|
![]() |
Christian Streiff Drei Welten in zwei Jahren Von Holger Appel
Es gibt Fragen, die bringen sogar einen Christian Streiff kurzzeitig aus der Fassung. Sind Sie ein schwieriger Mensch? Streiff schaut etwas verdutzt drein, sucht die richtigen Worte. Dabei hätte er auf die Frage gefasst sein können, denn wer kann schon von sich sagen, binnen zwei Jahren stellvertretender Vorstandsvorsitzender von Frankreichs bedeutendem Industriekonzern Saint-Gobain, Vorstandsvorsitzender des Flugzeugherstellers Airbus und Vorstandsvorsitzender des Automobilkonzerns PSA Peugeot Citroën gewesen zu sein? "Ich bin nicht angepasst", sagt er schließlich, und man hat nicht den Eindruck, als rege sich über diese Aussage unter seinen Begleitern besonderer Widerspruch. Bei Peugeot hat er wie zum Beweis dafür gleich zu Beginn Methoden eingeführt, die nicht jedem schmecken. Um das neue Modell 308 zum Serienanlauf auf einen Standard zu bringen, den er im Wettbewerb vor allem mit der deutschen Konkurrenz für notwendig erachtet, hat er die Testkilometer verdreifacht und die Mannschaft rangenommen. Streiff spricht von "einigen Stunden Mehrarbeit für den Projektleiter und sein Team", und man ahnt beim Blick in deren müde Augen, was das bedeutet. Wöchentlich musste ein Bericht über den Fortschritt in der Projektgruppe und den der Zulieferer bei Streiff auf dem Tisch liegen. Er macht selbst Testkäufe bei Händlern oder schickt seine Frau, was er mit einem verschmitzten Lächeln kommentiert: "Die ist weniger bekannt als ich." "Unheimlichen Druck aufbauen", nennen das die einen, "konsequent und schnell" nennt das Streiff. "Ich bin überzeugt, dass hohe Qualität die Kosten senkt", sagt er. In drei Jahren sollen Peugeot und Citroën wieder in der ersten Liga bezüglich Qualität und Ertrag spielen.
Die Autoindustrie empfindet er als besonders undurchsichtig. Sie sei das Komplexeste, aber auch das Interessanteste, was er in seinem Berufsleben bisher gesehen habe. "Es gibt ein Thema, das einem den ganzen Abend verschönern oder verderben kann: Automobile", meint er. Das ist sogleich ein Punkt seiner Kritiker: Streiff habe keine Ahnung von Autos. "Ich bin, glaube ich, der dritte Vorstandsvorsitzende von Peugeot, der von außen kommt. Die Berufung eines Externen ist also außergewöhnlich, aber nicht total abwegig", sagt er. Und vollständig unbeleckt sei er schließlich nicht. "Ich habe die Industrie von der anderen Seite kennengelernt, denn ich habe jahrelang bei Zulieferern gearbeitet." Die wichtigste Eigenschaft eines Vorstandsvorsitzenden sei ohnehin, "dass er schnell lernt". Zehn Umzüge, viele Sprachen Das erste Jahr in seiner neuen Position wird er kaum noch zu Hause sein. Er muss sich die diversen Fabriken des Konzerns auf der Welt anschauen, die wichtigsten Zulieferer besuchen, in Politik und Verbänden vorstellig werden und die Händler ansehen. Doch solche Situationen sind im Hause Streiff nicht unbekannt. Die Familie ist wegen der wechselnden beruflichen Stationen des Vaters zehnmal umgezogen. Neben seinen vielen Jahren in deutschen Firmen war er drei Jahre in Italien tätig und zwei Jahre in den Vereinigten Staaten. Die Kinder sprechen drei Sprachen fließend.
