25. Juli 2008

Nicht nur Traum-, sondern auch Knochenjob

Regisseure brauchen viel Idealismus

Von Florian Vollmers



10. Dezember 2007 Der Weg zum Regieberuf ist lang und steinig. Der Arbeitsmarkt bei Film und Fernsehen ist hart umkämpft. Nur wenige Nachwuchsregisseure schaffen es, von ihrem Job zu leben.

Spätestens seit dem Oscar-Erfolg von Florian Henckel von Donnersmarck, einem 33-jährigen Spielfilm-Debütanten, der für Das Leben der Anderen gleich den begehrtesten Filmpreis der Welt abräumte, ist das Interesse am Beruf des Filmregisseurs wieder angestiegen. Der Berufsverband Regie (BVR) in München vermeldet einen Anstieg der Nachfragen von Nachwuchsfilmern. Doch viele wissen nicht einmal, was ein Regisseur tut. Sicher, er dirigiert die Schauspieler, bestimmt auch, wohin die Kamera schwenkt, und hat ein Wort bei Beleuchtung und Ausstattung mitzureden.

Selbst so prominente Namen wie Sönke Wortmann oder Caroline Link drehen Werbespots, um über die Runden zu kommen.

Doch die Arbeit am Set macht nur einen Bruchteil der Arbeit eines Regisseurs aus. Er kümmert sich nämlich auch um die Finanzierung eines Projekts. Er sitzt nachher nächtelang im Schneideraum und vorher wochenlang am Drehbuch. Er ist bei der Vermarktung eines Films eingespannt, und er sucht mühselig das komplette Filmteam zusammen. Das hat nichts mit Glamour zu tun, sondern dauert sehr lange und ist sehr hart. Florian Henckel von Donnersmarck hat vom ersten Drehbuchentwurf bis zum Oscar in der Hand fast zehn Jahre für Das Leben der Anderen gekämpft. Wer sich für diesen Beruf interessiert, sollte sich erst einmal klarmachen, dass es sich dabei um Knochenarbeit handelt, stellt Professor Andreas Gruber, Inhaber des Lehrstuhls Regie an der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film (HFF), lapidar fest.

Wie wird man eigentlich Regisseur? Eine geschützte Berufsbezeichnung ist Regisseur nicht, prinzipiell kann sich jeder so bezeichnen. Aber um tatsächlich ins Geschäft zu gelangen, gibt es zwei Wege: den über eine Filmschule. Und den mit der Ochsentour. Dabei kämpft man sich über diverse Jobs in der Branche langsam nach oben. So hat das zum Beispiel Marc Rothemund gemacht. Der heute 38-Jährige verzichtete bewusst auf die Bewerbung bei einer Filmschule und arbeitete stattdessen jahrelang als Regieassistent bei Größen wie Bernd Eichinger und Helmut Dietl. Es dauerte lange, bis Rothemund sich genug Respekt verschafft hatte, um eigene Regieprojekte auf die Beine zu stellen. Sein jüngster Erfolg: Sophie Scholl - Die letzten Tage, der im vergangenen Jahr für den Oscar nominiert wurde. Statistisch gesehen, hat man mit dem Besuch einer Filmschule jedoch bessere Aussichten, im Regiefach Fuß zu fassen. Laut Berufsverband BVR kommen rund 70 Prozent der derzeit aktiven Regisseure von einer Filmschule.

Auch Mike Viebrock, Student an der HFF, geht lieber auf Nummer Sicher. Um sich beste Voraussetzungen für eine Aufnahme an einer der renommiertesten Filmschulen Deutschlands zu verschaffen, absolvierte der Nachwuchsregisseur zahlreiche Praktika und Workshops. Unter anderem bei der Produktionsfirma Wüste Film, bei der Filmförderung Hamburg und an der Film Academy in New York. Ich habe auf die Bewerbung an der HFF München anderthalb Jahre regelrecht hingearbeitet, sagt Viebrock. Seit 2000 studiert er dort Film- und Fernsehregie. Einige Kurzfilme und Werbespots hat der 29-Jährige bereits gedreht, zurzeit arbeitet er an seinem ersten Spielfilm Die innere Schuld, der gleichzeitig sein Abschlussfilm an der HFF ist.

Sein Traum wäre es, irgendwann einmal von der Regie leben zu können, aber er weiß, dass das schwierig wird. Fakt ist: Vom Dasein als Film- oder Fernsehregisseur wird man nicht reich. Selbst so prominente Namen wie Sönke Wortmann (Das Wunder von Bern, Deutschland - ein Sommermärchen) oder Caroline Link (Oscar für Nirgendwo in Afrika) drehen Werbespots, um über die Runden zu kommen. Steffen Schmidt-Hug vom BVR findet es wichtig, die Seifenblasen, die um das Berufsbild des Regisseurs schweben, zum Platzen zu bringen: Die soziale Absicherung ist gleich null, und eine Familiengründung ist nahezu unmöglich. So haben Regisseure in der Regel keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, da die zeitlichen Lücken zwischen den einzelnen Beschäftigungen bei Filmprojekten die Voraussetzung dafür zunichte machen.

