15. Dezember 2009

Leute

Studenten im Portrait

Von Fenja Mens



Nicole Haustein
14. Mai 2009 
Wir stellen Studentinnen und Studenten vor, die neben ihrem Studium etwas tun. Das kann etwas Wichtiges für Mitmenschen sein oder etwas Ausgefallenes, auf jeden Fall ist es aber etwas Interessantes.

Schlag auf Schlag

Nicole Haustein studiert Soziologie - und gilt als eines der größten deutschen Boxtalente.
Nicole Haustein war neu in Darmstadt. Sie suchte nach netten Kontakten und Bewegung. Also ging sie, wie viele andere Erstsemester auch, zum Unisport - und landete ausgerechnet beim Boxen. „Das ist ein komplexer Sport, der hohe Anforderungen stellt, vielfältige Trainingsmöglichkeiten bietet und letztlich den ganzen Körper formt“, begründet die Soziologiestudentin ihre Wahl. „Außerdem hieß es, man gehe dabei an seine Grenzen. Das hat mich gereizt.“ Auch an die Schmerzgrenzen: „Die Schläge tun natürlich schon weh. Dass man nach einem guten Sparring zwei bis drei Tage Kopfschmerzen hat, gilt als normal. Aber man lernt, damit umzugehen. Außerdem war ich noch nie zimperlich oder wehleidig.“ Ihr gefiel der Sport so gut, dass sie zusätzlich Privatstunden nahm. Der Trainer der Hochschulgruppe wiederum staunte über ihr Talent und fragte sie, ob sie Lust habe, es mit einer Karriere als Profiboxerin zu versuchen. Mit 28 Jahren wäre die gelernte Erzieherin, die ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt hatte, einfach zu alt gewesen, um noch Zeit beim Amateurboxen zu vertrödeln. Von da an ging es im wahrsten Sinne des Wortes Schlag auf Schlag: Im Frühjahr 2008 erkämpfte sich Nicole ihre Lizenz als Profiboxerin, zeitgleich machte sie ihr Vordiplom. Kurz darauf wurde sie deutsche Hochschulmeisterin, und im November absolvierte sie vor 1.000 Zuschauern ihren ersten Profikampf: Nach vier Runden stieg sie als Siegerin aus dem Ring. Längst hat die inzwischen 30-Jährige ihr Leben an den zwei Polen Boxen und Studium ausgerichtet. Sie trainiert täglich bis zu fünf Stunden, besucht daneben Seminare, lernt für Klausuren, schreibt Hausarbeiten. Für mehr bleibt keine Zeit. Demnächst steht der nächste Profikampf an, für den sie noch dringend Sponsoren benötigt, und auch die Abschlussarbeit rückt näher. Über das Thema denkt sie schon jetzt nach: „Frauen in Männersportarten - das könnte es sein.“
http://www.nicolehaustein.de

Schlagkräftige Argumente für Berufseinsteiger

Sebastian Thiele

Sebastian Thiele gründete im Internet ein Karriereportal für Historiker.
Sebastian Thiele studiert Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg - nicht unbedingt das optimale Karrieresprungbrett. Um seine Zukunft sorgt er sich trotzdem nicht. Der 25-Jährige ist sich ganz sicher: „Wenn man schon vor dem Examen eine Ahnung hat, wohin man möchte, entsprechende Schwerpunkte setzt und Kontakte knüpft, landet man auch als Historiker nicht hinter dem Steuer eines Taxis.“ Sebastian weiß, wovon er spricht. Seit geraumer Zeit sammelt er Broschüren und Zeitungsartikel mit Informationen über mögliche Berufswege, er recherchiert im Internet, spricht mit Praktikern aus Verlagen, Unternehmen, Museen und Stiftungen. Ursprünglich sammelte Sebastian die Informationen nur für sich selber. Bis ihm auffiel, was für einen Schatz er da zusammengetragen hatte. Um ihn auch für Kom- militonen zugänglich zu machen, stellt er seit nunmehr zwei Jahren sein Wissen ins Internet: Auf http://www.berufe-fuer-historiker.de finden sich Berufs- und Branchenporträts, Praktikumsberichte und Interviews mit Absolventen. Aber auch schlagkräftige Argumente, mit denen Historiker bei potentiellen Arbeitgebern punkten können: „Historikern wird ein gutes Allgemeinwissen nachgesagt, eine hohe Eigenmotivation - sonst würden wir das Studium ja gar nicht durchstehen - und die Fähigkeit, Sachverhalte einzuschätzen und zu hinterfragen. Und präsentieren können wir durch die vielen Referate meist auch ganz gut“, erklärt Sebastian Thiele. „Die Fähigkeiten, die Geschichtsstudenten erwerben, sind für viele Berufe nützlich.“ Rund 150 Leute besuchen die Seite am Tag. Hin und wieder melden sich auch zweifelnde Abiturienten per E-Mail bei Sebastian. „Heutzutage wird immer als Erstes nach dem Nutzwert eines Studienfaches gefragt“, seufzt er. „Ich schreibe dann zurück, dass ein Studium nicht einzig dazu da ist, beruflich Erfolg zu haben, sondern dass es auch ein Bildungserlebnis sein kann. Sein späteres Berufsfeld muss man sich durch Engagement selber erschließen.“ Für die Zukunft wünscht sich Sebastian, dass seine Seite noch weiter wächst. Helfer sind herzlich willkommen!
http://www.berufe-fuer-historiker.de

