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Thomas Middelhoff

Wirbelwind mit geliehener Macht

Von Brigitte Koch



Sie nennen ihn "TM" oder "Majestät": Thomas Middelhoff
05. Mai 2008 
Sein Arbeitstag beginnt, wenn die meisten noch wohlig schlummern. Um fünf Uhr morgens bei gemütlichem Kaminfeuer die ersten Akten studieren, das findet er einfach wunderbar. Thomas Middelhoff ist notorischer Frühaufsteher. Er stemmt ein gewaltiges Arbeitspensum, 18-Stunden-Tage sind nicht selten. Er wirkt immer eilig, stets auf dem Sprung. Und er treibt nicht nur sich selbst zu Tempo. Wer mit ihm zusammenarbeitet, sollte in jeder Hinsicht ausgeschlafen sein (Ich über mich: Thomas Middelhoff).

New York, Rio, Tokio. Dieser Ohrwurm aus den achtziger Jahren passt zum Arbeits- und Lebensstil des gertenschlanken Managers, der sich als Bertelsmann-Chef zu Zeiten der New Economy und späterer Europa-Repräsentant eines Londoner Finanzinvestors mehr in den Metropolen dieser Welt als im Ostwestfälischen zu Hause fühlte und sich früher sogar einmal als Amerikaner mit zufällig deutschem Pass charakterisiert hat. Angestaubte Warenhäuser mit spießigen Allerweltssortimenten, schwere Kataloge für Wäsche, Hausrat und Waschmaschinen, und dazu noch Pauschalreisen von Neckermann. Der Wechsel zu dem inzwischen in Arcandor umgetauften Essener Handelsunternehmen Karstadt Quelle muss für diesen Mann ein Kulturschock gewesen sein. Nein, Berührungsängste hatte der heutige Arcandor-Chef mit der Handelsbranche nicht. Er stammt schließlich aus einer Düsseldorfer Textilunternehmerfamilie. Und die Familie seiner Frau besaß in der Modestadt am Rhein ein Handelsunternehmen.

„Man kann einen Traum haben“

Eine typische Handbewegung

Wie bei so vielen Managern war der Weg an die Spitze des damaligen Sanierungsfalls Karstadt-Quelle weder vorgezeichnet noch geradlinig. „Man darf nicht das Ziel haben, mit 35 Jahren Vorstandsvorsitzender eines börsennotierten Unternehmens zu sein“, hat er Abiturienten des Bochumer Schiller-Gymnasiums in einer Veranstaltung auf den Weg gegeben. Das lasse sich nicht planen. „Aber man kann einen Traum haben. Und wer einen Traum hat, arbeitet unbewusst darauf hin.“

Träumen allein reicht nicht, es bedarf auch des nötigen Rüstzeugs: Der in wenigen Tagen 55 Jahre alt werdende, noch immer recht jungenhaft wirkende Middelhoff studiert in den siebziger Jahren Betriebswirtschaftslehre an der Universität Münster und arbeitet nach Abschluss des Diploms zunächst als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Marketing der westfälischen Uni. In seiner Doktorarbeit befasst er sich mit einem Thema aus dem Bereich Informationstechnologie/Neue Medien. Das war wohl ein kleiner Vorbote für seine spätere Tätigkeit im Medienkonzern Bertelsmann. Noch während seiner Assistenzzeit sammelt er erste unternehmerische Erfahrung, indem er im elterlichen Betrieb hilft, eine Produktionsstätte in Griechenland aufzubauen. Gut ein Jahr lang ist er anschließend hauptberuflich für die Middelhoff GmbH in Fernost und Griechenland tätig.

