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Wolfgang Grupp

Der letzte Schneider von der Alb

Erst hat er den Machtkampf mit dem Vater gewonnen, danach verpasste er dem Trikotagenhersteller Trigema das Etikett „Standorttreue“ – und fährt damit gut. Mit seiner Meinung hält Wolfgang Grupp selten hinterm Berg.

Stets akkurat gekleidet: Trigema-Chef Wolfgang GruppStets akkurat gekleidet: Trigema-Chef Wolfgang Grupp

16. Juli 2007 

Burladingen klingt wie Hintertupfingen. Aus zehn Dörfern besteht die Stadt, zusammen kommen sie auf knapp 13 000 Einwohner. Eine Bundesstraße kurvt durch die Ortschaften die Schwäbische Alb hinauf, der stets das Adjektiv rauh angehängt wird. Seit Jahren beschwert sich die dort ansässige Spedition, dass die Strecke endlich vierspurig ausgebaut gehört. Mit dem Auto dauert es mindestens eine Stunde nach Stuttgart. Aber Wolfgang Grupp kommt schnell weg aus Burladingen und genauso schnell wieder zurück. Wie schnell zeigt er allen, die am Hauptwerk von Trigema vorbeifahren: Sein Hubschrauber parkt mitten im Hof in einer gläsernen Garage.

Der Textilunternehmer steht offensichtlich auf Statussymbole. In der Öffentlichkeit erscheint er ausnahmslos gestriegelt, braungebrannt, streng gekämmt, in einen straffen Dreiteiler gekleidet, mit Einstecktuch, goldenen Manschettenknöpfen und Krawattennadel ausstaffiert. Den Eingangsbereich seiner Firma schmückt eine Familiengalerie. Die in Gold gerahmte Fotografie von seiner Hochzeit mit Baroness Elisabeth von Holleufer hat seit 1988 zwar an Farbe verloren, aber das Paar in der Kutsche macht trotzdem einen fürstlichen Eindruck. Wolfgang Grupp hat einen Hang zur Aristokratie. „Ich will Aufmerksamkeit erreichen“, sagt er.

Manager ins Zuchthaus

Für einen Mittelständler aus der schwäbischen Provinz mit 1200 Mitarbeitern ist er weit gekommen. Im Frühjahr saß der 65 Jahre alte Grupp bei Sabine Christiansen in der Talkshow, als es um Kinderbetreuung ging. Ständig wird er nach seinem Standpunkt gefragt. Seit 1975 sagt Grupp das Gleiche, aber die Medien hören es noch immer gerne. „So bekomme ich kostenlos Werbung“, freut sich der Schwabe. Geht es der Wirtschaft schlecht, werden Arbeitsplätze abgebaut, wird die Globalisierung debattiert, ist er besonders präsent. Denn Wolfgang Grupp produziert seine T-Shirts, Bademäntel und Jogginganzüge nicht im Ausland, sondern auf der Alb. Er hat nie betriebsbedingt gekündigt, garantiert den Kindern seiner Mitarbeiter einen Job, fertigt die Stoffe größtenteils in der eigenen Fabrik und bestellt die Maschinen dafür im Nachbarort. Mehr als die Hälfe seiner Ware verkauft er selbst, in rund fünfzig Trigema-Testgeschäften in deutschen Kleinstädten. Mit dem eigenen Fabrikverkauf spart er sich den „ruinösen Wettbewerb“ auf dem Textilmarkt, wo Großhändler die Preise diktieren.

Wolfgang Grupp hat viel geschafft. In Burladingen gab es einst 26 Textilunternehmen, davon ist nur Trigema übrig geblieben. Die Hersteller sind entweder eingegangen oder haben ausgelagert – in die Türkei zuerst und schließlich nach China. „Ich kenne keinen, der im Ausland mit den billigen Arbeitsplätzen reich geworden ist“, sagt er. Kernig sind seine Sprüche über die Unternehmer und Manager, die in ihrer Machtgier größenwahnsinnig geworden seien. Verantwortungslose Unternehmer und Manager gehörten ins Zuchthaus, findet er und kommt damit an.

Jeder Anruf ein mögliches Geschäft

Grupp ist kein Erfinder, er ist Betriebswirt. Er sei nie geistreich gewesen, sagt er. Aber er habe immer die Augen offen gehalten und jeden Vorschlag angehört. „Ich schotte mich nicht ab, bei mir kommt man durch.“ Das Einzelbüro schaffte er ab, der Chef teilt sich mit seiner Verwaltung einen Raum. Natürlich thront er an dessen Spitze, sitzt am größten Schreibtisch. Hinter seinem Rücken hängen drei Ölgemälde – von ihm, seiner Gattin und seinen Großeltern. Wenn ein Telefon lange klingelt, murmelt er: „Was ist denn da los?“, und greift selbst zum Hörer. Ein Schweizer ist dran, ein Sammler von Rundstrickmaschinen, der die Geräte loswerden will. „Ich nehme jedes Gespräch an“, sagt Grupp, „vielleicht ist was Interessantes dabei.“

Sein Erfolg gründet schließlich auf einem Anruf. Unterwäsche fertigte die Firma seines Großvaters ursprünglich. Auf einer Messe stellten sie ihre Ware Ende der sechziger Jahre aus, und ein Kunde kaufte 500 Unterhemden mit Knopfleiste. Kurz darauf rief C&A in Burladingen an: „Sie haben doch diese modischen T-Shirts.“ Dass jener Messe-Kunde die Hemden batiken ließ und weiterverkaufte, wusste Grupp nicht. C&A war über das Etikett bei ihm gelandet. Er ließ sich ein Muster schicken, führte eine Batik-Abteilung ein und erfüllte den Auftrag. Statt wie bisher ein, zwei Mark pro Hemd zahlte die Modekette acht Mark. „Das war ein Luxuspreis“, sagt Grupp. Acht Tage später kam der Auftrag für 30 000 T-Shirts. Beim nächsten Anruf pokerte der Jungunternehmer und forderte zehn Mark. Er bekam den Zuschlag für 100 000 Hemden.

