06. Oktober 2008

Darum

Warum in Liechtenstein studieren?

Von Mischa Täubner




02. April 2007 
Die Atmosphäre unter Studenten und Professoren ist familiär, von der Bibliothek genießt man einen traumhaften Blick auf die Berge und der Campus erinnert eher an einen Kurort. Darin sind sich Christiane Kaltner und Emanuel Hierl einig. Doch die zwei Studenten aus Deutschland sind nicht etwa wegen der Erholung nach Liechtenstein gekommen, sondern um an der dortigen Hochschule den Master zu machen. Wir wollten von den beiden wissen, was denn eigentlich das Besondere an einem Studium im Fürstentum ist.

Das Beste ist die familiäre Atmosphäre. Hier bin ich als Studentin keine Nummer - weder in der Hochschule noch im Studentenwohnheim. Bevor ich an der FH Augsburg Fachrichtung Architektur mein Ingenieur-Diplom gemacht habe, bin ich mit ein paar Kommilitonen für ein paar Tage in das österreichische Bundesland Vorarlberg gefahren. Die Gegend ist nämlich bekannt für ihre visionäre Architektur. Da Liechtenstein gleich nebenan liegt, haben wir einen Abstecher ins Fürstentum gemacht und das Kunstmuseum sowie die Hochschule (ein interessanter Mix aus alter Bausubstanz und moderner Architektur) in der Hauptstadt Vaduz besichtigt. Zufällig lief dort gerade die Endkritik, also jene Veranstaltung, in der die Architekturstudenten ihre Entwürfe vor einem Fachpublikum präsentieren und verteidigen. Das haben wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Hinterher wollten die anwesenden Professoren und Studenten von uns wissen, wer wir denn sind und was wir so machen. Die waren total interessiert.

Emanuel Hierl

Überrascht waren wir auch vom internationalen Flair der Veranstaltung. Gastkritiker von ausländischen Hochschulen nahmen daran teil, und alles lief zum größten Teil auf Englisch. Die ganze Atmosphäre hat uns supergut gefallen - auch die präsentierten Arbeiten der Studenten. Als wir dann erfuhren, dass der Architekturmaster der Hochschule Liechtenstein EU-weit anerkannt ist, beschlossen meine Freunde und ich: Das machen wir.

Seit März letzten Jahres bin ich nun in Vaduz - und immer noch völlig begeistert. Im Studentenwohnheim, das mal ein Hotel war und daher recht gut ausgestattet ist, habe ich sofort Studenten aus aller Herren Länder kennengelernt: Brasilianer, Peruaner, Portugiesen, Japaner. Vaduz ist das internationalste Dorf (na ja, eigentlich ist es eine Kleinstadt), das ich kenne. Wir kochen oft zusammen, und manchmal stellt jeder dann typische Gerichte aus seinem Land vor.


Auch die Hochschule ist nicht nur zum Studieren da. Für die Architekten gibt es einen Riesenarbeitsraum, in dem jeder Student das Anrecht auf einen eigenen Arbeitsplatz hat. Dieser dient sowohl als Kreativwerkstatt als auch als Kontakthof für alle Studenten und Dozenten. Manchmal beginnen hier Partys, die dann im Studentenwohnheim enden.

Das Verhältnis zu den Professoren ist unglaublich gut. Ich habe das Gefühl, mit ihnen zusammenzuarbeiten, ein Studienprojekt gemeinsam mit ihnen zu entwi-ckeln. Sie nehmen die Meinung der Studenten sehr ernst. Allerdings erwarten sie auch, dass man immer in die Seminare kommt und sich engagiert. In Vaduz gibt es viele Gastkritiker und Dozenten. Stararchitekten wie Elia Zenghelis, der ehemalige Partner von Rem Koolhaas und Gründer des Office for Metropolitan Architecture in London, unterrichten hier. Man spürt sofort, dass sie das persönliche Klima an dieser Hochschule inmitten der Alpen genauso genießen wie die Studenten.

„Allerdings ist Studieren in Liechtenstein nicht ganz billig.“


Theoretische und praktische Erfahrung spielen in der Hochschule Liechtenstein gleichermaßen eine große Rolle. Deshalb ist es Pflicht, ein Berufspraktikum in einem Architekturbüro zu machen - in Liechtenstein oder in einem anderen Land. Sehr nützlich ist auch, dass wir das ganze Fachvokabular auf Englisch lernen. Für jene, die später nicht nur in Deutschland arbeiten oder ein Praktikum im Ausland absolvieren wollen, ist das super. Zum Studium dazu gehört zudem ein Studienhalbjahr im Ausland. Jeder Student erhält für seinen Aufenthalt ein Stipendium aus dem EU-Programm.

Allerdings ist Studieren in Liechtenstein nicht ganz billig. Wer einen Platz im Studentenwohnheim bekommt und auch sonst bescheiden lebt, kann mit 600 Euro Lebenshaltungskosten pro Monat auskommen. Das bedeutet aber, dass man nicht im teuren Vaduz einkauft, sondern - wie ich - im österreichischen Feldkirch, das 20 Minuten Busfahrt entfernt ist. Hinzu kommen dann noch die Studiengebühren von etwa 470 Euro. Ich habe mir zur Finanzierung meines Studiums einen Nebenjob in der Verwaltung der Post Vaduz zugelegt. Da bekomme ich umgerechnet etwa 13 Euro die Stunde. Und Spaß macht es auch.

