12. Mai 2008
Der einsam im stillen Kämmerlein vor sich hin forschende Student, der von einem einzelnen Doktorvater betreut wird, zählt zur aussterbenden Spezies. Überall in Deutschland entstehen Graduiertenschulen, die Doktoranden mit strukturierten Programmen und in interdisziplinär vernetzten Gruppen schneller ans Ziel bringen.
Wenn ich alleine über meiner Doktorarbeit säße, würde ich wahrscheinlich erst mal zwei Jahre gar nichts schreiben, sagt Kirsten Pohl. Die Literaturwissenschaftlerin ist nach dem Studium von Berlin nach Gießen gezogen, um am International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) über Computerspiele zu promovieren. Die 30-Jährige gehört zum ersten Jahrgang der über die Exzellenzinitiative geförderten Graduiertenschule, die aus dem Gießener Graduiertenzentrum Kulturwissenschaften (GGK) hervorgegangen ist. Das Programm setzt auf Multi-Level-Mentoring. In sogenannten Research Areas werden Postdocs- und Doktoranden-Disziplinen übergreifend gebündelt, so dass ein Austausch auf verschiedenen Ebenen stattfinden kann. In diesen Gruppen arbeiten Leute zusammen, die zwar aus verschiedenen fachlichen Richtungen kommen, sich aber mit ähnlichen Phänomenen beschäftigen, so Pohl. In den Promotionskolloquien wiederum bleiben die Fachbereiche unter sich. Alle zwei Wochen treffen wir uns mit ein oder zwei betreuenden Profs, um unsere Ergebnisse vorzustellen und zu diskutieren, beschreibt die Gießener Doktorandin eines der Kernstücke des Graduiertencurriculums. Das strukturiert enorm. Gleich zu Beginn der auf drei Jahre angelegten Promotion wird ein Zeitplan erstellt, der jedem Teilnehmer einen Rahmen vorgibt. Der intensive Austausch hilft aber auch auf menschlicher Ebene - wenn man zum Beispiel mitbekommt, dass sich andere gerade mit ganz ähnlichen Problemen herumschlagen.
Lange vor der Exzellenzinitiative, im Jahr 2001, wurde das GGK auf Initiative der Hochschulleitung gegründet, als eines der ersten Graduiertenzentren im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften in Deutschland. Ziel war die systematische Neustrukturierung des Promotionsstudiums an den drei kulturwissenschaftlichen Fachbereichen der Universität Gießen. Das speziell auf geisteswissenschaftliche Doktoranden zugeschnittene Studienprogramm sowie die Gründung von selbst organisierten Doktorandenforschergruppen begleiten und unterstützen die Promovierenden bei der Arbeit an der Dissertation. Grund- und Aufbaukurse vermitteln grundlegende Kenntnisse und Kompetenzen für das Promovieren; begleitende Kurse führen möglichst früh an das wissenschaftliche Schreiben heran; ein Vorbereitungskurs im letzten Semester gibt Tipps zur Disputation der Arbeit. Indem es Promovierende vom Exposé bis zur mündlichen Prüfung begleitet, ist das Programm direkt auf die Bedürfnisse der Zielgruppe abgestimmt und trägt damit zur Verkürzung der Promotionszeiten bei. Anhand von Evaluationen sehen wir, dass sich die Studienzeiten am GGK erheblich verkürzt haben und im Durchschnitt bei drei Jahren liegen, stellt Martin Zierold, Geschäftsführer der Graduiertenschule GCSC, fest. Das International Graduate Centre for the Study of Culture baut auf dem Fundament des GGK auf. Während das Zentrum eine flächendeckende Verbesserung der Doktorandenausbildung betreibt und seine Angebote allen Promovierenden der drei kulturwissenschaftlichen Fachbereiche offenstehen, ist das GCSC eine international ausgerichtete Exzellenzeinrichtung mit klarem Forschungsprofil und Stipendienprogramm. Jedes Jahr werden zehn Doktorandenstipendien und jedes zweite Jahr drei Postdoktorandenstipendien vergeben. Darüber hinaus nimmt das GCSC jeweils bis zu 50 sehr gut qualifizierte Doktoranden und Doktorandinnen als Mitglieder auf.