Schlagzeilen und ihre Folgen

Für ein Buch über „Skandale“ haben Hamburger Journalistikstudenten Prominente interviewt. Jan Kluczniok, 25, befragte den Ex-Bild-Chefredakteur Udo Röbel.
Themen finden, recherchieren, schreiben - das ist das tägliche Brot von Print-Journalisten. Daneben bleibt nur wenig Zeit, über die Auswirkungen der Arbeit nachzudenken. Jan Kluczniok, 25, wollte sich aber ganz bewusst mit medienethischen Fragen beschäftigen. Darum beschloss er, an seinen Bachelorabschluss in Journalistik noch einen Master der Universität Hamburg dranzuhängen. Und als dort ein Seminar angeboten wurde, das die Skandalsucht der Medien hinterfragte, war Jan Feuer und Flamme. Wann ruft ein Ereignis öffentliche Empörung hervor? Wer profitiert davon? Und was richtet das Geschehen mit den Betroffenen an? Diesen Fragen gingen die Studierenden in Gesprächen mit skandalerfahrenen Persönlichkeiten nach und veröffentlichten sie in einem Buch („Skandal! Die Macht der öffentlichen Empörung“, Edition Medienpraxis 2009). Jan suchte sich den Ex-Bild-Chefredakteur Udo Röbel als Interviewpartner aus. „Ich fand Röbel interessant, weil er in drei unterschiedliche Skandale verwickelt war“, erklärt er. Bundesweit in die Schlagzeilen geriet der Reporter, als er sich 1988 zu den Gladbecker Geiselnehmern ins Auto setzte. Damit wurde Röbel zur Symbolfigur des Skandaljournalismus. „Uns hat interessiert, wie er sein Verhalten heute beurteilt“ erzählt Jan. Akribisch bereitete er sich mit zwei Kommilitoninnen auf das Gespräch vor. Sie lasen Artikel und Interviews, entwarfen einen Fragenkatalog und übten im Rollenspiel wieder und wieder die Gesprächssituation. Dennoch ging einiges schief: „Wir waren sehr motiviert und dachten, wir müssten Röbel hart anpacken, um spannende Antworten zu bekommen.“ Der Medienprofi ärgerte sich jedoch über die forschen Fragen der Studenten. Erst nach drei Treffen und mehrfachem Überarbeiten des Textes war er bereit, das Interview zu autorisieren. Jan ist froh, dass am Ende doch noch alles glattging. Für seine künftige Arbeit hat er gelernt, wie das Prinzip der öffentlichen Empörung funktioniert - und dass ein Interview auch durch Redigieren an Schärfe gewinnen kann.
http://www.medienskandale.de

Verkaufsschlager Solarenergie

Jan Kluczniok

Ferdinand Dürr, 28, machte die Universität Leipzig zum Stromerzeuger und Studenten zu Darlehensnehmern.
Die Idee der Bürgersolaranlagen ist nicht neu und wird seit Jahren praktiziert. „An einer Uni hatte das aber noch niemand versucht“, erzählt Ferdinand Dürr, der in Leipzig sowohl Politikwissenschaften als auch Physik im Hauptfach studiert. Gemeinsam mit seinen Freunden überzeugte der engagierte Umweltschützer den Geschäftsführer des Leipziger Studentenwerks, die Verwaltung einer Fotovoltaikanlage zu übernehmen, und die Universität, ein Dach zur Verfügung zu stellen. Doch das war noch nicht alles. Weil er auch seine Kommilitonen für das Thema erneuerbare Energien sensibilisieren wollte, sollten sie die Kosten über Darlehen mitfinanzieren. Also gründete man den Verein „UniSolar“ und warb für die Idee: Der von der Anlage produzierte Strom würde in das Netz der Stadt fließen und der Erlös in die Taschen der Geldgeber, sprich auch der Studenten. Die Darlehen entwickelten sich schon bald zum Verkaufsschlager. Schnell kamen 170.000 Euro zusammen. „Die Darlehen werden über zehn Jahre getilgt. Wer eingezahlt hat, bekommt jedes Jahr 10 Prozent zurück, plus 4 Prozent Zinsen“, erläutert Ferdinand das Modell. Mittlerweile steht die erste Solaranlage auf einem Gebäude der Geisteswissenschaften, sie liefert etwa 28.000 Kilowattstunden im Jahr - so viel Strom, wie etwa 15 Durchschnittshaushalte in zwölf Monaten verbrauchen. Unter den Studierenden, aber auch bei Hochschulangehörigen und Alumni, war das Interesse so groß, dass der Verein ohne Probleme weitere Anlagen aufstellen könnte. Derzeit fehlt es allerdings an Dächern. Denn die Universität hat sich ein Beispiel genommen: Sie will die übrigen Gebäude selbst mit Solaranlagen ausstatten und mit den Erträgen den Hochschulhaushalt aufstocken. Ferdinand trägt es mit Fassung: „Einerseits ist das schade. Andererseits freuen wir uns natürlich, dass wir die Uni davon überzeugt haben, dass Ökologie und Ökonomie gut zusammenpassen.“ http://www.unisolar-leipzig.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 102, 2009, Seite 70
Bildmaterial: privat