Dann der entscheidende Schritt

Nach dem Doktor noch der Dr. h.c. von der Graduate School of Management in Leipzig, Januar 2008

Dann der entscheidende Schritt, der seinen Lebensweg in vieler Hinsicht entscheidend prägt: Der damals 33-Jährige heuert im November 1986 beim Bertelsmann-Konzern an, zunächst als Assistent der Geschäftsführung bei der Mohndruck graphische Betriebe GmbH. In der ostwestfälischen Provinz wird schnell klar, dass er einer der Goldfische im Teich der Nachwuchstalente ist. Man schickt ihn als Geschäftsführer zu einem Sanierungsfall nach Berlin. Und holt ihn dann in die Geschäftsführung von Mohndruck zurück. 1994 rückt er in die Geschäftsführung des Medienkonzerns auf. Vier Jahre später wird er als Nachfolger von Mark Wössner Vorstandsvorsitzender. Nicht mit 35, sondern mit 45 Jahren.

Knapp vier Jahre lang wirbelt er in diesem Amt. Er genießt die Aufbruchstimmung, die zu Zeiten der New Economy herrscht, die großen Freiheiten, die man ihm lässt. Seine Zeit dort ist geprägt von der Vorbereitung des Konzerns auf die Themen Internet und Multimedia. Doch er baut auch die traditionellen Sparten aus und macht die bodenständigen Ostwestfalen beispielsweise mit dem Kauf der amerikanischen Verlagsgruppe Random House zum größten englischsprachigen Verlag der Welt. Er macht Druck, er kauft in hohem Tempo zu, erlangt die Kontrolle über die Fernsehgruppe RTL, kooperiert mit der umstrittenen, ein paar Jahre später hohe Schadensersatzforderungen auslösenden amerikanischen Internet-Tauschbörse Napster. Denn er hat in diesen Sturm-und-Drang-Jahren ein ehrgeiziges Ziel: den Börsengang des der Familie Mohn gehörenden Unternehmens. Doch hier macht er den entscheidenden Fehler. Mit seinem Wunsch, den Einfluss der Familie zu begrenzen, verliert er am Ende die Zuneigung und das Vertrauen des Patriarchen Reinhard Mohn, zu dem er viele Jahre fast so etwas wie ein Enkel-Großvater-Verhältnis hat. Damit wird er angreifbar. „Drei gegen einen“ titelt im Sommer 2002 diese Zeitung. Denn es gibt drei Widersacher, die am Ende seine Entmachtung betreiben: die mächtige Mohn-Gattin Liz, seinen Nachfolger Gunter Thielen und den damaligen Aufsichtsratschef Gerd Schulte-Hillen.

Jäher Abstieg vom Olymp

Eigener Humor: als Laudator für den ehemaligen Tennisspieler Andre Agassi, der im Februar den Deutschen Medienpreis erhielt

Der Abstieg vom Olymp kommt jäh. Erst kurz zuvor war sein Vertrag um eine weitere Amtsperiode verlängert worden. „Was ich hatte, war geliehene Macht“, sagt er in jenen bitteren Tagen dem Feuilleton dieser Zeitung. Aber er ergänzt: „Meine Aufgabe bei Bertelsmann hat mir ein tolles Leben ermöglicht.“ Befreiend, mit einem Gefühl der Selbstachtung habe er die damalige Situation empfunden, blickt er heute zurück. Zumindest in Deutschland wird es ruhiger um den bei seinem alten Arbeitgeber zu ansehnlichem Wohlstand gekommenen Manager. Nach etwa einem Jahr meldet er sich zurück. Ihn hat es nach London verschlagen als Leiter des Europageschäftes des in den Emiraten ansässigen Finanzinvestors Investcorp. Unterdessen kriselt es heftig in einem Unternehmen aus der Old Economy. Bei Karstadt-Quelle in Essen ist mehr als nur guter Rat gefragt. Man kennt sich in den einschlägigen Unternehmerfamilienkreisen. Und so bittet die Quelle-Erbin und Karstadt-Quelle-Hauptaktionärin Madeleine Schickedanz den ehemaligen Bertelsmann-Manager, sich um die Rettung ihres wichtigsten Vermögenswertes zu kümmern. Das tut er, zunächst als Aufsichtsratsvorsitzender und von Mai 2005 an als Vorstandsvorsitzender.