Von den Kulturwissenschaften über Photonik bis hin zu Nordamerikanischen Studien: Überall in Deutschland schießen Graduiertenschulen wie die Pilze aus dem Boden. Mit ihrer dritten Förderlinie hat die Exzellenzinitiative frischen Wind in die Doktorandenausbildung gebracht. Etliche neue Schulen sind im Zuge des Wettbewerbs schon entstanden, bereits bestehende wurden ausgebaut. Ihr großer Vorteil: Promovierende kommen schneller als bisher ans selbständige wissenschaftliche Arbeiten. Im Gegensatz zur traditionellen Doktorandenbetreuung, die durch einen einzelnen Hochschullehrer erfolgt, werden die Programme der Graduiertenschulen und -kollegs von mehreren, eng miteinander kooperierenden Forschungsgruppen getragen. Das erlaubt wissenschaftliche Zusammenarbeit auf höchstem Niveau. Während die Kollegs befristet sind und thematisch fokussiert, bieten die Graduate Schools einen weiten Forschungsrahmen, in den kleinere Einheiten wie Sonderforschungsprojekte integriert werden können. Nach vorsichtigen Schätzungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sind bislang zwar nicht mehr als maximal 20 Prozent der Promovierenden in Deutschland in strukturierten Doktorandenausbildungen untergebracht. Im Zuge des Bologna-Prozesses und entsprechender politischer Vorgaben ist der Trend jedoch unübersehbar. Das Spektrum der Angebote und Modelle ist groß. Während sich das Gießener Programm intern aus dem Zusammenschluss thematisch verwandter Fakultäten entwickelt hat, stülpen die Bochumer ihr Konzept gleich der ganzen Uni über. Die Graduiertenschule erfasst in Bochum zwar noch nicht alle Doktoranden, zieht sich jedoch über alle Fakultäten hinweg, erklärt Anselm Fremmer, Programmdirektor bei der DFG. Die Idee dahinter ist, dass ein Schneeballeffekt entsteht, der langfristig alle Fachbereiche erfasst, zum Beispiel auch die Geisteswissenschaften, die dem Konzept der Graduiertenschulen traditionell eher skeptisch gegenüberstehen. Wie groß die Vorbehalte zum Teil sind, stellt auch GCSC-Geschäftsführer Martin Zierold immer wieder fest. Das Prinzip der Kollegialbetreuung ist unter Geistes- und Kulturwissenschaftlern bei weitem noch kein akzeptierter Mainstream. Nicht wenige Professoren sehen in der Einzelforschung nach wie vor die Ultima Ratio.
Knapp 40 Schulen profitieren bereits von den Fördergeldern der Exzellenzinitiative. Daneben gibt es eine stetig wachsende Zahl an Graduiertenschulen, die nicht im Rahmen der Bildungsinitiative gefördert werden, sondern durch Länderprogramme oder andere Forschungsfördereinrichtungen, wie zum Beispiel die Internatio-nal Max Planck Research Schools (IMPRS). Knapp 50 dieser Forschungszentren, an denen Max-Planck-Institute, Fakultäten und Universitäten beteiligt sind, gibt es bereits in Deutschland. Ein Schwerpunkt der Research Schools ist die internationale Zusammenarbeit. Die IMPRS wollen insbesondere ausländische Bewerber für eine Promotion in Deutschland gewinnen, sie mit den Forschungseinrichtungen vertraut machen und ihr Interesse an einer späteren Tätigkeit in oder Kooperationen mit deutschen Forschungsinstituten wecken. Die Hälfte der Teilnehmer soll daher aus dem Ausland kommen. Eine Vorgabe, die für die IMPRS on the Social and Political Constitution of the Economy (IMPRS-SPCE) nicht so ohne weiteres zu erreichen ist. Das erste Graduiertenprogramm im Bereich der Wirtschaftssoziologie und politischen Ökonomie in Deutschland ist 2007 in Zusammenarbeit mit der Universität Köln entstanden. Für uns ist es schwieriger, internationale Doktoranden anzuziehen, da unsere Fachbereiche mit einem kulturellen Erfahrungsschatz verbunden sind, sagt Sigrid Quack, Forschungsgruppenleiterin und Akademische Koordinatorin der IMPRS-SPCE. Wichtig und charakteristisch ist jedoch die enge Vernetzung mit internationalen Kooperationspartnern wie der Harvard University, der Sciences Po in Paris oder der London School of Economy. Der mehrmonatige Aufenthalt im Ausland ist Teil des Curriculums.
