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| Hauptsache, die Kasse stimmt: Wirtschaftsinformatikstudent Tobias Feldhaus hat nichts gegen Spendengelder von Unternehmen. |
14. Oktober 2009
Unternehmen renovieren Hörsäle, sponsern Bibliotheken und finanzieren ganze Institute. An manchen Hochschulen sind die privaten Geldgeber kaum noch wegzudenken. Kritiker fürchten um die Unabhängigkeit der Forschung.
Es war vor fast zehn Jahren: Für einen neuen Anstrich im Hörsaal verkaufte die Universität Mannheim ihre Seele und ihre Unabhängigkeit - wenn man ihren Kritikern glaubt. Seit damals hat die Universität Mannheim aber auch ihre Forschung und Lehre erheblich verbessert. Sie ist finanziell besser ausgestattet und international konkurrenzfähig. Das sagen die Verantwortlichen, die sich die privaten Unternehmen als Geldgeber ins Haus geholt haben.
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| »Wir machen etwas dazwischen.« Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Telekomstiftung, auf die Frage, ob er sein Unternehmen als Sponsor oder Spender der Hochschulen versteht. |
Das Eintreiben von Spenden ist in Mannheim Chefsache: Achim Fischer, Leiter der Fundraising-Abteilung, hat sein Büro ganz in der Nähe der Universitätsleitung und steht immer im direkten Kontakt zum Rektor. So erfährt der Uni-Leiter sofort, wenn ein neuer Spender Interesse an seiner Hochschule anmeldet. Dann wird verhandelt: Was will der Spender? Was hat die Universität von der Zusammenarbeit? Wenn alles glattläuft, bezahlt der neue Spender der Uni Mannheim einen neuen Lehrstuhl, die Bibliothek oder einen Hörsaal.
Hochschulen zu sponsern wird in Deutschlands Wirtschaft immer populärer. Das zeigt eine Studie von Pleon Event & Sponsoring und der Universität der Bundeswehr in München. 56,7 Prozent der befragten Unternehmen wollen demnach verstärkt in Bildung investieren. 63 Prozent des Geldes entfällt auf die finanzielle Unterstützung von Hochschulen, die damit hinter den weiterführenden Schulen auf Platz zwei der Beliebtheitsskala rangieren. Diese Zahlen spiegeln sich mittlerweile auch an vielen deutschen Universitäten wider. Hörsaalsponsoring und Stiftungslehrstühle sind längst keine Seltenheit mehr.
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| Hält die Hand immer offen:Achim Fischer, Leiter der Fundraising-Abteilung, kümmert sich um Spenden für die Uni Mannheim. |
Doch akademische Vorlesungen in einem Aldi-Hörsaal wie an der Fachhochschule Würzburg entsprechen gleichzeitig kaum dem Ideal, das Wilhelm von Humboldt im 18. Jahrhundert vorschwebte, als der Reformer von Hochschulfreiheit und unabhängiger Forschung schwärmte. Unis sollten sich selbst finanzieren, forderte Humboldt, frei von allen staatlichen oder wirtschaftlichen Einflüssen. Das bleibt bis heute ein Traum. Entweder der Staat oder private Unternehmen finanzieren Unis in aller Regel. Kirchliche und öffentlich-rechtliche Stiftungen tragen lediglich elf deutsche Hochschulen: Darunter die Goethe-Universität in Frankfurt am Main, deren Wandel zur Stiftungsuni für reichlich Diskussionsstoff sorgte (siehe Interview).
In jedem Fall fallen die Grenzen zwischen öffentlicher und privater Finanzierung immer häufiger. Studenten der TU Berlin leihen ihre Bücher in der Volkswagenbibliothek, die Informatiker der Uni Potsdam lernen am Hasso-Plattner-Institut, benannt nach einem der Mitbegründer des Software-Herstellers SAP. Die Uni Erlangen-Nürnberg und die Fachhochschule Würzburg lassen sich Hörsäle sponsern, und an der Fachhochschule Kempten im Allgäu steht das Allianz Competence Center. Der wohl spektakulärste Fall: 2006 spendete der Kaffee-Erbe Klaus Jacobs der Uni seiner Heimatstadt Bremen 200 Millionen Euro. Seitdem trägt die Hochschule seinen Namen. Und während in Deutschland das Thema Hochschulsponsoring noch die politischen Lager spaltet, ist diese Art der Finanzierung in den USA und in Großbritannien bereits alltäglich. So liegen die Spendeneinnahmen der erfolgreichsten amerikanischen Unis im dreistelligen Millionenbereich. Selbst Vorreiter Mannheim kommt da nicht einmal ansatzweise mit, wo man 2005 sogar den deutschen Sponsoring-Preis für den besonderen Fundraising-Erfolg gewonnen hat.