In die nüchterne Flachdacharchitektur der im Süden der Ruhrgebietsstadt gelegenen Konzernzentrale treibt ihn sicher nicht die Aussicht auf das große Geld. Da ist er aus seinen bisherigen Stationen andere Gehaltsklassen gewohnt. Nein, Thomas Middelhoff, der noch heute im Gespräch auch nur aufs kleinste Stichwort sofort wieder alte Bertelsmann-Zeiten aufleben lässt, ist zwar hinter den Kulissen noch immer exzellent verdrahtet. Aber fehlen ihm nicht Auftritt und Rampenlicht? „Im Gegensatz zu allem, was ich hierzu über mich gelesen habe: nein“, sagt er. Aber vielleicht will der strahlende Sonnyboy aus Ostwestfalen Kritiker, die ihn für einen Schönwetter-Kapitän halten, doch eines Besseren belehren.

Seinen Weg säumen gescheiterte oder geschasste Manager

Fehlen ihm nicht Auftritt und Rampenlicht? Nein, sagt er

Gut zwei Jahre nach seiner Niederlage in Gütersloh beherrscht er wieder die Schlagzeilen der Wirtschaftspresse. Wieder erweist er sich als Tempomacher und Dealmaker. Er verkauft eine Fülle von Beteiligungen und Verlustbringern, bringt Kapital fürs Überleben des Konzerns bei und wagt erste größere Zukäufe. Dass dabei sein Weg von so manchem frustrierten, gescheiterten oder geschassten Manager gesäumt wird, sei am Rande erwähnt. Doch der in Lethargie verfallenen Belegschaft gibt er neuen Antrieb. Und wie immer hat dieser Mann, den nach eigener Meinung Begeisterungsfähigkeit, innerer Antrieb sowie physische und mentale Belastbarkeit nach oben gebracht haben, große Visionen und Pläne. Alle drei Unternehmenssäulen, neben der Touristik auch das Warenhaus und der Versandhandel, sollen schon bald kapitalmarktfähig sein.

Häufig fällt bei Middelhoff das Wort von persönlicher Lebensplanung. In den zurückliegenden drei Jahren wirft er sie mindestens zweimal über den Haufen. Einmal, als er für den Zeitraum der Sanierung vom Aufsichtsratsvorsitz in den Vorstandsvorsitz überwechselt. Ein weiteres Mal vor wenigen Tagen. Denn er verlängert seinen eigentlich im Dezember 2008 endenden Vorstandsvertrag um ein Jahr. Zu viel Wichtiges ist bei seinem Arbeitgeber Arcandor noch im Fluss, noch längst nicht fertig und auch noch nicht erreicht. Und eine „Unvollendete“ will er seinem designierten Nachfolger Marc Sommer nicht übergeben. Was genau er im Anschluss hauptberuflich vorhat, will er im nächsten Jahr bekanntgeben. Vorerst führt in Essen an „TM“ kein Weg vorbei.

Zur Person

  • Thomas Middelhoff wird am 11. Mai 1953 in Düsseldorf geboren, er entstammt einer Unternehmerfamilie.
  • Er studiert von 1975 bis 1979 Betriebswirtschaftslehre in Münster und promoviert zum Dr. rer. oec.
  • Nach kurzer Tätigkeit im elterlichen Betrieb geht er 1986 zum Medienkonzern Bertelsmann. 1998 rückt er an dessen Spitze. Streit mit der Eigentümerfamilie sorgt 2002 für den vorzeitigen Abgang.
  • Nach einem Intermezzo bei dem Finanzinvestor Investcorp in London wird er 2005 Vorstandschef von Karstadt-Quelle, heute Arcandor.
  • Er ist mit einer Architektin verheiratet, hat 5 Kinder, lebt auf einem ländlichen Anwesen in Bielefeld.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa
 
 
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