter hatte ihr von den Problemen einer Schule für Gehörlose in Uganda berichtet. »Tagsüber arbeiten die Kinder auf dem Feld, und abends, wenn sie lernen könnten, wird der Strom abgestellt. Das ist natürlich absurd, denn gerade Gehörlose sind beim Lernen ja auf Licht angewiesen - durch
eine Solaranlage wäre die Schule unabhängig«, erklärt die 22-Jährige, die selber einen gehörlosen Bruder hat und an der Internationalen Universität Bruchsal Kommunikationsmanagement studiert. Gemeinsam mit ihren Kommilitonen schrieb sie einen Businessplan, besuchte eine Solarmesse und sprach mit möglichen Sponsoren. Beim Wettbewerb im Juni übernahm sie die Präsentation des Uganda-Projekts. Vor 65 Entscheidern namhafter Unternehmen musste sie ihr Projekt vorstellen auf Englisch und unter Zeitdruck. Dennoch: Die Vor- und die Final runde konnte Bruchsal für sich entscheiden. Das Team darf Deutschland nun beim großen SIFE World Cup in Singapur vertreten - und Christina wird einer Riege internationaler Top-Manager von den Problemen gehörloser
Kinder in Uganda erzählen. Jetzt hofft sie natürlich, dass sie und ihr Team auch diese Hürde nehmen werden und am Ende die Solaranlage gebaut wird.
www.sife.de

Netz-Wunder

Sonja Kraus

Die Germanistin Sonja Kraus gewann einen wichtigen IT-Wettbewerb - und verblüffte damit die Fachwelt.

Als klar war, wer den Nachwuchswettbewerb von Deutschlands größtem IT-Forschungsprojekt Theseus gewonnen hatte, ging ein Raunen durch das Publikum: eine Frau! Noch dazu eine Sprachwissenschaftlerin! Kann das sein? Die Fachwelt rieb sich erstaunt die Augen. Tatsächlich hat die Kölner Studentin Sonja Kraus Deutsch und Latein auf Lehramt studiert. Demnächst beendet sie zusätzlich einen Magisterstudiengang. Ihre Leidenschaft für Rechner und das Internet entdeckte die 31-Jährige allerdings schon vor Jahren. Eines ihrer Nebenfächer ist die Computerlinguistik, ihr besonderes Interesse gilt dem „semantischen Web“. Darin lassen sich nicht nur Begriffe, sondern auch deren Bedeutungszusammenhänge sichtbar machen, was das Auffinden und Vernetzen von Texten, Bildern und anderen multimedialen Inhalten erleichtert. „Jeder kennt das Problem bei den Suchmaschinen: Man gibt ein Wort ein und bekommt viele Seiten angezeigt, die den Begriff zwar enthalten, aber inhaltlich rein gar nichts damit zu tun haben“, erklärt Sonja. „Mithilfe der Semantik lassen sich Webinhalte viel besser durchsuchen.“ Sie hatte gerade ihre Staatsexamensarbeit (Thema: „Semantische Sätze, semantische Merkmalsstrukturen und Prädikationen vor dem Hintergrund einer maschinellen Verarbeitung“) fertiggestellt, da stieß sie im Netz auf den Fragenkatalog des Wettbewerbs. Eine der Fragen reizte sie, und sie begann, parallel zu ihren Prüfungen an der geforderten Ideenskizze zu arbeiten. Dabei ging es um die Anreicherung von Dateien mit Informationen durch die Internet-Nutzer. „Ich hatte echt nicht damit gerechnet, dass ich etwas gewinnen würde“, erinnert sich Sonja. „Ich wollte einfach mal sehen, wo ich stehe.“ Nun hat sie 10.000 Euro mehr auf dem Konto, einen Praktikumsplatz bei Siemens in der Tasche, jede Menge neue Kontakte im Adressbuch - und gute Aussichten, künftig an verantwortlicher Stelle am Internet der Zukunft mitzuwirken
http://www.theseus-programm.de
http://www.kraus-sonja.de/semantik

Text: Hochschulanzeiger Nr. 98, 2008, Seite 122
Bildmaterial: privat