13. Oktober 2008

Ein Studienjahr in Granada

„Es wird richtig gut“

Von Mischa Täubner




16. Mai 2007 
Für den Lebenslauf hätte sich London oder Zürich vielleicht besser gemacht. Aber um die Karriere ging es ihm nicht. Und auch nicht nur um den Beweis, sich alleine im Ausland zurechtfinden zu können. Worauf es ihm bei seiner Wahl ankam: in schöner Umgebung entspannt das Leben genießen. Einen besseren Studienort hätte er dafür nicht finden können, meint Jan Heydenreich, der seit September letzten Jahres im südspanischen Granada weilt.

Granada hat mich gepackt. Schon am ersten Abend erlebte ich so etwas wie einen magischen Moment. Ich stand auf dem Platz Mirador San Nicholás. Das ist der berühmteste Platz der Stadt im alten arabischen Viertel Albaicn. Das Viertel liegt direkt am Berg, es besteht aus verwinkelten Gassen und verspielten weißen Häusern. Überall gibt es gemütliche Flamencobars, und draußen wie drinnen verbreiten Gitarrenspieler mit ihren Klängen reichlich Melancholie. Vom Platz Mirador San Nicholás blickt man über ein bewaldetes Tal hinweg auf die Alhambra, den prachtvollen Palast aus der Zeit, in der noch die Mauren in Granada herrschten. Ich trank gerade mein erstes granadinisches Bier, als die langsam untergehende Sonne die Alhambra in ein warmes Licht tauchte. Man hätte vielleicht sagen können: Ein kitschiger Postkartenanblick, aber ich hatte in diesem Moment plötzlich das besondere Gefühl von Freiheit, und ich wusste: Es wird richtig gut hier in Granada.


„Es ist ein Ort für Menschen, die ihre Freiheit suchen und alternativ leben wollen.“

Es mag vielleicht komisch klingen, aber ich finde, Granada hat viele Ähnlichkeiten mit Berlin, wo ich normalerweise wohne und an der Humboldt-Uni Jura studiere. Granada ist natürlich um einiges kleiner, aber dafür ebenso wild und vielseitig. Es ist ein Ort für Menschen, die ihre Freiheit suchen und alternativ leben wollen. Hippies, Aussteiger, Studenten und Touristen aus der ganzen Welt prägen auf den ersten Blick das Stadtbild. Das Leben der Granadiner scheint sich ausschließlich im Rhythmus von Siesta und Fiesta zu bewegen, die zahlreichen Bars sind Tag und Nacht voll, und in den schmalen Gassen herrscht permanent ein einziges Stimmengewirr. Ein Professor hat uns Austauschstudenten mal gefragt: „Warum kommt ihr so oft in die Vorlesung, anstatt das Leben zu genießen?“


In den ersten Tagen war ich hauptsächlich damit beschäftigt, mich mit dem Studiensystem vertraut zu machen und eine Wohnung zu suchen. Einen Tutor, der einen an die Hand nimmt, gibt es nicht. Aber das finde ich gut. Man wird selbständiger. Außerdem lernt man automatisch andere Erasmusstudenten kennen und hilft sich gegenseitig. Vier Tage brauchte ich, dann hatte ich ein Zimmer in einer Vierer-WG - mit zwei Spaniern und einer Spanierin, alle aus demselben Dorf in der Nähe Granadas. Ein katholisches Studentenwohnheim gibt es hier auch, aber von den Ausländern will keiner darin wohnen (welche Überraschung!), zumal genügend günstiger Wohnraum in der Stadt vorhanden ist. Die Telefonzellen sind vor dem Uni-Start Anfang Oktober zugekleistert mit Wohnungsanzeigen. Ich zahle inklusive Nebenkosten 160 Euro. Mein Zimmer ist zwar klein, aber dafür haben wir einen großen Salon. Die Einrichtung stellt der Vermieter, sie ist ziemlich spärlich, aber vom Bett bis zum Toaster ist das Nötigste vorhanden. Nur eine Heizung fehlt, wie in fast allen älteren Häusern Andalusiens. Wenn wir im Salon sitzen, klemmen wir immer eine Wolldecke unter die Tischplatte und stellen darunter ein kleines Elektro-Öfchen. So hat jeder die Beine unter der Decke, was echt warm ist und auch ziemlich gemütlich.

