08. Oktober 2008

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„Ham Se mal ne Million?“

Von Thomas Röbke



16. Mai 2007 
Im Wettbewerb um den besten Wissensstandort suchen die deutschen Universitäten nach neuen Geldquellen jenseits der Staatsschatulle. Fündig werden sie in der Privatwirtschaft. Immer mehr Unternehmen treten als Sponsoren der Wissenschaft auf. Da fragt sich so mancher: Ist das der Beginn der Unfreiheit von Lehre und Forschung?

Die milde Gabe von Klaus Jacobs aus dem gleichnamigen Kaffee-Clan war nicht einfach ein kräftiger Schluck aus der Thermoskanne - sie war die Rettung. 200 Millionen Euro für die Internationale Universität Bremen. Ohne die Zusage wäre die vor acht Jahren gegründete private Hochschule wohl nicht auf Dauer lebensfähig gewesen. Nun gibt es fünf Jahre jeweils 15 Millionen und 2011 dann 125 Millionen, die jährlich fünf Millionen Euro an Zinsen abwerfen sollen. Die Jacobs-Stiftung wird Mehrheitsgesellschafterin. Die Krönung für den Geldgeber: Die Hochschule heißt fortan Jacobs Universität Bremen.

Noch führt derartiges Hochschul-Sponsoring hierzulande ein Schattendasein (siehe Kasten „Vorbild Amerika“). Der Großteil der deutschen Universitäten verlässt sich allein auf die Überweisungen aus der Staatsschatulle. Kein Wunder: Den staatlichen Hochschulen war es bis vor kurzem generell verboten, privates Geld anzuwerben. Und ihre private Konkurrenz spielt - gemessen an der Zahl der Studenten - in der hiesigen Akademikerausbildung nicht mehr als eine kleine Nebenrolle. Doch langsam zeichnet sich ein Mentalitätswandel sowohl in den Wissenschaftsministerien als auch den Universitätsleitungen ab: Im Wettbewerb um den besten Standort für wissenschaftliche Forschung und Lehre drängen die staatlichen Hochschulen auf mehr Selbständigkeit, auf mehr Entscheidungsgewalt vor allem bei der Frage, wofür sie ihr Budget verwenden. Im Gegenzug erwarten die Landesregierungen von den Hochschulen mehr unternehmerisches Denken. Vor diesem Hintergrund suchen die Uni-Rektoren verstärkt nach neuen Geldquellen - und finden sie in der Privatwirtschaft.

Einer, der das Hochschul-Fundraising schon seit sieben Jahren betreibt, ist Arnulf Melzer von der TU München: „Wir mussten uns einer Hilfskonstruktion bedienen, einen gemeinnützigen Verein gründen, der wiederum eine GmbH gegründet hat.“ Seit zweieinhalb Jahren erst gestattet das Bayerische Hochschulgesetz das Fundraising ohne Umwege. Die TU München beschäftigt sechs hauptamtliche Geldauftreiber, mittelfristig soll auf zehn aufgestockt werden. Melzer kann stolz auf Einnahmen von 120 Millionen Euro verweisen: „Wir haben in sieben Jahren 20 Stiftungslehrstühle eingeworben. Deren großer Vorteil ist, dass man sofort loslegen kann. Aus freiwerdenden Ressourcen etwas Neues zu schaffen dauert dagegen wahnsinnig lange. Wir konnten damit zwei neue Fakultäten gründen und eine völlig umstrukturieren. Das wäre sonst schlicht nicht gegangen.“ Eine Einflussnahme der Spender fürchtet Melzer nicht: „Der Sponsor verspricht sich gut ausgebildete Studenten, warum sollten wir da ein Berührungsproblem haben?“

Das hat auch Achim Fischer nicht. Er leitet das Fundraising an der Uni Mannheim und hat vor wenigen Tagen den 21. Stifterhörsaal eingeweiht. Vor sieben Jahren startete die Aktion, alle Hörsäle im alten Schloss mit Sponsorengeldern zu renovieren. Damit lief man offene Türen ein: „Es ist mehrfach passiert, dass Unternehmen und Mäzene von sich aus angerufen haben“, freut sich Fischer. Bandenwerbung oder Unternehmenslogos über der Tafel brauchten die Studenten zu keinem Zeitpunkt zu fürchten: „Es gilt, ein gewisses Niveau einzuhalten. Auf die Spender wird nur auf Tafeln an den Eingängen hingewiesen. Diese sind alle gleich groß und im gleichen Schrifttyp gestaltet.“ Jetzt baut Fischer ein Stipendiensystem auf; nach Leistungskriterien sollen in jedem Fach 1.000 Euro pro Jahr vergeben werden: „50 Zusagen sind unser Ziel, 40 haben wir bereits.“

„Auf die Spender wird nur auf Tafeln an den Eingängen hingewiesen. Diese sind alle gleich groß und im gleichen Schrifttyp gestaltet.“

