Marek Lieberberg

Impresario der Rock-Legenden

Von Andreas Obst

Sah die großen Stars ganz klein: Marek Lieberberg

Sah die großen Stars ganz klein: Marek Lieberberg

21. Mai 2007 An der Wand des Besprechungszimmers in Marek Lieberbergs Bürovilla hängt ein gläserner Schrein. Darin befinden sich die Trümmer eines schwarzen Laptops: ein Geschenk des kanadischen Sängers und Gitarristen Bryan Adams zu Lieberbergs sechzigstem Geburtstag im vorigen Jahr. Unter den Bruchstücken des Geräts steht die Zeile: „25 Years of Happy Negotiations“. Seit einem Vierteljahrhundert organisiert Lieberberg die Deutschland-Tourneen des Musikers. Es ist eine der zahlreichen Arbeitsfreundschaften, die über die Jahrzehnte zwischen dem Frankfurter Impresario und den Hauptdarstellern der internationalen Rock- und Popwelt entstanden sind. Kaum ein Künstler von Rang und Namen in diesem Metier, den Lieberberg nicht präsentiert hätte. Nur mit den Rolling Stones wollte er sich nie einlassen. Mit Mick Jagger, so erkannte er früh, kann niemand faire Geschäfte machen. Der Rolling-Stones-Sänger gilt als beispiellos unangenehm, ja unverschämt in Verhandlungen.

Ein Laptop an die Wand geschmettert

„Wenn die Wahrheit über die Legende herauskommt, drucken wir trotzdem die Legende“, heißt es am Ende von John Fords Kinowestern „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“. Darin geht es um scheinbare Schuld und echte Verantwortung, um Aufrichtigkeit in Zeiten des Opportunismus, um die Wahrheit – und eben um Legenden. Bei einem Konzert der Gruppe „Depeche Mode“, das er in München veranstaltet hat, geriet Lieberberg mit dem Buchhalter der Band aneinander. Der hatte provozierend umständlich die Tastatur des Computers bedient und auf Lieberbergs Frage, wie lange es wohl noch dauere, den Anteil der Band aus dem Umsatz des Abends zu rechnen, patzig zur Antwort gegeben: so lange eben, wie es dauert. Nein, entgegnete Lieberberg, nahm den Laptop und schmetterte das Gerät an die Wand – unter dem Beifall der Musiker, die hinzugestürzt waren. Heute, sagt Lieberberg, geben mindestens dreißig Bands an, Zeugen dieses Ereignisses gewesen zu sein. Und auch Bryan Adams würde womöglich einen Eid schwören, dass Laptop-Zerstörung und Buchhalter-Demütigung nach einem seiner Konzerte geschahen. Immerhin brachte ihn das Ereignis auf die Idee für ein originelles Geburtstagsgeschenk.

Mit Rock am Ring schuf er das Woodstock der Moderne

Mit Rock am Ring schuf er das Woodstock der Moderne

Ein Mann muss tun, was er tun muss. Die tiefe Verbindung zwischen dem klassischen Western und dem Geschäft mit der Rockmusik verdichtet sich in Marek Lieberberg wie nirgendwo sonst. Mit vierundzwanzig veranstaltete er sein erstes Rockkonzert. Vorher hatte er in Frankfurt ein Soziologie-Studium abgebrochen und zwei Jahre lang als Nachrichtenredakteur bei der Agentur Associated Press gearbeitet. Während ihn die akademischen Diskussionen im Kometenschweif der Achtundsechzigerbewegung bald langweilten, war er sich sofort sicher, als Journalist seine Bestimmung gefunden zu haben. Schnelles Formulieren und prägnantes Polarisieren sind ihm bis heute eigen. Unvergessen, dass er dabei war, als Associated Press als erste Agentur bei der Bundestagswahl 1969, noch während die Stimmen ausgezählt wurden, die sozialliberale Koalition voraussagte.

Mit „The Who“ fing alles an

Gegen die Fortsetzung der journalistischen Laufbahn sprachen allerdings die beschränkten Möglichkeiten, mit dem Denken und Schreiben Geld zu verdienen. Verlockend erschien ihm hingegen die Rockmusikszene, die in den Sechzigern jäh aufgeblüht war und die er als Sänger zweier Bands und nun auch als Journalist aus der Nähe kannte. Seine Voraussetzung für den Beruf des Konzertveranstalters hingegen erschöpfte sich seinerzeit in der „unbedingten Lust auf Rock“ und einer Überzeugungskraft, die aus seinem schon damals stark ausgeprägten Selbstbewusstsein resultierte. Als Startkapital reichte diese Mischung aus. Lieberberg reiste nach London und sprach die Musiker der populären Bands vor den Türen der Clubs und an den Theken der Kneipen an. Dass er sich als Veranstalter-Debütant gleich mit der Zerstörungsenergie des englischen Quartetts „The Who“ maß, die er nach Münster und Offenbach brachte, betrachtet er heute als wegweisend. Denn da er an dieser Aufgabe nicht zerbrach, war es für ihn selbstverständlich, Europas erfolgreichster Rockimpresario zu werden. Dem amerikanischen Branchenmagazin „Pollstar“ zufolge belegt Lieberberg im ersten Quartal 2007 den vierten Rang der „Top-Promoter“ weltweit, mit 453.686 verkauften Eintrittskarten. Zwanzig feste Mitarbeiter beschäftigt er heute in seinen Büros in Frankfurt und Berlin, er selbst ist fast zwei Drittel des Jahres in der Welt unterwegs; 100 Millionen Euro setzt seine Agentur jährlich um, davon bleiben zwischen 5 und 9 Millionen im Jahr als Gewinn stehen.