Die Wohnungssuche war etwas seltsam und ganz anders, als ich es von Berlin her kenne. Bei der Besichtigung der WGs kam es häufiger vor, dass mir einer der Bewohner kurz das freie Zimmer zeigte - und das war's. Keine Kennlerngespräche mit WG-Mitgliedern, keine prüfenden Blicke, keine weiteren Fragen. Die anderen Bewohner kamen nicht mal aus ihren Zimmern, um Hallo zu sagen. In den meisten spanischen WGs geht es halt zweckmäßiger zu als in Berlin. Bei uns zum Glück nicht, wir verstehen uns gut und machen unheimlich viel miteinander.


Auch sonst stellt sich hier wesentlich schneller als in Deutschland eine Herzlichkeit untereinander ein. Typisch für die spanischen Studenten aus der Umgebung ist auch, dass sie jedes Wochenende zu ihren Eltern nach Hause fahren und am Montag mit Proviant für die ganze Woche wiederkommen. Wie mein Mitbewohner Javi. Er staunt immer, wenn ich für uns koche und dafür mehrere Zutaten verwende.

An der Uni gefällt es mir sehr gut. Die Jurafakultät befindet sich in einem wunderschönen Gebäude im historischen Zentrum der Stadt. Wenn man durch den Patio schreitet, den offenen Innenhof im Gebäude, kommt man sich vor wie ein mittelalterlicher Gelehrter. Die ersten zwei Uni-Wochen im Oktober dienten der Orientierung. Man schnuppert in alle möglichen Kurse hinein, ohne sich vorher anzumelden. Für ausländische Studenten geht es in erster Linie darum, einen Prof zu finden, den man gut versteht. Die Andalusier sprechen nämlich sehr schnell und lassen nahezu alle Endungen weg. Ende Oktober schreibt man sich für seine Seminare ein, und für die Austauschstudenten steht ein Sprachtest an. Der entscheidet darüber, welchen Sprachkurs (sechs Stunden pro Woche) man künftig belegt. Kleiner Tipp: Wer im Test zu gut abschneidet, wird keinem (Gratis-)Sprachkurs zugeteilt. Also lieber ein paar Fehler machen.

In Jura belege ich Seminare in Verfassungsrecht, Rechtstheorie, europäisches Verfassungsrecht und Zivilrecht. Was mir gut gefällt, ist, dass man hier nicht nur Gesetze paukt, sondern großen Wert auf rechtsphilosophische Fragen legt. Es geht hier verbindlicher zu als an deutschen Unis, die Profs achten darauf, wer zu den Seminaren kommt und wer nicht. Die Seminare sind mit 30 bis 40 Studenten auch ziemlich überschaubar. Ich gehe gerne hin, es macht Spaß und man lernt eine Menge.

Von 14 bis 17 Uhr ist Siesta, da läuft an der Uni gar nichts. Meistens gehe ich nach Hause, da ist dann die ganze WG, und wir essen zusammen, nebenbei läuft immer der Fernseher. Manchmal esse ich aber auch draußen, entweder in der Cafeteria der Politikfakultät, wo ein komplettes Menü 3 Euro kostet, oder in der Tapasbar Paramos. Man bestellt ein Alhambra-Bier und bekommt Calamares, Ofenkartoffeln oder Hamburgesas gratis dazu. Nicht nur für Studenten ist die Tapaskultur eine preiswerte Gelegenheit, um gut zu essen und dabei satt zu werden. Köstlich ist auch Salmorejo, das ist eine kalte, dickflüssige Art Tomatensuppe, aber die muss man extra zahlen.

Leute kennenlernen ist in Granada überhaupt kein Problem. Jede Woche finden Erasmuspartys statt, zu denen auch viele Spanier kommen, zudem werden für die Austauschstudenten Ausflüge in die umliegenden Dörfer und Städte organisiert. An denen nehme ich aber nicht teil, ich fahre lieber mit ein paar Freunden ans Meer oder in die Sierra Nevada. Man kann in Granada aber auch einfach Leute auf der Straße kennenlernen - beim sogenannten Botellón. Das ist eine Art spontane Bottleparty in der Öffentlichkeit. Einmal bin ich mit Tico, dem Freund meiner Mitbewohnerin, unterwegs gewesen. Wir zogen in lauwarmer Nacht durch die Straßen des Albaicín und stießen dabei auf Freunde von Tico, die sich uns anschlossen. Einer hatte eine Gitarre dabei und fing an, Flamencorhythmen zu spielen, während andere dazu im Takt klatschten und mit beeindruckender Stimme und ohne Hemmung dazu sangen. Im Laufe der Nacht gesellten sich immer mehr Leute zu uns. Ein toller Abend.