Zudem ist das Gedrängel auf dem Arbeitsmarkt der Film- und Fernsehmacher groß: Rund 900 hauptberufliche Regisseure gibt es laut BVR in Deutschland. Und jedes Jahr kommen 60 neue allein von den Filmschulen hinzu. Das sind viel mehr, als die Branche überhaupt beschäftigen kann, sagt BVR-Geschäftsführer Schmidt-Hug. Es gibt ein absolutes Überangebot an jungen Regisseuren.

Schmidt-Hug schätzt, dass nur jeder fünfte Jung-Regisseur die dauerhafte Etablierung in der Branche schafft. Der Rest kommt in anderen Berufen unter oder verlegt sich auf Nebenjobs, um vielleicht davon in Zukunft einmal einen eigenen Film zu finanzieren. Die Filmbranche ist knallhart, besonders für Regisseure, so Schmidt-Hug vom BVR. Wer beispielsweise als TV-Regisseur auch nur zweimal die angepeilte Zuschauerquote nicht erreiche, sei für die Sender unten durch. Ein Kameramann bekommt in so einem Fall ohne weiteres einen neuen Job, so Schmidt-Hug. Ein Regisseur kann dann oftmals seinen Beruf an den Nagel hängen.

All diese Härten und Unsicherheiten schrecken Nachwuchsregisseure wie Mike Viebrock nicht ab: Klar denkt man auch mal über die Zukunft nach, aber was soll ich machen? Ich will nun einmal Regisseur sein. BVR-Geschäftsführer Schmidt-Hug kennt diese Entschlossenen: Wer diesen unbezwingbaren Willen verspürt, Geschichten in Bildern zu erzählen, der sollte es natürlich versuchen. Wo sollen die guten Regisseure sonst auch herkommen?

Die wichtigsten Filmschulen in Deutschland

Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg:
http://www.hff-potsdam.de

Hochschule für Fernsehen und Film in München:
http://www.hff-muenchen.de

Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg:
http://www.filmakademie.de

Deutsche Film- und Fernsehakademie in Berlin:
http://www.dffb.de

Internationale Filmschule in Köln:
http://www.filmschule.de Hamburg Media School: http://www.hamburgmediaschool.com

Wie viel verdient ein Regisseur?
Die Honorare für Regisseure schwanken laut Berufsverband Regie (BVR) in der Regel zwischen 20.000 und 40.000 Euro pro Film. Dabei ist jedoch zu beachten, dass sich ein Kinoprojekt über eine Dauer von zwei bis drei Jahren erstrecken kann. Selbst gefragte TV-Regisseure drehen höchstens einen Film pro Jahr. Berufseinsteiger verzichten bei ihren Erstlingsfilmen in den meisten Fällen auf eine Gage. Auf das Gesamtbudget eines Films bezogen, macht das Honorar des Regisseurs in Deutschland 2,3 bis 5 Prozent davon aus. In Frankreich sind es schon 5 bis 7 Prozent, und in den USA verdient der Regisseur im Schnitt 7 bis 10 Prozent von den Gesamtausgaben für einen Film. Zum Vergleich: Die Honorare von etablierten deutschen Film- und Fernsehregisseuren liegen etwa auf der Höhe von Einsteigergehältern in den USA. Auch deshalb versuchen viele deutsche Regisseure, in der amerikanischen Film- und Fernsehbranche Fuß zu fassen. Die einzigen Deutschen, die in Hollywood den Aufstieg so weit geschafft haben, dass sie dort als Regisseure Gagen in Millionenhöhe kassieren, sind Roland Emmerich (The Day After Tomorrow) und Wolfgang Petersen (Troja).

Wer sind die Auftraggeber eines Regisseurs?
Im Kinogeschäft ist die Eigenproduktion durch Regisseure üblich. Nicht nur Erstlingsregisseure, sondern auch bekannte Größen wie Detlev Buck oder Tom Tykwer kümmern sich in der Regel selbst um die Finanzierung ihrer Filme. Oftmals werden dafür eigene Produktionsfirmen gegründet. Ein Beispiel ist das Berliner Unternehmen X Filme, hinter dem ein Kollektiv an Filmregisseuren steht. Anders ist es im TV-Bereich: Hier sind es überwiegend die öffentlichen und privaten Sendeanstalten die - meist über Tochterfirmen - Beiträge produzieren und Aufträge an Regisseure vergeben. In Deutschland stellen rund 350 Produktionsfirmen im Auftrag der Sender Filme her.

Buchtipp

Béatrice Ottersbach, Thomas Schadt: Regiebekenntnisse
UVK Verlagsgesellschaft, 2006, 342 Seiten, 24,90 Euro
Einen Brief mit einer simplen Frage haben die Herausgeber dieses Bandes an eine Auswahl deutscher Filmemacher geschickt: Warum sind Sie Regisseur geworden? Aus den Antworten haben sie die Regiebekenntnisse zusammengestellt: 18 Texte von Regisseuren unterschiedlicher Herkunft, Arbeitsweisen und Generationen. Vom Studenten an der Filmakademie Baden-Württemberg Sven Bohse, der 2006 für den Studenten-Oscar nominiert wurde, bis zu Wim Wenders, dem international mit Preisen überhäuften Erfolgsregisseur. Wer wissen will, was den Beruf des Regisseurs ausmacht und wie Wege zu ihm aussehen, wird hier fündig.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 93, 2007
Bildmaterial: Berlinale
 
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