14. Mai 2009
Von der Karl-Marx-Uni zur privaten Eliteschmiede - die Goethe-Universität in Frankfurt hat sich einen tiefgreifenden Wandel verordnet. Die Studenten fremdeln noch etwas mit der perfekt durchgestylten neuen Hochschule.
Ja, so stellt man sich eine Universität in der Bankenstadt Frankfurt vor. Glattpolierte Häuserfronten, die Cafeteria im Starbucks-Stil und mit Starbucks-Preisen. Dazu ein eigenes Zentrum für Finanzwissenschaftler - das ausschaut wie eine noble Privatbank. Das House of Finance liegt auf dem weitläufigen neuen Campus im Frankfurter Westend direkt neben dem monumentalen IG-Farben-Haus, das zum Herz der neuen Universität werden soll. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten amerikanische Generäle den großzügigen Rundbau als Hauptquartier - jetzt ziehen hier die Geisteswissenschaftler ein. Wenn die Bauarbeiten abgeschlossen sind, werden sich zwischen den Gebäuden Grünflächen, Teiche und Promenaden erstrecken. Vorerst flanieren die Studenten noch nicht über grüne Wiesen, sondern durch graubraunen Baustellenmatsch. Erst 2014, zum 100. Jubiläum der Universität, wird der neue Campus komplett fertig gestellt sein.
Der Umzug ist auch äußeres Sinnbild eines viel tiefgreifenderen Umbaus im Innersten der Hochschule: Seit einem guten Jahr ist die Goethe-Hochschule eine Stiftungsuniversität - wie übrigens schon bei ihrer Gründung. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Staat Träger der Hochschule. Jetzt gehört sie einer privaten Stiftung, die über einen finanziellen Grundstock von 120 Millionen Euro verfügt. Die neue Rechtsform bedeutet mehr Geld - und mehr Freiheit. Die Universität kann ihren Etat selbst bestimmen, Professoren und Studenten nach ihren eigenen Wünschen auswählen. Dennoch bekommt sie auch weiterhin Geld vom Staat: Das Land Hessen finanziert mit fast 300 Millionen Euro im Jahr den Grundbetrieb und den Umzug auf den neuen Campus.
Für alles weitere muss die Universität nun jedes Jahr frische Drittmittel einwerben. Private Stifter und Unternehmen tragen schon jetzt die Kosten für mehr als 40 Lehrstühle und spendieren moderne Technik für die Seminarräume. Kritiker befürchten, die Universität liefere sich damit dem Einfluss der Sponsoren aus und gefährde die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre. Universitätspräsident Werner Müller-Esterl ist hingegen überzeugt, dass die Frankfurter Hochschule durch die Privatisierung in die Spitzenliga der internationalen Eliteuniversitäten aufsteigen wird.
Die Empfangshalle des universitätseigenen Finanzzentrums glänzt jedenfalls schon vorbildlich in poliertem Marmor. Seid ihr angemeldet? fragt die freundliche Studentin am Empfang und lässt ihren in den Tresen integrierten Laptop auf Knopfdruck nach oben surren. Am Empfang vorbei gelangt man über einen lichtdurchfluteten Flur direkt zu den Hörsälen. Genauer gesagt: Zu den Lecture Rooms, die nach ihren großzügigen Stiftern die Namen von Großbanken tragen und aussehen wie internationale Konferenzsäle. Auf dem Weg von der Commerzbank-Hall zur Faculty Lounge wird dann allerdings wieder klar, dass sich die Top-Banker von morgen erst seit kurzem hier tummeln. Kabel und Abdeckfolien bilden auf dem staubigen Marmorboden der leeren Gänge tückische Stolperfallen, und vom Ende des Flurs dröhnt der Lärm der Schleif- und Bohrmaschinen.
Manchmal ist es hier noch ganz schön chaotisch, sagt Longmei Zhang und lacht. Sie schreibt am House of Finance gerade ihre Doktorarbeit. Von dem neuen Gebäude ist die Studentin aus China dennoch begeistert. Die Hörsäle sind super ausgestattet, und die Bibliothek hat jeden Tag rund um die Uhr auf, erzählt Longmei, die vorher einen Master of International Relations in Konstanz abgeschlossen hat. Von dem Studium in Frankfurt verspricht sie sich viel, auch wegen der guten Kontakte zur Bundesbank und den in der Stadt angesiedelten Großbanken. Wir treffen die ehrgeizige 25-Jährige und ihren 30-jährigen Kommilitonen Tobias Cwik in der mit schwarzen Ledersesseln ausgestatteten Lounge, wo sie es sich schon mit Financial Times und Kaffee gemütlich gemacht haben.
