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Vera Bohle

In vermintem Gelände

Von Thomas Reinhold



Ein Profi am Rande der Katastrophe: Vera Bohle
24. September 2007 
Ihre ersten Auslandseinsätze hat Vera Bohle schon im Kindergartenalter. Mit ihrem Bruder und den Eltern zieht sie von Köln nach Istanbul und Teheran. Der Vater: Pharmazeut und leitender Manager im Bayer-Konzern; die Mutter: Wirtschaftswissenschaftlerin und Berufschullehrerin. Die Familie erlebt Persien zur Zeit des Schahs, ein sahniges Leben. Das hellblonde Mädchen darf selbst im Teppichgeschäft spielen, die Menschen sind herzlich. „Das war für alle Sinne großartig und hat mich geprägt“, sagt die 38-Jährige heute. „Ich bin ohne Angst vor der Welt, offen, neugierig, wie meine Eltern.“ Immer hat Vera Bohle das Ausland gelockt – rauskommen, rumkommen. Deshalb sucht sie nach dem Abitur nicht nur eine Arbeit, es muss schon eine Aufgabe sein. Sie hat keine Ahnung, dass sie diese eines Tages ausgerechnet im Minenfeld finden würde.

Ihr Studium beginnt so unauffällig wie Tausende andere jedes Jahr, ohne Karriereplan. Bilder interessieren sie, also schreibt sie sich ein für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Politik und Geographie. Im Boom der privaten Fernsehsender macht sie außerdem eine Ausbildung bei einer TV-Produktionsfirma, lernt Übertragungstechnik – Ton, Bild, Schnitt, Kamera. Denn zum ersten Mal empfindet sie ein Manko unseres Bildungssystems – „dass man nichts Praktisches lernt“. Drastisch formuliert sie es heute: „Wenn Frauen gleich nach dem Abi ihr geisteswissenschaftliches Studium bis zum Magister treiben, müssen die ja Depressionen bekommen bei dem Gefühl, nichts Handfestes zu können.“ Die technische Ausbildung hat noch eine zweite praktische Komponente: Bohles Arbeit ist gut bezahlt und ermöglicht Reisen, die sonst nicht zu finanzieren gewesen wären. Sie lernt Englisch, Spanisch, Französisch, Russisch, Mongolisch. „Arabisch und Chinesisch waren auf der Liste, aber ich musste mich konzentrieren“, zählt sie auf. Es klingt nicht einmal kokett.

"Ich bin ohne Angst vor der Welt"

1991 wandert sie durch Madagaskar – allein. 1992 ist sie erstmals in Moçambique. „Mich haben immer Länder fasziniert, für die es keinen Reiseführer gibt.“ Doch als Touristin fühlt sie sich nutzlos. „Ich wäre gern Teil der Dynamik in dem Land gewesen. Ich war Cutterin, aber hätte viel lieber mit angepackt.“ Sie klagt: Jahrelang habe sie gute akademische Bildung genossen, aber nun erschienen andere Erkenntnisse wichtiger.

Allein durch die Mongolei

Ein Jahr später, die Studentin ist gerade 24, fruchten diese Gedanken. Im Sommer 1993 ist sie mit dem ZDF in Mogadischu, dort muss die Bundeswehr ihren ersten Auslandseinsatz bestehen. Vom Dach ihres Hotels beobachtet sie ein Flüchtlingslager, sieht Menschen im Elend, sieht sie sterben. Sie muss sich um den Filmschnitt kümmern, „aber ich hätte so gerne Essen verteilt“. So fühlt sie sich wie in einem Leben aus zweiter Hand, unwohl. Ein neuer Berufswunsch wird konkret: Flüchtlingshilfe, Nothilfe.

In der Männergesellschaft Afghanistans, kurz vor der Sprengung der Raketen in Spin Boldak

Jetzt gärt es in ihr. Und wieder ist es eine Reise, die das i-Tüpfelchen setzt. Sie plant drei Monate in der mongolischen Steppe. Raus aus ihrem Sicherheitssystem, Leben ohne Netz und doppelten Boden, nur zwei Pferde bei sich. Auf ihrem turbulenten Trip, der sie psychisch und physisch an ihre Grenzen bringt, erlebt sie einen Wendepunkt. „Keine Reise kann tiefere Erlebnisse vermitteln.“ Sie schlägt sich durch und lernt zwei wesentliche Dinge: Es geht immer weiter, und sie übernimmt gern Verantwortung. Vorbei ist nun das Reisen um des Reisens willen, und sei es noch so spektakulär. Beim nächsten Mal will sie nicht mehr nur Zaungast sein.

Nach dem Examen streift sie die Reiseredaktion des WDR, fühlt sich aber zur Politik hingezogen. Sie kommt ins Außenpolitik-Ressort des ZDF, zum Politmagazin „Kennzeichen D“. Aber auch das ist nicht das Richtige. Ihre Unrast und der Zufall geben ihrem Leben eine neue Richtung. In einer kleinen Meldung liest sie, dass eine Sprengschule in Dresden bosnische Flüchtlinge zu Minenräumern ausbildet. Das sitzt. Der Gedanke elektrisiert sie: Menschen können erst dann zum Frieden zurück, wenn die Waffen weg sind. Mit 29 Jahren macht Vera Bohle ihren ersten Kurs. Zwei Wochen Theorie, vier Wochen Praxis – und sie ist „Munitionsräumarbeiterin“.