Er selbst ist anders erzogen worden. Seine Eltern haben mit ihm ausschließlich Französisch gesprochen, obwohl es vom heimatlichen Sarrebourg in Lothringen nicht weit bis zur deutschen Grenze ist. Im Laufe der Zeit hat er aber gut die Sprache des Nachbarlandes gelernt, Unterhaltungen mit ihm in Deutsch sind kein Problem - zumal er viele Jahre jenseits des Rheins tätig war, womit er auch ein wenig kokettiert. "Bald habe ich genauso viele Jahre in Frankreich wie in Deutschland gearbeitet." Begonnen hat seine Karriere nach dem Ingenieurstudium an der Ecole des Mines in Paris bei Saint-Gobain, wo er Fabrikationschef der in Saarbrücken gelegenen Halbergerhütte wurde. In dem Industriekonzern hat er in sieben Sparten gearbeitet. Er gehörte zum elitären Kreis jener Führungskräfte, die in drei Ländern und vier Branchen tätig waren. "Ich kannte den Laden in- und auswendig", sagt Streiff und fügt hinzu, er sei stets erfolgreich und loyal gewesen. "Alle meine Beurteilungskriterien standen auf Grün." Doch dann krachte es plötzlich. Warum ist es in der Firma, in der er sich binnen 26 Jahren zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden hochgearbeitet hat und schon als künftiger Konzernchef auserkoren war, zum Eklat gekommen? Wurde er 2005 entlassen, weil er sich kurz vor dem Ziel im Übermut mit dem Patron überworfen hat? "Ich weiß es bis heute nicht ganz genau", sagt Streiff mit einem Unterton der Verzweiflung. Mehr sagt er dazu nicht. Bei Airbus nicht gezögert
Drei Tage nach Bekanntwerden der Trennung habe ein Headhunter bei ihm angerufen, es gab einige Offerten. "Oft wird man auch benutzt, um interne Kandidaten zu testen. Da muss man sehr aufmerksam sein. Das ist jedenfalls keine einfache Zeit gewesen." 15 Monate war er arbeitslos - eine merkwürdige Situation, wie er heute sagt. Da steige in einem doch irgendwann das Gefühl hoch, womöglich komme kein gutes Angebot mehr. Streiff hat in dieser Zeit gemacht, was irgendwie jeder Manager macht, der seinen Job verliert. Er hat eine Consultingfirma gegründet und sich in Beratung versucht. Immerhin, im Nachhinein kann er der Situation sogar etwas Gutes abgewinnen: "Hinterher fühlt man sich viel stärker. Das gehört eben auch dazu." 2006 kam ein neues Angebot, ein herausragendes sogar. Streiff wurde Präsident des Flugzeugherstellers Airbus. Dort hat er umgehend das viel Wirbel auslösende Sanierungsprogramm "Power 8" angeschoben - angeschoben, denn weiter kam Streiff nicht. Nur ein paar Wochen hat er es an der Spitze des Flugzeugbauers ausgehalten oder seine Umgebung mit ihm, dann war schon wieder Schluss. "Da war ich einfach fehl am Platz. Ich hätte den Job nicht annehmen sollen", sagt er ebenso nüchtern wie deutlich. Zu kurz habe er über das Angebot nachgedacht, sich zu schnell dafür entschieden. "Wenn ich mir mehr Zeit zum Überlegen genommen hätte, hätte ich abgelehnt", meint er heute. "Zu viel Politik" sei da im Spiel. Saint-Gobain, das sei industrielles Geschäft gewesen, und Peugeot sei das wieder. Airbus sei reine Politik. Man kämpfe an vielen Fronten, ohne wirklich voranzukommen. "Die drei Monate bei Airbus sind äquivalent für ein Jahr. Das war sehr hart", sagt er. Und: "Das Thema Macht war nie so sehr meines. Das hätte ich schneller lernen müssen." Sogar der damalige französische Staatspräsident Jacques Chirac habe sich eingeschaltet und ihn zum Bleiben bei Airbus überreden (manche sprechen gar von zwingen) wollen - doch da sei nichts mehr zu machen gewesen. Was genau der Präsident mit ihm besprochen hat, bleibt Staatsgeheimnis. Gute Erinnerungen sind dem Hobbypiloten dennoch geblieben. Er durfte sogar einmal etwas tun, wofür ihn viele Piloten beneiden. Zum Geburtstag schenkte ihm die Airbus-Truppe, die Streiff noch heute in höchsten Tönen lobt, einen Flug in dem neuen Riesenairbus A380. Unterwegs durfte er unter Aufsicht des Kapitäns für einige Minuten an den Steuerknüppel. "Fliegt sich so einfach wie eine Piper", berichtet er mit strahlenden Augen von diesem einmaligen Erlebnis. Ultimatum von Madame
Diesmal blieb Streiff die Arbeitslosigkeit erspart. Der Aufsichtsratsvorsitzende Thierry Peugeot machte ihn zum Konzernchef des gleichnamigen traditionsreichen französischen Autokonzerns. Beziehungen haben dabei keine Rolle gespielt, man hat sich nicht einmal gekannt, versichern beide Seiten. Der Kontakt sei über einen Headhunter zustande gekommen. "Ich habe den ganz normalen Auswahlprozess durchlaufen. Vier Wochen hat das gedauert. Und wenn ich richtig informiert bin, gab es auch andere Kandidaten", sagt er. Sehr streng sei das Auswahlverfahren gewesen. "Das hat mich beeindruckt." Wie lange will er den Konzern führen? "Ich bin ein treuer Typ. Auch als ich mich für Airbus entschieden habe, dachte ich, das ist für 20 Jahre", zerstreut er etwaige Skepsis. Zumindest die juristischen Voraussetzungen scheinen gegeben: Streiff hat nach eigenen Angaben weder den kolportierten Vierjahresvertrag noch einen über acht Jahre. Sein Vertrag sei unlimitiert. Nur an anderer Stelle sitzt ihm ein Datum im Genick. "Ich habe einen Einjahresvertrag mit Madame Streiff", sagt er mit einem Lachen. "Wenn ich dann nicht wieder mehr Zeit für die Familie habe, wird es hart, sehr hart."
Bildmaterial: AFP, AP, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||