Bier und Matsch - Rock am Ring

Lieberberg wollte freilich immer mehr, als nur Eintrittskarten zu verkaufen. Rockmusik fordere das ganze Herz, lautet seine Devise. Das gilt auch für den Konzertveranstalter, als Mittler zwischen Künstler und Publikum. Nichts Menschliches ist ihm fremd geblieben in den Jahrzehnten zwischen dem Olymp der Rockgötter und den Matschwiesen der Open-Air-Arenen. Lieberberg hat das Festival „Rock am Ring“ in der Eifel erfunden, das jedes Jahr am ersten Juniwochenende stattfindet, in diesem Jahr zum einundzwanzigsten Mal: eine Leistungsschau zeitgenössischer Rockmusik als Spiegel der Publikumsinteressen – „unterhalb des Radars der Medien“, die ihre Deutungskompetenzen längst verloren haben, wie Lieberberg meint. Dort sitzt er, der für sich stets Wert auf konservativ klassische Garderobe legt, vor Campingzelten unter biertrinkenden Rockfans und weiß sich unter Herzensgleichen. Den Ausnahmerang des Künstlers hingegen will er nicht gelten lassen. Allzu oft habe er die größten Stars als kleine Menschen erleben müssen: ratlos, verwirrt, ängstlich und verzweifelt. Der Umgang mit ihren Launen hat ihn philosophisch werden lassen. Die Rockmusik sei an die Stelle des Hochadels früherer Epochen getreten, doziert er, der Rockstar betrachte sich selbst als eine Art absolutistischen Herrscher, der von seinem Gefolge, der Musikindustrie, den Medien und vor allem den Fans, bedingungslosen Gehorsam verlange. Zwischen diesen Mühlsteinen könne man nur mit Mut zur eigenen Meinung bestehen. Genau zwei Möglichkeiten habe ein Konzertagent, um den Auftrag zu ergattern, für einen Künstler die Tournee auszurichten. Entweder man garantiere mehr Einnahmen als die Konkurrenz, oder man überzeuge durch Persönlichkeit.

In der Branche genießt Lieberberg einen Ruf als perfekter Gastgeber. Seine Großzügigkeit, Teil der Inszenierung eigenen Selbstverständnisses, ist sprichwörtlich. Künstler und Geschäftspartner bringt er in Luxushotels unter, er verwöhnt sie in den besten Restaurants, empfiehlt den Besuch von Sehenswürdigkeiten, Museen und Ausstellungen.

Die Musik spielt auf Hawaii

Spätestens mit Mitte Dreißig sei man dem Rock entwachsen, postuliert Lieberberg. Für koketten Unsinn hält er, was die Sänger der frühen Aufbruchsjahre über Leben, Tod und Ewigkeit gesungen haben. „Sterben möchte ich, bevor ich alt werde“ (The Who), „Zu alt für Rock ’n’ Roll, zu jung zum Sterben“ (Jethro Tull), „Besser ausbrennen als einrosten“ (Neil Young). Aus dem Wunsch, die Welt mit Melodien zu verändern, die von einem hingeknüppelten Viervierteltakt angetrieben werden, sei die Wirklichkeit einer Industrie gewachsen, deren wesentliches Merkmal die Wiederkehr des Immergleichen ist. Längst sei der Rock im Leben angekommen. Man muss das Spiel durchschauen, um dann nach seinen eigenen Regeln zu spielen, sagt Lieberberg. Zu Hause hört er inzwischen lieber klassische Musik, Opern vor allem.

“25 Years of happy negotiations“

"25 Years of happy negotiations"

Neben dem Anwesen in Frankfurt besitzt der Konzertveranstalter ein Haus, das er sich auf der Hawaii-Insel Maui bauen ließ. Hawaii habe er vor Jahrzehnten entdeckt, auf der Suche nach einem Ort, der exotisch sei, aber nicht zu abenteuerlich, mit angenehmem Klima und ohne gefährliche Tiere. Keine Übertreibungen eben. In dieser Hinsicht sei er ganz geprägt durch die jüdischen Traditionen, mit denen er aufwuchs. Mindestens viermal im Jahr verbringe er Zeit auf Maui. Die Green Card, die Ausländern in Amerika alle Türen öffne, habe er mit dem Argument erhalten, in Deutschland seit Jahrzehnten Amerikanern Arbeit zu verschaffen. Neuerdings veranstaltet er auch Konzerte auf Hawaii. Im vorigen Jahr spielte Billy Joel dort, davor musizierten die Eagles, und Celine Dion war auch schon da. Früher einmal habe er überlegt, ganz nach Amerika zu gehen, ins gelobte Land des Rock, sagt Lieberberg. Doch sein Leben sei in Deutschland, und die Musik spiele schließlich auch hier.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, privat

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