Dort begann die neue Zeit mit blätternder Wandfarbe. Im Jahr 2000 waren viele Hörsäle alt, heruntergekommen und mussten dringend renoviert werden. Studenten und Mitarbeiter nahmen für die Renaissance des Barockschlosses Pinsel und Farbe in die Hand. Doch sie konnten nicht alle Arbeiten selbst erledigen. Weil das Geld für professionelle Handwerker nicht reichte, suchte die Universität Unternehmen aus der Region, die zahlen konnten und wollten. Wer half, einen Hörsaal zu renovieren, wurde belohnt. Das Auditorium trug von nun an den Namen des Stifters. Neun Jahre später sind bis auf drei Hörsäle alle nach Spendern benannt. Mittlerweile beschäftigt die Hochschule auch sechs Stiftungsprofessoren und finanziert mit Unterstützung von Spendern ein Stipendienprogramm. Fundraising-Chef Fischer ist stolz auf diesen Erfolg: Mit staatlichen Mitteln wäre das nicht möglich gewesen. Er legt großen Wert darauf, dass die Universität immer noch unabhängig ist: Bei uns mischt sich kein Spender in die Forschung oder die Lehre ein.
Manuel Rez, Student im vierten Semester BWL und Sprecher der Fachschaft, gehört zu den Studenten, die besonders von der Großzügigkeit der Stifter profitieren. Um sich Nachwuchskräfte zu sichern, spenden Unternehmen deutlich lieber für Ökonomik oder Biotechnologie als für Ethnologie und Skandinavistik. In Mannheim entfallen allein auf die BWL-Fakultät fünf der sechs Stiftungslehrstühle. Rez hält das alles nicht für ein Problem. Im Endeffekt gehe das Humboldtsche Bildungsideal zwar schon irgendwie verloren. Der BWL-Student betrachtet das Thema aber eher pragmatisch als idealistisch: Solange Geld in die Kassen der Uni kommt, können wir Studenten davon nur profitieren. Sein Kommilitone Tobias Feldhaus sieht das ebenso kaufmännisch. Alles, was die Unternehmen spenden, müssen wir nicht zahlen. Feldhaus, der im 4. Semester Wirtschaftsinformatik studiert, kennt auch andere Universitäten und hat einen deutlichen Unterschied bei der Ausstattung festgestellt. Wir haben in jedem kleinen Raum einen Beamer, davon können andere Unis nur träumen. Die Werbung auf den Gängen stört weder Rez noch Feldhaus. Im Gegenteil: Wenn Unternehmen zu Stellenbörsen einladen, finden sie das sogar ganz nützlich.
Nicht alle Studenten können dem Hochschulsponsoring so viel Gutes abgewinnen. Florian Keller, Vorstandsmitglied des Freien Zusammenschlusses von Studentinnenschaften (FZS), sieht das Thema kritisch: Wenn bei einem Stiftungslehrstuhl die inhaltliche Ausrichtung vom stiftenden Unternehmen um 180 Grad gedreht wird, ist die Unabhängigkeit einer Hochschule schnell gefährdet. Seinen Höhepunkt hat das Phänomen Hochschulsponsoring nach Kellers Meinung schon hinter sich. Vor zwei Jahren seien die Unis noch wesentlich aktiver gewesen. Inzwischen hat er den Eindruck, dass das Thema an Bedeutung verliert. Auch die Leiter der Hochschulen würden kritischer. Außerdem bietet das Konjunkturpaket momentan Geld für Beton, mit dem Hochschulen Renovierungsmaßnahmen selbst stemmen können. Ein Beitrag vom Staat, der nach Ansicht des FZS noch wesentlich mehr tun müsste. Die Renovierung eines Hörsaals ist nicht die Aufgabe von Unternehmen, sagt Keller.
