Basetsana Kumalo

Mit Minen und Mandela

Von Claudia Bröll

Schlaflos in Johannesburg: Basetsana Kumalo

Schlaflos in Johannesburg: Basetsana Kumalo

25. Mai 2009 

Basetsana Kumalo gehört zu den Menschen, denen man schnell verzeiht, wenn sie einen eine Stunde warten lassen. Zugegebenermaßen ist das Haus der Südafrikanerin auch nicht der schlechteste Platz, um eine Stunde seines Lebens zu verbringen. Kumalo residiert inmitten eines riesigen manikürten Gartens auf einem Hügel, fernab vom Trubel der Wirtschaftsmetropole Johannesburg. Die Villa sieht so aus, wie sich Südafrikaner toskanische Palazzi vorstellen: viel Terrakottafarbe, viel Schmiedeeisen, viele Säulen. Aus den geöffneten Fenstern wehen teure Vorhänge. Ein Springbrunnen plätschert.

Kumalo ist in Südafrika vielen Fernsehzuschauern und Zeitschriftenlesern bekannt. Aus armen Verhältnissen stammend schaffte sie es, eine Art südafrikanischen Traum zu verwirklichen: von der „Miss South Africa“ zur Moderatorin, zur Fernsehproduzentin und zur „Minenmagnatin“, wie sie wegen einer Beteiligung an Bergbauunternehmen oft genannt wird. Damit ist die 35 Jahre alte Geschäftsfrau ein Paradebeispiel für die neue Generation der energiegeladenen schwarzen Unternehmerinnen im demokratischen Südafrika.

Aufsichtsratssitzungen, Geschäftstreffen und kochen

Dass das Adjektiv „energiegeladen“ zutrifft, beweist Kumalo schon bei ihrer Ankunft. Rasant fährt sie in einem Porsche Cayenne durch das Eingangstor. Es tue ihr schrecklich leid, entschuldigt sie sich mit strahlendem Lächeln und lässt die Krokodilledertasche nachlässig fallen. Aber ihr Sohn habe heute seinen vierten Geburtstag im Kindergarten gefeiert. Dafür habe sie Kuchen kaufen müssen und Katzenfutter – er bekomme zwei Kätzchen –, und zu guter Letzt habe ein Lastwagen den Weg versperrt. Wer will dem noch etwas entgegensetzen? Kumalo steht offenkundig nicht unter Druck. Die Frau scheint das Geheimrezept gefunden zu haben, Familie und Karriere zu vereinen.

Auf die drängende Frage „Wie?“, antwortet sie lächelnd: „Ich schlafe nicht.“ Das ist allerdings nur halb als Witz gemeint. „Ich schlafe tatsächlich nur drei bis vier Stunden, mehr brauche ich nicht.“ Die Tage seien mit Aufsichtsratssitzungen, Geschäftstreffen, dem Kochen für das Abendessen – „mein Mann isst nur von mir Gekochtes“ – und Aktivitäten mit Sohn Nkosinathi gefüllt. Die restliche Arbeit erledige sie nachts. „Die Leute denken oft, dass die Uhrzeit in meinem Computer falsch eingestellt ist, wenn sie um 4 Uhr morgens von mir eine E-Mail erhalten. Aber nachts bin ich am produktivsten.“

„Die Kindheit in Soweto hat mir Bodenhaftung gegeben“

Kumalo wuchs in einer Umgebung auf, die zu ihrer jetzigen Adresse kaum gegensätzlicher sein kann. Die Familie – der Vater Busfahrer, die Mutter Lehrerin – lebte in Soweto, einer aus Wellblechhütten und einfachen Häuschen bestehenden Schwarzensiedlung vor den Toren von Johannesburg. Es war die Zeit der Apartheidpolitik in Südafrika, in der die schwarze Bevölkerung brutal unterdrückt wurde. Kumalo war zwei Jahre alt, als das Militär den Kinderaufstand von Soweto mit Panzern und schwerem Geschütz niederwalzte. 500 Jugendliche starben.