Auch die Uni Freiburg ist sehr rührig im Spendensammeln. Die Kosten der 550-Jahr-Feier in diesem Jahr (rund 2 Millionen Euro) wurden komplett bei Sponsoren eingeworben. Pressesprecher Rudolf-Werner Dreier: „Unser nächstes Ziel lautet: fünf Stiftungsprofessuren, 50 internationale Gastdozenten, 550 Stipendien.“ Eine neue Uni-Stiftung mit einem Kuratorium aus gesellschaftlichen Größen soll das nötige Fundament bieten. Eine dreistellige Millionensumme einzuwerben ist die Vorgabe bis Ende des Jahres. Dreier betont aber auch: „Fundraising kann keinen Etat, keine Finanzierung durch den Staat ersetzen. Das ist immer für etwas Zusätzliches, was im normalen Etat nicht drin ist.“ Und gerade solche zusätzlichen Elemente könnten im verschärften Wettbewerb der Hochschulen um die besten Studierenden den Ausschlag geben. Was wiederum mehr Sponsoren anziehen könnte und damit weitere Studiengebühren zahlende Studierende.

Michael Hartmann, Soziologe an der TU Darmstadt, vermag sich dagegen nicht für das Privatgelder-Modell begeistern: „Fundraising öffnet natürlich Einflussnahmen die Türen. Schauen Sie sich nur mal im Kulturbereich an, wie massiv Sponsoren dort Einfluss nehmen.“ An uneigennütziges Mäzenatentum glaubt Hartmann nicht so recht: „Das mag es geben. Aber für die überwiegende Mehrheit muss schon etwas auch für sie Nützliches dabei herauskommen.“ Das große Problem für Privatschulen: „Sie müssen immer damit rechnen, dass sich der Geldgeber zurückzieht.“ Witten-Herdecke konnte sich nie davon erholen, dass anfängliche Förderer wie Bertelsmann die Lust verloren.

Während die staatlichen Hochschulen schon aufgrund ihrer Größe kaum ernsthaft von einzelnen Unternehmern abhängig werden dürften (Wer stellt schon auf Dauer 20, 30 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung?), würden dort jedoch durch Stiftungslehrstühle bestimmte Strukturen geschaffen. Hartmann: „Mit einem Aldi-Süd-Hörsaal wie in Würzburg nimmt man noch keinen Einfluss. Da weiß auch jeder gleich, woran er ist. Mit einer Stiftungsprofessur dagegen wird das Lehrangebot der Universität am unauffälligsten und dauerhaftesten beeinflusst.“ Denn die Hochschulen verpflichten sich in der Regel, den Lehrstuhl nach Ende der privaten Anschubfinanzierung weiterzuführen - aus dem normalen Etat. Bei den Lehrstühlen zeige sich auch, dass bestimmte Fachgebiete weit überproportional profitieren: die, von denen sich die Spender aus der Wirtschaft den größten Nutzen versprechen: Wirtschafts-, Ingenieur- und Naturwissenschaften.

Die Frage nach der wissenschaftlichen Neutralität drängt sich natürlich auf, wenn RWE und Thyssen- Krupp drei Lehrstühle an der RWTH Aachen bezuschussen, deren Forschungsgebiet Reaktorsicherheit und die Entsorgung von Kernbrennstoffen umfasst. „Dass private Förderer etwas wollen, ist eine Selbstverständlichkeit“, sagt Marita Haibach, Präsidentin des Deutschen Fundraising Verbandes. „Die Frage ist doch, wie viel man zulässt, wie viel gerechtfertigt ist. Und da fehlt bei manchen das Selbstbewusstsein. Potentiellen Förderern muss man sagen, wie weit man mitzugehen bereit ist.“ Das größte Problem der staatlichen Hochschulen sei jedoch ein anderes: „Sie sind zu träge. Die Erwartungen sind riesig, aber wenn man wenig reinsteckt, kommt auch wenig heraus.“ Eine alte Regel amerikanischer Spendensammler besagt: Für jeden Dollar Spendengeld muss man zuvor 20 Cent investiert haben. Tatsache ist: Findige Fundraiser wie in München, Freiburg oder Mannheim sind die ganz große Ausnahme. Die meisten Unis scheuen schon die Einstellung eines einzigen Vollzeitmitarbeiters für die Spendenakquise. Und selbst wenn sie wollten - es gibt kaum qualifizierte Kräfte, zu jung ist dieser Bereich in Deutschland. Und Hochschulrektoren, die - wie in den USA üblich - die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit dem Spendensammeln verbringen, scheinen völlig undenkbar.