Alles geräumt? Nachkontrolle in Zimbabwe

Es ist eine fremde Männerwelt, mit Kollegen oft ohne Schulabschluss. Bohle muss sich in simplen Sätzen verständigen: Subjekt, Prädikat, Objekt. Erste praktische Erfahrungen mit Hohlladungen, Seitenzündern, Panzersprenggranaten, Tret- oder Splitterminen macht sie mit Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg auf der Ostsee-Halbinsel Wustrow. Am Ende des Monats reicht der Hilfsarbeiterlohn nicht. Sie bleibt ein Exot, ohne wöchentliche Einsätze beim ZDF-Morgenmagazin kommt sie nicht über die Runden. Bis endlich im Jahr 2000 die Hilfsorganisation „Help“ Vera Bohle in den Kosovo holt.

„Hier passt endlich alles, du bist in allen Facetten gefordert, das ist rund“, sagt sie sich zufrieden. Auf dem Balkan kann sie schnell zeigen, was sie kann. An der Grenze zu Albanien räumt sie Felder. Zentimeter für Zentimeter sondiert sie den Boden, bewaffnet mit Detektor, Minensuchnadel, Schutzvisier und Splitterschutzweste. Sie darf sich Angst leisten, aber keine Konzentrationsschwäche. Später bildet sie andere Helfer aus, leitet schließlich ganze Projekte. Bauern können endlich wieder ihre Äcker bestellen. „Ich kam voller Energie, geladen wie ein Vulkan – und die haben alles genommen.“ Nun genießt sie die Befriedigung. „Ich bin nicht Mutter Teresa, aber Geben ist seliger denn Nehmen.“

Tränen statt Nestwärme

Was vom Kriege übrigbleibt: Afghanistan

Nur ihre Wahlheimat Berlin ist plötzlich fern. In den folgenden Jahren ist sie zweimal in Zimbabwe und Moçambique. Sie ist verantwortlich für die Qualitätskontrolle der Räumungen oder berät beim Bau einer Stromleitung mitten durch die früheren Kampfgebiete. Zurück auf dem Balkan, spürt sie Minenfelder auf. Wenn es keine militärischen Karten gibt, geht sie dorthin, wo die meisten Unfälle passieren. Dorthin, wo ihr ein Vater tränenüberströmt die Stelle zeigt, an der seine 14 Jahre alte Tochter starb. Dann reist Bohle mehrmals nach Afghanistan. Sie ist Anfang 30 und praktisch ohne Privatleben in Deutschland. Nestwärme vermisst sie, „weil so viel passiert, das man nicht teilen kann“.

In Afghanistan gibt es kaum Kontakt zur Bevölkerung. Das Leben spielt sich abends im internationalen Lager ab: Japaner, Franzosen, Amerikaner, eine Dose Bier. Um den Verlust an Kultur zu kompensieren, liest Bohle viel deutsche Literatur. Tagsüber erweist sie sich als Profi, aber sie hat auch Glück, entkommt mehrfach der Katastrophe. Immer wieder werden Kollegen verstümmelt, weil sie im Minenfeld die Vorsicht vergessen – oder weil sie einfach Pech haben.

Afghanistan 2002, Ausbildung der Helfer

Richtig bewusst wird ihr das erst durch eine Autotür, in der sie eines Tages ihren Daumen einklemmt – banal, aber blutig. „Typisch Krieg, du hast nicht einmal einen Verbandskasten dabei“, lästert sie. Doch es ist die Wende, sie grübelt, wird das Gefühl nicht los, ihr Glück zu lange herausgefordert zu haben.

Es zieht sie nach Hause, wo sie Jahre der Lebensgefahr in einem Buch verarbeitet: „Mein Leben als Minenräumerin“. Damit sie nicht jedem alles erzählen muss. Damit sie auf die Probleme aufmerksam machen kann. Damit sie ihre Seele reinigt, denn „es gibt ja kaum Psychologen wie bei der Bundeswehr“.

Mülltrennung

Die Pause tut not, aber es hält Vera Bohle nicht am Schreibtisch. Die Welt ist noch immer voller Minen. 2003 wird sie politisch aktiv, arbeitet fürs Auswärtige Amt oder die Vereinten Nationen. Sie prüft, welche Projekte sinnvoll oder wie effizient sie sind. „Ich lerne unglaublich viel über Geldströme, internationale Politik und Diplomatie.“ Sie spricht auf Abrüstungskonferenzen, kämpft um technische Details, die die grauenvolle Wirkung der Minen mindern sollen. Mehr ist oft nicht drin. Auch die Politik erweist sich als vermintes Gelände. Auf der internationalen Bühne ist viel mehr Geduld nötig als zwischen den scharfen Waffen im Staub der Schlachtfelder.

Angst vor Arbeitslosigkeit befalle sie nie, schreibt sie in ihrem Buch – „und das ist in meinem Beruf eine traurige Bilanz“. Persönlich hat Vera Bohle alles richtig gemacht, glaubt sie. Ihre Lektion: „Lebe deine Möglichkeiten!“ Sie denkt immer wieder darüber nach. Mit 18 wollte sie schließlich Außenministerin werden.

Zur Person

  • Vera Bohle wird 1969 in Recklinghausen geboren; wächst in der Türkei, Persien und Köln auf
  • Parallel zum Studium mehrerer Geistes- und Sozialwissenschaften Ausbildung zur Fernsehtechnikerin
  • Mit 29 Ausbildung an der Sprengschule in Dresden zur „Munitionsräumarbeiterin“, seitdem in den Krisengebieten der Welt unterwegs
  • Seit 2002 bewertet sie Räumprojekte für die Vereinten Nationen; für ihr Engagement erhält sie unter anderem das Bundesverdienstkreuz, 2005 den Soroptimist-Friedenspreis
  • Heute arbeitet Bohle im Kampf gegen Personenminen für das „Internationale Zentrum für humanitäre Minenräumung“ in Genf
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: privat
 
 
   
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