Trotzdem habe sie gute Erinnerungen an ihre Kindheit. Auch wenn es an vielem mangelte, sei sie in einem warmen, liebevollen Umfeld aufgewachsen, erzählt sie gut gelaunt. „Meine Eltern hatten wie alle schwarzen Südafrikaner damit zu kämpfen, Essen auf den Tisch zu bringen. Fleisch gab es nur einmal im Monat, aber für uns Kinder spielte das keine große Rolle. Ich bin dankbar für meine Kindheit. Sie hat mir Bodenhaftung gegeben.“

Außerdem hätten die Eltern ihr den Unternehmergeist eingehaucht, dem sie ihren jetzigen Wohlstand zu verdanken habe. Der Alltag im Township bot außerdem hervorragende Möglichkeiten, diesen weiter zu entwickeln. Als Kind habe sie alles Mögliche verkauft: belegte Brote, Lutscher, hartgekochte Eier. „Ganz ehrlich, ich kann einem Eskimo Eis andrehen“, prahlt die heutige Millionärin. „Aber wehe, jemand bezahlte mehrmals nicht, dann bekam er es mit mir oder meiner Mutter zu tun, und die war resolut.“

„Miss South Africa“ wird zum Nationalsymbol

Da schwarze Frauen in dieser Zeit nur wenige Berufe ergriffen, entschloss sich Kumalo zum Lehramtsstudium. Die Mutter jedoch hatte mehr mit der attraktiven Tochter im Sinn. Sie meldete sie bei Schönheitswettbewerben an. „Bassie“, wie Kumalo von ihrer Familie und Freunden genannt wird, wurde zur „Miss Soweto“ gekürt, zur „Miss Black South Africa“ und schließlich im Jahr der ersten demokratischen Wahlen zur „Miss South Africa“. Damit war das Mädchen aus Soweto von einem Tag auf den anderen zum Symbol für die gerade stattgefundene Revolution geworden und durfte Nelson Mandela die Hand schütteln. Welche Bedeutung dieser Moment für sie hatte, lässt sich daran ablesen, dass mehrere Fotos von der Begegnung in ihrem Büro hängen. Wie Kunstwerke sind sie in dicke Goldrahmen gefasst.

Wie viele Schönheitsköniginnen startete die frisch gekürte „Miss South Africa“ als Fernsehmoderatorin einer Sendung über die Schönen und Reichen dieser Welt. Allerdings war ihr an Unabhängigkeit gelegen. Somit verkaufte sie kurzerhand das bei der Miss-Wahl gewonnene Auto, kratzte weiteres Geld zusammen und erwarb die Hälfte der zuständigen Produktionsgesellschaft. 1999 ging die Gesellschaft mit dem Medienkonzern Union Alliance zusammen und wurde an der Johannesburger Börse notiert. Mittlerweile hat sich Kumalo aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Trotzdem taucht sie mit dem Gatten Romeo, einem Vorstandsmitglied bei Vodacom, als schillerndes Paar noch regelmäßig in den Klatschspalten auf.

Luxus für die schwarze Elite, Armut für die Massen

Der politische Wandel in Südafrika ebnete den Weg vom Showgeschäft zum handfesteren Wirtschaftsleben. Kumalo profitierte davon, dass die schwarze ANC-Regierung gezielt die ehemals benachteiligten Bevölkerungsgruppen fördert (Black Economic Empowerment). Unternehmen werden faktisch gezwungen, Schwarze am Aktienvermögen zu beteiligen und Managementpositionen mit ihnen zu besetzen. Vor allem schwarze Frauen sind interessant, denn mit ihnen lässt sich doppelt punkten. Trotz aller Beteuerungen verhalf die Förderpolitik nicht der Mehrheit der schwarzen Südafrikaner zu Wohlstand. Es bildete sich eine schwarze Elite, die im Luxus lebt. Die meisten Bewohner von Soweto indes hausen immer noch in Wellblechhütten. Anders als Frauen in anderen Teilen der Welt sieht Kumalo keinen Makel darin, wegen ihres Geschlechts und ihrer Hautfarbe bevorzugt zu werden. „Ich bin ein Kind der Black-Economic-Empowerment-Politik“, sagt sie, „und ich bin stolz darauf. Wenn es diese Politik nicht gegeben hätte, würde ich heute nicht hier sitzen. Diese Politik ist wichtig, um Südafrikas Geschichte neu zu schreiben.“