Das harte Bewerbungsverfahren für die Doktoranden- und Masterprogramme haben bisher erst 100 Studenten bestanden. Die Hälfte von ihnen kommt aus dem Ausland, alle Seminare werden in englischer Sprache gehalten. Wer hier sein Studium mit dem Master oder einer Promotion abschließt, gehört zum künftigen Top-Personal internationaler Banken. Longmei träumt von einem Job bei der Bank of China, und Tobias könnte sich gut eine Zukunft bei der Europäischen Zentralbank vorstellen. Die Chancen, dass sie ihre Pläne verwirklichen, stehen gut. Wir haben hier das fortschrittlichste PhD-Programm im Finanzbereich und profitieren von prominenten Sponsoren und Unterstützern, ist sich Volkswirt Tobias sicher.
Nicht ganz so positiv sieht Jonas Erkel den Umbau seiner Universität. Seit fünf Semestern studiert er Politik, Philosophie und Geschichte an der Goethe-Uni und findet, dass Wirtschaftswissenschaftler und Juristen bei der Umstrukturierung bevorzugt werden. Das merkt man ja schon allein daran, dass sie als Erste auf den neuen Campus umziehen durften, schimpft der 23-Jährige. Wir treffen ihn in der neuen Mensa auf dem alten Campus Bockenheim - einem maroden Sechziger-Jahre-Bau, in dessen Eingangshalle es von der Decke tropft. Dass nur wenige Studenten dem Charme dieser baufälligen Zweckbauten verfallen sind, ist kein Wunder: Das einzige architektonische Highlight des alten Campus ist das noch aus der Gründungszeit der Universität stammende Hauptgebäude mit der roséfarbenen Sandsteinfassade im neobarocken Stil. Die meisten Studenten freuen sich also auf die neuen, modernen Gebäude im Westend. Der Umzug auf den neuen Campus ist das beherrschende Thema auf dem Campus, erzählt Jonas frustriert.
Als Asta-Vorsitzender und Mitglied der Juso-Hochschulgruppe steht er der Umwandlung seiner Universität in eine Stiftungshochschule skeptisch gegenüber. Mit der Fokussierung auf die Wirtschaftswissenschaften verliert die Uni einen Teil ihrer Geschichte und damit ihrer Identität, befürchtet er. Viele Geisteswissenschaftler, die heute hier studieren, sind wie Jonas dem Ruf der Frankfurter Schule gefolgt: Immerhin haben hier Horkheimer und Adorno ihre Studenten gelehrt, frei und unangepasst zu denken. 1968 war Frankfurt Hauptschauplatz der Studentenunruhen. Streikposten hielten den Campus Bockenheim wochenlang besetzt und benannten die Hochschule in Karl-Marx-Universität um. Und ausgerechnet unsere Universität wird als erste deutsche Hochschule privatisiert, da kann der Politologe nur noch den Kopf schütteln.
Die meisten Studenten sehen die Entwicklung pragmatischer. So sieht der 20-jährige Biowissenschaftler Patrice Lubuta die Privatisierung der Uni erst mal positiv, weil das wahrscheinlich mehr Praxisbezug und gute Kontakte zu den Pharmaunternehmen bedeutet, bei denen er später einmal arbeiten möchte. Ich würde gerne klinische Studien für Medikamententests betreuen, plant der Bachelorstudent. Da kann ich bestimmt schon während des Studiums gute Kontakte knüpfen. Patrice wird die nächsten Semester wohl noch zwischen dem neuen Zentrum in Riedberg und dem alten Bio-Campus hin- und herpendeln. Der ist zwar nicht ganz so marode wie der Bockenheimer Campus, auf die hochmodernen Labors und Gebäude auf dem neuen Campus freut der Naturwissenschaftler sich aber trotzdem schon. Der einzige Nachteil ist, dass Riedberg so weit außerhalb liegt.