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07. September 2008

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"Alles Quatsch": Werner Müller findet oft deutliche Worte

Werner Müller

Politmanager ohne Kohle

Von Brigitte Koch und Werner Sturbeck



12. November 2007 Mit 18 Jahren will er Chemiker werden. Sein gut ausgestattetes Labor im heimischen Keller fasziniert ihn. Gut vier Jahrzehnte später ist Werner Müller der Chef des Ruhrkonzerns Evonik, also der ehemaligen RAG. Zu Evonik gehört die Degussa, der größte Spezialchemiekonzern der Welt. Das klingt nach geradliniger, gut geplanter Karriere. Weit gefehlt: Der brillante Rhetoriker hat zwar in seinen bald vierzig Berufsjahren wieder und wieder in energiewirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Themen ein hohes Maß an Weitblick bewiesen. Aber wer sich so häufig mit seinen Vorgesetzten und Kollegen anlegt, kann nicht wirklich seine Karriere planen.

Schon der Berufswunsch des Jugendlichen erstickt im Keim. Da er nicht auf einen Chemiestudienplatz warten will, absolviert er ein Volkswirtschaftsstudium in seiner Heimatstadt Mannheim. Sein erster Schritt in das Berufsleben als Dozent für Mathematik und Statistik an der Fachhochschule in Ludwigshafen endet mit einer fristlosen Kündigung, weil er öffentlich die Bildungspolitik des Kultusministers kritisiert. In weiteren Lehraufträgen von zwei Universitäten macht er sich mit ersten Veröffentlichungen einen Namen. Aber das ständige Reisen von Mannheim nach Kiel und Regensburg stärkt den Drang nach einer ortsgebundenen Anstellung. Während eines Urlaubs an der Ostsee findet er Ansprechendes im Stellenteil der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: RWE sucht einen Assistenten für die Marktforschung. „Ich bin der ideale Mann für diese Aufgabe. Warten Sie mit der Besetzung, bis ich nach den Ferien Bewerbungsunterlagen schicken kann“, schreibt Müller auf eine Ansichtskarte nach Essen. Diese innere Überzeugung von seinen Qualitäten ist so typisch für seinen weiteren Berufsweg wie der Ärger, den er sich im ersten Monat bei RWE einhandelt.

„Alles Quatsch, was die da hochrechnen“

Der Neuling storniert eine Studie zur Entwicklung des Stromverbrauchs und fordert die Anzahlung zurück. „Alles Quatsch, was die da hochrechnen“, lautet seine Begründung, nicht ahnend, dass der Institutsdirektor mit dem damaligen RWE-Vorstandsvorsitzenden befreundet ist. Müller kann sich in einer Vorstandssitzung mit Sachargumenten rechtfertigen. Seine eigenen Analysen des Energieverbrauchs im Gefolge der ersten Erdölkrise führen zu wenig erbaulichen Prognosen für seinen Arbeitgeber. Müller erläutert 1978 in dem Buch „Entkopplung“, warum und wie sich ein liberales Wirtschaftssystem von allem Belastenden entkoppelt. Seine These, dass der Stromverbrauch nun langsamer als die Wirtschaft wachsen wird, ist längst Realität. Bei RWE bringt sie ihm eine Gehaltserhöhung gegen die Zusage ein, nichts mehr zu veröffentlichen. Nun hat er Zeit zur Promotion in Sprachwissenschaften.

Der legendäre Ruhrbaron Rudolf v. Bennigsen-Foerder, Vorstandsvorsitzender des Rivalen Veba (heute Eon), wird auf den Querdenker aufmerksam. Die telefonische Einladung zur Tasse Kaffee dient der Abwerbung. „Wir hatten dieselbe Wellenlänge“, sagt Müller. Darauf achtet er noch heute, wie er auch Menschen mag, „die clever um Ecken denken“ können. Rückblickend sind ihm die rund zehn Jahre bei Bennigsen der Zeitabschnitt, der ihn am meisten geprägt hat. Wenn es in seiner Laufbahn ein Vorbild gegeben hat, dann den von seinen engen Mitarbeitern wegen seiner äußerst harten Schule gefürchteten früheren Veba-Chef.

Müller schreibt jahrelang dessen Reden. Seine Texte und Ideen kommen zwar bei seinem Herrn, der sich in der Zentrale eine kritische Behandlung der energiepolitischen Themen wünscht, gut an. Nur mit den für Kern- und Kohlekraftwerken verantwortlichen Kollegen hat Müller so seine Probleme. Und sie mit ihm. Und erst recht, als er ohne deren Wissen die Verträge über eine Aufarbeitung genutzter Brennstäbe in Frankreich aushandelt und damit das umstrittene Milliarden-Projekt der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf zum Einsturz bringt.

Der Knick nach dem Tod des Mentors

Die Rechnung wird ihm nach dem Tod des Mentors präsentiert. Bennigsen will nach seinem Wechsel auf den Aufsichtsratsvorsitz 1990 Müller in den Veba-Vorstand bestellen, erliegt aber wenige Monate zuvor einer Krankheit. Müller wird aus der Zentrale in den Vorstand einer Veba-Stromgesellschaft wegbefördert. Das Verhältnis zur Konzernspitze bleibt angespannt. Den „komfortablen“ Aufhebungsvertrag im Jahr 1997 verdankt er auch politischer Fürsprache. Denn der parteilose Müller knüpft in seinen Veba-Jahren breite Kontakte in die Politik im Allgemeinen und zum damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder im Speziellen. Nach 23 Jahren Management in der Energiewirtschaft wechselt Müller in die Selbständigkeit. Die Telefonnummer von Freund Gerd hat er immer in der Tasche. Geld verdienen muss Müller eigentlich nicht mehr dringend. Aber heikle, nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Aufträge nimmt er gern entgegen.