Die Gunst der Stunde nutzend, stieg sie 2005 mit zwei Partnerinnen in das Kohlegeschäft ein. Ihre Gesellschaft ist mit einem anderen Rohstoffunternehmen heute in Australien und in Südafrika notiert. Über die eigene Beteiligungsgesellschaft Pro Direct sicherte sich die investitionsfreudige Unternehmerin außerdem einen Anteil an einem Diamantenförderer. Beträchtliche Summen flossen in Immobilien.

So einfach, wie er sich anhören mag, ist der Aufstieg aus Soweto in die Villensiedlung auf dem Hügel freilich nicht gewesen. Die Miss-Wahl und die Politik hätten Türen geöffnet, sagt Kumalo und klingt nach dem fröhlichen Geplapper auf einmal sehr energisch. „Aber es kommt darauf an, was man macht, wenn die Türen auf sind.“ Sie selbst versuche in allem, was sie tue, 120 Prozent zu geben. „Ich gehe nie in eine Aufsichtsratssitzung, ohne bestens vorbereitet zu sein. Für Mittelmäßigkeit gibt es keinen Platz in meinem Leben als Geschäftsfrau.“

Nur die Wirtschaftskrise macht sie einsilbig

Und dabei habe es keine Tiefs und keine Schlappen gegeben? „Natürlich, ich lebe doch nicht in einem Wolkenkuckucksheim“, antwortet sie. „Ich habe viel Geld durch Fehlinvestitionen verloren, bin dreimal mit einer Waffe bedroht worden, hatte einen Raubüberfall auf mein Haus, habe die zwei wichtigsten Stützen in meinem Leben, meine Eltern, verloren, hatte eine Fehlgeburt und einen Verrückten, der mich verfolgt hat.“ Von all dem aber lasse sie sich nicht unterkriegen. Die Familie und noch mehr der Glaube gäben die Kraft weiterzumachen. „Der Tag, an dem man glaubt, alles erreicht zu haben, ist ein verlorener Tag.“

An Herausforderungen dürfte es der Tatendurstigen nicht mangeln. Südafrikas Minen- und Immobilienbranche, die beiden Stützen ihres Investmentportfolios, sind am stärksten von der Rezession getroffen. „Natürlich spüren wir das“, meint sie knapp. Mehr ist ihr nicht zu entlocken. Nicht umsonst hat sie von Teenagerjahren an gelernt, sich stets im besten Licht zu präsentieren. Überstandene Krisen mögen dabei ins Bild passen, aktuelle nicht.

Zur Person:

- Basetsana Kumalo wird am 29. März 1974 in Soweto geboren. Während des Lehramtsstudiums wird sie 1994 zur ersten „Miss South Africa“ im demokratischen Südafrika gewählt.

- Später moderiert sie eine Fernsehsendung, steigt in eine Produktionsfirma ein, bringt unter ihrem Namen Sonnenbrillen, eine Modelinie und Kosmetik heraus.

- Heute ist sie in großem Stil in Minenkonzerne und Immobilien investiert, sitzt in mehreren Aufsichtsräten. Sie ist Präsidentin des Verbands südafrikanischer Geschäftsfrauen und setzt sich in Wohltätigkeitsorganisationen für den Kampf gegen Aids und Tetanus ein.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Claudia Bröll

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