DIE UNI

Sie ist so etwas wie der Wallfahrtsort für Austauschstudenten aus aller Herren Länder: Tausende junge Menschen kommen jährlich aus dem Ausland nach Südspanien, um ein Studienjahr (Oktober bis Mai) an der bereits 1531 gegründeten Universidad de Granada zu studieren. Der Begriff Universität bezeichnet in Spanien eine Institution, die aus verschiedenen Hochschuleinrichtungen besteht. In Granada zählen dazu 17 Facultades (Fakultäten) und 11 Escuelas (Fakultäten für besondere Fächer, etwa Ingenieurwissenschaften). Die Universität ist die drittgrößte Spaniens. Ihre Einrichtungen sind über die ganze Stadt verteilt. Neuankömmlinge erhalten die wichtigsten Informationen zum Studium im Amt für ausländische Studenten im Hospital Real. Die Anrechnung von Studienleistungen erfolgt über das European Credit Transfer System ECTS. Über das Studienangebot informiert die Uni unter http://www.ugr.es/university.htm.

DIE AUSTAUSCHPROGRAMME

63 deutsche Hochschulen kooperieren mit der Universität Granada - ein Großteil davon im Rahmen des europäischen Erasmus/Sokrates-Programms. Um welche es sich handelt, erfährt man unter: http://www.hochschulkompass.de (Internationale Kooperationen suchen)

DIE KOSTEN

Für Erasmus- und andere Austauschstudenten fallen keine Gebühren an. Wer nicht an einem Austauschprogramm teilnimmt, muss Studiengebühren in gleicher Höhe wie die spanischen Studenten zahlen. Die Studiengebühren werden von Jahr zu Jahr neu festgesetzt. Ihre Höhe hängt von der Anzahl der gewählten Kurse und den veranschlagten „créditos“ (Credit Points) ab. Derzeit liegen die Gebühren für ein Studienjahr zwischen 500 und 850 Euro. Was den Lebensunterhalt inklusive Miete angeht, veranschlagt der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) für einen Studienmonat in Spanien rund 750 Euro. Wer sparsam lebt, kann in Granada aber schon mit 600 Euro auskommen.

DIE STADT

Granada ist stark von der Universität geprägt. 270.000 Menschen wohnen in der andalusischen Stadt, rund 60.000 davon sind Studenten. Entsprechend lebhaft geht es in jener Stadt zu, die nicht zuletzt aufgrund des maurisch anmutenden Viertels Albaycn und der prachtvollen arabischen Palastanlage Alhambra als Perle Andalusiens gilt. Granada war das letzte Königreich, das die Christen von den Arabern zurückeroberten. Ihren Reiz zieht die Stadt auch aus ihrer einmaligen Lage: Nur 30 Kilometer Luftlinie entfernt von den Stränden der Costa Tropical befinden sich die 3.000 Meter hohen Bergen der Sierra Nevada, an deren Fuße Granada auf einer Höhe von 670 Metern liegt. Stadtansichten zeigt die Fotogalerie unter http://www.granada.es.

ALLGEMEINE INFORMATIONEN

Über das Studium in Spanien informiert der Deutsche Akademische Austauschdienst unter http://www.daad.de/ausland/ (Studienmöglichkeiten/Länderinformationen/Europa/Spanien)

ADRESSE DER UNI

Hospital Real. Cuesta del Hospicio s/n. 18071 - Granada
Tel.: (00 34)9 58/24 30 25
Fax: (00 34)9 58/24 30 66
E-mail: informa@ugr.es

BUCHTIPP SPANIEN

Paul Ingendaay:
Gebrauchsanweisung für Spanien
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Piper Verlag, 2002, 182 Seiten, 12,90 Euro

Text: Hochschulanzeiger Nr. 90, 2007
Bildmaterial: Jan Heydenreich, Jan Heydenreich