11. Oktober 2008

Schnelldurchlauf für fitte Forscher

Ein Traum für Doktoranden: die Münchener Graduiertenschule

Von Gunda Achterhold



12. Mai 2008 
Die Münchener Graduate School of Systemic Neurosciences bringt nicht nur Biologen, Philosophen und Psychologen unter einen Hut. Sogenannte Fast-Track-Programme bahnen besonders begabten Bachelorabsolventen den direkten Weg in die Forschungslabors.

Mit den Synapsen im Hirn hörender Wüstenrennmäuse beschäftigt sich Benjamin Haßfurth Tag für Tag. Das Symposium der Neurophilosophen war für ihn trotzdem ein Aha-Erlebnis. „Es wurde viel über Plastizität im Hirn gesprochen“, erklärt der Doktorand. „Aber nicht nur auf zellulärer Ebene, sondern in einem größeren, philosophischen Zusammenhang.“ Aus diesem Blickwinkel hatte er die Sache noch nicht gesehen. „Über die Zusammenarbeit mit anderen Instituten kommt man auf völlig anders geartete Fragestellungen“, stellt der Neurowissenschaftler fest. Interdisziplinärer Austausch und Diskurs, das sind die wichtigsten Ziele der Graduate School of Systemic Neurosciences (GSN-LMU) auf dem Campus Großhadern-Martinsried. Die von der Exzellenzinitiative geförderte Graduiertenschule der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität bringt Forschergruppen aus allen Richtungen der Neurowissenschaften zu einem Netzwerk zusammen. Theoretiker, Psychologen und Philosophen arbeiten Hand in Hand mit Kollegen aus den zellulären und systemischen Neurowissenschaften sowie der medizinischen Neurologie. Alle Forschergruppen steuern Aspekte bei zu einer der fundamentalen Fragestellungen der modernen Wissenschaften: Wie funktioniert das Gehirn?

„Es ist ein ganz großer Pool, aus dem wir unsere Credit Points beziehen“, sagt Benjamin Haßfurth. Er gehört zum ersten Jahrgang der zum Wintersemester 2007 gestarteten Initiative. Nach anderthalb Jahren in einem Graduiertenkolleg der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hat er sich bei der Graduiertenschule beworben. „Kollegs sind inhaltlich viel fachbezogener“, erklärt der 30-Jährige, der mitten im dritten Promotionsjahr steckt. Während es für Graduiertenkollegs eine problemorientierte und auch zeitlich befristete Zusammenstellung von Antragstellern gibt, sind die strukturierten Promotionsstudiengänge der Graduiertenschulen viel breiter angelegt, alle beteiligten Fächer sind umfassend eingebunden. Die Schule bildet das Rahmenprogramm, innerhalb dessen verschiedene Kollegs integriert sein können. Mit seinem klar strukturierten Graduiertenprogramm hebt sich die GSN-LMU von anderen Angeboten ab: Ihr Status als fakultätsunabhängige Einrichtung berechtigt die School zur eigenständigen Vergabe des Titels „PhD“. Mathematiker und Ingenieure sind unter den Teilnehmern ebenso zu finden wie Zoologen und Psychologen. „Wir bauen jedem Teilnehmer ganz individuelle Module“, erklärt Benedikt Grothe, Lehrstuhlinhaber für Neurobiologie, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. „Mathematiker müssen etwas von der Evolution verstehen, Zoologen von der Mathematik - davon profitiert am Ende das ganze Haus.“