Der Staat unter Zugzwang: Dem stimmt auch Andreas Keller zu. Das Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und Hochschulexperte sagt: Vernünftig wäre es, wenn der Staat die Finanzierung sicherstellte. Dann könnten die Hochschulen unabhängig entscheiden, ob sie zusätzliche Kooperationen eingehen - und vor allem, mit wem. Grundsätzlich hält er Sponsoring für problematisch. Egal, wie sehr sich die Unis auch abgrenzen und ihre Unabhängigkeit betonen - bei jeder Kooperation redet ein Unternehmen mit. Für Keller ist dieser Preis viel zu hoch für den zusätzlichen finanziellen Freiraum. Keller rät Hochschulen, bei einer Kooperation die eigenen Interessen zu vertreten und genau zu überlegen, welcher Partner dazu passt. Dabei spielt auch die Art der Finanzierung eine große Rolle: In der Regel bezahlen private Stifter beispielsweise bei Stiftungsprofessuren nur einen Teil der Kosten - für eine begrenzte Zeit. Doch was passiert danach? Am Ende ist es nämlich oft die Hochschule selbst, die den Löwenanteil der Kosten trägt. Und das sei schließlich nicht Sinn des Erfinders.
Markus Langer vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) findet es gerade gut, dass Stiftungsprofessuren nach einem gewissen Zeitraum von der Hochschule bezahlt werden müssen. Dann können Unternehmen Forschung und Lehre nicht beeinflussen. Langer hält Stiftungslehrstühle dann für besonders gewinnbringend, wenn Universität und Unternehmen sich vorher schon kennen, so dass sie sich gegenseitig vertrauen. Wenn eine Universität gerne einen neuen Lehrstuhl anbieten würde, es aber aufgrund ihrer finanziellen Situation alleine nicht stemmen kann, leisten Unternehmen Abhilfe, sagt Langer. Dass sich Unternehmen durch Stipendiatenprogramme ihren eigenen Nachwuchs heranziehen wollen, findet er nicht verwerflich. So wirken sie doch dem Fachkräftemangel entgegen. Wenn es gelingt, mehr Studienanfänger für einen vernachlässigten Bereich zu gewinnen, profitiert doch die gesamte Gesellschaft. Langer, der regelmäßig Studien über die Fundraising-Aktivitäten von Universitäten macht, bescheinigt den deutschen Hochschulen erheblichen Nachholbedarf. In Deutschland war Bildung immer Sache des Staates. Daher werden noch einige Jahre vergehen, bevor Sponsoring allgemein anerkannt ist.
Noch ist Hochschulsponsoring aber nicht salonfähig. Das scheinen auch die Unternehmen zu wissen, die ihre Aktivitäten an den Unis beinahe verschämt behandeln. Die Telekomstiftung zum Beispiel weiß noch nicht einmal, wie sie ihre Tätigkeit bezeichnen soll. Ist es Sponsoring? Nein, die Arbeit einer gemeinnützigen Stiftung lässt sich nicht mit Sponsoring vergleichen, erklärt Geschäftsführer Ekkehard Winter. Es gibt ja auch keine Gegenleistung. Also eine Spende? Nein, als Spende könne man das Engagement auch nicht bezeichnen, windet sich Winter: Seine Stiftung fordere ja durchaus, dass die Hochschule ihr jeweiliges Projekt so umsetzt, wie die Telekom es vorgibt. Also zum Beispiel beim Stipendiatenprogramm. Wir machen etwas dazwischen, sagt er nebulös: Die Telekomstiftung finanziert derzeit drei Stiftungsprofessuren und ein Stipendiatenprogramm im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.
Wir wollen begabte Nachwuchskräfte fördern. Das ist für die Stiftung eines Technologieunternehmens naheliegend, sagt Winter, jetzt wieder ganz in seinem Element. Von den Stiftungsprofessuren versprechen wir uns vor allen Dingen Forschungsergebnisse, die der Allgemeinheit dienen. Winter gibt zu, dass Finanziers die Richtung der Forschung vorgeben wollen, beeilt sich aber zu sagen: Bei der Besetzung der Lehrstühle und Professuren haben wir als Stifterin kein Stimmrecht. Würden Unternehmen oder ihre Stiftungen versuchen, direkt Einfluss auf die Auswahl der Professoren zu nehmen, weiß Winter, würden die Hochschulen äußerst empfindlich reagieren. Und dann fügt er nachsichtig hinzu: Die Universitäten fühlen sich ihrer akademischen Freiheit sehr verbunden.