„Mehr Einfluss von außen tut den Hochschulen zunächst einmal gut, das schärft den Realitätssinn“ meint Dieter Dohmen vom Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie in Köln. Das solle man auch nicht zerreden. Er glaube kaum, „dass sich eine Hochschule für eine Spende vorschreiben lässt, in welche Richtung sie zu arbeiten hat“. Dohmen sieht auch für die Geisteswissenschaften eine Chance, von der schönen neuen Spendenwelt zu profitieren, denn: „Sie werden in ihrer Bedeutung völlig unterschätzt. Wir brauchen Leute, die nicht nur Fachidioten sind. Aber darauf läuft die Ausbildung immer mehr hinaus. Wenn man an dieser Stelle die Geisteswissenschaften mehr einbindet, würde man erkennen, wie sinnvoll sie sein können.“

Udo Steffens, Vorstandssprecher des Verbandes der privaten Hochschulen, findet das Problem der möglichen Einflussnahme „ein sehr abstrakt-theoretisches“. Zudem habe es an den Technischen Universitäten immer schon eine gute Zusammenarbeit mit der Wirtschaft gegeben, „weil man Technik an sich als wertfrei betrachtete“. Mehr oder weniger gelungene Versuche, Einfluss zu nehmen, habe es immer schon gegeben, „indem man Gutachten an bestimmte Professoren vergeben hat“. Steffens fände daher „ein ethisches Regulativ, einen Code of Conduct“ sinnvoll.

Der aktuellen Sponsoring-Studie der Agentur Pleon Kohtes Klewes zufolge, interessieren sich immer mehr Unternehmen für Wissenschaftssponsoring. Von den 15 Prozent der Kommunikationsbudgets, die ins Sponsoring gehen, entfallen 9,6 Prozent auf die Wissenschaft. Zwei Jahre zuvor waren es erst 6,4 Prozent. Begehrlich schauen die Hochschulen zum Sport, der die Hälfte der Sponsorengelder an sich bindet.

Spender, Stifter, Sponsoren

Hörsäle, Lehrstühle, Bibliotheken, Institute und ganze Universitäten: Immer öfter tauchen Namen aus der Wirtschaft in der deutschen Hochschullandschaft auf. Zumeist von Firmen, die an Absolventen aus dem entsprechenden Fachbereich interessiert sind und/oder dem Institut örtlich verbunden. Eine Handvoll Hochschulen tragen sogar den Namen ihres Stifters. Mit Ausnahme der Jacobs Universität Bremen und der Otto Beisheim School of Management (Beiname der WHU Koblenz-Vallendar) ist dieser in der Regel allerdings verstorben. Siehe Bucerius Law School (Verleger), Zeppelin University (Luftschiffbauer), Hertie School of Governance (Hermann Tietz, Kaufhausgründer). Doch dann sind da noch zwei äußerst lebendige und spendierfreudige Stifter - sie eint, dass sie zusammen die Softwareschmiede SAP gegründet haben. Den Namen Hasso Plattners tragen eine Bibliothek in München und ein Institut in Potsdam. Und Klaus Tschira hat mehr als die Hälfte seiner Firmenaktien in eine gemeinnützige Stiftung eingebracht. Derzeitiger Wert: rund 800 Millionen Euro. Ihr Ziel ist es, das Image der Wissenschaft zu verbessern - bei Wissenschaftlern, Journalisten und Schülern. Das tut sie mit zahlreichen Projekten und Wettbewerben wie dem Jugendsoftwarepreis, einem experimentellen Physikwettkampf und einem Preis für verständliche Wissenschaft.

Vorbild Amerika

Beim Spendensammeln stehen die deutschen Hochschulen erst ganz am Anfang: Die erste und bisher einzige Studie dazu (mit 65 Hochschulen) haben das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), der Deutsche Fundraising Verband und Die Zeit veröffentlicht. Danach nahmen die Universitäten 2003 durchschnittlich nur 1,5 Millionen Euro ein, die Fachhochschulen 90.000 Euro. Als großes Vorbild gelten die USA, die das Spendensammeln perfektioniert haben. Dort konnten Colleges und Universitäten 2006 rund 24 Milliarden Dollar an Privatspenden verbuchen. Allein die 400 Harvard-Fundraiser sammelten fast eine halbe Milliarde. Das hat vor allem zwei Gründe:

Andere Alumni-Kultur. Während in den USA die Alma Mater tatsächlich wie eine Mutter ihre Schützlinge bis in den Alltag umsorgt, kommen sich deutsche Studenten eher wie Waisenkinder vor. Überfüllte Hörsäle und Professoren, die man in der mündlichen Prüfung zum ersten Mal persönlich spricht, öffnen nicht gerade das Portemonnaie gutverdienender Ehemaliger.

Anderes Steuerrecht. Nachlässe werden in den USA komplett besteuert - wer das Vermögen in eine Stiftung einbringt, bleibt steuerfrei. Prinzipiell können in den USA bis zu 50 Prozent des Einkommens steuerfrei für die Wissenschaft gespendet werden. In Deutschland sind es 10, ab Mitte des Jahres 20 Prozent. Wer hierzulande eine Stiftung errichten will, kann dafür nur 307.000 Euro absetzen. Doch mit so einem Grundkapital hat die Stiftung keine nennenswerten Zinserträge. Der Betrag soll nun auf immerhin 750.000 Euro angehoben werden.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 90, 2007