Der Münchener Professor hat das System der Graduate Schools als Wissenschaftler in Amerika kennengelernt und gemeinsam mit den Kollegen vom benachbarten Max-Planck-Institut für Neurobiologie und von der Technischen Universität München weiterentwickelt. Auf dem expandierenden High-Tech-Campus im Süden der Stadt ragt das neue, hochmodern ausgestattete Biotechnologiezentrum aus einem Ensemble von Äckern und Erdbeerfeldern hervor - in direkter Nachbarschaft zu etlichen verwandten Forschungseinrichtungen und dem Uniklinikum Großhadern. Einen Steinwurf vom Biocenter entfernt entsteht ein Biomedizinisches Zentrum, von dem sich die Lebenswissenschaftler der LMU viel versprechen. „Nur zusammen können wir etwas erreichen“, betont Grothe und verweist auf die Fenster der Kollegen vom MPI, denen er von seinem Büro aus zuwinken könnte. Die enge Zusammenarbeit der Partnerinstitutionen ermöglicht eine besonders intensive Betreuung, regelmäßige Qualitätskontrollen sind obligatorisch. Die Absolventen sparen so wertvolle Zeit und beenden ihre Promotion früh.

Dem Bachelorabsolventen Franz Weber erspart das Fast-Track-Programm ein ganzes Jahr bis zur Promotion. Nach dem Studium an der LMU und TU München holt der Bioinformatiker gerade das gesamte Hauptstudium nach - in zwei Semestern. In dem sogenannten Preparatory Year absolviert der 25-Jährige die ersten beiden Semester des Masterstudiengangs Neuroscience im Elitenetzwerk Bayern. Besonders begabten Nachwuchswissenschaftlern ebnet dieser Schnelldurchlauf den Weg zu einer sehr frühen Forschungstätigkeit. „Die Stofffülle ist zwar ganz schön komprimiert“, gibt Franz Weber zu. „Aber zwischendurch kann ich trotzdem schon ins Labor gehen und mich mit meiner Doktorarbeit beschäftigen.“ Zu seiner Versuchsanordnung im benachbarten Max-Planck-Institut sind es vom Biocenter aus etwa 200 Meter. In der Abteilung für Neuronale Informationsverarbeitung beschäftigt sich Weber mit dem Bewegungssehen bei der Fliege. Betreut wird er dabei von einem interdisziplinär aufgestellten Komitee des Doktorandennetzwerkes Thesis. Neben dem direkten Supervisor vom MPI, der die Versuchsanordnung vor Ort betreut, trifft sich Weber alle paar Wochen mit einem Neurowissenschaftler der LMU und einem Vertreter des Klinikums, einem Ingenieur. Gemeinsam mit dem PhD-Anwärter stellen die Betreuer einen Katalog an Veranstaltungen, Seminaren und Summer Schools zusammen. „Damit wir nicht drei Jahre im selben Labor sitzen“, sagt Weber und lacht. „Wir können aus dem Veranstaltungsangebot so viel wahrnehmen, wie wir wollen. Die mit dem Komitee abgesprochenen Schwerpunkte sind jedoch Pflicht.“

„Dieses Betreuungskonzept finde ich großartig“, sagt Sven Schörnich. „Wie eine Art Fallschirm.“ Der Neurobiologe hat auf klassischem Weg promoviert und gerade das Rigorosum absolviert. Für ihn ist alles bestens gelaufen, doch einige Doktorarbeiten hat er auch im Nichts verlaufen sehen. „Die Bindung an einen einzigen Doktorvater ist ein hundertprozentiges Abhängigkeitsverhältnis“, so Schörnich. „Wenn Betreuer auf einmal das Interesse an der Themenstellung verlieren oder die Chemie nicht mehr stimmt, sind auf einmal anderthalb Jahre umsonst gewesen.“ Seine Doktorarbeit hat er kumulativ verfasst.

„Die Bindung an einen einzigen Doktorvater ist ein hundertprozentiges Abhängigkeitsverhältnis.“