Die Liechtensteiner sind sehr aufgeschlossen und freuen sich über die vielen Gäste, die in ihr Ländle kommen. Allerdings wundern sie sich auch ein bisschen über die Ausländer. Ich wurde beispielsweise mal gefragt, ob ich mich mit meiner Familie gestritten hätte. Denn dass man seine Heimat freiwillig verlässt, um ein anderes Land kennenzulernen, passt nicht so recht in ihr Weltbild. Vielleicht liegt es an der wunderbaren Landschaft, dass die Liechtensteiner so heimatverbunden sind. Die Natur ist einfach traumhaft hier. Schneebedeckte Berge im Winter, saftig-grüne Wiesen - die reinste Idylle. Einer meiner Kommilitonen arbeitet nebenbei als Skilehrer, der kommt im Wintersemester immer braungebrannt in die Vorlesung. Ich studiere eben dort, wo andere Leute Urlaub machen.

Wie ich auf Liechtenstein gekommen bin? Durch meinen Job. Nach meinem BWL-Studium in Regensburg habe ich im Fürstentum eine Stelle im Risikocontrolling der VP Bank angenommen. Die Bank legt größten Wert auf Fortbildungen ihrer Mitarbeiter. Da habe ich mir gedacht: Wieso nicht nebenbei gleich ein ganzes Studium machen? Der Master in Banking and Financial Management an der Hochschule Liechtenstein ist genau das Richtige für mich. Nicht nur, weil Vaduz lediglich 25 Autominuten von meinem Wohnort im schweizerischen Chur entfernt liegt. Ich lerne fachlich eine Menge dazu, und das Studiensystem erlaubt es mir, zusätzlich einen Fulltimejob auszuüben. Die meisten Vorlesungen werden nämlich im Block angeboten, sie laufen von Donnerstag bis Samstag jeweils acht Stunden. Dass ich für den Master doppelt so lange brauche wie ein normaler Student, wird von der Hochschule akzeptiert. Die Bank gibt mir pro Semester fünf bezahlte Tage für Fortbildungen frei, für die restlichen Seminartage opfere ich meinen Urlaub. Das ist zwar ganz schön anstrengend, aber so kriege ich Beruf und Studium wunderbar unter einen Hut.

Unglaublich ist, was hier für Leute unterrichten: Wir haben einen Marketing-Prof aus Pennsylvania, zudem werden die bekanntesten Wirtschaftswissenschaftler von der European Business School (Oestrich-Winkel), der Uni St. Gallen und aus Stanford als Gastdozenten nach Vaduz „eingeflogen“. Dadurch erhalten wir eine sehr internationale Sichtweise auf die Finanzwelt. Interessant ist zudem, dass es hier so viele ausländische Studenten gibt. In einem meiner Vorlesungen sitzen 15 Studenten, darunter befinden sich ein Inder, ein Engländer, eine Chinesin, eine Koreanerin, ein Brasilianer und eine Bulgarin.

Was man unbedingt noch erwähnen muss, ist die Ausstattung der Hochschule.“

Es ist sowieso überraschend, wen man alles in Liechtenstein trifft. Wolfgang Schäuble, Joschka Fischer, ja sogar unseren ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel habe ich hier gesehen. Viele Prominente kommen zu Kongressen oder Vorträgen nach Vaduz, und da es hier so klein ist, kann man sie hautnah erleben. In München jedenfalls, wo ich eigentlich zu Hause bin, sind mir solche Persönlichkeiten nicht so oft begegnet.

Was man unbedingt noch erwähnen muss, ist die Ausstattung der Hochschule. So etwas kennt man von einer normalen Uni in Deutschland nämlich nicht. Die Gebäude an sich sind schon beeindruckend: Modernes Glasdesign, 100 Jahre altes Holz und Granitstein prägen das Ambiente. Vom Campus hat man einen wunderbaren Ausblick auf die Berge und den Rhein. Da es auf dem ganzen Hochschulgelände WLAN gibt, kann man sich ins Café oder bei Sonnenschein draußen auf eine Wiese setzen und gemütlich im Internet surfen. In der Bibliothek werden nicht nur Bücher ausgeliehen, sondern auch Laptops - kostenlos natürlich. Im Intranet der Hochschule hat jeder Student sein persönliches Fach. Die Dozenten stellen da beispielsweise jene Unterlagen ein, die von den Teilnehmern ihrer Vorlesungen gelesen werden sollen. Wichtige Hochschul-News findet man dort ebenfalls. Auch die zentrale Servicestelle an der Hochschule Liechtenstein ist nicht mit einem deutschen Studentensekretariat zu vergleichen. Wenn du hier irgendein organisatorisches Problem hast, kümmert sich eine der drei netten Damen in der Servicestelle sofort darum. Der Umgang in der Hochschule ist insgesamt sehr persönlich. Unsere Professoren gehen häufig mit uns in der Cafeteria essen. In Regensburg sieht man dagegen fast nie Professoren in der Mensa. Und wenn doch, essen sie meistens allein.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 89, 2007
Bildmaterial: Hochschule Liechtenstein