Auch einige Universitäten, etwa Göttingen und Jena, haben bereits eine strukturierte Doktorandenausbildung eingeführt und sie in Graduiertenschulen organisiert. Auf ein Netzwerk mit sechs Partneruniversitäten (Leipzig, Halle, Freiberg, Dresden, Jena, Kassel) baut wiederum die 2007 von der Helmholtz-Gemeinschaft für Umweltforschung eingerichtete Helmholtz Interdisciplinary Graduate School for Environmental Research (HIGRADE). Sie bietet Doktoranden eine interdisziplinär ausgerichtete Zusatzqualifikation am Zentrum für Umweltforschung (UFZ) an. Das Konzept beinhaltet ein Programm aus vier Modulen: fachliche Vertiefung, interdisziplinäre Aspekte in der Umweltforschung, Praxisanwendung und Soft Skills. Die Einbindung des UFZ in das PEER-Netzwerk, einem Zusammenschluss aus sieben großen europäischen Umweltforschungszentren, erleichtert den Doktoranden den Zugang zu international führenden Wissenschaftlerteams und Forschungsaufenthalten im Ausland. Die Absolventen nutzen die Expertise der Universitäten und gleichzeitig die technische Plattform der Helmholtz-Gemeinschaft, erklärt Koordinatorin Vera Bissinger. Am UFZ besteht die Möglichkeit, neue Anwendungen unter High-Tech-Bedingungen zu prüfen. Gesundheitsforscher, Sozialwissenschaftler oder Umweltinformatiker - Teilnehmer aus sieben verschiedenen Fachbereichen finden unter dem Dach der Graduiertenschule exzellente Forschungsbedingungen vor. Annemarie Ebert, die in dem Projekt Risk Habitat Megacity promoviert, kommt aus der physischen Geographie. Das Schöne ist, dass man über Einführungen in Sozialwissenschaften, Politik oder Recht auch Einblick in andere Fächer bekommt, stellt die Doktorandin fest. Man lernt, sein eigenes Thema aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Am Ende ist eine ausreichende Zahl an Credit Points aus jedem der vier Ausbildungsmodule nötig, um das Abschlusszertifikat zu erhalten. Welchen Stellenwert das Zertifikat bei einer Bewerbung haben wird, kann ich noch nicht einschätzen, so Ebert. Aber es wird in jedem Fall eine zusätzliche Qualifikation sein, die mich von anderen unterscheidet.
Liste aller in Deutschland geförderten Graduiertenkollegs:
http://www.dfg.de/forschungsfoerderung/koordinierte_programme/graduiertenkollegs/liste/gk_gesamt.html
Liste der DFG-geförderten Graduiertenschulen:
http://www.dfg.de/forschungsfoerderung/koordinierte_programme/exzellenzinitiative/graduiertenschulen/liste/gsc_gesamt.html
Übersicht der Graduiertenschulen in Deutschland: DFG-Kollegs, DAAD-geförderte PHD-Programme, Max Planck Research Schools, Graduate Schools von Bundesländern: http://www.bildungsserver.de
Weitere Links:
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
http://www.dfg.de
Gießener Graduiertenzentrum Kulturwissenschaften (GGK) http://www.uni-giessen.de/graduiertenzentrum
International School for the Study of Culture (GCSC)
http://www.uni-giessen.de/gcsc
International Max Planck Research Schools (IMPRS)
http://www.imprs.mplfg.de
Helmholtz Interdisciplinary Graduate School for Environmental Research (HIGRADE)
http://www.higrade.ufz.de