Das heißt, zwei der drei in der Doktorarbeit behandelten Projekte sind bereits veröffentlicht bzw. von Fachzeitschriften akzeptierte Titel. „Eine kumulative Doktorarbeit hat den Vorteil, dass man bereits während der Promotion lernt, seine Ergebnisse in das Format einer wissenschaftlichen Publikation zu bringen“, sagt Schörnich, der sich aus freien Stücken dafür entschieden hat. „Aber es war auch anspruchsvoll zu schreiben, und es kann dauern, bis von den Verlagen ein Feedback kommt.“ Für die Dissertationen der PhDs wird diese Form in Zukunft Standard sein. Ein Grund mehr, warum Sven Schörnich in der neuen Doktorandenausbildung einen Fortschritt sieht. „Bislang hatte man seinen Betreuer, sein Institut, sein Thema - und das war's“, stellt der 30-Jährige fest. „Wir hätten die Angebote anderer Fakultäten auch vorher schon nutzen können, aber das Angebot war bei weitem nicht so transparent.“ Auch wenn der Neurobiologe selbst schon am Ende seiner Promotion stand, als die Graduate School eingerichtet wurde, hat auch er davon profitieren können. „Ich habe eigentlich erst jetzt angefangen reinzuhören, was es sonst noch so gibt“, sagt Schörnich, und fügt amüsiert hinzu: „Ich stand sozusagen kurz davor, ein Fachidiot zu werden.“ In der Psychoakustik kenne er sich bestens aus, aber wie diese Aspekte zum Beispiel neuronal gelöst sind - davon habe er nur rudimentäre Ahnung. Die nächsten zwei Jahre als Postdoc an der LMU will er auf jeden Fall nutzen, um sich auch die Nachbardisziplinen noch ein bisschen genauer anzusehen.

Noch sind die Größenordnungen an der GSN-LMU überschaubar. „Jeder kennt jeden, mit vielen Profs sind wir per Du“, sagt Ben Haßfurth. In Kürze stehen die Interviews für den zweiten Jahrgang an, damit wird sich die Zahl der momentan 21 Doktoranden verdoppeln. Neben zwei Empfehlungsschreiben, die besondere Befähigung attestieren, gehört auch eine Beschreibung der eigenen Motivation zur Bewerbung. Wer in die engere Auswahl kommt, wird zu Vorstellungsgesprächen mit vier Vertretern aus den Neurowissenschaften geladen, die das ganze Spektrum der Graduate School abbilden. Der Weg zu den Interviews führt ebenso gut zum Klinikum Großhadern wie zum Institut für Physiologie in der Innenstadt oder zu den Kollegen vom MPI. „Als ich gefragt wurde, was ich denn so von dem Fach weiß, konnte ich nur passen“, erinnert sich Benjamin Haßfurth an sein Bewerbungsgespräch mit einem Psychologen. „Da war ich relativ blank.“ Die Stelle an der Graduate School hat er trotzdem bekommen. Entscheidend ist schließlich nicht, dass die Bewerber die Zusammenhänge schon kennen, sondern dass sie sich dafür interessieren. „So ein Erlebnis weist einem schnell seine Grenzen auf“, stellt Haßfurth rückblickend fest. „Aber das weckt auch die Neugier.

Graduate School of Systemic Neurosciences (GSN-LMU)

Die im Rahmen der Exzellenzinitiative geförderte Graduiertenschule ist Teil des Munich Center for Neurosciences - Brain and Mind. Ziel ist die Bildung eines Netzwerkes, das Arbeitsgruppen verschiedenster Fachrichtungen zusammenbringt. Kooperierende Partnerinstitutionen am GSN-LMU sind die TU München und das Max-Planck-Institut für Neurobiologie. Gemeinsames Thema der Arbeitsgruppen sind Fragen der Neurobiologie - „Brain and Mind“ im weitesten Sinne.

Voraussetzungen für Bewerber: Master of Science oder ein vergleichbarer Abschluss in Biologie, Psychologie, Medizin, Physik oder verwandten Fächern. Besonders qualifizierte Bachelorabsolventen können sich für ein Preparatory Year bewerben.

Pro Jahrgang werden 20 PhD-Studenten aufgenommen. Deadline für den 2. Jahrgang (WS 2008/09) war der 1. Februar 2008.
http://www.mcn.lmu.de

Text: Hochschulanzeiger Nr. 96, 2008, Seite 99
Bildmaterial: privat