Bis wieder einmal das Telefon klingelt im Herbst 1998, an einem Werktag um 11.30 Uhr, erinnert sich Müller, der grundsätzlich Daten sehr detailliert im Kopf hat. Schröder ist inzwischen Bundeskanzler, die Ministerriege steht, nur der zweite auserkorene Wirtschaftsminister ist abgesprungen. Nun soll der daheim in Mülheim noch im Bademantel bei der Zeitungslektüre sitzende Müller binnen einer Stunde in Bonn erscheinen. „Das geht nicht, da liegt der Stau am Kölner Ring dazwischen.“ Es geht doch. Seiner Frau hinterlässt er einen Zettel: „Bin in Bonn.“ Worum es geht, erfährt er irgendwo am Breitscheider Kreuz aus dem Autoradio: Er soll Wirtschaftsminister werden.

Absage an Schröder undenkbar

Eine Absage an Schröder ist undenkbar. Doch auch dieser unerwarteten Wende in seinem Leben kann der wendige Politmanager im Nachhinein viel abgewinnen. „Mit dem Regierungsumzug nach Berlin, der EU-Präsidentschaft, der Ausrichtung des G-8-Gipfels und auch dem Terroranschlag am 11. September war das eine Dichte, wie sie kein Minister mehr erleben wird.“ Die Weltkonjunktur mit ihren Belastungen für die deutsche Exportwirtschaft macht die Arbeit eines Wirtschaftsministers ebenso schwer wie der erste „grüne“ Bundesumweltminister. Jürgen Trittin und Werner Müller – deren stetiger Zweikampf um Themen wie den Aufbau erneuerbarer Energie an dem gerade erst liberalisierten Strommarkt oder den Ausstieg aus der Kernenergie rückt immer wieder in die Schlagzeilen. In diesen Jahren perfektioniert der angeblich gar nicht so gern in die vorderste Reihe drängende Müller den geschickten Umgang mit der Öffentlichkeit und den Journalisten.

Seine bisherigen Erfahrungen lehren ihn, selbst zu gehen, ehe man gegangen wird. So steht Müller nach der Wiederwahl Schröders nicht mehr auf der Ministerliste. Im Rückblick würde er die Ministerjahre noch einmal wiederholen. Etwas missmutig wird er nur, wenn er an die bissigen Kommentare nach seiner Rückkehr in die Wirtschaft denkt: der Ex-Minister, der angeblich für eine Ministererlaubnis mit einem Vorstandsvorsitz belohnt wird. Ihn ärgert, dass seine 25 Jahre in der Energiewirtschaft damals nicht zählten. „Wenn man in seine Branche nicht zurückkehren darf, ist das wie ein Berufsverbot. Dann kann ich keinem Manager empfehlen, für einige Zeit in die Politik zu gehen.“

Der Rückzug aus Berlin ins Privat- und Beraterleben ist für den begeisterten Musikliebhaber nur von kurzer Dauer. Die RAG sucht einen neuen Mann für die Spitze. Diesmal nehmen ihn gleich zwei Anrufer, der Aufsichtsratsvorsitzende Hartmann und Hubertus Schmoldt von der Gewerkschaft Bergbau Chemie Energie, in die Pflicht. Müller ist kein Ruhrbaron: Er jagt nicht, spielt nicht Golf, hat kein Domizil auf Mallorca und meidet gesellschaftliche Treffen. Aber er kennt die RAG. Schließlich war Bennigsen einige Zeit Aufsichtsratschef des vom subventionierten Bergbau stigmatisierten Ruhrkonzerns. Müller sagt zu, auch der Kohle wegen, im einfachen wie im doppelten Sinn. Seine Stiftungs- und Börsenpläne sind gewagt. Aber der gewiefte Taktierer mit besten Verbindungen nach Berlin setzt sie gegen politische und unternehmerische Widerstände durch. Verwehrt bleibt ihm, was die Krönung einer sehr wechselvollen Karriere hätte werden können, nämlich der Stiftungsvorsitz. Aber das war der Kompromiss. Sich zu verbiegen bringt nichts, so seine Auffassung. Am Ende muss man vor sich selbst geradestehen können.

BVB-Fan

So führt er heute den inzwischen unter Evonik firmierenden Industrieteil der ehemaligen RAG. „Die nächste Aufgabe ist immer die schwerste“, bemüht der BVB-Fan Sprüche aus der Fußballersprache und schmunzelt dabei ziemlich gelassen. An der Evonik-Spitze, seiner wohl letzten Karrierestation, will er bis zu seinem 65. Geburtstag im Juli 2011 bleiben. „Dann ist endgültig Schluss.“ Wer weiß, vielleicht klingelt ja wieder das Telefon.

Zur Person

  • Werner Müller, 1946 in Essen geboren, ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in Mülheim/Ruhr.
  • Studium der Volkswirtschaft sowie der Philosophie und Linguistik, Promotion in Sprachwissenschaften.
  • Von 1973 an bei RWE, später Wechsel zum Eon-Vorgänger Veba.
  • 1998 wird er Wirtschaftsminister unter Gerhard Schröder, verhandelt den Atomausstieg.
  • Ende 2002 scheidet er aus dem Kabinett aus, übernimmt bald danach den Vorstandsvorsitz des Industriekonglomerats RAG.
  • 2007 wird das Stiftungs-Börsenkonzept beschlossen. Der Stiftungsvorsitz bleibt Müller verwehrt, er wird Chef der Evonik AG, die das Chemie-, Strom- und Immobilienvermögen der RAG zusammenfasst.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb
 
 
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