Der Fabrikat als Vorbild

Trotz dieser märchenhaften Entwicklung in Hippie-Zeiten bekommt Firmengründer Josef Mayer im Trigema-Prospekt viel Platz. Im Gehrock ist er als 23-Jähriger darin auf einer ganzen Seite abgebildet, mit steifem Hemdkragen und akkurater Krawatte. „Fabrikant war früher der höchste Beruf“, sagt der Enkel. Im November 1956 starb der Großvater. 14 Jahre war Wolfgang Grupp damals alt, und der Trauerzug durch Burladingen muss ihn schwer beeindruckt haben, weil er noch heute davon erzählt, wie die Arbeiter mit Kränzen von der Firma bis zur Kirche Spalier standen. Seinen Großvater hätten sie auf Händen getragen, sagt er, und dass man wissen muss: „Man darf seine Mitarbeiter nicht zu Egoisten erziehen.“ Der Fabrikant müsse Vorbild sein, diszipliniert, anständig und immer zur Belegschaft stehen. Zur Wirtschaftswunderzeit waren die Mayers in Burladingen wichtige Leute, und der Junior war stolz darauf. „Ich bin in der Firma aufgewachsen, ich saß als Kind bei vielen Mitarbeiterinnen auf dem Schoß“, sagt er. Dass er einmal übernehmen würde, stellte er nie in Frage. Ins Internat ist der Bub geschickt worden, zu den Jesuiten nach St. Blasien im Schwarzwald. Streng ging es dort zu, gehorchen mussten die Schüler vor allem. „Ich hatte Heimweh, das war meine schlimmste Zeit“, erzählt Grupp. Das Studium in Köln nahm er lockerer. Er lernte nur, wenn eine Prüfung anstand und dann mit einem Privatlehrer. Mit 27 Jahren stieg er 1969 in die großväterliche Firma ein. Da machte der Betrieb umgerechnet knapp 9 Millionen Euro Umsatz und hatte rund 5 Millionen Schulden bei der Bank.

Schneller als die Chinesen

„Es gab für mich nur eine Lösung: entweder mein Vater oder ich“, erzählt Grupp von der Übernahme. Sein Vater Franz hatte das Geld in mehrere Tochterunternehmen gesteckt. Der Sohn wollte sich auf T-Shirts und Tennisbekleidung konzentrieren. Drei Jahre dauerte der Machtkampf, bis der Vater sich zurückzog. Eine soziale Ader hat Grupp nicht, er will Geld verdienen. So erklärt er die Arbeitsplatzgarantie für die Kinder seiner Mitarbeiter: Der Vater oder die Mutter blamiert sich als Erste, wenn der Nachwuchs nicht spurt. Und so erklärt er seinen Standort. Anfangs probierte er nämlich, einen Teil der Trikots in Hongkong fertigen zu lassen. Doch die Lieferzeiten waren zu lang.

Viele Aufträge bekomme er nur, weil er rasch reagieren könne, sagt er. Und sein größter Coup war eben, als Deutschlands größter T-Shirt-Produzent zu firmieren. Er zahlte die Schulden ab, vermehrte den Umsatz und stockte langsam um 400 Mitarbeiter auf. „Bei mir muss es vorwärtsgehen“, sagt Grupp, Entscheidungen ziehe er konsequent durch. Und bei Trigema entscheidet er so gut wie alles. Der Druckereimeister fragt ihn persönlich, wie ihm der Affe auf dem T-Shirt am besten gefällt. Drei Muster legt er auf den Schreibtisch. Der Textilunternehmer zeigt auf eines und ruft: „So machen wir es, und fertig!“ Mit dem Tier wirbt er seit 15 Jahren, immer kurz vor der Tagesschau im Ersten. „Trigema produziert mit 1200 Mitarbeitern nur in Deutschland“, erklärt der Affe in dem Spot, „was sagt der Inhaber, Herr Grupp, dazu?“

Simple Botschaft gern gehört

Ganz simpel sendet der Burladinger seine immer gleiche bodenständige Botschaft in die Bundesrepublik: „Wir werden auch in Zukunft nur in Deutschland produzieren und die deutschen Arbeitsplätze sichern!“ Auch ohne den vierspurigen Ausbau der Bundesstraße auf die rauhe Schwäbische Alb.

Zur Person:

  • Wolfgang Grupp wird am 4. April 1942 im schwäbischen Burladingen geboren. Er studiert in Köln Betriebswirtschaft und wird 1972 alleiniger Geschäftsführer und Inhaber der Trikotwarenfabriken Gebrüder Mayer (Trigema).
  • Vom Baumwollfaden bis zum T-Shirt fertigen die 1200 Mitarbeiter an den drei Standorten Burladingen, Altshausen und Rangendingen alles selbst. 2004 lagen die Umsatzerlöse der Trigema GmbH & Co. KG laut Bundesanzeiger bei mehr als 48 Millionen Euro.
  • Der Unternehmer ist verheiratet, er hat eine Tochter und einen Sohn. Bonita ist 18 Jahre alt, Wolfgang junior 16 Jahre. Seine Frau Elisabeth (41) arbeitet ebenfalls im Unternehmen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb, privat, prviat

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